Na herrlich! Mit der geplanten und saubeschissen lächerlichen Jeff
Koons -Skulptur für fünf Millionen Euro schafft Hamburgs Oberspacke
Ole von Beust endlich mal öffentliche Kulturtatsachen, die der Diktatur
des Kapitals entsprechen
von wegen soziale Skulptur: die Stadt ist doch
mein Wohnzimmer! Steinbrück, von allen guten Sozi-Geistern verlassen, überlegt
derweil, Steuern auf Nacht-, Schichtarbeit und Überstunden auszuweiten.
"Wenn es für alle nicht mehr reicht, springen die Armen ein",
so Ernst Bloch einst. Oder war es heute? Keine Tabus, woher die Steuern kommen
für
all den staatlichen Schwachsinn, den wir ertragen müssen. Die rotgeschwollene
Eichel überlegt Besteuerung der Luft und der Lebenszeit, die CDP will die
Arbeitszeit auf 140 Jahre ausweiten
und der Kanzler lässt sich noch
nen Bier bringen und singt: Schabbadabbadabba. Leckt uns! Wir haben unsere eigene
Musik.
CHLORGESCHLECHT: UNYOGA (Deco)
Zum Beispiel diese hier. So. Jetzt geht mal los und hört euch diesen oberammergeilen
Alptraum an und seht zu, dass ihr die Welt und all ihre alltäglichen Arschlöcher
schön zurechtbiegt. Das geht nicht nur mit diesen wahnsinnigen 22 Tracks
in 23 Minuten, aber auch, und bestimmt lustiger ergo besser. Best Kaputtnikmusik
seit immer. Hält keiner aus, nur wir.
NOBUKAZU TAKEMURA: ASSEMBLER (Thrill Jockey)
Lyrische Abstraktion unterschiedlichster Klangquellen
ein field recording
hier, ein Frizzelgedicht da, seltsamste Rhythmen dort. Enorm spannende und abwechslungsreiche
Musik, die in ihrer variantenreichen Geräuschhaftigkeit und kompromisslosen
Ambivalenz wegweisend ist. Digitalanaloges Improvparadies - und logisch alles
vom Kind selbst gemacht.
LEXAUNCULPT: THE BLURRING OF TREES (Planet Mu)
Zwischen Aphex und Oberton, und mittendrin mal Streicher. Schön verhakte
Beats, dann wieder Ambient-Klassik, weird, gelassen, sucht nach Schönheit
ohne Prätention. Oh, und schöne Titel: "97 cars and free love"
- ok, oder?
HERPES ö DELUXE: HAVARIE (Everestrecords)
Langsam tropft der Hall, aber sehr intensiv und klar. Ambient? Von wegen: dunkel-psychedelisch
dramatisierte Sprachlayer, urlange Stücke, traumatische Atmo. Klingt komplett
wie eine Odyssee durch die Abwässerkanäle einer Großtadt. Quartett
aus Bern mit Supergespür für Soundscapes, live auch mit Theater unterwegs.
Komplett gelungen. Wundert euch nicht, wenn euch verrückte Blues- und Molepeople
entgegenkommen
KPT.MICHI.GAN: PLAYER, PLAYER (aesthetics)
Und ich sag noch: Nie wieder soll ein Sinuston eine Platte eröffnen! Doch
das hier ist anders, reitet der Mitspieler von Schneider TM doch seinen ambientigen
Minimaltechnostörtonpunkdub gekonnt in den Abgrund. Er schiebt seine Klampfe
in den Sampler, und heraus kommt großartigste Nachmitternachtmusik.
OREN AMBARCHI / MARTIN NG: VIGIL (quecksilber)
Sagte ich nicht: Nie wieder soll ein Sinuston...? Elektronik wie eine Stechnadel
im Bereuhaufen. Muss Ambarchi sich wieder von seinen schönen Pop-Sünden
(Sun) reinwaschen? Egal: wunderschöner minimal-konzentrierter Zen-Ambient,
reicht, um eine alte Gesellschaft aus den Angeln zu heben.
DORON SADJA: A PIECE OF STRING, A SUNSET (12k)
Elektronik, die in ihrer Experimentalität sehr weit und tief geht und der
man ihr durchdachtes Konzept nicht wirklich anhört, was der Wirkung enorm
gut tut. So wirkt das Konzept wie ein klares Wunder, die Physik wird Mysterium.
Doron studiert Musiktechnologie in Ohio und ist Mitbetreiber des Labels Shinkoyo.
Fünf Stücke für nächtliche Spaziergängen per Headphone.
Schwer empfohlen.
