music

SPARE PARTS

Vorsicht beim Rausgehen, denn jetzt schiessen die "jungen Wilden" aus dem Boden. Das sind so Freaks wie Angie Merkel und Altstadt Erwin, blutjunge durchgedrehte Erneuerer, junge Löwen mit Biss & Schmiss, die Bimbes-Birnen wohlverdient in die Wüste schicken & ab jetzt Stadt und Land ganz anders machen. Wie? Na so wie immer. Juhahaha. Frag doch die Wähler. Juhahaha. Modestrecken 2000: Hose von Oben. Hirn von Siemens. Verhalten von der Bundeswehr. Markenbewusst wie die Jugend. Bemusterte Schnuckis schreiben "kaufen!" ohne zu denken. Statt dessen: "Denken!" ohne zu kaufen.

Die Musik dieses Monats wie immer im Schnelldurchgang, diesmal noch schneller. Fangen wir mal mit HANS PLATZGUMER an. Die neue Platte DATACARD (Disko B) ist endlich die materialisierte Drum&Bass-Version, die die letzten Releases ankündigten. Sehr dark, sehr scharfkantig & auch durchzogen von abstraktem Terrorambient, der Lust auf "Überwachungskamera eintreten" macht. Hans alte Lieben Queen, ProgRock & Fusiongedaddel - da schämt man sich doch nicht für, gell? - sind in einer unpeinlichen Art ins elektroide transformiert und abstrahiert worden. Das glaubt ihr mir nicht & wahrscheinlich nicht mal er selber, aber so ist's. Was kommt jetzt? POLE 3 (Pias) ist da & beruhigt alle stressgeplagten Nerven mit seiner neuesten Verschreibung. Ungelogen: die derzeit beste Musik zum Entspannen & Entdecken von Neuigkeiten in Dir. Nahezu unverzichtbar. Nochmal Neues von Disko B: das Trio SUCHTRUPP war in unseren Breiten bereits live bei der Disko B-Tour zu erleben: inmitten der Party bauten sie eine Art Ambient-Lab auf & improvisierten mit Gitarre, Gesang & Elektrostuff. Die Platte HEILE WELT featured noch eine professionelle Orchestermusikerin, & zuerst klingt das superfamos & locker, beim zweiten Mal dann prätentiös & steif, & beim dritten Mal dann löst sich doch vieles wieder in Wohlgefallen auf. Interessantes Modell zwischen Impro & Beat, das noch mehr auf den Punkt kommen sollte. Auf PROCESS, das ist Steve Barnes auf dem Fat Cat-Label (EFA), hören wir dann elektroide Texturen, die an Kölner Gepflogenheiten erinnern: minimal-melodisch-repetitiv, verführerisch, stilsicher, bedeutungsleer mit allen Vor- & Nachteilen. Sehr empfehlenswerte Platte, die verlorene Tugenden wieder einfängt und weiterführt. Im Vergleich: FUNKSTÖRUNG. Die beiden Rosenheimer sind vielleicht gar nicht so avanciert, wie viele meinen müssen, dafür sind sie noch einen Tick bodenverhafteter. Und das geht ok so. APPETITE FOR DISTRUCTION (Stud!o K7) ist ihr erstes offizielles Autorenalbum, das durch eine eigenwillige und bisweilen sehr spannende Fusion von düsterem HipHop (mit MC) & Frickelelektronik besticht. Guter Schritt, aber: da muss noch mehr kommen! Ob sie's schaffen? Denn: Rosenheim ist unglaublich hart! Demnächst auf Tour mit den Neubauten, no shit, dann wohl weltweit. Eine superinteressante Kollaboration dann ist FREE CHOCOLATE LOVE (Subrosa / EFA): Samplemeister David Shea & Funk-Hi-Jacker Scanner loten gemeinsam Easy Listening & Lounge-Texturen aus, & das Ergebnis ist alles andere als rosarot. Wenn das die letzte Easy L-Transformation ist, bin ich zufrieden. ANTHONY ROTHER dann verhebt sich auf SIMULATIONSZEITALTER (psi49net) etwas. Seinen Elektro bringt er nach wie vor ganz gut rüber, aber sein "Konzeptalbum" mit Texten zu Maschinenwelten & Biomechanik sind dann doch etwas zu bieder für den state of the art, in dem wir uns derzeit befinden. Es klingt zudem derart Kraftwerk-like, das es nicht mehr feierlich ist. Die wären damit