| Israel,
Palästina und die deutsche Linke Thesen zur Diskussion von Hermann Kopp
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Streitgespräch
zwischen KARL SELENT(konkret) und HERMANN KOPP(Marxistische Blätter)
findet am |
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1. Vorweg: es geht nicht um die Frage, ob Antisemitismus (Antijudaismus) - verstanden als ein Vorurteil, eine Ideologie und eine Praxis, die sich gegen die Juden als Volk (soweit sie sich denn selbst als solches sehen), als religiöse oder kulturelle Gemeinschaft, als "Rasse" richten -, von wem auch immer er ausgehen mag, zu verurteilen und zu bekämpfen sei: die Antwort darauf kann nur ein unmissverständliches Ja sein. 2. Es gab, und gibt, ohne Zweifel Antisemitismus unter Linken - also bei Menschen, die sich grundsätzlich für die Überwindung von durch Unterdrückung, Ausbeutung und Erniedrigung gekennzeichneten Verhältnissen einsetzen. Wo es ihn gibt, ist er Ausdruck des Fortlebens reaktionärer Haltungen und Vorurteile, wie wir es auch auf andern Gebieten vorfinden (z.B. im Verhalten linker Männer Frauen gegenüber). 3. In der Geschichte der kommunistischen Bewegung - aber nicht nur dort: "Ich spreche von meiner Schande, mögen andere von der ihren sprechen" - hat sich der Antisemitismus häufig als Antizionismus ausgegeben: d. h. als Gegnerschaft nicht gegenüber den Juden "als solchen", sondern gegenüber einer bestimmten politisch-ideologischen Tendenz innerhalb des Judentums. Auch für diesen getarnten Antisemitismus gilt selbstverständlich das unter 1. gesagte. 4. Aus der Tatsache, dass sich Antisemitismus auch als Antizionismus tarnt, den Schluss zu ziehen, dass Antizionismus = Antisemitismus sei, ist Ausdruck mangelnden Unterscheidungsvermögens. Oder bewusste Irreführung. Dass die zionistische Propaganda diese Gleichsetzung vornimmt, verwundert nicht: sowohl für ihre "Binnenwirkung" (innerhalb der jüdischen Gemeinschaft) als auch in der Auseinandersetzung mit den linken Kritikern des Zionismus ist die Gleichsetzung von Vorteil. 5. Da es bei unserem Streitgespräch vor allem um den Konflikt zwischen dem Staat Israel und den Palästinensern gehen soll, verzichte ich hier auf die Entfaltung einer systematischen Kritik am Zionismus als Ideologie und Bewegung. Denn die Gründung des Staats Israel war zwar Ergebnis des zionistischen Projekts, der Zionismus ist nach wie vor quasi offizielle Staatsideologie, aber die Politik Israels ist nicht bloße Umsetzung ideologischer Postulate; sie folgt zu einem Gutteil - und heute wohl noch mehr als in der Staatsgründungsphase - in ihren Gesetzmäßigkeiten relativ eigenständigem, interessenbedingtem machtpolitischem Kalkül. 6. Ein fataler Grund"irrtum" bereits des frühen Zionismus wurde freilich immens geschichtsmächtig und muss deshalb hier zumindest erwähnt werden: Die zentrale zionistische Losung "Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" war, wie Uri Avnery zurecht vermerkt, Ausdruck nicht nur von Unkenntnis - Ende des 19. Jh. lebten bereits eine halbe Million Menschen in Palästina, zu 90 % Araber -, sondern auch "der allgemeinen Arroganz gegenüber nicht-europäischen Völkern, die zu jener Zeit in Europa vorherrschte". 7. Da es das "Land ohne Volk", jedenfalls in Palästina, nicht gab, musste das jüdische "Volk ohne Land" sich das "Land" gemäß dem zionistischen Projekt von anderen - den arabischen Palästinensern - holen. Das geschah zunächst durch Kauf bei den abwesenden arabischen Großgrundbesitzern - und unter Vertreibung (mit Hilfe erst osmanischer, dann britischer Polizei) der Fellachen, die seit Generationen auf und von diesem Land gelebt hatten. Schon in dieser "friedlichen" Landnahme war daher der Konflikt mit der arabisch-palästinensischen Bevölkerung angelegt. 8. Die "Landnahme" im großen Stil erfolgte dann nach
