Lausige Zeiten
fünf jahre fifty-fifty
Da kann man nur herzlich gratulieren. Fünf Jahre existiert nun eine
der erfolgreichsten Obdachlosenzeitschriften Deutschlands. Die Hälfte
des Verkaufs geht an die Verkäufer und Verkäuferinnen aus der
Obdachlosenszene. Mit der anderen Hälfte der Einnahmen wird die Herstellung
der Zeitung bezahlt. Mit dem Überschuss sowie zusätzlichen Einnahmen
aus Spenden, Uhrenverkäufen, Kalendern, etc. konnten bis jetzt sechs
Häuser im Stadtgebiet gekauft werden, in denen Obdachlose untergebracht
wurden. Dort wohnen 100 ehemalige fiftyfifty VerkäuferInnen. Weitere
500 konnten in feste Mietverträge vermittelt werden. Die Initiatoren
Hubert Ostendorf und Bruder Matthäus von der Ordensgemeinschaft der
Armen Brüder schätzen die Zahlen der Obdachlosen in Düsseldorf
trotzdem immer noch auf 2500 Menschen. Es bleibt also viel zu tun für
fiftyfifty.
straßenbenennung
Am 28. März beschloss die Bezirksvertretung 10 in Hellerhof, eine
Straße nach Diertrich- Bonhoeffer zu benennen. Dietrich Bonhoeffer
war evangelischer Theologe, der bei den Nazis in Ungnade fiel. Er gehörte
zum widerständischen Teil der evangelischen Kirche, der "Bekennenden
Kirche". Er engagierte sich ab 1939 in einer historisch umstrittenen
Widerstandsgruppe der militärischen "Abwehr" unter Admiral
Canaris und erkundete die Möglichkeiten einer "ehrenvollen Kapitulation"
Nazideutschlands. Im April 1944 wurde er verhaftet und am 9. April 1945
im KZ Flossenbürg hingerichtet. Trotz kritisierbarer Umstände
ist es grundsätzlich zu begrüssen, dass eine weitere Straße
in Düsseldorf nach einem Widerstandskämpfer benannt wurde. Dabei
fällt auf, dass von den wenigen Straßen, die in Düsseldorf
nach Widerstands-kämpf-erInnen benannt worden sind, nur eine einzige
nach einer Person aus dem kommunistischen Widerstand benannt wurde. Alle
anderen stammen aus dem kirchlichen, konservativen oder militärischen
Bereich. Die vielen Ermordeten aus dem linken, vorwiegend kommunistischen,
aber auch anarchistischen politischen Spektrum werden städtisch-er--seits
- gleich ob von CDU- oder SPD-Mehrheiten - übergangen.
neues vom spocht
Herzlichen Glückwunsch an die Aufsteiger des TuS Maccabi. In der
nächsten Saison spielen die Basketballer des jüdischen Vereins
aus Düsseldorf in der Regionalliga, der dritthöchsten Spielklasse.
Die jüdische Sportbewegung Makkabi entstand, so Eric Friedler in
seinem Buch "Makkabi lebt", u.a. als Versuch der Isolation der
Juden im antisemitischen Deutschland zu begegnen. Den Antisemitismus zu
bekämpfen, das ist bis heute notwendig. Der israelische Sportminister
Matan Wilnai forderte einen weltweiten Sportboykott gegen Österreich,
wegen der Regierungsbeteiligung der antisemitischen FPÖ Jörg
Haiders. Klar, dass ein anständiger deutscher Basketballverband hier
abwinkt. Dabei hätte er sich an den New York Nicks ein Vorbild nehmen
können. Die amerikanischen Profi-Basketballer sagten kurzerhand ihr
Trainingslager in South-Carolina ab, weil auf dem Regierungsgebäude
dieses US-Bundesstaates immer noch die rassistische Südstaatenflagge
weht.
video-überwachung
Wer ist eigentlich der biggeste Brother im Land? Rot-Grün beschließt
im Landtag, die Video-Überwachung so genannter Krimi-nalitätsschwerpunkte
zu erlauben, und OB Erwin bringt sogleich wieder seinen Lieb-lings-drehort
"Worringer Platz" ins Spiel. Es ist allerdings noch die Frage,
ob der den Anforderungen des Drehbuchs - dem Paragraphen 15a des Poli-zei--gesetzes
- entspricht. Nach diesem muss ein vermeintlich gefährlicher Ort
schon mit Standortfaktoren wie Mord, Totschlag und gefährlicher Körperverletzung
aufwarten, damit der Oberbürgermeister "Action!" brüllen
kann. Das vorgesehene Kamera-Team ziert sich auch noch. "Wir müssen
prüfen, wo die hohen Voraussetzungen dieses Gesetzentwurfs erfüllt
sind und ob es aus polizei-taktischer Sicht sinnvoll ist, Kameras einzusetzen",
so Polizei-Präsident Dybowski gegenüber der "Rheinischen
Post". Zu allem Unglück gehen den Spezialisten des "Law
and Order"-Genres auch noch die potenziellen HauptdarstellerInnen
aus: Die Zahl der verübten Straftaten sank 1998 in Düsseldorf
gegenüber dem Vorjahr um 1.739 auf 73.447.
freibrief zum prügeln
Was darf ein Polizist und was darf ein Polizist nicht? Gesetzlich ist
dies zwar festgelegt, kommt es aber zu einem Prozess, gelten andere Regeln.
