Am 17. Mai ging die Rheinische Post in die ideologische Offensive gegen
die schlaffen Alten. "Was tatsächlich noch in ihnen steckt" (Seite
1), wollten die Redakteure aus den verschiedenen Fachbereichen wissen. Gestandene
Politiker, abgetakelte, aber umso aktivere Mimen, eine fleißige Hutmacherin
und viele weitere Vorbilder, bekannt aus Funk und Fernsehen, mussten zur Bebilderung
der tatkräftigen alten Generation herhalten, die nicht sinnlos die Rente
verprasst, sondern noch einen volksnützlichen Beitrag leistet.
Auf der Wissenschaftsseite hat der Arbeitsmediziner Paul Jansing das Wort: Er
"geht davon aus, dass es in allen Berufen möglich ist, bis 67 zu arbeiten."
Wörtlich wird er zitiert: "Unter Umständen sogar noch länger."
Das grenzt schon beinahe an göttliche Fügung, wie sich hier staatlich
diktierte Zwangserhöhung der gesetzlichen Altersgrenze auf 67 Jahre und
wissenschaftliche Erkenntnis treffen.
Schließlich bringt der Wirtschaftsteil die Sache auf den Punkt: Die Wirtschaft
brauche die Alten. Das sieht zwar die Wirtschaft nicht genau so, aber die Rheinische
Post ist eine unabhängige Zeitung, die, wenn es notwendig ist, den gesamten
Volkskörper in die Pflicht nimmt.
Fies ist die journalistische Propaganda. Menschen, die, aus welchen Gründen
auch immer, in ihrer Arbeit irgendwie den Sinn des Lebens erblicken, werden
denen als positives Beispiel vorgehalten, die überhaupt gar nicht die Gelegenheit
hatten, jemals eine Alternative zu ihrem Lohnarbeiterdasein zu finden. Und,
das wissen die RP-Redakteure genau, die Höherstufung des Renteneintrittsalters
ist kein Angebot an die Arbeitnehmerschaft, sondern lediglich staatliches Mittel
zur Senkung der Sozialausgaben. Für Arbeitnehmer hat die Maßnahme
einen erpresserischen Charakter: Die zu erwartende gesetzliche Höherstufung
der Altersgrenze zum Renteneintritt ist verbunden mit erheblichen Nachteilen
für diejenigen, die vorzeitig in Rente gehen wollen oder müssen. Wer
bisher mit 65 Jahren den vollen Rentenanspruch erworben hat, muss in Zukunft
mit erheblichen Abschlägen rechnen, ist er mit 65 oder vorher auf die Rente
angewiesen.
Die Reform
Kanzler Schröder hat es angekündigt: Der Sozialstaat sei nur zu retten,
wenn man seine Leistungen radikal zusammenstreicht. In der Rede zur "Reform
der sozialen Systeme" reicht ihm zur Begründung seiner Radikalforderung
ein einfacher Zahlenvergleich: "Zwischen 1982 und 1998 sind die Lohnnebenkosten
von 34 auf fast 42 Prozent gestiegen."
Warum das so ist, erzählt er nicht.
Das Konstruktionsprinzip des "Systems der sozialen Sicherung" geht
so: Mit ihren vom Lohn abgezogenen Sozialversicherungsbeiträgen stehen
die lohnabhängig Beschäftigten für Arbeitslosigkeit, Krankheit
und Alter der gesamten Arbeiterklasse ein. Und da hat sich einiges in den letzten
Jahrzehnten verschoben. Immer weniger in Lohn und Brot stehende Arbeitnehmer
haften für die Wechselfälle der proletarischen Existenz.
Das hat seinen einfachen Grund darin, dass die Kapitalisten massiv an der Verbesserung
ihrer Rentabilität gearbeitet haben. Mit weniger Arbeitskräften, sinkenden
Reallöhnen, verstärkter Arbeitshetze sind bundesdeutsche Betriebe
zu konkurrenzfähigen Global Players geworden. Das Resultat - Arbeitslose,
teure Kranke und nutzlose Rentner - muss, und da hat der Kanzler in seiner Logik
Recht, aus einer immer geringeren nationalen Lohnsumme bezahlt werden, wobei
der Anstieg der Kosten unvermeidlich erscheint.
Die steigenden Sozialabgaben sind nicht auf ausufernde Leistungen der Kassen
zurückzuführen, sondern Konsequenz von Verarmung und Not einer Arbeiterklasse,
deren einer Teil vom Kapital zu immer schärferen Bedingungen herangenommen
wird und für deren anderen, wachsenden Teil, es keine kapitalistische Verwendung
mehr gibt.
Bundeskanzler Schröder hat hingegen die Folgen der Rationalisierungen in
der Wirtschaft als Grund der finanziellen Schieflage der sozialen Kassen herausgestrichen.
Und das hat fatale Folgen für den Teil der Bevölkerung, der für
die missliche Finanzsituation geradezustehen hat.
Bisher wurden die neu anfallenden Kosten aufgefangen, indem einerseits die Leistungen
der Kassen eingeschränkt und andererseits die Beiträge zu den Sozialversicherungen
erhöht wurden. Das findet der Kanzler ungerecht. Und, ganz Sozialdemokrat,
reklamiert er: "An manchen Stellen, etwa bei der Belastung der Arbeitskosten,
führen Instrumente der sozialen Sicherheit heute sogar zu Ungerechtigkeiten."
