Alles alt macht der Mai. Menschen starben in echt und wir sahn's im Fernsehn,
und um die Ecke hat die Neumünsteraner FDP aus Protest gegen die dort gastierende
Wehrmachtsausstellung auf ihrer Internet-Seite kurzfristig Links zu Seiten der
NPD aufgebaut, um bezüglich der Ausstellung - die, so ein örtlicher
Ratsherr, keine Vergangenheitsbewältigung sei, sondern eine Polit-Show
- auf die Diskussion hinzuweisen. Der beim vorletzten mal hier erwähnte
Protest-Souler Edwin Starr ("War", "Stop the War now") erlag
übrigens kürzlich mit 61 Jahren einem Herzinfarkt. Trösten wir
uns mit Musik? Wir fressen uns durch, und dann werfen wir mal die Motoren an.
Aufgrund der gebotenen Massenklasse heute im definitiven Schweinsgalopp durch
die Neuigkeiten.
YO LA TENGO: SUMMER SUN (Matador)
Nach der "Nuclear War"-EP, auf der Sun Ra Tribut gezahlt wurde, endlich
wieder ein durchgehender Ohrenwärmer aus Hoboken. Zwischen melodischer
Melancholie und uptempo-Albernheiten findet sich hier eine der letzten und wunderbarsten
Konsens-Bands dieser Erde. Grüssartig.
SMOG: SUPPER (Domino)
Je älter, desto mehr, desto sicherer, desto größer. Nix Altersweisheit,
nix Misantrophenboogie für abgewixte Rolling-Stone-Gerontozombies. Wärmer,
klarer, deutlicher, reicht dir eine Hand, um dir das Schlechte des Tages abzunehmen,
die andere kassiert dafür. Leute, tut euch diese Größe rein.
M. WARD: TRANSFIGURATION OF VINCENT (Matador)
Neue Songleute? Bitteschön: Ein Portlander auf der Suche nach sich selbst
stößt mal eben die ganze Welt dabei um. Dabei helfen Klampfe, Harp,
ein paar Dashtrommeln, ein altersschwaches Piano, Howe Gelb, Catpower, und Bowies
"Lass' tanzen" wird auch noch ohne nerdige Hipness gecovert. Wahnsinnsgut.
MAXIMILIAN HECKER: ROSE (Kitty Yo)
Deutscher Nick Drake? Der Konfirmand?! Der NeueMitteMythos windet sich in beeindruckendem
Breitwandpathos und fleht, geliebt und gegessen zu werden. Irgendjemand Appetit?
Ich fürchte, ihr seid viel zu alt dafür, meine Lieben. Keine Sorge:
die anderen werden es liiiiiiieben! Das hier geht definitiv weiter.
KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF: CICADIDAE (Staubgold)
Hier hingegen: Fantastik, Erotik, Geheimnisse und Humor...das geht auch ohne
Geschluchze und Pseudo-Spectorness. Gute Nacht, mein Name ist Novalis und der
erleuchtende Traum ist meine Tat. Die Wahrheiten, die diese badischen Freischwimmer
freilegen, wiegen schwerer als geschürfte Edelsteine. Hier in ein klares
Netz filigraner Dichte gewebt, dass mir ganz schlafwandelig wohl wird.
DEAD CAN DANCE: WAKE (4 AD)
Und hier sozusagen zwei Pioniere: Wanderer zwischen Welten und Brückenbauer
zwischen Stilen: antike, marginalisierte, folkloristische und zeitgenössische
Musik, Arabeske folgt auf Mysterium, Klarheit auf konkrete Romantik. 2 CD-Best-Of
dieser magnifizienten und oft unterschätzten Band.
BROADCAST: PENDULUM (Warp)
Genauso bodenständig-verträumt: die Neo-Psychedeliker aus Birmingham.
Brilliante Kante zwischen Pop und Schärfe. Unaufdringlich störende
Wahnsinnsnuancen und beunruhigend-beruhigende Psychoakustik. Wowee!
THE JEEVAS: 1234 (Setanta)
Bisschen Rock noch. Bisschen Velvetgerotze und Psychocomicpop, bisschen Trio
aus Bath mit Sinn für keeping the oldest farts in pop simple und fresh.