vor 25 Jahren ungestraft & mit einem Kultorden mehr davongekommen, aber ein young kid wie Rother darf das nicht mehr. Das ist Stillstand. & eindeutigere Positionen beziehen ist bei diesen wichtigen & komplexen Themen angebracht, wenn sie denn schon vertextet werden. AR hat ne message, sehr schön, aber sie verpufft in schwarzer Ästhetik. Schade, da sonst gut. Ein alter Bekannter meldet sich mit der Platte AMBROSIA (F-Com) zurück: Jay Alanski aka A REMINISCENT DRIVE hat wieder eine wunderschöne Sammlung seiner meist "nur" auf klassischer 8-Spur produzierten Tracks herausgebracht: stilvolle groovende Zen-Meditationen, die Spiritualität im Hier & Jetzt ohne jeglichen Eso-Vibe vermitteln können. Sehr sehr schön. Den bewegenden Groove finden wir auch bei ROMANTHONY, der zzt. ganz offiziell gehypt wird. Na gut, ich bin auch Urfan, & "The Wanderer", "Ministry Of Love" &sw erfreuten schon das eine oder andere Morgengrauen, aber bei R.HIDE IN PLAIN SITE (Glasgow Underground) heisst's erstmal sachtesachte, Leute. Klar ist das schnafte & grunz, wie der Maestro seine Houseroots & seine Princeobsession zusammenbringt, aber die ganz grossen klassischen Würfe vermisse ich hier doch bei mehrmaligem Hören. Trotzdem definitiv a must zum Reinhören diesen Monat! Dann die HipHop-Joints: DJ SPINNA's BEAT SUITE (Zomba) toppt so einiges: die besten Vibes von der eastcoast auf zwei Scheiben, nicht ganz so ruff, doch auch nicht gediegen. Say no mo to Spinna, hier gibt's viel zu entdecken! J-88 aus Detroit dann mit BEST KEPT SECRET (Groove Attack): unglaublicher Flow von drei MCs, sehr neuartig, sehr schön. Eine unglaubliche Freude, das zu hören!!! Auch KURUPT überrascht mit einem 1A westcoast-Album. Früher wurde Phillie's No. 1 ja immer gerne als Ziehkind von Dr. Dre gehandelt, auf THA STREETZ IZ A MUTHA (Pias) aber gibt es keinerlei leftcoast-Klischees & verrottete Images, stattdessen reduziert-schwülen Streetfunkhop, der 1fach nur cool ist & überzeugt. Neue Level in Abstraktion dagegen sind mit dem legendären ANTI-POP CONSORTIUM zu erreichen. TRAGIC EPILOGUE (75 Ark / Zomba) ist ein weiterer gelungener Versuch, die Bedeutung von HipHop entgegen allen Klischees & Images einer gut geölten Verkaufsmaschine zu erweitern. Kein Geschwafel von Futurismus & Gegenkultur, nur soviel: das ist der Stoff. Auf Asphodel dann ein unglaubliches & erfrischendes Beatseminar von MIX MASTER MIKE: EYE UV THE CYKLOPS lässt keine Körperzelle ruhig bleiben, & das ist in diesem Fall genau richtig. 11 Trax in 22 Minuten, weird science galore, & die Schwerkraft wird federleicht. Schliesslich die REBEL CREW: bei dem Namen sinkt mein Begeisterungsfaktor auf ungefähr null, aber was die Posse aus Texas auf TEX MEX EFX zusammen-zaubert, ist well done: nicht nur HipHop-Energie, sondern vor allem Elektro bruzzelt hier im Topf, dazu die typischen Amibandelemente plus sowas wie Raveenergy - & die Party brennt. Nur Geschmacksfaschisten kommen nicht drauf klar. Nicht sophisticated, sondern gut. Wie krieg ich jetzzt die Kurve zum Freispiel? Na, einfach auf Wolke 7. Da sitzt dann PHILIP JECK. Wer ihn noch nicht kennt: der Engländer hatte bereits 1993 sein "vinyl requiem" mit 180 Kofferplattenspielern aufgeführt. Das nun auf CD erhältliche VINYL CODA I & II (Intermedium), das er 1999 für den Bayerischen Rundfunk aufnahm, benutzt 13 seiner Dansette-Kofferplattenspieler, auf denen Flohmarktplatten mit zb. 4 Speeds abgespielt werden. Diese Arbeiten sind grandiose unprätentiöse Requien für Vinyl- & DJ-Kultur. Auch wenn Ihr es nicht hören wollt - hört