bookBraun-buch der Kriegs- und Nazi-verbrecher
Die Edition Ost brachte ein Reprint heraus, der in den 60er Jahren für viel Aufsehen sorgte, zumindest im Ausland. Am 1. Juli 1965 präsentierte der DDR-Professor Albert Norden ein Buch, das 1.800 schwer belastete Nazifunktionäre und Kriegsverbrecher in wichtigen Stellungen der BRD auflistete. Im Westen Deutschlands wurde versucht, das Buch totzuschweigen, während das Buch im Ausland reißenden Absatz fand und dafür sorgte, dass zumindest einige ehemalige Nazis ihre Posten räumen mussten. Das vorliegende Buch ist ein Reprint der 3. Auflage, in der einige Fehler bereinigt und weitere Nazis aufgenommen wurden. Insgesamt finden sich in der Auflage von 1968 mehr als 2.200 Namen. Die meisten der dort vorkommenden Personen sind mittlerweile tot, dennoch gibt das Buch auch heute noch einen guten Einblick, wie der westliche Frontstaat von ehemaligen Nazis geprägt war. Die BRD, machte ihrem Status als juristische Nachfolgerin des III. Reiches alle Ehre. In der Fleißarbeit wurden keine "einfachen" NSDAP Mitglieder aufgenommen, sondern nur Nazi-Funktionäre und Kriegsverbrecher, die wieder zu Ehren kamen. Es wird nur stichwortartig die Funktion vor und nach 1945 geschildert. Alles andere hätte den Rahmen gesprengt. Das Buch ist unterteilt in verschiede Themen, denen erklärende Worte vorangestellt sind. Erst dadurch wird die ganze Brisanz deutlich. Kaum einer der im Buch vorkommenden Personen wurde verurteilt. Viele weitere Verbrechen der Beteiligten sind erst wesentlich später herausgekommen. Das Buch ist ein Produkt des Kalten Krieges. Es war ein Versuch der DDR, ihre Isolation, die durch die Hallstein Doktrin geprägt war, zu durchbrechen. Viele Namen tauchten in dem Buch nicht auf, nicht nur weil sie nicht bekannt waren, sondern auch, weil sie von der Stasi genutzt wurden. Der Vorwurf aus der BRD, dass das Buch ein Erguss der Stasi war, ist jedoch vollkommen egal. Es nimmt dem Buch nicht seine Brisanz. Und eine Brisanz hat es bis heute. Es ist ein Teil der BRD-Geschichte, die zu gerne vergessen wird. Neben einem neuen Vor- und Nachwort besticht das Buch durch das Personenregister und die gute Aufteilung.
MEIKEL F
Braunbuch - 446 Seiten - Edition Ost -
22,50 Euro
bookKPD contra Hitler-Faschisten
Konfuser Antifaschismus
Dass die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 1933 die Machtübernahme
der Hitler-Faschisten nicht hat verhindern können, dürfte allgemein
bekannt sein. Den Hauptgrund für diese folgenschwere Niederlage hat unlängst
die Antifa-Gruppe MAGMA so zutreffend herausgearbeitet, dass der Rezensent sich
aufs Referieren beschränken kann.
Die Quintessenz des Buches, das im DKP-nahen Verlag Pahl-Rugenstein erschienen
ist, lässt sich so formulieren: Die KPD-Politik basierte auf einem unzulänglichen
Faschismusbegriff, der einem falschen Verständnis des Kapitalismus entsprang.
(Seite 256ff.)
