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In England laufen die Bolzenschussgeräte heiss, und hier spielt,
ganz unschuldig wie immer, die Musik. Oder wie soll man das sonst nennen,
was TRURL AND KLAPAUCIUS auf SING SWEET SOFTWARE (Supremat Re-ords)
da an Klang fabrizieren? Die beiden sind nämlich Roboter, zumindest
in Stanislaw Lems Cyberroman aus den 60ern, in denen pro Kapitel eine
individuelle Maschine konstruiert wird. Sowas dachte sich wohl auch Christian
Vogel, der seine Lieblingsmodule auswählte und sie dann machen liess.
Das Ergebnis ist ziemlich zäh und nicht minder weird, als ob ein
Maniac wie Vogel selbst an den Reglern gesessen hätte. So bleibt
vor allem das spannende Konzept dieses neuen Labels, das Malewitschs Suprematismus
in elektronische Musik transformieren will. Ähnlich durchdacht, aber
mit einer expliziten Ansammlung von Menschen ist CLICKS & CUTS
2 (Mille Plateaux) am Werk. Die Fortsetzung der ambitionierten ersten
Compilation des Frankfurter Labels ist logische Weiterentwicklung und
state-of-the-art zugleich. Die meisten der Produzenten sind schon bekannt,
hier jedoch bilden sie ein logisch-impressionistisches Netzwerk, in dem
die Materialität der Digitalität Möglichkeiten zum klaren
Ausdruck bekommt. Von ruhig bis bewegt passiert hier auf 3 CDs extrem
viel, auch wenn einige Tracks vor allem für die Ureinwohner von Minimalien
zu sein scheinen. Mal wird Raum geschaffen, dann bewegt, dann wieder aufgefüllt
- oder in hybride Teilrealitäten entleert. Essentiellste elektronische
Werkschau zur Zeit, wirklich unumgänglich! Ähnlich faszinierend:
RECON-NAISSANCE, das rein elektronisch agierende Projekt von AMBARCHI
/ NG (Staubgold)- 3 Stücke, die sich in einer nahezu gasförmigen
Konsistenz im Raum ausbreiten, sehr ruhig und äusserst minimal, vor
allem das lange Titelstück gebietet Konzentration, da es ansonsten
komplett überhört wird. Beide Spieler interagieren zudem gerne
mit improvisierenden Menschen aus Dekonstrukt-Jazz und Elektroakustik,
so lässt sich diese Platte vorstellen. Die andere Platte auf Staubgold
heisst LUME LUME und enthält ungleich anders strukturiertes
Material: 8 Projekte, die während der letztjährigen Ars Electronica
von Alexander Balanescu zusammengeführt wurden, um einen 57-Stunden
Livesoundtrack einzuspielen. Der hier zu hörende Querschnitt offenbart
komplett unterschiedliche Herangehensweisen an das Musikmaterial, auch
bedingt durch den Generationsunterschied. Balanescus Violine ist ab &
an das verbindende Moment zwischen den Stücken, ansonsten passiert
viel zwischen Cut-Ups, elektrischer Gummimotorik und manischer Samplei.
Durchweg empfehlenswert. Ein absoluter Knaller dann mal wieder aus dem
Hause DISKO B: Markus BINDER, Textrhythmiker von Attwenger,
hat sich 1997 Computer und Sampler gekauft, und bringt jetzt mit PHOTOS
01 mal eben locker eine elektroakustische Platte heraus, die Höchstwertung
verlangt. Immer wieder sehr strange eingearbeitete Jazz-Idiome, gesungene
drums, Folk-Geknusper Marke "Wir sind hier nicht beheimatet, sondern
bearbeitet" und Stimmen, die durch Filterschächte gezogen werden.
