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Nazitainment |
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| Ursprünglich wollte Christoph Schlingensief für seine Shakespeare/Nazi-Aussteiger-Posse Rechte haben, die auch optisch etwas hermachen - nur echt mit Glatze und Herkunftsnachweis "Ost". Aber die offizielle "Exit-Deutschland"-Initiative weigerte sich, derartigen "klischeehaften Vorstellungen" zu entsprechen und die "Katalog-Nazis" zu liefern. Da sprang auf Vermittlung von Peter Kern, der im "Hamlet" den König Claudius spielt, die Lemmer-Crew als zweite Besetzung ein. Lemmer kam das Angebot wie gerufen. Kaum noch lokales mediales Interesse gab es an ihm nach dem Ende des Sommers der "Anständigen", aber noch ganze drei Jahre bis zu den ersehnten Kommunalwahlen waren zu überbrücken, und immer noch hatte er das lästige, Wahlprozente drückende und Gewinne schmälernde Nazi-Image an den Füßen. So begaben sich Lemmer und der ehemalige JN-Funktionär und heutige Rechtsrock-Unternehmer Jan Zobel, die inzwischen von Düsseldorf nach Dorsten umgezogene Aktivistin der "Bewegung deutsche Volksgemeinschaft" Melanie Dittmer, Lemmers Bodyguard Jürgen Drenhaus von der Altglatzen-Band "BodyChecks" sowie Tim Holtschneider, einer von des braunen Meisters Schuhe putzenden Düsseldorfer "Jugendoppositionellen", auf einen Betriebsausflug nach Zürich. Und Schlingensief ließ sich nicht lumpen und empfing sie mit Großem Bahnhof. Sie waren zwar schon längst in der Stadt, aber der Regisseur inszenierte ihre Ankunft für die "Weltpresse" noch einmal mit Blaskapelle, Marschmusik und viel Tamtam nach. |
Schlingensief rief, und Düsseldorfs Nazis unternahmen einen Betriebsausflug nach Zürich. Lemmer & Co. spielten im Hamlet-Projekt des Regisseurs aussteigewillige Neonazis. |
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Die Einladung, in Zürich "Hamlet" zu inszenieren, hatte
Schlingensief schon vor einem Jahr erhalten. Die Idee, das mit dem Nazi-Aussteigerprogramm
der Bundesregierung zu koppeln, kam ihm erst später. Getreu seiner
Methode, ein gerade anliegendes Thema mit einem Medien-Format kurzzuschließen,
hat er nach Obdachlose & das Hamburger Schauspielhaus, Asylbewerber
& Big Brother jetzt angeblich aussteigewillige Rechtsextreme und Hamlet
zusammengebracht. Eine besondere Absicht steht hinter diesen Polit-Collagen
nie. Schlingensief glaubt weder an Politik noch an Kunst. Er glaubt an
gar nichts, will aber nichtsdestotrotz, dass endlich was passiert. Was
genau, ist dann egal. So macht es nichts, wenn das mit den Nazis ein wenig
aus dem Ruder läuft, sie vielleicht gar nicht wirklich aussteigen
wollen und die Bühne in Zürich nur zum Düsseldorfer Kommunalwahlkampf-Auftakt
nutzen. Ein bischen Selbstdarsteller ist man schließlich selbst,
und das Ausnutzen beruht ja auch auf Gegenseitigkeit. Schlingensief und
die Faschos sind einander Instrument, ja sie bilden eine Symbiose: Er
macht sie gesellschaftsfähig und verhilft ihnen ins Rampenlicht;
sie geben seiner Inszenierung einen aktuellen Anstrich und sorgen für
die Sensation. Dramaturg Carl Hegemann sagt gar, eigentlich habe man mit
dem Projekt nur die Absurdität des Exit-Programms der Bundesregierung
darstellen wollen: "Und jetzt wollen die plötzlich wirklich
aussteigen. Es ist nicht zu fassen." Unsere Nazis Er versteht seine Aktion dabei nicht als Schock-Therapie für die Gesellschaft, sondern als "Selbstprovokation". Und dieser Selbsterfahrungs-Theaterkurs mit echten Nazis hat so einigen (National)Sozialkitsch hervorgebracht. "Die Rechten sind viel weicher als man glaubt", verkündete Schlingensief in Talk-Shows. Sein Hamlet-Darsteller Sebastian Rudolph schmolzt in der Taz seinerseits dahin, bewundert bei Lemmer und Konsorten "die Kraft ihrer Sehnsucht" und ist ganz hin und weg, als sich nach zwei Tagen das erste schüchterne Lächeln auf dem Gesicht von Melanie Dittmer abzeichnet. Noch einen Tag später, und er möchte "fast alle am liebsten einfach in den Arm nehmen". Er will den verschreckten Nazi-Lämmchen deshalb auch nicht dumm kommen und ihnen etwa das "Bürger-Abitur" abnehmen. Aber Antisemitismus ist bäh, das müsste doch drin sein. Und die Schauspielerin Irm Herrmann schwafelt etwas von "Die Rechten suchen doch auch nur nach einer Idee". Einem Mitglied des Ensembles ging dieser Schmusekurs gegen den Strich. "Ich glaube, dass die Leute zum Teil vor den Nazis kuschen", zitierte ihn die Süddeutsche Zeitung. "Es gehört zum Projekt, dass sich jemand aufregt", hatte Schlingensief dazu nur zu sagen. Das starke Stück Das Unvermögen, eine klare Position zu beziehen, sieht Christoph
Schlingensief auch in der Figur des Hamlet gespiegelt. "Auf der einen
Seite will er jemanden anklagen, auf der anderen Seite kann er es nicht
so recht", kommentiert er. Aber Schlingensief inszenierte in Zürich
nicht seinen Hamlet, sondern setzte ihn aus vorgefundenem Material zusammen.