Verkürzter Faschismusbegriff
Gegen die antisemitischen Pogrome, die der Auftakt waren zur "Ausrottung
der Juden", wandte sich die KPD 1939, weil dadurch "die deutsche Ehre
beschmutzt" werde (257). Alle "anständigen Deutschen" träten
nämlich mit aller Kraft dem Antisemitismus der Hitler-Faschisten entgegen
(224). Diese groteske Fehleinschätzung ist einer Theorie geschuldet, die
den Faschismus reduziert auf eine Clique brauner Banditen, die nichts als Handlanger
der Finanzkapitalisten sind. Die "Massen" hingegen werden zu lauter
guten Menschen idealisiert, die mitunter unreif, fehlgeleitet und irregeführt
seien (194). Dass die deutschen "Massen" häufig als Hitlers willige
Helfer fungierten, weil ihr Nationalismus die Hirne vernebelte, will ein solchermaßen
verkürzter Faschismusbegriff nicht wahrhaben. Stattdessen wollte die KPD
die "irregeleiteten Massen" mittels ihrer "Programmerklärung
zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes" für die
"Volksrevolution" gewinnen (197ff.). Dergestalt affirmierten die Kommunisten
das falsche Bewusstsein der Lohnabhängigen, statt es zu kritisieren, weil
es die materiellen Interessen seiner Träger ignoriert.
Falsche Kapitalismus-Analyse
Aufgrund der Konstruktion, die "Volksmassen" seien im Prinzip gut
und fortschrittlich, verstellte sich die KPD den Blick für die Kritik des
Nationalismus, dessen brutalste Form der Nationalsozialismus der Hitler-Faschisten
war. Dass die Kommunisten gar die antisemitische Hetze gegen das "jüdische
Finanzkapital" zu einer Form des antikapitalistischen Widerstandes umdefinierten,
resultierte aus ihrer oberflächlichen Kapitalismus-Analyse (260f.).
Obwohl Karl Marx den Kapitalismus bereits Mitte des 19. Jahrhunderts seziert
hatte, kritisierte die KPD nicht die Warenproduktion, deren menschenunfreundlicher
Zweck der betriebswirtschaftliche Gewinn ist, sondern den Egoismus der Kapitalisten,
der darin bestehe, dass sie sich die gesellschaftlich produzierten Werte privat
aneignen. Gar nicht in den Sinn kam den Kommunisten, dass die Bedürfnisbefriedigung
der Zweck der Produktion sein muss, damit die Produktion für den Menschen
und nicht der Mensch für die Produktion da ist. Statt gegen die Verkehrung
von Subjekt und Objekt in der warenproduzierenden Gesellschaft zu agitieren,
betrieb die KPD "eine Idealisierung der (Lohn-)Arbeit, die völlig
vergessen ließ, dass die Befreiung von der Notwendigkeit, die eigene Arbeitskraft
zu verkaufen, um materiell überleben zu können, einmal Ziel der revolutionären
Arbeiterbewegung gewesen war" (261).
Historische Nutzanwendung
Die Gruppe MAGMA hat sich mit der Geschichte der KPD beschäftigt, weil
sie daraus Lehren für den heutigen Antifaschismus ziehen wollte. Die zentrale
Lehre sei hier genannt: Den Faschisten ist nur dann das Handwerk zu legen, wenn
das Ziel der antifaschistischen Politik "die Aufhebung des Staates und
der warenproduzierenden Gesellschaft" ist (260).
FRANZ
Gruppe MAGMA (Hg.): "... denn Angriff ist die beste Verteidigung"
- Die KPD zwischen Revolution und Faschismus. Pahl-Rugenstein, Bonn 2001, EUR
18,50
bookTod in Prag
In der letzten Zeit konnte man immer wieder in deutschen Presseorganen oder
in Politikeräußerungen lesen bzw. hören, dass, wenn Tschechien
in die EU will, man sich gegen die Ungerechtigkeiten gegenüber der deutschen
Minderheit nach Kriegsschluss stellen sollte. Was ja in den allgemeinen Tenor
passt. Der Grass beweint die Wilhelm Gustloff und der Spiegel bringt die große
Serie zur Flucht der Deutschen.
