"Düsseldorf geht gar nicht!" Bis letzten Sommer war dieser Satz bei allen, die nach kulturellen Ereignissen jenseits von Kommerz und Mainstream suchten, weitestgehend Konsens. Ganz Düsseldorf ist von Ballermännern und Yuppieschnecken besetzt. Ganz Düsseldorf? - Nein! In einer alten Tankstelle mitten in Bilk leisten einige unbeugsame CineastInnen, Plat-tenauflegerInnen, Punkliterat-Innen und andere kreative Geister unter dem Namen "metzgerei schnitzel e.V." erbitterten Widerstand. TERZ sprach mit zweien von ihnen über ihr Projekt, die BRAUSE.
TERZ: Was ist "metzgerei schnitzel e.V."?
Carsten: Metzgerei schnitzel e.V. ist angemeldet als gemeinnütziger Kunstverein.
Gegründet worden ist das Ding von vier Leuten, nämlich den Celluloid
Suckers, weil wir ein bisschen Geld hatten, das wir in ein Projekt stecken wollten,
um in Düsseldorf mehr alternative Kultur zu machen. Wir versuchen das jetzt
als großes Kollektiv, das heißt, dass die Leute, die Mitglieder
werden, das sind inzwischen 85 Leute, den Laden gestalten. Die übernehmen
alle möglichen Aufgaben von Theke machen bis hin zu Themenabenden, Platten
auflegen, Ausstellungen organisieren, putzen und so weiter.
TERZ: Das Konzept war also, dass Ihr einen Haufen Leute kanntet, die Kultur
gemacht haben, und dass Ihr einen Raum zur Verfügung stellen wolltet, wo
man solche Sachen bündeln kann?
Anika: Nee. Wir kennen halt so einige Leute, die kreative Sachen machen, aber
keine professionellen Kulturschaffenden in dem Sinne. Klar sind da einige Künstler
dabei, aber die meisten sind ganz normale Leute, die eben auch Ideen haben.
Bisher gibt es keinen Ort, an dem du so was machen kannst. Du kannst nicht einfach
irgendwo sagen: Kann ich jetzt hier mal den Raum haben, um Filme zu zeigen,
oder um einen Diskussionsabend zu machen oder um meine Bilder aufzuhängen,
die ich mich sonst nirgendwo zu zeigen traue. Es war schon wichtig, dass jedermann
die Möglichkeit hat, zu machen was er will. Es wird auch nicht großartig
zensiert - außer es wäre so was richtig Bescheuertes,...
TERZ: Gibt es Kriterien, für das, was die Leute da machen können,
oder bleibt das der Initiative der Leute überlassen?
Anika: Es gab solche Sachen, dass einer einen Vortrag über Australien gehalten
hat, weil er halt gerne nach Australien fährt. Der nächste macht dann
einen Filmabend, weil er sich für Film interessiert. Oder die beiden Jungs,
die irgendwann Künstler werden wollen und jetzt das erste Mal die Möglichkeit
hatten, eine Ausstellung zu machen. Da ist das Konzept, dass es keine Zensur
geben soll. Außer wenn es jetzt Pornografie oder so was wäre, dann
würde darüber wahrscheinlich schon diskutiert werden. Oder wenn's
kommerziell werden würde, das würde nicht funktionieren.
TERZ: Wie würde das dann entschieden?
Anika (lacht): Naja, dann ist der erste, den er fragt, der Carsten, und der
sagt sofort nein...!
Carsten: Generell muß ich noch mal sagen, uns war es wichtig, dass wir
nichts buchen, also keine Ausstellungen oder keine Bands, weil es ja darum ging,
dass die Leute selber den Arsch hoch kriegen, und nicht darum irgendjemand Tolles
in die Stadt zu holen. Da steckt sehr viel Potenzial drin, das man erst mal
hervorlocken muss, indem man es den Leuten einfach macht, ihre Sachen zu zeigen.
Da muss eine Atmosphäre herrschen, wo es ungezwungen ist, wie in einem
Wohnzimmer, dass sich die Leute auch trauen, ihre Sachen zu machen.
