Survival
of the Fittest
Nach
dem Motto “was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr” werden im
Düsseldorfer Stadttor GymnasiastInnen zu gläubigen Jüngern der Leistungsgesellschaft
trainiert. Wer verstehen will, wie aus der “Klasse an sich” die Ich-AG für sich
gefiltert wird, sollte sich die neoliberalen Einflussnahmen auf die
Schulprogramme ansehen.
Schon
vor sechs Jahren initiierte die Unternehmensberatung “The Boston Consulting
Group” das Projekt “business at school”, um sich die Jung-Elite für den
neoliberalen Wettbewerbsstaat heranzuzüchten. Im Werbetext jener
Unternehmensberatung wird es als “eine Brücke zwischen Wirtschaft und Schule”
gepriesen: “Jedes Jahr erwerben mehr als 1.000 Schüler in Deutschland und
Österreich im Rahmen dieser Initiative praxisnah Wirtschaftskenntnisse und
Schlüsselqualifikationen. 1998 mit zwei Schulen gestartet, beteiligen sich im
Schuljahr 2003/2004 mehr als 60 Gymnasien an dem Schülerwettbewerb.”
Derartige
Schulungsprogramme der BCG laufen außerhalb der BRD auch in Italien und
Österreich: “Corporate Citizenship – das Engagement der Wirtschaft für
gesellschaftliche Anliegen – ist ein wichtiger Bestandteil des
Unternehmensverständnisses der Boston Consulting Group. BCG steht als weltweit
führende strategische Unternehmensberatung für innovative Lösungen, die
gemeinsam mit Kunden umgesetzt werden. 1963 in den USA gegründet, unterhält BCG
heute weltweit 58 Büros, davon acht in Deutschland und Österreich.” So stellt
sich die Unternehmensberatung dar, die zu Wirtschaftsschulungen auf die
GymnasiastInnen losgelassen wird.
Ein
tieferer Blick in den Werbetext verdeutlicht das Ausmaß eines solchen
Engagements: “Seit 1997 hat BCG für mehr als 240 Projekten pro-bono, d.h. ohne
Gewinnorientierung gearbeitet.” Toll, echt sozial erscheint das alles. “In
Deutschland engagiert sich BCG im Rahmen von business@school besonders in den
Schulen und setzt die Kernkompetenzen seiner Mitarbeiter ein, um messbaren
Mehrwert für das Projekt zu erreichen.” Mehrwert schaffen ohne
Gewinnorientierung? Derartige Sinnentstellungen werden verständlicher, wenn die
weitere Trägerschaft eines solchen Engagements für den akademischen Nachwuchs
taxiert wird: “So haben mehr als 100 BCG-Berater eine Schulpatenschaft
übernommen und betreuen die Schüler-Teams über die ganze Projektdauer hinweg.
Darüber hinaus engagieren sich in diesem Schuljahr Mitarbeiter anderer
namhafter Unternehmen für die Bildungsinitiative – darunter AXA, BMW, Deutsche
Post, Ford, Hochtief, Lufthansa, Nestlé, Rewe, RAG Saarberg, Voith und Wacker
Chemie.”
Wohlgemerkt:
Es geht hier nicht etwa um Chancengleichheit, um Förderung auch in Haupt- oder
gar Sonderschulen, sondern um die Förderung sozialer Selektion von Kindesbeinen
an. Die Gymnasien sollen in “Wettbewerb” zueinander treten, das Lehrpersonal
wird von der BCG geschult und dann wird im Sozialkundeunterricht statt
Kritischer Theorie affirmative Klassentheorie im Zeitgeist betrieben: “Vor Ort
betreut von BCG-Beratern und Mitarbeitern anderer Unternehmen analysieren
Schüler der Klassen 11 bis 13 mit ihren Lehrern zunächst Konzerne sowie lokale
Wirtschaftsunternehmen. In der dritten Projektphase entwickeln die Jugendlichen
im Team eine eigene Geschäftsidee. Bei Regionalentscheiden und einem Finale
werden die besten Ideen vorgestellt und von einer Jury aus namhaften
Wirtschaftsvertretern ausgezeichnet.”