Die Vertreibung der Sudetendeutschen ist allerdings definitiv nicht von der
Geschichte des Reichsprotektorats Böhmen und Mähren von 1939-1945
trennbar. Ich möchte hier zwei Bücher empfehlen, die sich mit dieser
Zeit befassen. "Tod in Prag - Das Attentat auf Reinhard Heydrich"
von Hellmut G. Haasis ist eine spannende Beschreibung dieser Zeit. Reinhard
Heydrich war der stellvertretende Reichsprotektor in Böhmen und Mähren,
de facto aber der mächtigste Mann vor Ort. Er war zudem als Chef des Sicherheitsdienstes
der SS (SD) der Mann nach Himmler und somit eine der Führungspersönlichkeiten
des Dritten Reiches. Die Exilregierung der Tschechen unter Benes wollte ein
Fanal des Wiederstandes setzen und liess Heydrich durch per Fallschirm abgesetzte
Agenten 1942 ermorden. Dieses Attentat hatte verheerende Folgen. Tausende von
Tschechen wurden im Zusammenhang mit dieser Tat getötet. Das bekannteste
Beispiel ist die Zerstörung des Dorfes Lidice, dessen BewohnerInnen fast
alle ermordet wurden. Wenn man dann berücksichtigt, dass Heydrich auch
der Organisator der Berliner Wannsee Konferenz 1942 zur Vernichtung der europäischen
Juden war, so schließt sich der Kreis, wenn man weiss, dass die Endlösung
zum ehrenden Andenken des SD-Chefs "Operation Reinhard" genannt wurde.
Den Showdown, der zum Ende der Fallschirmspringer im Kampf gegen SS-Männer
in der Krypta einer Prager Kirche führte, hätte sich kein Filmregisseur
besser ausdenken können. Drei Dinge bleiben festzuhalten. Wer sich über
die Renitenz mancher Tschechen gegenüber deutschen Interessen wundert,
sollte die Geschichte der Heydrichiade, der deutschen Terrorherrschaft, kennen.
Haasis beschreibt all dies knapp und erläutert auch ethische Probleme,
wie z.B. die Sinnfrage von Widerstand, wenn die Repression danach vorhersehbar
furchtbar sein würde, welches die zweite bis heute bedeutende Frage in
Zusammenhang mit dem Attentat ist. Es werden drittens auch Legenden untersucht,
und die nicht uninteressante Bewertung dieses nichtkommunistischen Kampfes nach
1948 bleibt auch nicht unerwähnt. Wie gesagt, dieses Buch ist zur Zeit
durchaus aktuell und informiert schnell und genau. Wer sich allerdings diese
Geschichte, in der alles Menschliche drin ist, vom heroischen Kampf bis hin
zum trivialen und bösartigen Verrat, ausführlich antun will, der muss
Miroslav Ivanovs Buch "Das Attentat auf Heydrich" lesen. Hier ist
die, wie auch Haasis schreibt, beste Untersuchung und Beschreibung dieses schlimmen
Jahres 1942 in Prag vorzufinden.
FEHRI
Hellmut G. Haasis: Tod in Prag, Hamburg 2002
Miroslav Ivanov: Das Attentat auf Heydrich, Augsburg 2000
bookRechtsextremismus in der Berliner Republik
Bücher über das Thema erscheinen fast wie Sand am Meer; zumeist bestehen
sie aus altbekannten und überalterten Erklärungsansätzen sowie
aus Beschreibungen von rechtsextremen Szenen, die von wenig Kenntnis der Materie
zeugen oder gar nur aus anderen älteren Untersuchungen abgeschrieben sind.
Bei der Neuerscheinung aus dem Hans Schiler Verlag verhält es sich gegenteilig
und zwar in vielfältiger Hinsicht: Zunächst wird deutlich, dass sich
der Autor (und in diesem Fall die Mitwirkenden im 1. Teil des Buches aus dem
antifaschistischen/antirassistischen Spektrum) detailliert auskennen. Desweiteren,
weil die im 2. Teil der Neuerscheinung präsentierte Ursachenforschung quer
steht zu dem allgemeinen extremismustheoretischen Geschwafel und kritisch fundiert
sowie mit Bezug auf den empirischen Teil Gesellschaftsanalyse betreibt und den
Rechtsextremismus einordnet in den vorherrschenden ideologischen und politischen
Rechtsruck.
