Arbeit muss preiswert sein!
Die sachverständige Abwicklung des Unfalls wurde umgehend in bewährte
Hände gelegt: Die Staatsanwaltschaft wird prüfen, ob es sich um fahrlässige
Tötung oder um fahrlässige Körperverletzung gehandelt habe. Vielleicht
werden Schuldige gefunden und haftbar gemacht.
Dabei muss allen Beteiligten bekannt sein, dass derartige Unfälle nicht
auf das Versagen Einzelner zurückzuführen sind, sondern Resultat des
knallharten, auf Rentabilität zielenden Konkurrenzkampfes der Bauunternehmen
ist. Sicherheitsvorschriften werden systematisch missachtet, Arbeitsschutz ist
ein Fremdwort.
Kennzeichnend für die Situation ist ein Bericht des hessischen Sozialministeriums
vom 1. August 2001 über den Kraneinsatz auf hessischen Baustellen, der
anlässlich eines schweren Kranunglücks in Frankfurt im Spätsommer
1999 erstellt wurde. Damals stürzte ein Turmdrehkran um und erschlug drei
Menschen in einer Kantine.
Darauf überprüften Kontrolleure auf 104 Baustellen die Kransicherheit
und fassten die Ergebnisse so zusammen: "Die Sicherheitsdefizite sind vor
allem auf mangelhafte Organisation zurückzuführen. Der Schwerpunkt
der Defizite lag im Bereich der Aufgabenübertragung sowie der Unterweisung
und Qualifikation der Mitarbeiter."
Im Einzelnen heißt es: "Die Auswertung zeigt, dass die Mängel
weniger technischer Natur waren, sondern durch Organisationsdefizite in den
Unternehmen entstehen. So fand auf der Mehrzahl der Baustellen keine organisierte
Unterweisung der Arbeitnehmer statt, was - gerade auch bei der Vielzahl ausländischer,
kaum deutsch sprechender Bauarbeiter - zu gefährlichem Fehlverhalten führen
kann. Auf mehr als 40 Prozent der Baustellen waren keine Verantwortlichen für
die Umsetzung des Sicherheits- und Gesundheitsschutzplanes benannt - dieser
aber ist ein wesentliches Handwerkszeug zur Vermeidung gegenseitiger Gefährdungen
und zur möglichst risikolosen Koordination der verschiedenen Gewerke. Auf
mehr als zwei Drittel aller untersuchten Baustellen war kein Koordinator in
der Planung bestellt, was präventiven Arbeitsschutz erschwert und das Unfallrisiko
erheblich erhöht.
Im Zusammenhang mit dem Ausgangspunkt der Aktion, dem Kranunfall in Frankfurt,
ist folgendes Ergebnis von Bedeutung: Auf 45 Prozent der Baustellen wurden wesentliche
Änderungen an Kranen nicht systematisch erfasst. Der verunglückte
Kran war mit einer besonders schweren Winde ausgestattet, die in die Berechnungen
zum Zentralballast nicht einbezogen worden war. Werden Änderungen am Kran
nicht schriftlich erfasst, können auch die mit den Änderungen verbundenen
Sicherheitsmaßnahmen (in diesem Fall ein fast doppelt so hoher Zentralballast)
nicht beachtet werden - und das kann tödliche Folgen haben." (http://www.
sozialnetz-hessen.de/arbeitsschutz/kran.htm?csok=1)
Sorgen machte sich das Sozialministerium nicht wegen der paar Toten in Frankfurt,
sondern weil es sich bei der Baubranche um die "unfallträchtigste
Branche der gewerblichen Wirtschaft" (ebd.) handelt. Zwar sieht der Staat
mit Genugtuung, wie sich die Unternehmer immer neue Tricks einfallen lassen,
die Kosten für die Arbeitskraft zu minimieren, um so die Gewinne zu steigern,
jedoch mag er nicht mit ansehen, wie gleichzeitig seine nationale Arbeitskraft
ruiniert und so die gesamte Volkswirtschaft geschädigt wird. Darum greift
er wohl kalkuliert in den Arbeitsprozess ein und verfügt per Gesetzesverordnung
Grundregeln zur Arbeitssicherheit, deren Einhaltung er rücksichtsvoll gegenüber
den Unternehmern kontrolliert. Schließlich will er auch nicht durch übereifriges
Handeln den Geschäftsablauf stören.