Vor
zwei Jahren überreichte Bundespräsident Johannes Rau in Berlin die Auszeichnung
der deutschen Wirtschaft, den Preis “Freiheit und Verantwortung” an die BCG und
ihr Schulungsprojekt für Gymnasiasten. Jene “Initiative Freiheit und
Verantwortung” wird getragen vom Bundesverband der Deutschen Industrie, der
Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, dem Deutschen Industrie-
und Handelskammertag, dem Zentralverband des Deutschen Handwerks und der neoliberalen
Zeitschrift “WirtschaftsWoche”. Die Laudatio hielt Michael Rogowski vom
Bundesverband der Deutschen Industrie. In deren Eigendarstellung heisst es:
“Die
soziale Marktwirtschaft ist ein unverzichtbarer Bestandteil für Wirtschaft und
Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Sie wird geprägt durch
unternehmerische Freiheit und soziale Verantwortung. Die deutsche Wirtschaft
versteht sich in einer solchen Ordnung als tragendes Element einer aktiven
Bürgergesellschaft.”
Sehr
interessant: die Wirtschaft als “tragendes Element” der Ordnung, das müssen
sich die SchülerInnen merken. Was die “unternehmerische Freiheit” in der
“sozialen Marktwirtschaft” ausmacht, ist in der “WirtschaftsWoche”
programmatisch nachzulesen. Der Vordenker der neoliberalen Schule, Friedrich
August von Hayek, erklärte in der Zeitschrift schon vor dreiundzwanzig Jahren
unter dem wegweisenden Titel “Ungleichheit ist nötig” der Leserschaft: “Der
Begriff der sozialen Gerechtigkeit (ist) in einer marktwirtschaftlichen Ordnung
völlig sinnlos.” Für die IdeologInnen des Neoliberalismus ist soziale und
materielle Ungleichheit ein ebenso natürlicher wie notwendiger Bestandteil der
Gesellschaftsordnung. Hayek: “Für die Wissenschaft der Anthropologie mögen alle
Kulturen der Welt gleich gut sein, aber zur Aufrechterhaltung unserer
Gesellschaftsordnung müssen wir die anderen als weniger gut ansehen.”
Für
derartige Einsichten engagiert sich die “WirtschaftsWoche” und der
Bundesverband der Deutschen Industrie verständlicherweise gerne ehrenamtlich
zur Ideologisierung der Lehrpläne an den Gymnasien – mit Erfolg, wie
nachzulesen ist.
So
kamen die Schüler aus dem Sozialwissenschaftskurs des Mettmanner
Heinrich-Heine-Gymnasiums in den Genuss einer exklusiven BCG-Schulung im Düsseldorfer
Stadttor. Die Rheinische Post jubiliert: “>Konkurrenz belebt das
Geschäft<, sagt David K. am Konferenztisch im 18. Stock des Düsseldorfer
Stadttors. Die anderen um ihn herum nicken ernst. Sie sind keine Manager, sie
sind Schüler und 17 Jahre alt.” Das nennt sich Reform der Schulpolitik. Von der
BCG geschult spielen die Gymnasiasten im Stadttor J.R. Ewin und plappern die
neoliberalen Parolen vom “Survival of the Fittest” nach – so wünscht sich die
“Initiative Freiheit und Verantwortung” ihren Nachwuchs. In ihrer
Selbstdarstellung heisst es: “Mit ihrer Initiative möchte die Wirtschaft zudem
einen Beitrag zu einem vernünftigen Verhältnis zwischen Bürgern und Unternehmen
leisten. Die Initiatoren halten es auch deshalb für richtig und wichtig, dass Unternehmen
gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, weil sie dadurch Vertrauen,
sogenanntes soziales Kapital, schaffen.” So etwas nennt man rentables
Engagement: Die Investition in “soziales Kapital” zur Schaffung ”messbaren
Mehrwerts” erweist sich als profitabel für den edlen Spender. Mit Unterstützung
des Bundespräsidenten nutzt die neoliberale Initiative der Wirtschaft die
Gymnasien als Rekrutierungsfeld zum staatlich abgesegneten Ideologie- und
Personaltransfer. Die Ich-AG als Leitbild für den Sozial- und
Staatskundeunterricht verkauft als innovatives “Reformprojekt” unter der Ägide
einer rot/grünen Landesregierung: da sage noch eine/r etwas gegen die
angebliche Reformunwilligkeit der jetzigen Regierung. Ihren erklärten Anspruch
auf politische Einflussnahme hat die Initiative mit ihrem Einfluss auf die
Lehrpläne erfolgreich umgesetzt: “Mit diesem Engagement tragen die Unternehmen
zu einem gesellschaftlichen Klima bei, das unternehmerische Initiative und
Risikobereitschaft unterstützt. Die Initiatoren sind schließlich davon
überzeugt, dass dem bürgerlichen Engagement von Unternehmen eine immer größer
werdende Bedeutung für ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zukommt.” Der
geistige Vater der “WirtschaftsWoche”, F.A. von Hayek, gründete schon kurz nach
dem Krieg die “Mont-Pelerin-Gesellschaft” als neoliberalen Think Tank, ein
wegweisendes Modellprojekt der heutigen neoliberalen Institute und Initiativen.
