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Ich bin eigentlich eine schüchterne Seele, die ungern extreme Standpunkte
vertritt. Sozusagen der klassische Mensch der Mitte, auch wenn mich viele
anders einschätzen. Hier und jetzt sehe ich mich allerdings gezwungen,
Partei zu ergreifen und eine zur Zeit vielfach diffamierte Persönlichkeit
in Schutz zu nehmen. Natürlich spreche ich von Fürstin Gloria
von Thurn und Taxis. Intellektuell mäßig begabte Menschen sprechen
oft tiefe Erkenntnisse gelassen, da unreflektiert aus und verprellen damit
den deutschen Spießer oder linken Journalisten. Nun gut, was sie
über Afrikaner und ähem, deren sexuelle Vitalität und den
Zusammenhang mit Aids gesagt hat war nicht originell, nur eben genau der
Hirnriss, den 90% der Volksgenossen eh denken. Wer sich darüber mokiert,
der sollte sich mal die wahrhaft humanistischen Bemühungen der Pharmakonzerne
anschauen, Afrika mit preiswerten Aidsmedikamenten zu versorgen, einfach
nur übel......Aber eins hat mir an Glorias Gedanken gefallen. Stoiber
sollte Kanzler werden, weil er so sexy sei. Die Frau hats begriffen. Es
gibt keine Unterschiede mehr, also wählen wir nach neuen Kriterien.
Die Fürstin steht offensichtlich auf Lodenmäntel und Seppelhüte,
die Mehrheit der Deutschen wohl eher auf Armani und Zigarren, was die
Sehnsucht nach sozialem Aufstieg wiederspiegelt. Spielt eh alles keine
Rolle mehr. Bleibt nur die Angst, daß mal wieder ein Führer
kommt, der so richtig geil aussieht ... zackig ... in Uniform ... ein
keckes Bärtchen ...
Ein Trost bleibt: So schnell wie der Fischer altert, wird der dann ja
wohl bald in der Versenkung verschwinden. Grüne sind nicht sexy.
Aber die Opposition vielleicht? Aus meiner Sicht kann ich z.B. weder Merkel
noch Stoiber einen Reiz abgewinnen. Die eh wegweisende italienische Demokratie
hatte doch schon Pornosternchen im Parlament. Das würde mir dann
schon besser gefallen ... Gina Wild oder Dolly Buster im Kulturausschuß.
Bahnbrechend! Wegweisend!
A propos Italien. Was Privatfernsehn aus den Menschen macht, kann man
hier beobachten. Ein Volk, das sich weitgehend selber vom Faschismus befreit
hat wählt zwei Generationen später einen Großkapitalisten
und Gönner des Neofaschismus an die Macht. Dazu fällt mir nun
wirklich nichts mehr ein. Schäbig!
Eine ganze Menge mehr fällt mir zu dem amerikanischem Autor T. C.
Boyle ein. World's end und Wassermusik gehören zu meinen Lieblingsbüchern.
So gut war er leider danach nicht mehr, aber es lohnt sich fast immer,
seine Sachen zu lesen. Ein Freund der Erde (Hanser) ist allerdings meiner
Meinung nach nicht eines seiner Highlights. Die Geschichte von Ty Tierwater,
einem militanten Umweltschützer, der im Jahre 2025 auf sein Leben
zurückblickt, reißt mich nicht vom Hocker. Klar ist es amüsant,
sich über die Bigotterie von Ökos lustig zu machen und dabei
gleichzeitig zuzugeben, daß sie ja mit ihren Prognosen für
die Welt nicht Unrecht haben. Aber die Story ist für Boyles Verhältnisse
ungewöhnlich zäh, ohne richtigen speed. Die Hauptfigur bleibt,
seltsam meckernd und unzufrieden, etwas unsympathisch. Für Fans geht
das so gerade in Ordnung, da das Buch zum Teil durchaus lustig ist. Unterm
Strich bleibt es aber offensichtlich schwierig, über Naturschützer
etwas Humorvolles und dabei Tiefsinniges zu schreiben, dafür sind
Veganer u.ä. wohl einfach zu lächerlich. Neueinsteiger sollten
lieber die oben erwähnten Bücher lesen.
Nun zu hochwertiger Kultur. Da ich auf die Vierzig zugehe und in letzter
Zeit leicht reizbar bin, ist Punk Rock mal wieder die richtige Musik für
mich. The Screws (In the Red) spielen wilden Trash. Einfach nur köstlich
für jeden, der Lärm mag. Das erinnert am ehesten an die göttlichen
Gories. Die Musik hat, obwohl reinster Gitarrenkrach, auch viel Blues.
Klasse! Incl. dem alten Punk-Nerver "I hate music"
Ebenfalls völlig in Ordnung ist die neue von Rocket From The Crypt.
- Group Sounds (Vagrant records). Die mischen Ihren Punk eher mit Soul,
die Bläser kommen immer wieder verteufelt gut. "Heart of a rat"
oder "Venom Venom" sind perfekte Nummern. Ich mag die immer
dann am liebsten, wenn die Bläsersets sehr in den Vordergrund kommen.
Sie selber scheinen aber nach wie vor überwiegend Punk-Songs bringen
zu wollen. Fast schon schade.
Etwas abfallen tun dagegen die Sultans auf "Ghost Ship" (SFTRI),
die eher klassischen 77iger Ramones Stil bringen. Aber wer darauf Bock
hat, wird nicht enttäuscht werden. Mir gefallen Hits wie "Trust
no one" oder "This aint no solid state" immer noch sehr
gut. Vor allem wenn ich schlecht gelaunt bin, dann hilft Punk-Rock enorm.
Etwas ganz anderes, nämlich was fürs Gemüt - ab und an
köchelt das in mir nämlich hoch - ist "ease down the road"
von Bonnie "Prince" Billy (Domino), die melancholischen Countrysound
bringt. Nicht mehr so extrem trübsinnig wie zu Palace-Brothers-Zeiten,
aber immer noch meilenweit von purer Lebensfreude entfernt. Aber sehr
schön, richtig romantisch. Also etwas für schaurig gute Laune.
PS.: Während Sie das lesen, werde ich gelassen den Strand von Omaha
Beach hochrobben und in der Normandie deutsche Architektur der frühen
vierziger Jahre bewundern ...
Fehri
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