Sehr originell und eine grosse Überraschung! Den Text für 3
Stücke nahm Binder übrigens in Ho-Chi-Minh-City auf, wozu? Selber
hören. Feierei hat Richard D James REPHLEX-Label dringend
nötig: nach 10 Jahren und über 100 Veröffentlichungen wirds
Zeit für eine Feiercompi die erste überhaupt! -, die einige
der besten Tracks der letzten 10 Jahre zusammenstellt. Einige davon sind
natürlich bereits strictly vergriffen, und der Special Low-Price
überzeugt auch. Ziel soll sein, so die Reflexe, Dank und Respekt
zu geben und den völlig Unbedarften eine Art "official guide
to rephlex" an die Hand zu geben. Das ist absolut gelungen: best
Work, und sogar die nostalgischen Momente - wie der selige "Railway
Raver" - kommen heute noch gut. Lohnt sich. Sehr schön auch
die neue von KHAN: NO COMPRENDO (Matador) zeigt nochmal, dass Khan
wie immer die Schnauze gehörig voll hat von langweilenden Kunsthoch-schulelektros
und deshalb wieder rocken geht. Die Trackgäste sprechen wirklich
für sich: Francoise Cactus, Kid Congo Powers, Jon Spencer, Diamanda
Galas, Hanin Elias und natürlich wieder Julee Cruise. Geht klar wieder
in Richtung 80er Roots und NYC-NoWave. Dann IDIOLOGY von
MOUSE ON MARS (Sonig): habt ihr eh schon? Na gut, muss ich zur
Strafe Rheinwasser saufen, ist ja auch schon ne Woche draussen. Kaufen
weil fantastisch - tolle Kritik, nech? Wirklich gut & neu aber: Herbert
rührt die Klaviertasten, und dann Tracks, denen ich auf der Strasse
nachlaufen würde. Man schmiert ihnen eh Honich um den nichtvorhandenen
Bart, so nich, abba so! So, die Wände rücken zusammen, der Platz
wird eng: kurze Replik auf die neuesten abgedunkelten Elektrovisionen
von ANDREA PARKER: THE DARK AGES (Quatermass) überzeugt durch
Statik, aber verharrt bisweilen zu sehr im Gestern. Gut für Elektro-Besinnung.
Grosse Scheisse auf jeden Fall von MIGUEL GRACA: SOULNOTMIND (Bombay)
ist DER House-Überflieger in den Frühling: watet knietief in
Soul und Funk und kickt das Gold in die Menge. Einer der allerbesten Housemeister
dieser Zeit kommt aus Portugal, kommet & höret! Empfehlenswertes
Compilationfutter: FOLKY ist eine butterblumenweiche, bisweilen
verträumte und total schöne Sammlung zeitgemässer Folk-Pop
Transformationen (Spectrum Works). 20 Jahre Samplekultur und Folkmusik
= superüberraschende Tracks und toller Vibe, sozusagen Nick Drake
mit dem Power-ook. BACK TO MINE dann lässt Tracey & Ben
von EBTG an die Plattenteller, auf dem ihre elektronischen Favorites routieren.
Gute Entdeckungen zu machen, keineswegs nur "golden oldies"!
NOR-EC COLLECTIVE dann fängt auf den TIJUANA SESSIONS
(Rykopalm) den Vibe der TexMex-SalSoul & Elektrocommunity der Bay
Area auf spannende Weise ein. Ein paar Samples weniger hätten aber
schon gut getan. DIESELBOY dann bringt taffesten US-Drum&Bass
auf die 12 heraus, der ohne wenn & aber überzeugt. THE 6th
SESSION ist ein definitiver Blick über den Teich, der bis hierhin
zurückkickt. Sehr viele & gute HipHop-Joints im Mai: FERTILE
GROUND lassen auf PERCEPTION (Counterpoint) eher den Vibe eines
spirituellen schwarzen Hippiekollektivs fliessen, geht sehr in Richtung
Jazz und somit ok. Groovy, laid back, großartige Instrumentalisten!
Die College-Youngster UGLY DUCKING (XL Rec) dann schmeissen Alte
Schule Vibes, neues Bewusstsein & jede Menge de-la-artige Gimmix in
den Eintopf. Noch grün hinter den Ohren, und keinen Bock auf Misogynie
& Angeberei. Passt, aber älter anders? So auf jeden EL FUDGE,
cool-explosiver under-round MC aus NY: CRONIC IRRESPONSIBILITY
(Sureshot) überzeugt mich dann doch mehr: wuff, ein flow, der sich
länger nicht mehr gewaschen hat & doch irre frisch ist, kwis.
HipHop-Joint des Monats! Nicht minder hochzubewerten: HI-TEKNOLOGY
(Rawkus), 1. Solojoint von HI-TEK, respektiertem Beatbastler aus
Cincinnati, wartet mit einem tiefen Eimer der derzeit besten Mcs auf,
so Mos Def & Talib Kweli. DELTRON 3030's THE INSTRUMENTALS
dann ergänzt die Superscheibe des extrem aussenstehenden HipHopTrios
um rein instrumentale Vibes, die den futuristischen Vibe noch mehr schärfen.