V.A.: BRANCHES AND ROUTES (Fat Cat)
Hammerkram you can believe in. Ich will nicht schwätzen von Compilation
of da month, deshalb sage ich nur: Compilation of da year!!! Ja was denn sonst
ihr Komiker? 2 satte CDs voller David Grubbs, Mice Parade, Múm, Kid 606,
Matmos, Sigur Rós, Fennesz (Big!), Giddy Motors &&&...alles,
was man in diesen Zeiten ohne Reue rückhaltlos lieben und schätzen
kann. Believe it or not.
CHRIS CLARK: CERAMICS IS THE BOMB (Warp)
Spieluhren spielen, Esel singen Nationalhymnen, und kleine Kinder fliegen bewusstlos
zum Mond. Der Junge mit dem Laptop aus Birmingham packt alles, was Warp je war,
in seine Zauberkiste, gießt Brit-Hirnmasse drauf und haut mit knochentrocken
jubilierender Präzision auf die Kacke, dass der Essig spritzt.
KLUTE: LIE, CHEAT & STEAL / YOU SHOULD BE ASHAMED (Commercial Suicide) So
ist's recht: erst lügen, betrügen und stehlen, dann schämen...Tom
Withers langerwarteter Dritter zwischen ruff Vibes und Summertunes bringt Flow,
Emotion und kickende Klasse auf eine Ebene, die im besten Sinne mitnicken lässt,
manchmal jedoch vor Old School leicht langweilt.
LUOMO: THE PRESENT LOVER (Force Tracks)
Vladislav Delay wird allenthalben Zucker in den Arsch geblasen...vielleicht
ist das etwas zu süß, denn dieses Album ist ein bisschen zu schaumig...wie
das dreckige Meerwasser, aus dem die neue Venus entsteigt und das sie in ihrem
oberflächigen Ölfilm spiegelt...sie hat Furunkeln am Arsch, aber das
ist ihr egal, denn sie schwingt den Booty zum sehr eigenen Takt...House, so
tief wie Teer.
NACHT PLANK: LOST AND DAMAGED (Hydrogen Dukebox)
Vorsicht, unspektakuläres tolles Elektronikalbum...kann leicht am Horizont
untergehen. Atmosphärisch dichte und komplett unterschiedliche Bearbeitungen
der Musik von Lee Norris, der Freunde und Seelenverwandte per Internet zum Remix
bat. Das Ergebnis besticht durch kohäsiven wie kommunikativen Vibe.
PLUMBLINE: CIRCLES (Hydrogen Dukebox)
Mehr von diesem fähigem Label: sehr atmosphärischer und gefühlvoller
Sound auch von diesem New Yorker, dessen Musik als eine Art Konzeptalbum einen
Road Trip von LA nach New York abbildet, neben ihm ein Belgier, im Fond ein
Hund, vor ihm der Horizont. Feines Gewebe aus Emotion und Elektronik.
V.A.: LEXOLEUM (Lex)
Das 18 Monate alte Baby plärrt und gluckert: HipHop-Definitionen zwischen
weirden Weißbrot-Styles, cooler Psychedelic und Spaßvogel-Rap im
Stil der viel zu früh verblichenen Ur-Arsonists. Tuffe Mischung, exzellentes
Design, und öfter mal knallen die Sicherungen der Amtlichkeit so richtig
schön durch.
TES: x2 (Lex)
Exemplarisch dafür Tes, ein NYer MC, der direkt aus den 90ern zu kommen
scheint : nur auf irren Spass und weirde Grenzsprengung aus, besserer Fluss
als ein Köter beim Eckenanpinkeln und Freistilkadenzen, die Birnen nicken
lassen.
NIGHTMARES ON WAX: LATENITETALES (Azuli)
Und dann die alte Schule: Onkel George erzählte Gutenachtgeschichten aus
Groove, Soul und Deepness - alles dicke Dinger, die einst seinen Stil prägten.
BONOBO: DIAL M' FOR MONKEY (Ninja Tune)
Jung, entspannt und aus Brighton: Simon Green lässt eine sehr angenehme
Mischung aus JazzHop und animalischem Ambient aus den Boxen rollen.
NMS: WOE TO THEE IF THY KING IS A CHILD (Big Dada)
Schön klassisch gesagt, aber hätte es nicht gleich "asshole"
heißen können? Da geht's natürlich um Kreuzfahr-George. Big
Jus (Company Flow) und California-Freestyler Orko Elohiem finden deutliche Worte.
"After 2month of waking up every morning to a blitzkrieg of right wing
media innuendo and the most nauseating ridiculous sabre-rattling paranoia since
the McCarthy witch hunts we had no choice but to produce this record."
Any questions left?