zu! & jetzt alle aufgepasst: es gibt ein neues Label aus Köln für improvisierte Musik. Auf CDs, wie sich das gehört. Oder kauft hier etwa jemand noch Tapes? Scherz am Rande. GROB heisst das süsse Baby, & es wurde wirklich Zeit für eine solche Plattform, auf der sich ungestüme & präzise Neuimprovisationen entwickeln können. Die 01 BEASTIESHOPBEACH - dämlicher Schlammpeitzigertitelhumor, nervt ohne Ende - präsentiert den famosen Improvgitarrero OLAF RUPP (kennt ihr noch von "Abschied von Gestern") & den Rhythmiker Götz Rogge, sehr facettenreich & filigran, bisweilen eruptiv vermischen sich Feinelektronik & Drahtharfe. Die 02 ist das langerwartete (nicht?) Soloalbum des Gitarristen & Produzenten JOSEF SUCHY, mitunter brachial & in seiner Opulenz dementsprechend freudebringend. Die 03 ist das Trio BIG DEEP (ua Thomas Lehn) - grandios, so muss improvisierte Triomusik heute klingen!!! & dann gibt's noch ne neue Gefriem: BLUTSIPHON mischt Schlagerswing & lässt kongenial die Begleitautomatik grooven - los, jetzt aber raus aus den Sesseln & lauft dem Zeug hinterher! Denn das ist die allergelungenste Beatunterbrechung, ergo zuhören. Biegen wir ab zu den Resten der Bandmusik: die lieben QUICKSPACE begeistern mit ihrem Ego-Shooting THE DEATH OF QUICKSPACE (Domino) polterig & humorvoll wie immer, die DYLAN GROUP dagegen kommen uns auf ihrem neuesten Player UR-KLANG-SEARCH (Bubble Core / EFA) entspannt, verdubbt & logisch mit glänzenden Vibraphon-Vibes, CLINIC zeigen auf INTERNAL WRANGLER (Domino) superbe neue Ansätze zwischen Hi-Bro & Lo-Fi, die sie im spannungsvollen Wechsel zwischen relaxtem Elektrogroove & ekstatischem Gitarro-ausbruch ansiedeln. Supermodell, kann alles, wenn nicht mehr. Die RACHEL'S schliesslich spielen auf FULL ON NIGHT (1 Stick / EFA) zwei längere feingesponnene Improvisationen ein, die quasi Remixe früherer Stücke sind. Neoklassik goes sampling - & es packt zu. Ähnlich, aber mit anderem Ergebnis geht es bei ANIMALS, SUNS & ATOMS, dem neuen Player von TARWATER (Kitty Yo) zu. Hier stimmt alles: je mehr Gesang, je mehr geschichtslose Geschichten, desto mehr gewinnt das Duo unser Vertrauen vollends. Nahangelegt an psychedelische Momente incl. derartiger Samples, verwehter Erinnerungen & freundlichen Siebenmeilenschritten - diese Platte beruhigt & macht Spass, ohne einzulullen. Und dann: IN SEARCH OF A MASTER - IN SEARCH OF A SLAVE - A TRIBUTE TO NICK DRAKE. Diese Reihen tun ja oft weh, hier aber gibt's neue Idiome galore: Bands wie Favez, Pendikel oder Scumbucket covern Songs des genuinen Songwriters, der viel zu früh starb. Dieses Tribute geht völlig ok, da sperrig, unpeinlich, unpathetisch, unglamorös, ergo angemessen. Kein Fideldei, sondern gezierte Verstörung & pastellfarbene Brutalität. & noch Bands: THE DRUM schaffen es auf DISKIN (Mantra) tatsächlich, der ausgelutschten Rockmusik einen tuffen & erregenden Zombie entgegenzustellen, den man gar nicht mehr aus dem Player nehmen möchte. Wow, Weiterentwicklung, & wie! Beste Rockplatte zur Zeit!!! Eine kleine Handgranate in Herzform wirft dann noch HEART ATTACK, der Powerpunkpop von MIKA BOMB (Grand Royal), süss, aber nicht arschmellow, bevor dann ich weiss auch nicht wieso auf Digital Hardcore wieder mal der Schlusspunkt gesetzt wird: LOLITA STORM mit GIRLS FUCKING SHIT UP, unsauberer Scheiss auf Fatal für alle Over- & Undergroundspiesser dieser Welt, und so ist das. Ich habe jeden Track gegessen, verdaut, den Rest ausgekackt und kleine Tempel daraus gebaut. & now I'm tired, but I'll dream serene before I sleep.

MARCUS