Zum Inhalt: Der Autor Hajo Funke spricht von einem "Rechtsextremismus neuen
Typs". Er meint damit das Gegenteil von den verharmlosenden und falschen
Zuschreibungen des Rechtsextremismus als "jugendliches Protestverhalten"
oder als ein Phänomen von "Modernisierungsverlierern". Das Neue
materialisiert sich für den Autor in der Durchsetzung einer völkischen
Alltagskultur. Dies wird nicht nur empirisch belegt anhand von Auswertungen
aktueller Untersuchungen wie der Sturzenbecher- und der Rostock-Studie, sondern
zudem detailliert anhand lokaler Entwicklungen und Ereignisse dargestellt. Am
Beispiel ostdeutscher Städte wie Guben, Wurzen, Rostock und der sog. Sächsischen
Schweiz wird kenntnisreich erörtert, wie sich organisierter Neofaschismus
in einem völkisch/rassistisch orientierten gesellschaftlichen Umfeld weitestgehend
ungestört entfalten kann. Schlagworte wie "National befreite Zonen"
erhalten hierbei ihre auf Fakten gestützte Beschreibung in der gesellschaftlichen
Lebensrealität. Die Täter, Organisationen und das sie stützende
"normale" Umfeld werden dabei detailliert beschrieben - eine Darstellung
in Tradition bester Antifa-Recherche. Dabei wird nicht nur das Wirken und die
Organisationsstruktur der NPD, sondern zugleich die des in "Kameradschaften"
organisierten militanten Neonazismus überaus faktenreich und auf der Höhe
der Zeit erläutert. Im zweiten Teil der Neuerscheinung wird ein Vergleich
zwischen west- und ostdeutscher Entwicklung des Rechtsextremismus in seinem
politischen Gesamtkontext erstellt. Das rapide Anwachsen von Rassismus und Rechtsextremismus
nach der Wiedervereinigung leitet die politische Erläuterung der These
vom Rechtsextremismus neuen Typs ein. Die auch von Funke vertretene These, dass
Rechtsextremismus und Rassismus aus der Mitte der Gesellschaft kommen und argumentative
Schützenhilfe durch die vorherrschende Politik erfahren, wird anhand des
Wirkens des CDU-Politikers Jörg Schönbohm beispielhaft verdeutlicht.
Kritisch, kenntnisreich, exzellent recherchiert und angereichert mit bis dato
weitestgehend unbekannten Detailinformationen stellt das Buch eine äußerst
gelungene Mischung aus solidester Antifa-Recherchearbeit und fundierter politikwissenschaftlicher
Analyse dar.
So sollten Bücher zum Thema gemacht werden!
AL C.
Hajo Funke: Paranoia und Politik. Rechtsextremismus in der Berliner Republik
- Verlag Hans Schiler, Berlin 2002, 330 S.
bookDoppelweiß
Algerien ist ein Land, von dem wir in der Regel wenig wissen. Mittlerweile
ist es ein wenig ruhiger geworden mit den Berichten über die Massaker.
Doch beruhigt hat sich das Leben in der Diktatur immer noch nicht.
Mohammed Moulessehoul war hoher Offizier in der algerischen Armee. Er bekam
das Elend, das die Islamisten und auch das Militär anrichteten, hautnah
mit. Schon bevor die Islamisten 1992 die Macht ergreifen wollten, schrieb er
Bücher. Seine Antwort auf den Bürgerkrieg und den Terror waren Krimis
mit dem Kommissar Llob. Er musste unter Pseudonym veröffentlichen und nahm
dafür den Namen seiner Frau an. Erst als er in Frankreich im Asyl war,
lüftete er sein Geheimnis.