Die erste realpolitische Umsetzung ihrer Gesellschaftsvorstellungen entdeckte
jene Gesellschaft in dem von ihr massiv unterstützten chilenischen
Staatsstreich des Diktators Pinochet gegen die gewählte sozialistische
Regierung Allendes und der nachfolgenden autoritären Neoliberalisierung Chiles.
Von solchen Vorbildern können nun die auserwählten GymnasiastInnen in
Projektwochen im Sozialwissenschaftsunterricht lernen.
Seit
dem “Aufstand der Anständigen” gehört die gebetsmühlenartige Verurteilung der
“menschenverachtenden Politik” des Rechtsextremismus zum Standardrepertoire im
Schulunterricht. Doch während den SchülerInnen einerseits die Achtung vor dem
Grundsatz menschlicher Gleichheit verkündet wird, werden sie zugleich gedrillt
auf Leistung, Konkurrenz, auf das Prinzip der Ungleichheit und das Recht des
Stärkeren. Im Religions- und Sozialkundeunterricht wird vor den schrecklichen
Ausgrenzungsparolen neonazistischer Skinhead-Barden gewarnt und bei der BCG
lernt die auserwählte Schüler-Elite, wie reizvoll das Hauen und Stechen auf dem
Schlachtfeld der Ökonomie sein kann. “Respekt”-Aufkleber werden auf den
Schulhöfen verteilt und Figuren wie Josef Ackermann gerieren via Projektwoche
zu Popikonen. Die Gesellschaft ist ein Schlachtfeld und die Leitparole heisst:
Auf der Gewinnerseite stehen.
“Leistung
aus Leidenschaft” lautet der neue Werbeslogan der Deutschen Bank: “Die Deutsche
Bank teilt Ihre Leidenschaft, den Dingen auf den Grund zu gehen, Chancen zu
erkennen, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden”, heißt es dort in
neoliberal erotisiertem Jargon. Leidenschaft, Lust und (An-)Trieb gehen eine
Verbindung ein mit Macht, Unterwerfung und Stärke. Optisch symbolisiert sich
diese Triebsublimierung in jener Werbung durch die bildliche Symbiose von
Business-Man und Raubkatze: Der Banker als Raubtier, als Inkarnation von Macht,
Kraft, Trieb und Beherrschung – so geil
kann Kapitalismus sein. Diesen Prozess der Sexualisierung von
Warenverhältnissen beschrieb der Sozialphilosoph Herbert Marcuse in seinem Werk
“Der eindimensionale Mensch” treffend als repressive Sublimierung: “Das
Sexuelle wird in die Arbeitsbeziehungen und die Werbetätigkeit eingegliedert
und so (kontrollierter) Befriedigung zugänglich gemacht. Technischer
Fortschritt und ein bequemes Leben gestatten, die libidinösen Komponenten in
den Bereich von Warenproduktion und –austausch systematisch aufzunehmen. Derart
angepasst, erzeugt Lust Unterwerfung.” Der Banker als sexy Kampfschwein,
Dressman und Trendsetter, ein werbeindustriell entworfenes Leitbild für den
neoliberalen Wettbewerbsstaat, der Konkurrenz zum Gesellschaftsprinzip erklärt.
Marcuse:
“Die
Erzeugung repressiver Bedürfnisse ist seit langem zum Bestandteil
gesellschaftlich notwendiger Arbeit geworden – notwendig in dem Sinne, daß ohne
sie die bestehende Produktionsweise nicht aufrecht erhalten werden könnte. Es
geht weder um Probleme der Psychologie noch der Ästhetik, sondern um die
materielle Basis der Herrschaft.” Derartige Einsichten sind heute nicht
opportun und deshalb hören die GymnasiastInnen heute nichts von Herbert Marcuse
im Sozialkundeunterricht, sondern von der BCG.
Hat
man viel, so wird man bald
Noch
viel mehr dazu bekommen.
Wer
nur wenig hat, dem wird
Auch
das Wenige genommen.
Wenn
du aber gar nichts hast,
Ach,
so lasse dich begraben -
Denn
ein Recht zu Leben, Lump,
Haben
nur die etwas haben.
Derartige
Einsichten in den Weltlauf scheinen im Lehrplan des Heinrich Heine Gymnasiums
eigentümliche Früchte getragen zu haben ...
Al
C.