Mit einem riesigen Aufgebot bietet zur Zeit das Neusser Theater am Schlachthof (TaS) eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Düsseldorfer Schaupielensemble e.V. dar: "Des Teufels General", ein Bühnenstück von Carl Zuckmayer. Das Buch über den "Quartiermeister des Teufels in der Hölle" entstand 1942 im Exil und wurde 1945 veröffentlicht.
Hauptfigur des Stücks ist in Anlehnung an den deutschen Weltkrieg-I-Kampfflieger
Udet der Fliegergeneral Harras. Dieser hat sich der Naziführung als Spezialist
im Bauen von Kriegsflugzeugen angedient und steht als Leiter der Abteilung für
Materialprüfung im Reichsluftfahrtsministerium vor. In seiner Abteilung
wird eine Sabotagetruppe vermutet, da ständig "edle Kampffliegerhelden",
zu denen die Damenwelt aufschaut und denen das Jungvolk nacheifert, aus unerfindlichen
Gründen abstürzen. Das wollen der "dicke" Göring und
erst recht der Chef in der Reichskanzlei Hitler nicht zulassen. Deshalb bekommt
Harras den Auftrag, die Sabotage zu stoppen. Er ist aber auch selbst stark daran
interessiert, die "Verbrecher" zu überführen, da ihm "seine
Jungs" ans Herz gewachsen sind. Das verweist auch auf die "andere"
Seite von Harras, der von Zuckmayer als väterlicher Freund und Helfer in
allen Lebenslagen gezeichnet wird. Gleichzeitig ist er ein Schwerenöter,
was die Damen anbelangt, und ein Saufkopp, was seine Offizierskollegen betrifft.
Der von Zuckmayer präsentierte Offizierjargon ist zwar authentisch, aber
schwer auszuhalten. - Die Lage spitzt sich für Harras zu, da es ihm nicht
gelingt, die "Schädiger der Sache des Führers und des Reichs"
aufzuspüren. So wird ihm ordentlich Druck gemacht, und er verschwindet
für 14 Tage in Gestapo-Haft. Aber ein "Haudegen" wie Harras lässt
sich von so etwas nicht unterkriegen. Er flirtet weiter, schmiedet gar Pläne
- nicht ahnend, dass seine Zeit abgelaufen ist. Zu dieser Erkenntnis kann er
aber auch nur schwer gelangen, da er sich mit Leuten umgeben hat, die ihm schmeicheln
bzw. die ihm als Stichwortgeber dienen ("Schnauze"). Die Augen öffnet
ihm erst sein eigener Chefingenieur Oderbruch, der das Haupt der Saboteure ist.
Dieser verwickelt Harras in eine Diskussion über Widerstand gegen die Hitleristen.
Oderbruch führt aus: "Wir schießen dem Hitler den Weg frei und
deswegen müssen wir ihm die Waffen aus der Hand schlagen." Ziemlich
unvermittelt die plötzliche Einsicht Harras'. Er schlägt sogar vor,
noch weiter zu gehen und den "Kopf", also Hitler zu treffen. Dass
die Wehrmacht inkl. Luftwaffe völlig einverstanden war mit den Eroberungsfeldzügen
Hitlers, bleibt im Stück ungesagt. Aus dem Dilemma, seinen Lieblingsingenieur
weder verraten zu wollen noch sich für die aktive Teilnahme am Widerstand
entscheiden zu wollen ("Wer auf Erden des Teufels General war, muss ihm
auch in der Hölle das Quartier bereiten"), entscheidet sich Harras
zur Selbstentleibung. Mit einer der sabotierten Maschinen steigt er auf und
macht seinem Leben ein Ende.
Das Stück selbst fand schon 1946 auf der Züricher Bühne des dortigen
Festspielhauses seine Uraufführung. Es wurde von Zuckmayer noch einmal
wesentlich (was die Rolle des Chefingenieurs und "Verräters"
betrifft) umgearbeitet und konnte dann seine eigene Rolle im Nachkriegsdeutschland
spielen: Von 1947 bis 1950 war das Stück einer der größten deutschen
Bühnenerfolge nach dem Krieg. Es muss wohl an der vermuteten Intention
des Autors gelegen haben, mit dem Stück die ganze Naziherrschaft zu verteufeln,
also quasi d i e zeitgenössische Art der Verarbeitung der "dunklen
Jahre" geliefert zu haben.
Gleichzeitig bot Zuckmayer eine "gebrochene" Identifikationsfigur
- Fliegergeneral Harras - alias Udet - an, der bei allen Fehlern des Mitmachens
am Erobern und Morden immerhin in seiner Lebensführung und seinem lockeren
Ton gegenüber den Parteibonzen sich zumindest in den Salons nicht unterkriegen
lässt. Dass Harras zu seiner eigenen Entlastung auch noch ein paar Juden
zur Ausreise verhilft, verschaffte ihm weitere Pluspunkte beim damaligen Publikum,
waren doch in dieser Zeit viele Zeitgenossen um "Persilscheine" und
entlastende Zeugenaussagen sehr bemüht. Die Wendung zum Schluss des Stückes,
die Quasi-Selbstopferung macht ihn erst recht zum Helden, allerdings mit verzeihlichen
Flecken auf der Weste. So konnte weiter am Mythos von der "sauberen Wehrmacht"
festgehalten werden.
Aber was soll das Stück uns heute sagen?
Die Inszenierung, die zeitlich mit dem Aufbau der kriegerischen Drohkulisse
gegenüber dem Irak zusammenfiel, führte der Regisseur Sascha Dücker
aus. Zum Glück hat er darauf verzichtet, Harras in die Uniform eines "aufmüpfigen"
Generals der Republikanischen Garden Saddam Husseins zu stecken. Aber andererseits
will er schon die Moral heutiger Kriegseinsätze befragt wissen. Dass es
hier und damals um die Vertretung von Interessen einer Nation geht und ging,
für die sich der "Volkskörper" aufzuopfern hat, also mit
Moral erst mal recht wenig zu tun hat, will Dücker, so seine Ausführungen
im Programmheft, nicht sehen. Er hält es da eher mit der Bundesregierung
und macht(e) sich Sorgen, ob sie nicht doch noch "umfällt" und
sich am "völkerrechtswidrigen" Krieg gegen den Irak aktiv beteiligt.
Zur Aufführung
Es ist, wie schon oben ausgeführt, erstaunlich, mit was für einem
großen Aufgebot das Theater am Schlachthof mit dieser Inszenierung aufwartet.
Um die Szenenfolge für den Zuschauer auch zeitlich erträglich zu machen
-- immerhin dauert die Aufführung insgesamt fast drei Stunden -, ist man
auf den Dreh verfallen, das Stück auf zwei Bühnen zu produzieren.
Es bleibt trotzdem die Frage offen, ob nicht durch eine Verdichtung mehr gewonnen
würde.
Das Stück lebt natürlich ganz durch die Figur des Harras, die Jens
Spörckmann hervorragend ausfüllt.
Dass neben Harras die anderen Figuren blasser wirken, hat mit Zuckmayers Intention
zu tun, das Stück auf Harras zu konzentrieren. Wie ja auch die zahlreichen
Bühnenproduktionen der Nachkriegszeit etlichen Schauspielergrößen
die Chance gaben, in der Figur des Harras zu glänzen.
Es gelingt jedoch auch den diversen Interpretinnen und Interpreten der verschiedenen
Rollenparts, eindrucksvolle Leistungen auf die Bühne zu bringen.
HPJ
Weitere Aufführungen: Über Theater am Schlachthof (TaS) erfragen:
Tel.: 02131 277 499
www.terz.org - 26.5.2003