Im Juli letzten Jahres feierten in einer Disco zwei Männer und eine
Frau feuchtfröhlich Geburtstag. Dieser endete damit, dass sie sich
jetzt vor Gericht vorfanden. Alle drei waren wegen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte
und zwei zusätzlich noch wegen versuchter Gefangenenbefreiung angeklagt.
Dem Richter lag offensichtlich nichts an der Aufklärung des Sachverhalts,
so dass noch nicht einmal geklärt wurde, warum der Einsatz der beiden
Polizisten stattfand. Anscheinend stand die Anklage auf wackligen Füssen.
Die Angeklagten stritten alle Vorwürfe ab und beschuldigten die Beamten,
sie verprügelt zu haben und brutal mit ihnen umgegangen zu sein.
Daraufhin schlug der Staatsanwalt eine Einstellung des Verfahrens gegen
Geldbußen von zweimal 1800 DM und 1200 DM vor. Ein in einem solchen
Verfahren mehr als ungewöhnliches Vorgehen. Dass das Verhalten der
Beamten offensichtlich "nicht ganz korrekt" war und dies auch
vom Gericht so gesehen wurde, machte der vorsitzende Amtsrichter in einem
bemerkenswerten Statement deutlich. "Polizeibeamte, die an vordester
Front stehen, müssen geschützt werden." Dafür kann
man dann auch mal das Recht beugen. Ein klasse Freibrief zum Prügeleinsatz.
weniger einfluss für kommunale gremien
In einer Kulturausschuss-Sitzung beklagte sich die SPD-PolitikerIn Gisela
Johanne Fuchs darüber, dass das Gremium bei so wichtigen Themen wie
der "Stiftung museum kunst palast" und den "Stiftungen
Schloss Benrath" bislang kaum ein Wörtchen mitzureden hatte,
geschweige denn überhaupt informiert wurde. Dies sei auch rechtens,
so Kulturdezernent Grosse-Brockhoff, der zum Beweis bald ein Rechtsgutachten
vorlegen will. Da Stiftungen halt Privatsache sind, ist also nicht viel
mit "public" bei den so anerkannten "public-private-partner-ships"
zur Rettung der Kultur.
düsseldorf in zahlen
Düsseldorf wird weniger, älter, internationaler, gottloser,
gesetzestreuer und dienst-leistiger. Laut Statistischem Jahrbuch von 1999
sank die Einwohn-erInn-enzahl auf 569.638. 17% der BürgerInnen sind
über 65 Jahre alt. Der AusländerInnen-Anteil in der Stadt beträgt
16%. Vom Glauben abgefallen sind 36,28% aller DüsseldorferInnen.
An verübten Straftaten zählten die StatistikerInnen 73.447 -
1.739 weniger als im Vorjahr. Von den 22 Mord-Delikten wurden 21 aufgeklärt.
Das "subjektive Sicherheitsgefühl" kann sich bei seinen
Panik-Attacken also nur noch auf eine statistische Wahrheit von ca. 0,1
% berufen. Wenn er denn Arbeit hatte, ging der ideelle Gesamtdüsseldorfer
ihr hauptsächlich im Dienstleistungssektor nach. Dessen Strukturanteil
beträgt 28 %, gefolgt vom Öffentlichen Dienst (17 %), Handel
(16 %) und dem Verarbeitenden
Gewerbe (15 %).
hitler und skin als FDP-werbeträger
Sein berüchtigtes Hitlerwahlplakat zur Landtagswahl in NRW im Mai
hat Jürgen W. Möllemann zurückgezogen, vergessen sollte
man das Plakat aber nicht. Es zeigte Adolf Hitler, eingerahmt von Baghwan
und der Hollywood-Horrorfigur Freddy Krueger. Dazu der Text: "Wenn
wir nicht schnell für mehr Lehrer sorgen, suchen sich unsere Kinder
selber welche." Der Präsident des Zentralrats der Juden sagte
dazu, es sei unverständlich, daß einer "mit dem Bild des
größten Verbrechers der Weltgeschichte Wahlkampf treiben kann".
(AJW 2/00) So selbstverständlich Paul Spiegel Baghwan und die Horrorfigur
Freddy Krueger von Adolf Hitler unterscheidet, so selbstverständlich
tun die neuen selbstbewußten Deutschen das genau nicht und verstehen
die Botschaft des Plakats. Hitler ist heute Hollywood-Horror-Amerika.