Nur einen Tag nach Llobs Besuch beim angesehenen Diplomaten Ben Ouda ist dieser
tot. Dies ist ein Auftakt, bei dem Llob weitere Leichen zu Gesicht bekommt und
selber in höchste Gefahr gerät. Es beginnt ein Verwirrspiel zwischen
Islamisten, Geheimdienst und ökonomischen Potentaten, die alle ihre eigenen
Interessen verfolgen. Kommissar Llob kommt einer unglaublichen Verschwörung
auf die Spur. Industrielle nutzen die verfahrene politische Situation des Landes,
um ihren Machtbereich zu vergrößern und das Land unter ihre Kontrolle
zu bekommen. Dazu benutzen sie die Islamisten. Ein gar nicht mal so unwahrscheinlicher
Erklärungsansatz, nur die Beschreibung der Polizei als neutrale Instanz
wirkt dabei etwas unglaubwürdig. Ein spannender Krimi, der einen Einblick
nicht nur in das Land gibt, sondern auch die Zustände vor Ort beschreibt.
MEIKEL F
Doppelweiß - Yasmina Khadra - 156 Seiten für 8.90 Euro
bookErnst Niekisch
"Nationalrevolutionäre" tauchen in der gängigen Literatur
über den Neofaschismus meist als Strömungen aus den Spätsechzigern,
als NPD-Abspaltung oder Flügel der sog. Neuen Rechten auf. Verkannt wird
dabei zumeist, dass die sog. nationalrevolutionäre Ideologie - eine apologetische
Eigenbezeichnung eines spezifischen Flügels faschistischer Ideologie -
höchst aktuell ist und zum ideologischen Repertoire des in sog. Kameradschaften
organisierten militanten Neonazismus gehört, in dessen (zu ca. 90% allerdings
aus primitivsten Theorieversatzstücken bestehenden) Medien jener Ansatz
zur theoretischen Grundlage erhoben wird: Ein völkisch-nationaler "Sozialismus"
in Anlehnung an die NS-Ideologie. Als der bekannteste historische Vertreter
hierzu kann Ernst Niekisch angesehen werden. Michael Pittwald liefert in seiner
ausführlichen Auseinandersetzung mit Niekisch ein solides Grundlagenwerk
über den "Nationalrevolutionär" und dessen Auswirkungen
auf neurechte Strömungen. Der Lebensweg und das politische Wirken von Niekisch
wird detailliert und im Kontext der politischen Bewegungen beschrieben. Ein
- selektiver! - Auszug aus dessen Biographie kann Linke ins höchste Staunen
versetzen: In den Zwanzigern SPD-Mitglied, mitwirkend bei der Münchener
Räterepublik, 1939 wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu lebenslangem Zuchthaus
verurteilt, 1945 Übersiedelung in die Sowjetische Besatzungszone, KPD-
und später SED-Mitgliedschaft, Eintritt in die VVN... ein waschechter Antifaschist?
Die Abkehr Niekischs vom NSDAP-Kurs ab Mitte der Dreißiger und seine Inhaftierung
im Nationalsozialismus wird in nationalrevolutionären Postillen der Nachkriegszeit
angeführt, um dem Nationalrevolutionär eine antinazistische Gesinnung
anzudichten - eine Wertung, der sich allerdings auch linke Organisationen und
Persönlichkeiten anschlossen. Real jedoch - und das zeigt die Untersuchung
material- und faktenreich auf - sah sich Niekisch in seinem fanatischen Blut-
und Boden-Nationalismus und seinem Rassismus als radikalster Vertreter eines
Nationalsozialismus "links" von der späteren NSDAP an. Umgesetzt
wurde diese Ansicht in dem von ihm geführten nationalrevolutionären
Organ "Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik"
ab 1927 dargelegt. Mitwirkende Niekischs in jenem Organ waren u.a. Ernst Jünger,
der frühere Funktionär des "Alldeutschen Verbandes" Gustav
Sondermann sowie der Mörder von Walter Rathenau, Ernst von Salomon. Niekisch
personifiziert demnach - dies wird unter ideologischen und politischen Prämissen
kenntnisreich erläutert - das, was als "linke" Strömung
des Faschismus bezeichnet werden kann. Zugleich demonstriert Niekischs politischer
Werdensgang die unangenehme historische Tatsache, dass "nationalrevolutionäre"
Personen wie auch Strömungen temporärer und selektiver Teil linker
Bewegungen gewesen sind.