Mörderische Arbeitsbedingungen auf der einen, gesetzliche Regelungen dagegen
auf der anderen Seite ergänzen sich. Die Institution der Gewerbeaufsicht
und die Berufsgenossenschaften selbst sind Belege dafür, dass es immerwährend
für die Unternehmer gute Gründe gibt, gegen die gesetzlichen Regeln
des Arbeitsschutzes und der Arbeitssicherheit zu verstoßen.
Die geistige Elite verarbeitet das Unglück
Zwei Tage frei gab es für die Schüler des angrenzenden Görres-Gymnasiums.
Jubelschreie jedoch waren von den Pennälern in den WDR-Interviews nicht
zu hören. Vielmehr zeigten sie sich tief betroffen von den Ereignissen
in ihrer Nachbarschaft. Mit schönen Worten bekundeten sie ihr Mitgefühl
gegenüber den Opfern der Katastrophe und deren Angehörigen. Auch schätzten
sie sich glücklich, dass ihre Schule nicht noch ärger von dem Unfall
betroffen war.
Die Schüler haben sich die Note "Eins" verdient. Schließlich
beherrschen sie die Kunst der öffentlichen Heuchelei. Anstatt sich auf
die Suche nach den Gründen des Unfalls zu begeben und gegebenenfalls Kritik
zu üben, beschränken sie sich auf das Bekunden ihrer Anteilnahme,
als sei ein fürchterliches Naturereignis auf die betroffenen Arbeiter hereingebrochen,
das keiner gewollt, geschweige denn angezettelt hat.
Die Freude über den Erhalt ihrer Schule kann durchaus echt sein. Diese
befähigt nämlich ihre Klientel, in Zukunft die Planung, Organisation,
Kontrolle und ideologische Begleitung der gewinnträchtigen und gesundheitsgefährdenden
Arbeitsprozesse zu übernehmen. In die Verlegenheit, später sich den
Gefahren des Proletenlebens auszusetzen, werden sie wohl kaum kommen, wenn sie
ihre Lektionen gut gelernt haben.
Nachtrag:
Ein Tag nach dem Kranunglück knallte es mächtig in der Gerresheimer
Glashütte, und acht Arbeiter mussten verletzt herausgetragen werden. Im
Gymnasium geht das Gerücht um, ein Thema des nächsten Abituraufsatzes
solle lauten: "Rentabilität und Arbeitsschutz. Diskutieren Sie Möglichkeiten
und Grenzen!"
Business as usual.
HENRICI
Die Zuschauer bei
Katastrophen
erwarten zu Unrecht,
daß die Betroffenen daraus lernen
werden. Solange die Masse
das Objekt der Politik ist,
kann sie, was mit ihr geschieht,
nicht als einen Versuch,
sondern nur als ein Schicksal ansehen;
sie lernt so wenig
aus der Katastrophe,
wie das Versuchskarnickel
über Biologie lernt.
(Bertolt Brecht, Anmerkungen zu "Mutter Courage und ihre Kinder")
Wenn Betroffene ihr Leid klagen, appellieren sie an die Verantwortlichen,
dass die sich um ihre Sorgen und Nöte zu kümmern haben. Das hat mit
Kritik der Verhältnisse, unter denen jemand zu Schaden gekommen ist, nichts
zu tun und bildet auch nicht den Auftakt dazu.
Besonders ärgerlich ist es, wenn Menschen, die mit den "Betroffenen"
persönlich nichts am Hut haben, mit Leidensmiene öffentlich ihre Betroffenheit
demonstrieren. Sie gehören zu der ideologischen Propagandaabteilung des
Ladens, der ständig das Leid produziert und dieses als Quasi-Naturschicksal
verkauft.
www.terz.org - 26.5.2003