MF DOOM dann taucht auf OPERATION DOOMSDAY (Subverse) natur-emäss
in den Schlamm ab. Dieser HipHop ist tiefschwarz, bewusst und handelt
von subversiver Wissenschaft und Technik. Hier blinkt garantiert keine
Goldkette. cLOUDDEAD (Big Dada) dann verabreichen dem Genre Psylos
& Psych, die 6 Singles des letzten Jahres sind ein Muss für Leute,
die HipHop um die Ecke & dann ganz nach oben denken. Hit! Noch ein
paar Downbeatburner in aller Kürze: Maestro SHANTEL lebt in
Tel Aviv und produziert seit langem schon die allerbesten Beaterweiterungen.
GREATDELAY (!K7) kündet davon in Grösse. FUG aus
Nottingham dagegen verbinden auf READY FOR US (Nuphonic) Klassik,
Jazzvibes & House zu einer trickreichen & emotionellen Melange,
die auch durch eine sehr gute Produktion überzeugt. ZERO 7 dann
sind ein Londoner Tontechnikerduo, das den Kanal schnell voll bekam von
den ewigen wannabestars. Ihre eigene Tonvision SIMPLE THINGS (Ultimate
Dilemma) ist ein sehr relaxt-nachdenkliches Eintauchen in Soul & Funk,
das bescheiden bleibt & an mehr als Air erinnert. Die Loungebeschallung
MOODFOOD des Dutch-Housepioniers Aad de Mooy aka ALEX CORTIZ
(Swirl) dann schlittert haarscharf an der Allee der Ödnis vorbei,
denn von dieser Ästhetik bleiben wahrlich nurmehr Frühstücksreste
über. INNER FLIGHT (Counterpoint), das europäische Debut
der japanischen NuJazz-Fusionisten JAZZ-RONIK bleibt in ähnlicher
Balance: nur im mood ok, ansonsten nervt zuviel stylish sophistication.
AYESHTENI (Mantra), der neueste Ethnopop aus dem Hause NATACHA
ATLAS schliesslich ist gar nicht mal so schlimm für eine Dame,
die mit Peter Maffay & Page / Plant die Noten teilt. Zum Schluss jedoch
noch ein paar richtige Bonbons: die neue BOWS, klar: CASSIDY
(Too Pure) verliert die anfängliche Spannung leider etwas, da sie
in eine enttäuschende TripHopästhetik hineingerät, die
diese wie immer bemerkenswerte Musik von Luke Sutherland nicht verdient
hat. Trotzdem hörenswert, wie auch der sperrige, manchmal etwas nervige
Bandmusikentwurf von WAS WA WA aus dem Ruhrpott. UNSERE EIGNE GESCHWINDIGKEIT
(WSFA) zerstört stets die eigenen Schön-und Sicherheiten, und
das mit furioser Nettigkeit. Die überzeugendere Band für mich
sind jedoch die australischen THE AVALANCHES: sie sind die sampelnden
Happy Mondays von heute, die aus dem Quatsch, den sie als Teens früher
aus den Grabbelkisten zogen, einen irren Mix machen, der den 6er aus Melbourne
schon ins Vorprogramm von Beastie Boys, Public Enemy & wohin denn
noch führt. Die Granaten aber wie immer am Ende: GROB, das
sympathische Kölner Label für zeitgemässen Freeform, bringt
zwei Ausnahmeplatten ins Spiel, die ihr hören müsst. PRINS
ist der Amsterdamer gleichen Namens, der TV- & Radiosignale brutal
verstärkt, LIVE legt enervierendes, doch notwendiges Zeugnis
davon ab. Der sanfte Hammer aber: DACHTE MUSIK, das neueste Projekt
des östereichischen Trompeters und Komponisten Franz Hautzinger,
der hier auf zwei Cds mit drei Mitmusikern zeigt, wie weit eine improvisierende
Grundhaltung mit der radikalsten Deszenz gehen & kommen kann. Ganz
grossartiges Zeug, und ein wichtiger Schritt für Grob, nicht nur
der Lärmmalerei Raum zu geben. Mehr davon! MARCUS
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