Er spielte den Original-Ton einer Hamlet-Aufführung von Gustaf Gründgens
aus dem Jahr 1963 ein und ließ seine SchauspielerInnen zu den pathos-getränkten
Ergüssen teilweise nur die Lippen bewegen. Bei Garderobe und Requisiten
griff er ebenfalls in den Fundus, aus dem sich die KostümbildnerInnen
der 60er Jahre bedienten. Ein Zitat von Gründgens zum Mord an Hamlets
Vater, in dem dieser einen Zusammenhang von Selbstkasteiung, Todessehnsucht
und Faschismus herstellt, dient Schlingensief als zweiter Anknüpfungspunkt:
"In jedem deutschen Mann wohnt ein Kind, das sterben will".
Und Hamlets Worte "Chronik und Spiegel des Zeitalters sind sie"
legen für die von Lemmer und Konsorten im Hamlet verkörperte
Schauspiel-Truppe den roten Aktualitätsteppich aus. Sie spielen das
Stück im Stück, durch das König Claudius mit seinem Mord
an Hamlets Vater konfrontiert wird, was ihn zu einem Geständnis bewegen
soll. Nachdem Lemmer & Co. diese ihre Shakespeare-Schuldigkeit getan
haben, geht es nach dem Schlingensief-Drehbuch weiter. Die Rechtsextremen
verlesen ein ominöses Ausstiegsmanifest, von dem sich Melanie Dittmer
zugleich distanziert. Sie sei gar kein Aussteiger, "mögt ihr
mich trotzdem?", ruft sie ins Publikum. Dann stürzen sich alle
in das finale blutige Gemetzel - natürlich standesgemäß
mit Baseball-Schlägern. Den endgültigen Schlusspunkt setzt dann
die Rechtsrock-Band BodyChecks - natürlich von Lemmers Firma vertrieben
- mit ihrem selbst verfassten "Deutschlandlied": "Oft schau
ich in der Welt herum/und lerne zu verstehen/Doch Deutschland, das ist
meine Welt/Zu Deutschland werd ich stehen".
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Die
Schlingensief-Masche |
| Die Beteiligten hatten an diesem
doppelten Spiel natürlich ihre helle Freude. Zobel verkündete,
er wende sich hier von Intoleranz und Abgrenzung ab, dabei bewusst offen
lassend, ob er die von ihm an den Tag gelegte oder die ihm entgegengebrachte
meinte. Ein Republikaner aus dem Osten versicherte, er lege demnächst
sein Mandat nieder und ruderte wenig später zurück, er wolle es
sich zumindest einmal überlegen. Und Lemmer versuchte allen Ernstes,
den von ihm ins Auge gefassten Karriere-Sprung zum Haider von Düsseldorf
als Ausstieg zu verkaufen. Was ihm im Übrigen nicht daran hinderte,
einer missliebigen Journalistin entgegenzuhalten: "Haben Sie etwa schon
einmal mit einem Schwarzen geschlafen?" "Wenn er seine Jungs zum
Ausstieg auffordert, klingt das wie eine Rede bei einem Kameradschaftsabend",
beobachtete die Süddeutsche Zeitung. Dass in Düsseldorf alles
beim Alten bleibt, die Fascho-Postille "Düsseldraht" sich
jetzt keineswegs von den "Aussteigern" Lemmer und Zobel distanziert,
sondern sich - ganz im Gegenteil - ihrer brüstet und stolz alle Artikel
über die Inszenierung auflistet, in denen ihre Kumpanen die vermeintlichen
Stars sind, nimmt in Zürich oder Berlin niemand zur Kenntnis. |
Das heitere Nazi-Raten |
| Nach Aufführungen in Zürich
und Berlin wollen Kern, Schlingensief und Lemmer oder besser: Lemmer, Schlingensief
und Kern jetzt auch mehrere Gastspiele in NRW über die Bühne bringen.
Einer hiervon soll in Düsseldorf stattfinden, wenngleich es ihnen bis
Redaktionsschluss nicht gelungen ist, geeignete Räumlichkeiten und
Veranstalter zu finden. Es wird sich aber bestimmt noch ein "Aussteiger"-freudlicher
Gutmensch auftreiben lassen, der das Problem lösen wird. Und bestimmt
auch weitere, welche die nötigen 1-2 Millionen Mark aufbringen, um
den Erwerb von Lemmers Rechtsrock-Unternehmen "Creative Zeiten"
zu finanzieren und an dessen Stelle die angestrebte "Europäische
Zentrale für aussteigewillige Neonazis in Düsseldorf" zu
setzen, mit Lemmer als Repräsentanten und Geschäftsführer.
Was immer sich Schlingensief mit nazilein.com hat einfallen lassen, mit
Lemmer als Hauptfigur dürfte der Schuss auf jeden Fall nach hinten
losgehen. Schon jetzt wird der smarte Torsten in vielen Medien als tatsächlicher
"Aussteiger" gehandelt.
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