Hitler ist Baghwan, Baghwan heißt Sekte, Sekte, daß heißt
heute Scientology, und die ist wieder Amerika, das also Hitler-Amerika.
So können die ewig antiamerikanischen Deutschen also endlich als
Antifaschisten reüssieren.
Karl

lesbische trauung
Es gab mal eine Zeit, da kämpften nicht nur Heteros gegen die reaktionäre
Institution Ehe. Die Zeiten ändern sich. Heute ist fortschrittlich,
wenn Homo-Paare getraut werden. Daß sich einige Pfaffen sehr über
den neuen Zulauf freuen verwundert nicht. Nun gab es auch in Düsseldorf
die erste bekanntgewordene kirchliche Trauung von einem lesbischen Paar.
CDU-werbung ausgesetzt
Erheblich verstimmt zeigten sich die Parteien aus der Opposition im Stadtrat
über die CDU. Der Fraktionschef der CDU, Manfred Graff, zeigte zur
Unterstützung der Rede zum Haushalt 2000 gleich mal ein paar Werbefotos
über den tollen Hecht CDU. Mit so markigen Sprüchen auf den
Dias wie "SPD und Grüne: In Bund und Ländern schwache Leistungen"
oder "CDU und FDP: Jetzt kommt Bewegung in die Kommunalpolitik".
In einer kleinen Anfrage an die Landesregierung will nun die Düsseldorfer
SPD wissen, ob diese Art der Werbung erlaubt ist.
Wehrhahnlinie gecancelt?
"Ich bin enttäuscht." Oberbürgermeister Erwin grämt
sich. Das Land NRW will ihm keine 1,3 Mrd. Mark für sein Lieblingsspielzeug
"Wehrhahn-Linie" mehr schenken. Auf der aktuellen Projektliste
des Landes für Infrastruktur-Maßnahmen taucht der Düsseldorfer
U-Bahn-Ausbau nicht auf. Ob er im Herbst aufgenommen wird, ist mehr als
unklar, denn um die Landes-Knete buhlen viele Städte und Gemeinden.
Sollte die amtierende Koalition nach dem 14. Mai noch weiterregieren,
haben die NRW-Grünen zudem angekündigt, die Wehrhahn-Linie qua
Koalitionsvertrag zu kippen. Ohne Landesmittel würde auf keinen Fall
gebaut werden, denn die Existenz des Fördertopfs brachte die Düsseldorfer
Große Koalition aus SPD und CDU überhaupt erst auf die Idee,
ein solches Projekt in Erwägung zu ziehen. Nutzen hat es nämlich
keinen. Es bringt im Vergleich zur Straßenbahn auf den Strecken
kaum Zeitgewinn und würde zu einer Ausdünnung des oberirdischen
Netzes führen. Freuen würden sich nur die Autofahr-erInn-en:
Die durch die U-Bahn freieren Straßen würden die freien Bürger
zu freieren Fahrten animieren.
schlecker drangsaliert
Laut der Düsseldorfer Bezirksverwaltung der Gewerkschaft Handel,
Banken und Versicherungen (hbv) setzt die Drogeriekette Schlecker Angestellte
unter Druck. Ende März diskutierten 20 Beschäftigte aus 13 Düsseldorfer
Filialen die unerträglichen Arbeitsbedingungen. Dort bereiteten sie
auch eine Betriebsratswahl vor, die von Schlecker seit jeher zu verhindern
versucht wird. Teilnehmerinnen wurden massiv gedrängt einen Aufhebungsvertrag
zu unterschreiben.
persilweiss
Die Neoliberalisierung der Hochschulen macht Fortschritte. Immer mehr
bestimmen Unternehmen die Forschungsziele der Universitäten. Henkel
ist seit Jahren aktiv um den Chemiezweig nach seinen Bedürfnissen
auszurichten. Der universitären Anbiederung nicht genug, wurde im
Wintersemester der Hörsaal 3A offiziell in Konrad Henkel-Hörsaal
umgenannt. Seit neuestem erinnert eine Tafel an den Henkelpatriarchen.
In der Nazizeit beutete Henkel Zwangsarbeiter aus und streckte seine Fühler
nach deutschen Eroberungen aus. Nur kurz inhaftiert, erreichte die Familie
Henkel Absolution durch einen Persilschein. Niemand anderes als die grüne
Antje Vollmer wird am 2. Mai den Konrad Henkel-Hörsaal einweihen.
denunziation
Aufgrund einer Denunziation eines Rheinbahn-Fahrers verhaftete die Polizei
einen mutmaßlichen Sprayer. Bei der Festnahme wurde dem 23-jährigen
der Arm gebrochen. Wie? Der eine Polizist setzte seinen Streifenwagen
zurück und fuhr den Flüchtenden an.
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