Am 12. April hat das Nationale Olympische Komitee Leipzig als deutsche Kandi-datenstadt
für die Olympischen Spiele 2012 nominiert. Die hochgepuschte Bewerberstadt
Düsseldorf schied im dritten Wahlgang aus, nachdem sie schon nur knapp
die beiden vorhergehenden Wahlgänge überstanden hatte.
Vorausgegangen war eine gigantische Pro-Olympia-Werbekampagne, die 22. Mio Euro
Kosten für Werbung, und (Sport)Veranstaltungen sowie tiefe Wunden im Düsseldorfer
Stadtbild verursacht hatte. Höhepunkt der Werbekampagne hätte der
zum Olympiatag erkorene 2. April werden soll. Hatten die Olympia GmbH und Bürgermeister
Erwin anfangs eine Menschenkette mit 100.000 TeilnehmerInnen angekündigt,
konnten nur 3.000 Menschen mobilisiert werden, die aus bunten Papptafeln das
Bewerbungslogo am Rhein bildeten. Wären die Spiele dann tatsächlich
nach Düsseldorf/Rhein-Ruhr gekommen, wären insgesamt Kosten in Höhe
von 4 Mrd. Euro angefallen, und das angesichts leerer Kassen auf regionaler
und kommunaler Ebene.
Trotz gleichzeitiger Kürzungen im Sozialbereich, Einführung von Studiengebühren
und weiteren zu erwartenden Auswirkungen wie z.B. eines Ausbaus von Sicherheits-
und Vertreibungsmaßnahmen entwickelte sich ein Großteil des Düsseldorfer
Protestes gegen die Olympiabewerbung nicht innerhalb linker Strukturen. Das
Vorhaben, Teile des "Olympischen Dorfes" auf dem Rheindeich und eine
weitere Rheinbrücke in den Rheinauen zu errichten, rief den Unmut der linksrheinischen
Bevölkerung hervor. Die örtlichen Heimatverbände schlossen sich
mit dem Umweltforum zum Aktionsbündnis "Rettet die Rheinauen"
zusammen. Richtete sich der Protest am Anfang nur gegen den Standort des "Olympischen
Dorfes", wandte sich das Aktionsbündnis später in einem Bürgerbegehren
gegen die Olympischen Spiele Rhein-Ruhr im Allgemeinen.
Aus linker Sicht war das Bürgerbegehren insoweit problematisch, als dass
die dahinter stehenden Kräfte der linksrheinischen Heimatverbände
anfangs nur ihre partikularen Interesse vertraten. Allerdings war es die aussichtsreichste
Form, gegen Olympia Widerstand zu leisten. Das Begehren zielte darauf, die Bewerbung
Düsseldorfs durch den drohenden Bürgerentscheid zu diskreditieren.
Für den Fall, dass sich am 12. April das NOK für Düsseldorf entschieden
hätte, hatte Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin angekündigt,
unter Umgehung der nordrhein-westfälischen Gemeindeordnung das Bürgerbegehren
durch die vorzeitige Unterzeichnung des Bewerbungsvertrages außer Kraft
zu setzen. Auf internationaler Ebene wäre dann die Bewerbung als demokratisch
nicht legitimiert erschienen. Andernfalls hätte das Damoklesschwert des
Bürgerentscheids über der Bewerbung gehangen, denn die notwendige
Zahl von 13.200 Unterschriften lag zum Zeitpunkt der Entscheidung am 12. April
vor. Das allein ist schon ein sicherlich bemerkenswertes Ergebnis, da das Bürgerbegehren
weder von einer der großen Parteien noch von gesellschaftlichen Massenorganisationen
wie Kirchen oder Gewerkschaften unterstützt wurde.
Die wichtigste Funktion des Bürgerbegehrens lag jedoch in der Aktivierung
des bürgerlichen Widerstandes und in der teilweisen Umorientierung von
einer Bewegung gegen das "Olympische Dorf" in eine allgemeinere Anti-Olympia-Bewegung,
die sich letztendlich nur durch Polizeigewalt in ihrem Protest stoppen lies.
Als die Delegation des Aktionsbündnis am Vortag der Entscheidung im Münchner
Hilton ihr Transparent "Düsseldorfer Aktionsbündnis auf der Durchreise
zum IOC" ausrollte, hetzte der Geschäftsführer der Düsseldorfer
Olympia GmbH die zahlreichen anwesenden Schwarzen Sheriffs auf die Gruppe. Ein
kurzes Handgemenge, und 10 Minuten später fanden sich die angereisten Professoren,
Juristen, Bauern und Publizisten mit zerrissenem Transparent und einer Strafanzeige
reicher vor den Türen des Hotels wieder.
Daneben gab es einen kleineren linken Protest, der vor allem über Informationsveranstaltungen,
Plakataktionen und Kommunikationsguerilla präsent war. Spektakulär
und von der regionalen Presse entsprechend aufgegriffen war die "Entführung"
der offiziellen Olympiafahne vor dem Düsseldorfer Rathaus durch ein "Kommando
Tommie Smith" - benannt nach dem die Faust ballenden schwarzen Sportler
des Jahres 1968. Später erhielten kurz vor der Abstimmung am 12. April
die Mitglieder des NOKs ein Schreiben mit dem Briefkopf der Stadt Düsseldorf.
In der beigelegten Video-CD wurde dann auf die "typische und erprobte Gewaltbereitschaft"
der linken autonomen Szene illustrativ hingewiesen.
Insgesamt hat sich jedoch keine breite linksradikale Anti-Olympia-Bewegung
etabliert. Einerseits dürfte dabei die taktische Einsicht eine Rolle gespielt
haben, dass der existierende bürgerliche Widerstand das NOK wirkungsvoller
beeinflussen kann als beispielsweise linke Kommunikationsguerilla oder andere
Aktionsformen. Andererseits scheint auch eine unkritische Haltung innerhalb
der Linken gegenüber dem Phänomen Mediensport zu existieren.
Neben den oben genannten konkreten negativen materiellen und sozialen Auswirkungen
sind die kommerzialisierten Mediensportgeschehen und dabei insbesondere die
Olympischen Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften die Phantasmen, in
der die Nation sich wieder unter den Bedingungen von Globalisierung manifestiert.
Es ist daher auch kein Zufall, dass Leipzig die deutsche Vorauswahl mit einer
Bewerbung gewonnen hat, die ihre Rolle als Hauptstadt des "89er Nationalismus"
in den Mittelpunkt stellte.
Von der Initiative Kaiserswerther Straße
www.terz.org - 29.4.2003