Ungerecht ist es eben, wenn über die Lohnnebenkosten, die bekanntlich für
die Unternehmer unerträglich sind, Menschen ausgehalten werden sollen,
aus denen das Kapital ohnehin keinen Nutzen mehr ziehen kann. Gerecht hingegen
ist es, die Lohnabzüge bei den Arbeitnehmern zu erhöhen, schließlich
sind sie mit einiger Sicherheit irgendwann die "Nutznießer"
der neuen Armutsverwaltung.
Die Verhältnisse müssen also geradegerückt werden: Durch die
immerwährende Verteuerung des "Faktors Arbeit" zur sozialen Absicherung
wird Beschäftigung verhindert. Arbeit muss eben so billig sein, dass kein
Unternehmer das Angebot ablehnen kann. Schröder verspricht sich so mehr
Beschäftigung, sinkende Sozialausgaben und Wirtschaftswachstum. Darum darf
soziale Absicherung nicht mehr wie bisher gehandhabt werden, meint der Kanzler.
Und da hat sich Schröder ein paar revolutionäre Gedanken gemacht.
Für ihn sind Leistungen für Arbeitslose, die auf absehbare Zeit ohnehin
keine Arbeit mehr finden, weil das Kapital sie für überflüssig
erklärt hat, herausgeschmissenes Geld. Die Notwendigkeit, diesen Menschen
einen gewissen Lebensstandard zu gewährleisten, damit sie später wieder
in die Arbeit eingegliedert werden können, besteht nicht mehr. Darum gibt
es für sie in Zukunft nach einer Zeitspanne von 18 Monaten kein Arbeitslosengeld
mehr, sondern nur noch Arbeitslosenhilfe, und die wird so gekürzt, dass
sie sich gleich der Sozialhilfe an der Bedürftigkeit orientiert.
Auch in allen anderen Bereichen der sozialen Absicherung wird zu Gunsten der
Senkung der Lohnnebenkosten zusammengestrichen, was das Zeug hält. Die
medizinische Versorgung soll nur noch minimalen Grundanforderungen genügen.
Alles, was darüber hinausgeht, darf sich derjenige erlauben, der die entsprechenden
Mittel hat. Warum soll es der teure Zahnersatz sein? Die Schnabeltasse reicht
hin.
Auch von den Alten wird Solidarität gegenüber der Gesellschaft gefordert.
Sie dürfen laut Schröder nicht auffressen, wovon die nächste
Generation leben soll. Darum gilt hier: länger arbeiten und weniger Rente.
Die Kritik
Die Kritiker der Bundesregierung beklagen den "Sozialabbau" oder
gar die "Abschaffung des Sozialstaates". Sie wünschen sich die
Beibehaltung des alten Systems der sozialen Absicherung, weil es ihrem Idealbild
einer gerechten, sozialen Gesellschaft entspricht. Dabei sehen sie nicht, dass
die Einrichtung der Sozialkassen die Antwort auf die ständig anfallenden
Notlagen der arbeitenden Bevölkerung ist. Existenzgefährdende Krankheitsfolgen,
Arbeitslosigkeit und Altersarmut sind keine Schicksalsschläge, sondern
Resultate des kapitalistischen Verwertungsprozesses, auf die der Staat in der
Form reagiert, dass er die Verelendung in Grenzen hält. Die arbeitsfähige
Bevölkerung darf nicht in der Form ruiniert werden, dass sie nicht mehr
in genügender Anzahl und Qualität dem Kapital zur Verfügung stehen
kann.
Der jetzt angekündigte Umbau des Sozialstaates ist die moderne Form der
Sozialpolitik, die auf die neuen "Anforderungen" der Wirtschaft adäquat
reagiert.
Die Sehnsucht nach den "guten, alten Zeiten" missachtet, dass Sozialpolitik
immer schon die staatliche Verwaltung des ständig anfallenden Elends war.
Die gewerkschaftlichen Kritiker sind vielleicht naiv oder einfach nur bescheiden.
Hingegen sind die innerparteilichen Querulanten in der SPD von einem ganz anderen
Kaliber. Sie teilen unumwunden das Vorhaben der Bundesregierung, vermissen aber
das typisch sozialdemokratische Mäntelchen. Etwas weniger drastisch, etwas
mehr Belastung für die Reichen darf es schon sein. Dann geht die Sache
schon in Ordnung
.
Der DGB demonstriert
Am 24. Mai demonstrierten bundesweit fast 100.000 Menschen mit den Gewerkschaften
unter dem Motto "Reformen ja, Sozialabbau nein danke". Ganz staatsbürgerlich
will sich der DGB den staatlichen Notwendigkeiten nicht verschließen.
Denn seine Tour ist es, dem Staat weiszumachen, es läge in dessen Interesse,
die Reformen nicht so einschneidend ausfallen zu lassen. Der soziale Frieden
sei dann gefährdet, warnte im Vorfeld der Demo DGB-Chef Sommer. Wer will
das schon?
Einerseits erklärt Sommer sein Einvernehmen mit der Regierung, den sozialen
Frieden zu erhalten, andererseits klingt die Drohung heraus, die Massen seien
bei der Radikalität der Reformen zu unkontrollierten Handlungen fähig.
Unter dem Strich kommt heraus, dass der DGB seine Existenzberechtigung in der
Gesellschaft in seiner Bedeutung für die Wahrung des Klassenfriedens findet.
Forderungen an Staat und Kapital haben die entsprechende Diktion.
Ob das jedoch den Bundeskanzler beeindruckt?
Fazit
Der Kanzler hat kundgetan, die Gesellschaft könne sich das alt hergebrachte
System der sozialen Sicherung nicht mehr leisten. Umgekehrt sei die Frage erlaubt,
ob sich die lohnabhängige Bevölkerung dieses System noch leisten soll.
HENRICI
www.terz.org - 26.5.2003