GIDDY MOTORS: MAGMANIC (FatCat)
Bisschen anderer Rock. Bisschen sehr viel besser als jede andere Musik, die
sich heute noch Rock nennt. 3 Traxx, Albini wieder an den Reglern, "Eisbär"-Cover.
MAPSTATION feat. RAS DONOVAN: VERSION TRAIN (Staubgold)
Stefan Schneiders Soloprojekt versteht und assimiliert Reggae elektronisch,
ohne sich anbiedern zu wollen. Der Klang wird klinischer, aber niemals kälter.
OPIATE: SOMETIMES EP (Morr)
Liebhabermusik. Schwingungen aus Minimalakustik und Samplerism von T. Knak aus
Kopenhagen, dessen Job "Einkäufer für das Tonträgerarchiv
einer grossen staatlichen Radiostation" ist. Da kommen logen nette Vibes
zusammen.
MEANEST MAN CONTEST: MERIT (Plug Research)
Dunkler SloMo-Funk rollt um die Ecke, und bald wird deutlich, dass die sehr
abgefahrene Indie-HipHop-Version des Duos aus Oakland ne Menge kann. Titel des
Monats: "Don't die on Christmas" und "Alive in sweet bad times".
PREFUSE 73: ONE WORD EXTINGUISHER (Warp)
Aber ungleich geiler: das Original. Abstract HipHop's Finest Scott Herren rockt
auf seinem Zweitling derart fett und cool daher, dass das Genre dekonstruiert
wird und flugs wieder neu zusammenkommt. Und wie sexy das ist, ey! Wowee!
DOCTOR L: MONKEY DIZZYNESS (Fat)
Und dann kommt der Doctor. Und nix ist mehr, wie es war. Merkt ihr die Steigerung?
Abgedrehter und relaxter kommt euch keiner dieser Tage. Dieser Psycho-Dub-Funk
ist das allerschärfste, was dieser Welt in Sachen gelassener Weirdness
passieren kann. Unfassbar geile Produktion eines großen Freigeistes.
NOBUKAZU TAKEMURA: 10th (Thrill Jockey)
Genauso großartig: dieser einzigartige scheinbar naïve und klangfarbenfrohe
Vibe in der grandiosen Fähigkeit des Japaners, Komplexes derart simpel
zu generieren, hier gar mit singender Sprachbehindertensoftware - unglaublich!
FOUR TET: ROUNDS (Domino)
Als Chill-Out für diese kompakt-abstrakt-psychedelische Runde empfehlen
wir Kieran Hebdens immergutes Projekt: taffer Charme und ein lässiger Folkvibe,
immer wieder gestört und betört vom eigenen kleinen gepflegtem Wahn.
VS_PRICE: <CALIN>MINETTE (Expanding Records)
Knisterbeats und Minimalmelodics aus Toulouse, psychotronisch, aber straight.
Sehr kantiges Ding, das aus der seltsamen Beunruhigung immer wieder in total
überraschende treibende Electrorhythmik gerät und korrekt zerrt und
fordert.
DONNA SUMMER: THIS NEEDS TO BE YOUR STYLE (Irritant)
Schön. 1fach schön. Ein Typ namens Jason Forrest schmeißt sein
08/15 NYer Künstlerdasein in die Ecke, nennt sich nach einer abgerauschten
Discodiva, streift sich die Zappamaske über, macht Sampledeliacore und
zerhackstückt Klangmaterial. Mit logischer Supertramp-Hommage. Er meint
es. Wahnwitzig!
SET FIRE TO FLAMES: TELEGRAPHS IN NEGATIVE / MOUTH TRAPPED IN STATIC (FatCat)
Das 13köpfige Kollektiv aus Montreal nahm gleich 2 Platten in einer verlassenen
Scheune bei Ontario auf, "in states of little or no sleep, in varying levels
of intoxication, and in physical confinement." Anstatt des Fetischs des
perfekten Mixes Intensität pur - und das auf 24 Spur. Lange keine so direkte
und kompromisslose Aufnahme voller Wahrheit gehört!
HEADPHONE: WORK IN PROGRESS 1998-2000 (Ici d' Ailleurs)
JM Pires lädt sich gute Leute für dieses Bandprojekt ein, um einem
unaufgeregtem Avant-Rock-Jazz-Blues-Vibe nachzugehen. Das Ergebnis besticht
durch seine bescheidene Genauigkeit und wächst zu stiller Größe.
