Sozialdemokraten unterm Hakenkreuz
Am 1. Mai 1933 begingen SPD-Gewerkschaftler gemeinsam
mit den Nazis den "Tag der nationalen Arbeit".
Die Wahrheit zeige sich, so der Philosoph Karl Jaspers,
wenn die Dinge auf die Spitze getrieben werden. Die Wahrheit beweise derjenige,
so Ernesto Che Guevara, der bereit ist, für sie den Kopf hinzuhalten.
Umgekehrt aber zeigt derjenige, der dann, wenn's drauf ankommt, nicht
seinen Kopf riskiert, die Wahrheit über sich. Die Wahrheit über
die deutsche Arbeiterklasse zeigte sich nicht in den ruhigen Jahrzehnten
vor dem 1. Weltkrieg, auch nicht in den Goldenen 20er Jahren, sondern
in der zugespitzten Situation beim Ausbruch des 1. Weltkrieges, als auch
die sozialdemokratischen deutschen Arbeiter in nationaler Besoffenheit
den Krieg bejubelten. Und eben im Jahr der Machtübertragung auf die
Nazis 1933, als die deutsche Arbeiterbewegung im wichtigsten Augenblick
ihrer ganzen bis dahin gehenden Geschichte nicht bereit war, den Kopf
für die Weimarer Republik und gegen den Faschismus zu riskieren.
Die sozialdemokratischen Gewerkschaften marschierten sogar am faschistischen
1. Mai unter Hakenkreuzfahnen mit.
Im Anschluß an den inszenierten Reichstagsbrand wurde die KPD verboten,
ihre Führer und Parlamentsabgeordneten verhaftet, und in den Straßen
wütete der Terror der SA gegen die Juden. Die Antwort der Arbeiterbewegung
aber blieb aus. Reagierte in Frankreich die Arbeiterklasse auf die faschistischen
Machtambitionen 1934 mit einem Generalstreik, und antwortete die spanische
Arbeiterklasse auf den faschistischen Franco-Putsch 1936 mit Bürgerkrieg
und Revolution, so kam es in Deutschland nicht einmal zu einem Streik.
Ja schlimmer noch, der sozialdemokratische Teil der deutschen Arbeiterbewegung
versuchte sogar, Teil der neuen Volksgemeinschaft zu werden. Am 20. März
1933 sandte der sozialdemokratische Voritzende des ADGB, Leipart, eine
Denkschrift an Adolf Hitler und erklärte darin die Bereitschaft,
am faschistischen Staat mitzuarbeiten. Der Vorstand des ADGB erklärte
sich ähnlich. In einem Brief vom 29. März bot Leipart der Hitlerregierung
an, die Beziehungen zur Mutterpartei SPD abzubrechen. Zwar stimmte die
SPD-Fraktion im Reichstag gegen die Ermächtigungsgesetze, "aber
zugleich bekannte sich" der SPD-Vorsitzende Otto Wels in seiner legendenumwobenen
Ablehnungsrede zur Hitlerschen Forderung nach " 'Gleichberechtigung'
Deutschlands und wandte sich gegen 'Übertreibungen' der ausländischen
Presse", weil die über den Naziterror berichtete. Außerdem
"(enthielt) die Rede von Otto Wels das offizielle Angebot einer loyalen
Mitarbeit der sozialdemokratischen Partei" (Schleifstein, 1980, S.85).
Lösten die Gewerkschaften die Beziehung zur SPD, so erklärte
Otto Wels seinerseits "den Austritt aus der sozialistischen Internationale"
gerade deshalb, "weil diese die Wahrheit über die Lage in Deutschland
sagte" (Abendroth, 1978, S.68). In einem Aufruf vom 19. April 33
begrüßte der Vorstand des ADGB die Umwandlung des 1. Mai, des
"Internationalen Kampftages der Arbeiterklasse", zum faschistischen
"Tag der nationalen Arbeit" und empfahl seinen Mitgliedern teilzunehmen.
In der "Gewerkschaftszeitung" hieß es am 29. April 33:
"Wir brauchen wahrhaftig nicht 'umzufallen', um zu bekennen, daß
der Sieg des Nationalsozialismus (...) auch unser Sieg ist". Am 1.
