Plötzlich war es da: das Glashaus am Worringer Platz. Erst als "Librarium",
jetzt als "Frühbeet" tituliert, erregte das Projekt der Gruppe
a&o zunächst fragende Blicke bei PassantInnen, BerberInnen und AnwohnerInnen.
Wieder eines von den Kunstprojekten, das keineR versteht, das irgendwie da,
aber ansonsten auch egal ist, das einige Monate zur Verhübschung eines
sonst reichlich ungastlichen Platzes dient und danach wieder in der Versenkung
verschwindet? Falsch gedacht. Im Gespräch mit den InitiatorInnen des Projekts
stellte sich heraus, dass das Glashaus ein Ort ist, an dem alle möglichen
Menschen aufeinandertreffen und auch noch miteinander reden. Und das am "Schandfleck"
Worringer Platz, den OB Erwin unbedingt kameraüberwachen lassen will und
dessen AnwohnerInnen sich angeblich ohne den Schutz von Polizei und Ordnungsdiensten
kaum mehr vor die Tür trauen? Anne Mommertz und Oliver Gather erzählen
von ihrem Projekt:
TERZ: Was genau ist das Librarium? Mein Eindruck war, dass es erst mal Irritationen
über diesen Glaskasten gegeben hat, dass sich das Ganze aber schnell gelegt
hat, als klar geworden ist, dass das ein Kunstprojekt ist. Interessieren sich
die Leute hier überhaupt für Kunst?
O: Zum Glück ist das nicht ganz so gewesen. Bei den Leuten, die hier am
Platz waren, ist das nicht als Kunstprojekt angekommen, da war eher Offenheit
und Neugierde. Das Thema "Gibt es ein wichtiges Buch in ihrem Leben?"
war ja so angedacht, dass wir nicht das Kunstpublikum fragen, sondern die Anwohner
und Passanten. Die Leute sind reingekommen, haben aufgeschrieben, welches Buch
sie wichtig finden und haben dazu einen Kommentar geschrieben. So ist dann hier
im Glashaus eine Sammlung entstanden, von den Büchern, die wir über
die Stadtbücherei und über die Buchhandlung besorgt haben, in Kombination
mit den Kommentaren von den Leuten. Die war dann hier ausgestellt und man konnte
reinkommen, nen Tee trinken, quatschen, aber eben auch lesen.
TERZ: Aus welchem künstlerischen/politischen Background kommt ihr,
die Gruppe a&o?
A: Wir sind beide Künstler und haben hier an der Akademie studiert. Wir
machen schon lange Projekte zusammen, vor allem Dinge, die in der Öffentlichkeit
ein Publikum ansprechen, das erst mal nicht nur das Kunstpublikum ist, sondern
die einen Kontakt herstellen, die anders funktionieren, als wenn man eine Ausstellung
macht und dann kommen Leute, die das interessiert.
TERZ: Hat das funktioniert, dass sich wirklich verschiedene Leute für
das interessiert haben, was ihr hier macht?
O: Ja, auf jeden Fall. Es gibt eigentlich keine Personengruppe, die sich nicht
beteiligt hat. Das hat den Leuten doch sehr stark am Herzen gelegen, einmal,
dass da was passiert auf dem Platz, dass es so eine Art kommunikatives Zentrum
gibt, aber auch das Thema, das hat viele beschäftigt. Das Schöne ist,
dass die Leute hier miteinander kommuniziert haben und keine Angst voreinander
hatten.
A: Hier saßen auch Junkies und Rentner, die hier wohnen, zusammen und
sind ins Gespräch gekommen über ein Buch, das sie beide interessant
fanden. Oder dass Leute ihren Nachbarn getroffen haben, den sie noch nie gesprochen
hatten, das war richtig an der Tagesordnung.
O: Ein wichtiger Punkt an der Idee mit dem Glashaus ist, dass hier drinnen was
passiert, aber du weißt von vornherein, was. Das hat sehr geholfen, so
eine Hemmschwelle abzubauen.