Anika: Aber was ist denn jetzt, wenn irgend so'n Trash kommen würde?
Carsten: Der Laden ist ja nun mal links ausgerichtet, da wird jetzt keiner kommen
und sagen, ich will da eine rechte Veranstaltung drin machen. Sexistische Sachen
- gut, das ist natürlich so ein Thema, wo nicht alle gleich drüber
denken. Für manche Leute sind Schulmädchenfilme aus den Siebzigern
cool, nix Pornografisches, sondern eher was Lustiges, das die Zeit wiederspiegelt.
Für andere ist das frauenverachtend und sexistisch. Da müsste man
dann im einzelnen drüber diskutieren, wenn so was passiert. Bei solchen
Filmabenden wie dem Maxzehnabend bringen Leute ihre Lieblingsfilme mit, und
dann werden die schönsten zehn Minuten gezeigt. Beim letzten Mal war mal
so'n Splatterzeug dabei, das fanden alle eher cool. Aber wenn da jetzt ein Porno
bei gewesen wäre, fänd ich das auch nicht weiter schlimm, weil das
dann für sich spricht. Die Person ist da und muss sich verteidigen, wenn
jemand was sagt, und muss dafür einstehen.
TERZ: Würdet Ihr Euch als politisches Kulturprojekt bezeichnen?
Anika: Naja, nicht so wie ein Linkes Zentrum, aber schon auf eine Weise alternativ,
insofern, als dass da jeder selbstbestimmt und selbstverantwortlich was machen
kann.
Carsten: Also ich find das sehr politisch, genauso politisch wie's Linke Zentrum,
nur eben auf eine andere Art. Unser Weg war immer der, das über die kulturelle
Sache zu machen und da auf Missstände aufmerksam zu machen, auch in dem
Sinne, dass man das vorlebt. Auch Celulliod Suckers ist für mich was Politisches,
weil der Eintritt da immer noch fünf Euro kostet. Ich würde das nicht
nur festmachen an Diskussionsforen oder daran, wie linke Politik sonst leider
oftmals läuft. Zum Beispiel in der Antifa: Wenn Leute das von außen
sehen, weil sie noch nie reingeguckt haben, das schreckt Leute auch ab, weil
sie meinen, da wird alles diskutiert, alles auseinander genommen, irgendwelche
Theorien gewälzt, und das war's. Wir sind immer mehr so praktische Leute
gewesen. Man kann ja auch darüber diskutieren, ob die BRAUSE nicht eine
Gegenbewegung in dem Sinne ist: Alles geht hin zu Singlehaushalten, alles geht
hin zum Kommerz, du kannst dir alles kaufen,... - und bei uns kannste dir nix
kaufen, du musst es selber machen. Du kriegst nichts vorgesetzt, und das find
ich ein sehr großes politisches Statement.
TERZ: In Eurer Selbstdarstellung füllt ihr den Begriff "Gegenkultur"
mit "nicht-kommerziell" und "selbstorganisiert/selbstbestimmt".
Meint Ihr, das reicht? Wenn man sich das Programm der BRAUSE mal ansieht, laufen
da viele trashige, viele spaßige Sachen. Sortiert sich das nicht prima
ein in den derzeitigen Mainstream?
Carsten: Es stimmt schon, dass Magazine wie z.B. der Prinz oder eben auch Viva
alles ausschlachten und dass es in dem Sinne eigentlich gar keine Gegenkultur
mehr geben kann, es sei denn, es ist wirklich was Schockierendes. Aber es gibt
ja auch den Weg, dass man nicht durch jede Aktion schocken muss, sondern langsam
etwas auslösen will, einen Prozess. Ich find am Wichtigsten, dass Leute
selbstbestimmt was machen, und auch wenn es Trash ist auf Viva, ist es nicht
selbstbestimmt, da wird sowas gemacht, weil es sich gerade verkauft. Bei uns
wird nie was gemacht, weil es gerade hip ist. Was ich bei uns ein bisschen vermisse,
ist, dass noch ein paar rein politische Sachen laufen, damit die Abwechslung
noch größer ist. Aber ich fänd's dann eben auch gut, wenn solche
Themen mal anders behandelt würden.
