Wenn einer provinziellen Stadt in ihrer Geschichte einmal zufällig die
Ehre zuteil wurde, eine Figur von welthistorischer Bedeutung für längere
Zeit beherbergen zu dürfen, dann wird das von den Stadtoberen, notorischen
LokalpatriotInnen und dem örtlichen Tourismus-Marketing meistens gehörig
ausgenutzt. Mainz und Johannes Gutenberg, dessen Erfindung dem Buch erst zu
seiner heutigen Geltung verhalf, sind Beispiele für einen solchen Fall.
Mancher, der in Mainz wohnt, kann dem Namen Gutenberg angesichts seines inflationären
Gebrauchs nicht mehr allzu viel abgewinnen. Mit stolzgeschwellter Brust machen
die MainzerInnen ihre Stadt zur Stadt des Buches, die sie genauso wenig ist
wie eine Medienstadt. Und sie stellen vor beinahe alles den Präfix Gutenberg-
: Gutenberg-Uni, -Jahr, -Museum, -Platz und -Marathon. Selbst das alljährliche
Johannisfest Ende Juni trug zeitweise den Namen Gutenbergfest. So auch im Jahr
1933, dem Jahr der Machtergreifung der Nazis. Im Zeichen des nationalen Taumels,
der nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch den Reichspräsidenten
Hindenburg ausgebrochen war, stand auch das Gutenbergfest 1933. Die Mainzer
und hier besonders die Mainzer Studenten schafften es, dem Fest eine ganz besondere
Note zu verleihen. 1933 hatte Mainz noch keine eigene Uni. Lediglich das Institut
für Pädagogik der TU Darmstadt hatte sein Domizil in Mainz. Am Abend
des 23. Juni, dem Vorabend des offiziellen Beginns des Festes, verbrannten auch
die Mainzer Studenten sog. zersetzende Schriften. Sie lehnten sich dabei an
die von der Deutschen Studentenschaft (DSt) unter dem Motto "Aktion wider
den undeutschen Geist" organisierten Bücherverbrennungen an, die zumeist
am 10. Mai durchgeführt worden waren. In Darmstadt, dem übergeordneten
Hochschulort, hatte die Studentenschaft schon am 21. Juni sog. undeutsche Bücher
verbrannt, pünktlich zur Sommersonnenwende. Das Amt Mainz der Studentenschaft,
die lokale Studentenvertretung, war bei der Terminwahl noch etwas kreativer.
Am 24. Juni sollte nämlich im Rahmen des Gutenbergfestes auch das im Jahr
1900 gegründete Gutenberg-Museum in seinem neuen Domizil, dem Haus Römischer
Kaiser am Liebfrauenplatz, teilweise wiedereröffnet werden. Die Listen
der Bücher, die verbrannt werden sollten, enthielten die Werke von liberalen
und republikanischen AutorInnen, marxistischen TheoretikerInnen, sowie von kommunistischen,
von sozialdemokratischen und vor allem von jüdischen AutorInnen. Ebenso
finden sich die Werke längst kanonisch gewordener Schriftsteller wie Heinrich
und Thomas Mann, Alfred Döblin, Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht. Die
Verbrennung dieser Werke stand also in Mainz in direktem Zusammenhang zur Feier
der Stadt als Stadt der Druckkunst und des Buches. Dafür nämlich stand
das Gutenbergfest 1933 (anders als heute das Johannisfest) bis hinein in die
einzelnen Zeremonien, wie das öffentliche Gautschen (1). Das Gutenbergfest
und die Eröffnung des Gutenberg-Museums, das der Idee nach zum Welt-Druckmuseum
(2) ausgebaut werden sollte, fanden in einer Atmosphäre statt, die dem
kosmopolitisch anmutenden Anlass diametral entgegenstand: Am Morgen des 24.
Juni feierten die Mainzer Sportvereine zusammen mit Hitlerjugend, SA und Stahlhelm
die Sommersonnenwende in martialischen Aufmärschen (3), und am Vorabend
verbrannten auf dem Hitler-Platz die wesentlichsten Werke der modernen deutschsprachigen
Literatur. Die Mainzer Studenten fanden damit treffend wie an wenigen Orten,
an denen 1933 Bücher verbrannt wurden, den sinnfälligen Ausdruck ihrer
Anteilnahme an der Überwindung undeutschen Geistes (4). Trotz nur dreier
kleiner Aufrufe, die am selben Tag in den Mainzer Zeitungen veröffentlicht
worden waren (5), und trotz mehrerer parallel stattfindender Veranstaltungen
konnte die Mainzer Studentenschaft am 23. Juni sehr viele BesucherInnen zu ihrer
Aktion des deutschen Ungeistes (6) mobilisieren. Die Angaben schwanken zwischen
1.000 und mehreren Tausend Personen. Nachdem die Studenten vom Institut in der
Holzstraße in einem Fackelmarsch durch die Stadt gezogen waren, entzündeten
sie auf dem Adolf-Hitler-Platz, dem heutigen Jockel-Fuchs-Platz am Rathaus,
ihren Bücher-Scheiterhaufen. Dort sprach der städtische Beigeordnete
Sauermann, NSDAP, die Worte, die die ganze Barbarei des Vorgangs auf den Punkt
bringen: "Angesichts der lodernden Flammen laßt uns versprechen,
daß wir nicht eher rasten und ruhen wollen, bis alles Undeutsche in unserem
deutschen Vaterlande verzehrt und vernichtet ist wie von der Glut des lodernden
Johannisfeuers". (7) Die in diesen Worten enthaltene Drohung gegen RegimegegnerInnen
und JüdInnen ist unüberhörbar. Der antisemitische Vernichtungswunsch,
der nur wenige Jahre später in Auschwitz seine Umsetzung finden sollte,
ist in ihnen überdeutlich zu lesen. Bis heute ist die Mainzer Bücherverbrennung
nicht wissenschaftlich aufgearbeitet. Die Stadt Mainz hat es bis heute nicht
geschafft, den Ort der Bücherverbrennungen, dieses Vorspiels zur Vernichtung
der Jüdinnen und Juden Europas, mit einem Mahnmal kenntlich zu machen.
Ein Schlaglicht auf die Geschichtspolitik der Stadt wirft die Tatsache, dass
eine wichtige Straße, die sich quer durch die Neustadt zieht, den Namen
Hindenburgs trägt, eines Steigbügelhalters des NS. Die Namen der beiden
Mainzer AutorInnen, deren Werke 1933 von deutschen Studenten verbrannt wurden,
Carl Zuckmayer und Anna Seghers, werden dagegen mit einer Vorortstraße
bzw. einem - nicht einmal richtig als solchen erkennbaren - Platz geehrt.
SEBASTIAN SCHNEIDER
(1) Gautschen ist die mittelalterlichen Gepflogenheiten nachempfundene Taufe
der Buchdruckergesellen. Vgl. z.B. Mainzer Anzeiger, Nr. 145/26. Juni 1933,
S. 4
(2) Mainzer Tageszeitung, 24. Juni 1933, S. 13
(3) Mainzer Anzeiger, Nr. 144/23. Juni 1933, S. 4
(4) Mainzer Journal, Nr. 144 /24. Juni 1933, S. 15
(5) Mainzer Journal, Mainzer Tageszeitung und Mainzer Anzeiger vom 23. Juni
1933
(6) aus der Deutschen Hochschulwarte, im Prager Exil 1933
(7) Mainzer Anzeiger, Nr. 144/24. Juni 1933, S. 4
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