Ein interessantes Klientel sind die Leute, die an der Haltestelle warten. Das
war auch mit so konzipiert, dass wir gesagt haben, wir machen ein Angebot für
die Wartenden, das nicht aus Werbung besteht, wir machen ein anderes Leseangebot.
Wir waren wirklich das "kundenunfreundlichste Wartehäuschen der Rheinbahn",
weil die Leute hier drin permanent ihre Bahn verpasst haben.
TERZ: Bemerkenswert, dass das wirklich funktioniert. Oft scheitern ja solche
Projekte, die "die Öffentlichkeit" als Zielgruppe haben, daran,
dass sich dann eben doch nur ein ganz kleiner Teil rein traut.
O: Eines ist vielleicht wichtig: Wir sind nicht vom Projekt ausgegangen, sondern
vom Platz, d.h. wir haben umfangreich recherchiert, haben Interviews gemacht
mit Anwohnern und Geschäftsleuten, und haben das ausgelotet. Was braucht
der Platz? Der andere Punkt ist: Das geht nur mit persönlichem Einsatz.
Wenn wir hier eine Kiste hingestellt hätten mit einer Ausstellung, das
hätte nicht funktioniert. Es ging wirklich um den persönlichen Kontakt.
TERZ: Zu den Interviews: In den Medien wird der Worringer Platz fast immer
in Zusammenhang mit OB Erwin und Kameraüberwachung erwähnt. Da kommen
vor allem immer diejenigen AnwohnerInnen und Geschäftsleute zu Wort, die
sich auf den Sicherheitsdiskurs aufschwingen. Habt ihr andere Erfahrungen gemacht?
A: Natürlich gibt's diese Sicherheitsliga, aber eigentlich nur punktuell.
Ich glaube, viel stärker leiden die Leute hier unter dem Dreck, also darunter,
dass man in jedem Hauseingang morgens die Scheiße wegwischen muss. Wir
haben probiert, so ein paar Dinge rauszusuchen: Wie könnte man das zusammenfassen,
was wir an Bedürfnissen rausgefunden haben? Wir hatten das Gefühl,
es liegt daran, dass hier keine Kommunikation stattfindet zwischen den Leuten,
dass die Leute voreinander Angst haben, sich aber nicht kennen. Es gibt auch
Leute, die haben so ein bisschen Kontakt mit den Junkies, die finden die dann
nur noch bemitleidenswert, die haben keine Angst mehr. Da gibt es Geschäfte,
die geben denen immer was zu essen.
O: Durch die Kenntnis ist die Hemmschwelle dann nicht mehr da, die sagen dann
"Mensch, das könnte meine Tochter sein", und sehen die Menschen
stärker.
Das, worunter die Anwohner leiden, ist oft auch das Negativimage, die wünschen
sich eigentlich ne positive Identität für den Platz, weil: Die leben
hier und die mögen den Platz zum Teil ja auch. Wenn dann permanent in der
Presse negativ berichtet wird, ist das für die total frustrierend.
Ein gutes Beispiel für die Sicherheitslage ist: Hier steht ein GLAShaus
- und es steht immer noch. Dabei ist das fast ne Provokation.
TERZ: Scheinbar betrachten die Leute das auch als ihres.
A: Genau, wenn man keine Gruppe ausschließt, ist auch keiner mehr aggressiv.
Genau das ist das Wichtige für den Platz, dass die Leute sich kennen lernen.
TERZ: Das Librarium ist ja nun beendet, jetzt ist hier ein "Frühbeet".
Was ist das?
O: Über das Librarium hat sich rausgestellt, dass ein Interesse besteht,
dass das Glashaus stehen bleibt. Wir versuchen jetzt ein Projekt zu machen,
wo wir Leuten, die das interessiert, ein Forum bieten, wo sie für den Platz
Aktivitäten entwickeln können. Hier werden quasi die Pflänzchen
herangezogen, die dann auf dem Platz ausgesetzt werden. Wir verstehen uns jetzt
als Katalysatoren; wir versuchen mehr und mehr loszulassen, damit andere Leute
das in die Hand nehmen.