Mai 1933 marschierten die sozialdemokratischen Gewerkschaften unter der
Hakenkreuzfahne. Vergeblich. Am 2. Mai stürmte die SA die Gewerk-schafts-häuser,
verschleppte viele Gewerkschafter ins Gefängnis und zerschlug die
Gewerkschaften. An deren Stelle trat die DAF. Trotz dieses Terrors der
Nazis hörte der Anpassungskurs der SPD immer noch nicht auf, so als
wollte die SPD mit Gewalt die Richtigkeit dessen beweisen, was die KPD
schon immer über die Sozialfaschisten zu sagen wußte: Am 17.
Mai 1933 stimmten die verbliebenen 65 SPD-Abgeordneten im deutschen Reichstag
der außenpolitischen Erklärung Adolf Hitlers zu und sangen
anschließend gemeinsam mit den Nazis die deutsche Nationalhymne.
Am 19. Juni 1933 dann der Höhepunkt sozialdemokratischer Anpassungsleistung.
Der in Deutschland verbliebene Vorstand der SPD wählte alle seinen
jüdischen Mitglieder ab, um doch noch Teil der neuen arischen Ras-se-gemeinschaft
werden zu können. Vergeblich. Am 22. Juni 33 wurde die SPD endgültig
verboten. Nach Angaben von Wolfgang Abendroth seien "von der SPD-Führung
nur die am 4. Mai 1933 ins Ausland gegangenen Vorstandsmitglieder dem
Sog der Anpassung nicht erlegen" (S. 68).
Hatten die deutschen Arbeiter 1918 noch die Kraft, einen zwar nicht als
sinnlos, aber immerhin als aussichtslos empfundenen Krieg zu beenden und
die Burgfriedensvolksgemeinschaft aufzukündigen, so folgte die komplette
Volksgemeinschaft 1944/45 ihrem Führer in einem aussichtslosen Krieg
bis zur totalen Zerstörung, bis zur allerletzten Schlacht. 1945 dann
wollten die Besiegten ihren "Tag der nationalen Arbeit", der
ihnen einst vom Führer Adolf Hitler geschenkt wurde, keineswegs zurückgeben.
Sie veränderten einfach den Namen in "Tag der Arbeit",
so wie eben der "DAC" sich fortan "ADAC" nannte.
Carl Zeland
Der 1. Mai 1933 in Düsseldorf
Über die Nazizeit in Düsseldorf gibt es viele
Bücher. Der 1. Mai bleibt in der Regel jedoch ausgeklammert. Eine
der wenigen Beiträge dazu findet sich in dem leider vergriffenen
Buch von Karl Schabrod "Widerstand gegen Flick und Florian"
(Röderberg Verlag 1978):
"Die Gewerkschafter wurden sogar aufgerufen, zum sogenannten 'Feiertag
der nationalen Arbeit', an der von den Nazis organisierten Kundgebung
am 1. Mai teilzunehmen. Aber schon einen Tag später schlug der Zentralausschuss
zum Schutz der dutschen Arbeit gegen die Gewerkschaften los. Unter der
Führung von Kreisleiter Keyssner, Gau-Betriebszellenobmann Moll und
SA-Standartenführer Lohbeck wurden um 10 Uhr früh durch die
SA die Gewerkschaftsbüros im Volkshaus, Flingerstrasse, und in der
Wallstrasse besetzt. Am nächsten Tag, dem 3. Mai, wurde auch Hans
Böckler, der spätere Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes
(DGB), verhaftet, den man für angebliche Unterschlagungen verantwortlich
zu machen suchte. Am 5. Mai, früh morgens um 4 Uhr, wurde der Düsseldorfer
Arbeitervorort Gerresheim von 3500 Angehörigen der SA, der SS und
des Stahlhelms heimgesucht. (...) 280 Arbeiter wurden kurzerhand für
verhaftet erklärt und unter Beschimpfungen in einem langen Zug quer
durch die Stadt bis an den Rhein eskortiert."
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