dem 2. Weltkrieg, und unter Einsatz von militärischer und terroristischer
Gewalt. Im Krieg von 1948, für die Juden Israels heute der "Unabhängigkeits"-
oder "Befreiungskrieg", für die Araber "al-Nakba",
die Katastrophe, eroberten die zionistischen Armeen nicht nur jene 55
% des britischen Mandatsgebiets Palästina, die der UN-Teilungsplan
von 1947 für den künftigen Staat Israel vorgesehen hatte, sondern
annektierten auch die Hälfte jener Gebiete, auf den 9. Im Zuge des Sechs-Tage-Kriegs von 1967 erfolgte die nächste Stufe
der Landnahme. Neben dem - inzwischen an Ägypten zurückgegebenen
Sinai - wurden das gesamte Westjordanland einschließlich Ostjerusalems
sowie der Gaza-Streifen besetzt (also jene 22 % von Mandats-Palästina,
die 1948 noch nicht erobert worden waren), außerdem die syrischen
Golanhöhen (vor allem wegen des Wassers bedeutsam). Erneut wurden
Hunderttausende Palästinenser vertrieben, palästinensisches
Land enteignet, um darauf jüdische Siedlun 10. Das Oslo-Abkommen, das die erste Intifada (1987-93) beendete, brachte
der PLO die Anerkennung als legitime Vertretung des palästinensischen
Volkes durch Israel ein und gab der PLO eine territoriale Basis auf palästinensischem
Boden; Israels Existenzrecht wurde erstmals offiziell durch die PLO anerkannt.
Von (fast) aller Welt wurde das Abkommen deshalb als Durchbruch zu einem
wirklichen Frieden gewertet. Das war eine grausame Illusion. Tatsächlich
verbanden beide Seiten mit ihm völlig konträre Absichte 11. Acht Jahre nach Oslo lässt sich sagen: Entstanden ist nicht der von den Palästinensern erhoffte palästinensische Staat auf, immerhin, 22 % des früheren Palästina, sondern ein Flickenteppich von "Bantustans", die in unterschiedlichem Maße administrativ-politisch "autonom", in ökonomischer Hinsicht aber alle völlig von Israel abhängig sind. Die soziale Lage der meisten Palästinenser hat sich dramatisch verschlechtert, ist zum Teil verzweifelt, weil sie von der Besatzungsmacht jederzeit auf die unterschiedlichste Weise ihrer Subsistenzmittel beraubt werden können - und, vor allem seit Beginn der 2. Intifada, auch beraubt werden. Die sog. "Palästinensische Autorität" oder "Autonomiebehörde" ist weitgehend zu einer Hilfstruppe der Besatzungsmacht degeneriert - weniger wegen der "Schlechtigkeit", Korruptheit etc. der Personen, auf die sie sich stützt, als wegen ihrer strukturell bedingten Abhängigkeit von Israel (und den USA als dessen "Schutzmacht"). Darunter hat auch das Ansehen der PLO bzw. von Arafats al-Fatah als der wichtigsten Gruppe innerhalb der PLO bei der palästinensischen Bevölkerung erheblich gelitten. Die Linke - Volksfront, Demokratische Volksfront, Palästinensische Volkspartei u.a., bis in die 80er Jahre hinein recht einflussreich - scheint derzeit marginalisiert zu sein. 12. Perspektivlosigkeit, systematische politische, soziale und ökonomische Diskriminierung, ständige Demütigungen durch die Organe der Besatzungsmacht und die in jeder Hinsicht privilegierten Siedler, mangelndes Vertrauen in die "eigenen" Organe, eine schwache Linke: das ist der ideale Nährboden für religiösen Fanatismus, Verzweiflungsakte wie die sich häufenden Selbstmordattentate - und, hier sozusagen selbstverständlich: Antisemitismus. Zumal derzeit innerhalb der jüdisch-israelischen Mehrheitsgesellschaft jene Kräfte, die auf Verständigung und Zusammenarbeit mit den Palästinensern (und mit der 20-Prozent-Minderheit arabischer Israelis) setzen, kaum hörbar sind. 13. Was tun - als deutsche Linke?
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