[...] Es ist tatsächlich so, dass der Platz sich verändert hat, und
dass wir versuchen, da dran zu bleiben: Jeder ist herzlich eingeladen, hier
mal herzukommen. Hier gibt es Raum und Möglichkeiten, nichtkommerzielle
Ideen, die irgendwas mit dem Platz zu tun haben, zu verwirklichen.
A: Die Stadt legt einem da auch keine Knüppel in den Weg, die haben eher
ein Interesse daran, dass der Platz durch die Bespielung sein Image verändert.
Das wird auch unterstützt.
TERZ: Das wäre auch eine meiner Fragen gewesen: Wie setzt man ein solches
Projekt gegenüber der Stadt durch? Wenn ihr hier explizit ALLE Leute zusammenbringen
wollt, ist das ja ein anderes Verständnis von Öffentlichkeit als das,
was OB Erwin hat, der die Junks und Obdachlosen am liebsten wegräumen will.
Versteht ihr euer Projekt als Protest gegen eine solche Form der Politik?
A: Wir wehren uns eigentlich dagegen zu sagen, wir sind hier gegen etwas. Wir
machen einfach Dinge, die sich positiv entwickeln, weil da was zurückkommt.
Wir arbeiten gerne so, und es funktioniert. Im Grunde ist es ein Versuch, durch
Experimente eine Form zu entwickeln. Wie wir hier auf dem Platz arbeiten, das
ist ja nicht, um den Platz zu verbessern, sondern weil uns das Spaß macht
und weil es uns interessiert. Wenn sich das verbinden lässt, ist das gut.
Wir haben aber natürlich auch kein Interesse an Überwachung ...
TERZ: Seitens der Stadt wird das also als Aufwertung des Platzes begriffen?
A: Ja, Erwin ist nicht die Stadt, da gibt es ganz viele Leute ... Zum Beispiel
ist die Aktion "platz da!" ganz offiziell eine Sache, wo durch Bespielung
der Plätze die Plätze verändert werden. Das glaub ich ist die
Idee, die Städte werden leerer und man muß jetzt große Events
machen ... Wir sind da so reingerutscht als eine Art von Platzbespielung, deswegen
haben wir Unterstützung.
TERZ: Aber da seid ihr ja eher eine außergewöhnliche Form von
Platzbespielung. Oft dienen ja auf Kommunikation und Öffentlichkeit ausgerichtete
Kunstprojekte gerade dazu, eine selektive Öffentlichkeit herzustellen und
dafür zu sorgen, dass die Berber an den durch Kunst aufgewerteten Plätzen
verschwinden.
O: Wichtig ist, dass man sensibel und vorsichtig guckt, was ist auf so einem
Platz machbar, oder: Was kann da Identität stiften? Das bezieht sich auch
auf ne ganze Stadt: Was kann die Stadt für eine Identität haben? Im
Moment sind auch die kulturellen Projekte - eben aus der Angst heraus, die Städte
müssen wieder was machen, müssen ein Image machen - mehr so ... "die
Stadt als Marke", so management-orientierte Großunternehmen, wo das
Städtische austauschbar ist. Kultur wird dann genauso austauschbar wie
ne Shopping-Mall. Wir versuchen da über einen anderen Weg ranzukommen.
Nun braucht es Leute, die das Frühbeet mit beackern. Jeden Freitag
ab 17 Uhr ist im Glashaus "offene Konferenz" zu der jedeR eingeladen
ist. Was dabei raus kommt, ist offen. In nächster Zeit findet neben Bücher-Tausch-Tee,
einer Diskussion zum Thema BürgerInnenbeteiligung und einem von einer ImmigrantInnen
Gruppe initiierten Gespräch zum "Konsultationsverfahren" der
Landesregierung auch das ein oder andere Kunstprojekt statt. Am 6.Mai lesen
AutorInnen in der Stadtbücherei ihre "Platzgeschichten", die
in der Zeit vom 5.-7. Mai im Glashaus entstanden sind und bald als Buch erscheinen.
Weitere Termine und Infos hängen im Glashaus aus.
Immer in Bewegung bleiben ...
Krümel
www.terz.org - 26.5.2003