Nach der Großproduktion "Solaris" schnappte sich Steven Soderbergh seine Handkamera und wendete sich der Stimmungslage in den USA nach dem 11. September "Voll frontal" zu.
Was Steven Soderbergh da einen Tag lang im Film-Milieu von Los Angeles "Voll
frontal" mit seiner Video-Handkamera angeht, erweist sich als ein von tiefen
Selbstzweifeln heimgesuchtes "American Life". Die Figuren hadern mit
ihren Fähigkeiten, ihrem Beruf, ihrem Aussehen oder ihrer Einsamkeit. Sie
sehen sich mit unerfüllbaren äußeren Anforderungen konfrontiert
und können nur mittels fiktiver Internet-Identitäten Urlaub von ihrem
zunehmenden Totalitätsansprüchen der Ökonomie ausgesetzten Ich
nehmen.
"Sie läuft durchs Leben wie ein Hund, der einmal angefahren wurde
und seither glaubt, jeder wolle ihr Böses", sagt der Journalist und
Autor Carl über seine Freundin Lee. Der 40. Geburtstag ihres Bosses erinnert
die Personal-Chefin einer Filmproduktion zudem noch an die gegen ihre Schönheit
arbeitende Zeit, was sie dazu treibt, eine Angestellte auf dem Flur mit der
Frage: "Finden Sie mich sexy?" zu überraschen.
Dieser Seelenzustand hindert sie allerdings nicht, ihrerseits den Beschäftigten
das Leben schwer zu machen. Die "Human Ressources Managerin" bestellt
Belegschaftsangehörige ein und veranstaltet absurd-alberne Spiele mit ihnen.
So wirft sie den Armen Globus-Bälle zu und lässt sie dabei die Namen
von afrikanischen Staaten aufsagen. Die Angestellten fügen sich ins Unvermeidliche,
darauf hoffend, schon die neuen "soft skills" zu haben, um die der
Anforderungskatalog ans Humankapital anscheinend wieder erweitert wurde.
Ihr Freund Carl ist solchen Ansprüchen in seinem Job nicht mehr gewachsen.
Von seinem Chef gefragt, ob er das Bier aus der Flasche oder aus dem Glas trinke,
antwortet er "Aus dem Glas". Das merke man seinen Artikeln irgendwie
an, entgegnet ihm der Vorgesetzte und begründet damit die Kündigung.
Ähnlich erging es jüngst einem BASF-Manager. Er erdreistete sich,
bei einem betrieblichen Spargel-Essen die Sättigungsbeilage unangerührt
zurückgehen zu lassen. Der designierte Vorstandsvorsitzende nahm das als
Beleg dafür, dass der verschwenderische Feinschmecker die Spar-Philosophie
des Konzerns nicht richtig verinnerlicht habe und verbaute ihm seine hoffnungsvolle
Karriere. Mittlerweile erweitert sich dieser Zugriff sogar aufs private Umfeld.
70 Prozent aller Unternehmen zitieren bei Bewerbungen für Posten im oberen
Management auch die Gattin des Kandidaten zum Vorstellungsgespräch.
Lees Schwester Linda weiß sich diesem Taylorismus, der aufs Ganze geht
statt einzelne Arbeitsprozesse zu formatieren, nur zu entziehen, indem sie ihren
Beruf als Masseuse unter dem Namen "Anna" ausübt und sich für
Internet-Chats eine fiktive Persona erschafft. Beinahe alle Figuren Soderberghs
sind von der Lust an der Camouflage ergriffen. Ihr beliebtestes Party-Spiel
besteht darin, es den Prostituierten gleichzutun und sich aus ihren zweiten
Vornamen und ihrer Straße ein Pseudonym zu basteln. Linda, die einmal
wirklich für Geld mit dem Produzenten Gus schläft, geht sogar so weit,
sich mit ihrer - natürlich genauso fiktiven - Internet-Bekanntschaft zu
einem realen Date zu verabreden. Soderbergh hält für sie ein ironisch-zynisches
Happy end bereit: Die beiden lernen sich auf dem Weg zu ihrem Treffen im Flugzeug
als wahlverwandt-realitätsflüchtig kennen und lieben und versetzen
ihre digitalen Traumpartner am Zielort.
Vor Selbstbewußtsein strotzt in "Voll frontal" nur der Adolf
Hitler aus Carls Theater-Stück "The Sound and the Fuhrer". "Die
Leute lieben Gewinner, weil sie meinen, die hätten den Dreh gefunden",
verkündet er von der Bühne. Ansonsten geht es nur noch seinem Darsteller
und den anderen Schauspielern vergleichsweise gut. Im Kontext des Films verwundert
das nicht, ist die Schauspielerei doch einer der seltenen Berufe, die Privates
und Arbeit strikt trennt und es sogar als ein Qualitätsmerkmal ansieht,
sich in den verschiedenen Rollen möglichst weit von seinem wahren Ich entfernen
zu können. Darum hat die Entscheidung des Regisseurs, "Voll frontal"
in der Film-Szene anzusiedeln, auch nichts mit einem Hang zu eitler Selbstbespiegelung
zu tun.
Da auch Julia Roberts bei Soderbergh eine Schauspielerin spielt, bleibt ihr
eine Midlife Crisis erspart. In dem "Film im Film" namens "Rendezvous"
stellt sie eine Journalistin dar, die für ein Interview einen Tag mit dem
schwarzen Schauspieler Nicholas verbringt und ihn auch zu einem Drehort begleitet.
Das beschert uns dann den "Film im Film im Film". Monumentalität
ist eben auch mit einem 2-Millionen-Dollar-Etat und 18 Drehtagen möglich,
wenn man Soderbergh heißt. Und als Julia Roberts in einer "Rendezvous"-Drehpause
die Perücke abnimmt, ist ein Herumzicken über das schlechte Essen
vom China-Mann das höchste der niedrigen Gefühle, das die dogmatische
Handkamera erheischt.
Sie und alle anderen Figuren treffen abends bei der Geburtstagsfeier des Produzenten
Gus Valerio zusammen. Der allerdings lässt seine Gäste warten. Als
Lee und Linda auf sein Hotel-Zimmer hoch gehen, entdecken sie seine Leiche.
Er hat sich mit einer Plastik-Tüte, die als Motiv die National-Flagge trägt,
getötet. Nicht nur dieses Detail verleitet einen dazu, die gedrückte
Stimmung des Werkes in einen Zusammenhang mit dem 11. September zu bringen.
Sein Titel sollte ursprünglich lauten: "The Art of Negociating a Turn
in the Wake of 9/11/01". Basis dieser Kunst stellt für Soderbergh
eine schonungslose Bestandsaufnahme der "Lage der Nation" dar. In
dieser Hinsicht erscheinen seine Figuren so, als suchten sie nach einer passenden
Schuld für eine bereits erhaltene Bestrafung und wüssten auch schon
ungefähr, wo sie etwas finden würden. Bushs USA hat sich nicht auf
diesen Weg nach innen begeben, sondern hat statt dessen mit dem Irak-Krieg die
Flucht nach vorn angetreten. Entsprechend vernichtend fiel das Urteil der US-Presse
über "Voll frontal" aus.
Jan
www.terz.org - 26.5.2003