TERZ: Kann bei Euch jedeR mitmachen?
Anika: Klar, vom Prinzip her schon.
Carsten: Also, außer so extrem... - aber da muss man ja nicht drüber
reden, oder?! Ich mein - das ist doch klar...!
TERZ: Du meinst, wenn jetzt ein Nazi vorbei käme und sagen würde,
er tät gern mal einen Heimatabend machen, dann würdet Ihr da schon
noch mal drüber reden?
(allgemeines Gelächter)
Carsten: Nee. Da reden wir nicht drüber... Was natürlich ein Problem
ist: Wir sind ein ganz offener Laden, das heißt anders als das Linke Zentrum,
wo man schon weiß, welche Leute da hingehen. Da kommen auch Leute, die
mal gehört haben, das ist schick und trendy. Solche Leute wollen wir natürlich
eigentlich nicht haben, aber wir grenzen die auch nicht aus. Jeder kann sich
das angucken. Die Leute merken schon schnell, dass man sich da mit Sachen auseinandersetzen
muß.
TERZ: Ihr kooperiert ja auch mit anderen Projekten, wie z.B. den Leuten
von Block, die Radio machen und ab und zu bei Euch auflegen. Ist das auch Teil
des Konzepts, dass man sich gegenseitig featured? Und gibt's noch andere Projekte,
zu denen Ihr Kontakt habt?
Carsten: Angefangen hat das Ganze durch den Kontakt zu PLUS e.V. in der Hildebrandtstraße.
Das ist ein Kunstverein von drei Akademieleuten, die was ganz Ähnliches
machen, nur eben mit einer anderen Ausrichtung. Da geht's nur um Kunst. Die
haben uns am Anfang geholfen. Sonst sind das bei uns eher Einzelleute, die noch
unorganisiert sind.
Anika: Ein Teil der Idee war auch, so was zu machen, wie in Berlin oder Hamburg,
dass man mal einen Laden hat, wo man gerne hingeht und wo's auch nicht so teuer
ist. Eben was, was Düsseldorf-untypisch ist.
Carsten: Hier ist das alles immer so von der normalen Kneipenkultur in der Altstadt
geprägt, wenn Leute mal einen neuen Laden aufmachen. Auf der anderen Seite
kennen wir Leute in Berlin, die da auch so was machen wie wir, und die total
neidisch sind, wie gut das hier läuft. Und das liegt daran, dass es in
Düsseldorf einfach nix gibt. In Berlin gibt's so viel, und wenn du hier
einmal so einen Laden hast, dann machen da plötzlich alle Leute was, die
sonst auf zwanzig Läden verteilt wären. Und das ist ja auch schön.
TERZ: Euer abschließendes Statement zur derzeitigen Düsseldorfer
Kulturlandschaft
Anika: Also ich geh nirgendwohin, außer in die BRAUSE und ins Linke Zentrum...
Carsten: Ich find, dass es in den letzten Jahren besser geworden ist. Ich denke,
dass man mit so etwas wie der Kiefern auch endgültig abschließen
musste, wo früher ja echt gute Konzerte zu fairen Preisen waren, was aber
einfach seit Jahren vorbei ist, und wo es daran gemangelt hat, dass es in dem
Bereich was anderes gibt. Da sehe ich jetzt schon, dass es viele Leute gibt,
die was machen und die auch in verschiedenen Bereichen zusammenarbeiten. Ich
bin da optimistisch, dass da noch viel passieren wird.
DAS INTERVIEW FÜHRTEN : TOM UND KRÜMEL
BRAUSE. Bilker Allee 233.
Geöffnet Dienstag- und Donnerstagabend.
Sonntagnachmittag: Kaffeepunk um zwei.
Programm unter www.metzgereischnitzel.de
www.terz.org - 24.4.2002