Die besetzte Textilfabrik Brukman in Buenos Aires ist Ostern geräumt worden. Die ArbeiterInnen finden sich nicht mit der Vertreibung ab. Sie harren vor den Absperrgittern aus und fordern die Rückgabe ihrer Fabrik. Dabei haben sie breite Unterstützung aus der Bevölkerung und anderen Teilen der Bewegung. Bei Brukman kristallisiert sich der Widerstand gegen die zunehmenden Räumungen von besetzten Häusern, Fabriken und Räumen.
"Eine neue Weltordnung braucht auch eine neue Ordnung im Stadtteil"
- so sehen AktivistInnen den Zusammenhang zwischen den Bomben auf Bagdad und
den polizeilichen Bodentruppen, die seit der Räumung eines großen
Wohnkomplexes im Februar immer häufiger in selbstverwaltete Räume
einfallen. In den Stadtteilen von Buenos Aires sind nach dem Aufstand im Dezember
2001 die asambleas entstanden, die Nachbarschaftsversammlungen. Zuerst haben
sie sich die Straße als Versammlungsraum zurückerobert. Mitte letzten
Jahres, mit dem dort beginnenden Winter, haben vierzig asambleas leerstehende
Gebäude und Gelände besetzt. Dort betreiben sie Volksküchen für
die Armen im Stadtteil, bauen gemeinsam Biogemüse an, richten öffentliche
Bibliotheken ein und unterhalten Räume für Diskussion und unkommerzielle
Kultur. Die Beteiligung an den asambleas ist zurückgegangen, die praktischen
Projekte haben jedoch zugenommen. Während die Politik gegenüber der
wachsenden Armut völlig versagt, bauen die asambleas in den Stadtteilen
eine solidarische Infrastruktur auf. Jetzt sind sie mit härterer Repression
konfrontiert. Mitte April ist die von der Asamblea Lezama Sur besetzte Bank
geräumt worden, in der auch das Büro von Indymedia war, danach ein
weiteres Stadtteilzentrum. Andere sind von Räumung bedroht.
Brukman und Zanon unter ArbeiterInnen-Kontrolle
Mehr als die Hälfte der Industriekapazität in Argentinien liegt brach.
In dieser Situation nehmen immer mehr ArbeiterInnen die Krisenlösung selbst
in die Hand, besetzen ihre Betriebe und bringen sie ohne Chefs wieder ans Laufen.
Es gibt schon mehr als 140 besetzte Fabriken, Handwerks- und Dienstleistungbetriebe,
Supermärkte und sogar ein Vier-Sterne-Hotel mitten in Buenos Aires. In
diesen Betrieben finden enorme Veränderungsprozesse statt. Die alten Hierarchien
werden beseitigt, die ArbeiterInnen treffen ihre Entscheidungen gemeinsam auf
Versammlungen, und alle bekommen denselben Lohn. Allerdings sind viele hauptsächlich
damit beschäftigt, die eigene Firma ans Laufen zu bringen und am Markt
zu bestehen. Einige "Betriebe unter ArbeiterInnen-Kontrolle" versuchen
jedoch, die besetzten Betriebe zum Ausgangspunkt einer breiteren Koordination
zu machen. Sie wollen nicht nur ihre Arbeitsplätze retten, sie wollen nicht
nur ohne Chefs arbeiten - sie wollen eine andere Gesellschaft. Sie schließen
sich mit Arbeitslosenorganisationen zusammen und mit kämpferischen ArbeiterInnen
aus dem Öffentlichen Dienst und aus Privatbetrieben, die nicht mehr bereit
sind, sich von der staatstragenden Gewerkschaftsbürokratie verwalten zu
lassen. Mit dieser Politisierung und Ausweitung des Konflikts sind Brukman und
Zanon zu Symbolen der Bewegung geworden. Genau diese Symbole sind jetzt angegriffen
worden.
Schafft zwei, drei, viele Zanon...
Zanon in Neuquén (Patagonien) ist eine der modernsten Kachelfabriken
Lateinamerikas. Der Besitzer hat Konkurs angemeldet, um die aufmüpfig gewordene
Belegschaft loszuwerden. Nachdem unter Kontrolle der unternehmertreuen Gewerkschaft
jahrelang Friedhofsruhe im Betrieb geherrscht hatte, war es einer Gruppe von
ArbeiterInnen gelungen, den Betriebsrat zu übernehmen und Gegenwehr zu
organisieren. Da Zanon mit Schließung drohte, besetzten die 270 ArbeiterInnen
im Oktober 2001 die Fabrik und machten sie zu einem Experimentierfeld für
Basisdemokratie und selbstbestimmte Arbeitsorganisation. Sie brachten die Produktion
in Gang, übernahmen sämtliche Aufgaben der nicht mehr vorhandenen
Spezialisten und konnten innerhalb eines Jahres vierzig arbeitslose ArbeiterInnen
in die Belegschaft integrieren. Im März verfügte das Gericht nach
fast anderthalb Jahren Besetzung einen neuen Räumungstitel. Die Räumung
wurde für den 8. April angesetzt. Aber sie fand nicht statt.
Die ArbeiterInnen von Zanon haben den Konflikt von Anfang an nach außen
getragen und breite Unterstützung erreicht. Am Tag der Räumung standen
mehr als 3000 Leute vor dem Fabriktor: von den verteidigungsbereiten Mitgliedern
der Arbeitslosenorganisation über die Mütter der Plaza de Mayo bis
zu streikenden LehrerInnen, und sogar der Bischof hat seine Solidarität
bekundet. Die ArbeiterInnen hatten sich in der Fabrik verschanzt und waren bereit,
ihr Projekt mit ihrem Leben zu verteidigen. Angesichts von soviel Entschlossenheit
und Solidarität erklärte der Provinzgouverneur nach Stunden höchster
Anspannung, dass er keinen Polizist für eine Räumung zur Verfügung
stellen würde. Die Konkursverwalter mussten unverrichteter Dinge wieder
abziehen, und bei Zanon wurde der großartige Sieg gefeiert.
Zehn Tage später kamen die Räumungstrupps dann völlig überraschend
zu Brukman. Die Räumung fand mitten im Wahlkampf statt. Zur Präsidentschaftswahl
hat sich die offizielle Politik zersplittert präsentiert. 22 Kandidaten
standen zur Auswahl, darunter allein drei Kandidaten der peronistischen Partei.
Ausgerechnet Ex-Präsident Carlos Menem (1989-99), Sinnbild für Korruption
und neoliberales Desaster, hat am 27.4. die meisten Stimmen bekommen - mit 24%
allerdings so wenige, dass er noch zur Stichwahl gegen Nestor Kirchner antreten
muss, ebenfalls Peronist und Mann des amtierenden Präsidenten Duhalde.
Prognosen gehen davon aus, dass Kirchner als "das kleinere Übel"
gewählt werden wird.
Schwierige Zeiten für die Bewegungen. Aber sie sind nicht untergegangen,
wie manche nach diesem erfolgreichen Wahltheater gerne glauben möchten.
Der Kampf um Brukman und die anderen selbstverwalteten Räume ist noch nicht
entschieden.
Veranstaltung mit Wildcat:
Montag, 2. Juni
19 Uhr im Hinterhof (s. Rückseite)
Bericht und Dias von einer Reise zu den ArbeiterInnen von Brukman und Zanon,
zum Stand der Bewegungen und zur aktuellen Situation in Argentinien nach den
Wahlen.
Weitere Informationen:
www.wildcat-www.de
www.terz.org - 26.5.2003