Der Autor legt schlüssig dar, dass eine spezifische linke Affinität
zu Nation und Nationalismus der Schlüssel zum Verständnis derartiger
Entwicklungen ist; eine völkische Mystifizierung der Nation, die geistesgeschichtliche
Tradition in Deutschland hat. Pittwald stellt dies exemplarisch an dem völkischen
Denker Johann Gottlieb Fichte dar. Die Affirmation des völkischen Nationalismus
durch die Linke wird dargestellt durch die Rekonstruktion nationalistischer
Vorstellungen des Gründers der sozialdemokratischen Bewegung, Ferdinand
Lassalle. Pittwald legt hierbei detailliert dar, wie sich der Nationalismus
Lassalles in radikalisierter Form bei Niekisch fortsetzt: Zunächst in seinem
Wirken bei den Jungsozialisten des Hofgeismarkreises und dann im Übergang
zur völkischen Rechten. Niekisch - das muss beachtet werden - war jedoch
zeitlebens ein Wanderer zwischen rechten und linken Organisationen: ein rechter
"Linker" sowie ein "linker" Rechter, was ein bezeichnendes
Licht wirft auf das Verhältnis der Linken zu Nation und Nationalismus.
Pittwalds hervorragend ausgearbeitete Untersuchung hat somit nicht zuletzt auch
einen höchst brisanten aktuellen Stellenwert. Die Untersuchung zeigt nämlich
die politischen Folgen auf, einer linken Affirmation von Volk, Nation und "nationaler
Befreiung" auf.
AL C.
Michael Pittwald:. Völkischer Sozialismus, nationale Revolution, deutsches
Endimperium. - PapyRossa-Verlag, Köln 2002, 355 S., 20,50 Euro
bookNation, Nationalismus und Globalisierung
Dieses Buch eignet sich hervorragend für alle, die einen
komprimierten Einstieg in den Diskurs um Nationalismus erlangen möchten.
Zugleich dient diese zusammenfassende Beschreibung unterschiedlicher Theorien
über den Nationalismus als geeignetes Nachschlagewerk. Özgür
Öner - aus der Schule des marxistischen Faschismusforschers Reinhardt Kühnl
- gibt hierbei einen kenntnisreichen Einblick in die theoretischen Ansätze
zur Erklärung von Nationalismus. Dies beinhaltet eine Darlegung klassisch
marxistischer sowie neomarxistischer Theorieansätze von Luxemburg bis Poulantzas
und Balibar über die unterschiedlichen modernisierungstheoretischen Ansätze
bis hin zu einer Rekonstruktion der sozialhistorischen Entwicklung von Nation
und Nationalismus. Im letzten Teil seiner theoretischen Rekonstruktion stellt
der Autor den Nationalismus und die Rolle der Nationalstaaten in den Kontext
der Globalisierung und erläutert hierbei die unterschiedlichen Wertungen
von Modernisierungstheoretikern und Neomarxisten.
Ein guter Einstieg in das Thema!
AL C.
Özgür Öner: Nation, Nationalismus und Globalisierung. Eine Bilanz
theoretischer Erklärungsansätze - PapyRossa-Verlag, Köln 2002,
216 S., 18 Euro
www.terz.org - 26.4.2002