K-OTIX: THE BLACK ALBUM (K-otix Entertainment)
Fängt an wie Ton, Steine, Scherben: mit Fabriksirene. Das Trio aus Houston/Texas
entpuppt sich dann aber, trotz ruffester Vibes im KRS-One-Stil als nicht politisch
intendiert, sondern gibt Party-Rocker mit fettestem tiefhängendem P-Funk,
dessen Jump-Ups ziemlich zwingend sind.
THE ARE: HUSTLER'S THEME (K-otix Entertainment)
Klopf-Klopf, ist da Awareness-Rap drin? K-otix-Produzent The Are hustlet uns
was: es brummt die Gästeliste, und die Partyposse nickt mit. Funkt wie
Sau.
HONIGDIEB: SEI WIE DU BIST (Kunterbunt)
Sir Hannes, die Dortmunder Punklegende, auf der Suche nach dem Glück zwischen
herzerfrischend naivem Pinocchio-Punk, Hardrock-Folk und Pipilotti-Sex-Ska aus
der Villa Kunterbunt. Partyplatte mit dramaturgischer Hintertür und melancholischen
Pommesbuden-Philosophien. In China füllt das die Hallen...?
REBECCA HANCOCK: SOMEWHERE TO LAND (Hot)
Die klassische Songschreibe hat's in sich: Hancock, die einst mit Louis Tillett
oder Ed Kuepper spielte, auf einem kraftvoll-zwingendem Debut zwischem dunklem
Midnight-Bar-Swing, verzerrtem Träume-Blues und Funk für die Illusionslosen.
Unnötig, wie immer, das "Love will tear us apart"-Cover.
GORDON HASKELL: SHADOWS ON THE WALL (Flying Sparks)
Gordy ist auch schon nen weiten Weg gegangen: wohnte mit Hendrix zusammen, war
auf den ersten beiden King Crimson-Alben dabei und spielte mit Tim Hardin und
Cliff Richard. Jetzt spielt er relaxten Trost-Folk für die Älteren,
der seine staubigen Füße gerne an der Westcoat in die Brandung hängen
lässt. Die Songs atmen den Staub der Sonne ein und weinen ihn nachts wieder
aus.
BENT: THE EVERLASTING BLINK (Sport)
Bent sind spitze. Ihr kennt sie nicht? Zeit wird's: schon "Programmed to
Love" haute aus den Hausschuhen, hier geht's weiter mit den oberskurilem
Chill-Out-Stories des Duos, die zum Besten gehören, was Popmusik heute
zu bieten hat. Unglaublicher Umgang mit Pop-Geschichte und exzellent weirde
Arrangements.
CUBISMO GRAFICO: ONE WISH (El Muto)
Wem das gefällt, sollte hier reinhören: das Projekt des japanischen
Alleskönners Gakuji Matsuda steckt voll origineller stilistischer Einfälle,
die alles sind, nur nicht beliebig und langweilig. Der Nippon-Pop-Eklektizismus
ist erwachsen geworden, klingt rund, warm und schüttelt ununterbrochen
deine Hände.
V.A.: MOLTO MONDO MORRICONE III (Royal Earforce)
Keine Fragen offen, wenn's um Morricone geht. Der Mann ist wie Kinski: jeden
noch so schrottigen Film adelte er mit seiner Präsenz und seiner charismatischen
Arbeit. Wahnsinns-Scores von Filmen, die ihr zum Glück nie sehen müsst!
MATT ELLIOTT: THE MESS WE MADE (Domino)
So, jetzt mal Ruhe hier, ich will nicht, dass das jetzt untergeht. Nicht eiern,
ihr Hobos, denn Musik wie diese könntet ihr mal brauchen - wenn nämlich
der Haussegen oder der Kontostand schief hängt, dann ist diese Musik nicht
mehr, aber auch nicht weniger als ein Freund. Matt "3rd Eye Foundation"
ist der zuverlässige Helfer, um euer Trübsal in einen Blues aus blauer
Watte zu packen und sanft aber bestimmt zu entsorgen. Soviel Klasse ist selten,
wirklich selten.
CABARET VOLTAIRE: METHODOLOGY (Mute)
Die 1974-78er Attic Tapes der Industrial-Pioniere haben sich in satte 3 CDs
verwandelt. Das Booklet im feinen s/w Industrial-Design hätte einige Infos
oder ein Interview mehr vertragen. Das Material: wir und unsere Synths. Mono,
rudimentär, pures Tape-Material. Machen wir alle selber. Heute vor allem
Archivmaterial und Geschichtsstunde. Mit Fascist Police State, Mussolini Headkick
und BaaderMeinhof. Nach soviel Grau freut uns der Sommer.
www.terz.org - 26.5.2003