Am 6.April demonstrierten rund 300 Menschen für freie Kommunikation
und gegen Zensur im Internet. Geladen hatte der Chaos Computer Club, der damit
seinen ersten physischen Protest organisierte.
Aufgerufen hatten neben den Computer-Freaks eine Reihe weiterer Organisationen
und Prominente der Internet-Welt als auch politische Initiativen, wie etwa die
Freie ArbeiterInnen Union Bonn, der virtuelle Ortsverein der SPD und der Bundesverband
der Grünen Jugend. Gekommen waren hauptsächlich Computer-Freaks und
ein paar Linksradikale aus Düsseldorf (und ein Nazi, der sich wohl verlaufen
hatte).
Der Protest richtete sich gegen Zensurmaßnahmen der Bezirksregierung Düsseldorf.
Diese hatte bereits am 8. Februar per Erlass eine Sperrverfügung gegenüber
mehr als 80 Anbietern von Internet-Zugängen (sog. Access-Provider) verordnet
und wollte diese damit zwingen, zwei neonazistische Webseiten für Ihre
Kunden unzugänglich zu machen.
Zu Recht kritisierte der Chaos Computer Club diese Maßnahme als Testballon
für weitreichendere Zensurmaßnahmen. Nicht der Kampf gegen die extreme
Rechte sei das Anliegen der Provinzbehörde, sondern Zensur und Kontrolle
eines internationalen Kommunikationsmittels. Die Maßnahmen würden
sich nämlich nicht gegen den Urheber, sondern den Überbringer der
Information richten und zudem lediglich dem Interessenten schaden, also all
jenen, die im Internet sich z.B. zu Neonazismus - auch aus Originalmaterial-
informieren wollen. So beteiligen sich jetzt schon diverse Hochschulen in NRW
freiwillig an diesem Zensurprojekt. Zudem wird deutlich, was eigentlich gewollt
wird, sieht man sich die weiteren Maßnahmen der Bezirksregierung an: Diese
beauftragte nämlich drei namhafte Internet-Firmen, in Zusammenarbeit mit
der Universität Dortmund ein effektiveres Filtersystem zu entwickeln -
die momentane Sperrung, der tatsächlich etliche Provider kritiklos Folge
geleistet hatten, lässt sich nämlich mit einfachen EDV-Kenntnissen
umgehen. Schon jetzt sammelt die Bezirksregierung in einem Online-Meldeformular
Beschwerden bezüglich Internet-Seiten. Die angegebenen Kriterien betreffen
natürlich nicht nur neonazistischen Inhalt, sondern gehen weit darüber
hinaus: Neben Pornographie, die Jugendlichen zugänglich gemacht würde,
wird dort zur Denunziation von "Angeboten, die geeignet sind, Jugendlich
sittlich schwer zu gefährden" aufgerufen. Unerwünscht sind ebenfalls
Webseiten, die Gewalt- oder/und Kriegsverherrlichung betreiben würden,
oder die "Verletzung der Menschenwürde" zur Folge hätten.
Lakonisch meinte ein Demonstrationsteilnehmer, dass daraufhin die Bezirksregierung
als erstes die Webseiten der Bundesregierung zu sperren hätte. Ganz skurril
wird es beim letzten Kriterium, wo "fehlende Anbieterkennzeichung"
und der Verbraucherschutz für die Allmachtsphantasien der Behörde
herhalten müssen.
Redner auf der Demonstration, wie etwa der Europadirektor des Internetregulierungsgremiums
ICANN, Andreas Müller-Maguhn, oder Online-Aktivist und Künstler padeluun,
sprachen sich denn auch für die sofortige Rücknahme der Sperrverfügung
aus und verglichen die aktuelle Entwicklung mit China und dem Iran, oder auch
Huxleys Buch "Schöne Neue Welt". Einzig der Redner des Antifa-KOK
Düsseldorf verwies darauf, dass es natürlich gute Gründe gäbe,
neonazistische Publikationen zu unterbinden - nur sei der Staat, wie erst der
Verfassungsschutz-Skandal im NPD-Verbotsverfahren gezeigt habe, wohl der falsche
Adressat für solche Forderungen. Auch würde die Geschichte der Repression
und Zensur - auch im Internet - ein anderes Bild skizzieren, als jetzt von der
Bezirksregierung behauptet: Hauptsächlich linke und systemkritische Menschen
bzw. Organisationen seien solchen Maßnahmen bisher ausgesetzt gewesen.
Alles in allem also Grund genug, sich gegen jede staatliche Zensurmaßnahme,
gegen alle Tendenzen hin zum totalen Überwachungsstaat, zur Kontroll- und
Disziplinargesellschaft zu wenden, da diese - vor allem im Sinne eines Kampfes
gegen Neonazismus - kontraproduktiv sind.
THOMAS B
Weiterführende Links zum Thema:
Seite zur Demonstration in Düsseldorf:
www.netzzensur.de
Hintergrundinformationen zur Netzzensur samt Unterschriftenaktion:
www.odem.org/informationsfreiheit/
Seite des Chaos-Computer-Club:
www.ccc.de
Seite des Antifa-KOK:
www.antifakok.de
www.terz.org - 24.4.2002