HINT: PORTAKABIN FEVER (Ninja Tune)
Der 23jährige Brite aus Leicester fragt "why the top ten sucks in
2002", schiebt seine Instrumente in den Sampler, und vorne kommt eine typisch
eklektizistisch geschmackvolle Ninja-Mischung heraus. DJ Food winkt müde
aus der Ferne.
JAY ALANSKI: LES YEUX CREVÉS (F Com)
A Reminiscent Drive öffnet wieder sein 8-Spurgerät auf den Hügeln
Montmartres und entlässt erneut diese analog-meditativen Popsongs, diesmal
jedoch mit einigen verrückten Clowns mehr drin. Ganz komischer Kauzpop.
GARE DU NORD: KIND OF COOL (Pias)
Une autre Parisien PopVision zeichnet sich durch weich gezeichnete Liebe zu
Gainsbourg, Jazz und Liebe zum Detail aus. Differenzierte Lounge-Attitude.
TOMMY GUERRERO: SOUL FOOD TAQUERIA (Mo Wax)
Sturer legendärer Skateboard-Bauer aus San Francisco würzt seine Freizeit
mit tiefergelegten akustischen Latino-Folk-Grooves. Musik voller Seele und Sonne
GREENS KEEPERS: THE ZIGGY FRANKLEN RADIO SHOW (Classic)
Das Duo aus Chicago mixt Ragtime, Swing und Jazz mit den dort gepflegten typischen
House-Vibes und putzt die Tanzflure, bis sie nass und schlüpfrig sind.
GOLD CHAINS: YOUNG MISS AMERICA (Pias)
Wummeliger Art-Punk-Sleaze-HipHop aus San Francisco mit direktem subversivem
Humor. LaFatas "Citizens Nowhere" rufen zur "Revolution"
auf: ungezogen, aber mit einer deutlichen Attitude, die soziale Issues herunterhustlet.
ANGIE REED: THE BEST OF BARBARA BROCKHAUS (Chicks on Speed)
Angie ist eine italoamerikanische Performerin aus Berlin, die bei Stereo Total
spielte und mit Gonzales und den Zitronen tourte. Sie spielt Stand-Up-Comedy-mässig
eine gelangweilte Sekretärin, die ihre surrealen Träume per Puppetmastaz-produziertem,
elektronischen HipHobeligem Ruffbeat umsetzt.
DANNY KRIVIT: EDITS BY MR. K (Strut)
Fuck! Diese Ruff-Disco-Edits von Krivits, totaler Music-Lover und 30 Jahre umtriebige
DJ-Legende, fangen irgendwann an, Funken zu schlagen und zu brennen! Neben Sly
Stone und Lenny Williams gibt's ordentlich Nuggets.
V.A.: THE DRUM & BASS FIESTA (V Recordings)
Für den Nachschlag: DJ Patife und Suv legen auf 2 CDs superbe Frühlings-
und Sommertunes from mighty V-Recordings zum Weitermachen und Durchhalten auf:
"The torch of freedom, let it shine", frei nach Cleveland Watkiss.
H-FOUNDATION: ENVIROMENTS (Soma)
Deepfunkiger Westcoast Hippie-House auf Bobby Konders Spuren fordert: "Change
the environment" und feiert "Slayin' the dragon". Na denn macht
mal!
THE BUG: PRESSURE (Klein)
Banzai! Kevin Martins (ua Techno Animal) Projekt lädt sich Ragga-Asse wie
Daddy Freddy, Toastie Taylor, Tikiman oder Wayne Lonesome ans Mikro, um politischen
Dampf abzulassen und eine aurale Interpretation des Abhör-Klassikers "The
Conversation" zu produzieren - und schon brennt die Hütte!
THE MODERNIST: KANGMEI (Wonder)
Jörg Burgers eleganter House-Protest hingegen ist total smooth und stylish,
aber nicht minder bewusst: Kangmei ist chinesisch und heißt "Widerstehe
Amerika"! In Burgers Popkosmos bedeutet das: Lass dich verführen,
aber bleibe wach!
www.terz.org - 29.4.2003