Ein
regnerischer heißer Mai
Die Revolte
von Melfi
Seit Jahren
wird vom Ende der alten Arbeiterklasse geredet, dem Ende der
Zentralität des
Großbetriebs, von Dezentralisierung der Produktion und
Auslagerungen, usw. Als
roter Faden zieht sich durch diese - mittlerweile Allgemeingut
gewordenen -
Überlegungen die Überzeugung, auch der Arbeitskampf bzw. der
Klassenkampf sei
überholt. In der “postindustriellen” Produktion habe sich die
Arbeiterklasse
aufgelöst und könne höchstens noch als Verbund von
Interessengruppen im
“Verteilungskonflikt” agieren.
Man könnte
das Thema abhaken mit dem alten Witz von dem Arbeiter, dem jemand
erzählt, der
Klassenkampf sei vorbei, und der antwortet: “Habt ihr auch den
Unternehmern
Bescheid gesagt?” Aber die soziale Frage wird natürlich nicht im
Diskurs
entschieden. Und die Bewegung der ArbeiterInnen ist keine mechanische
Antwort
auf den Druck “von oben”, sondern das Ergebnis einer individuellen und
kollektiven Verarbeitung der proletarischen Erfahrung, bei der die
ArbeiterInnen die Umbrüche der Gegenwart zu den Erfahrungen der
Vergangenheit
in Beziehung setzen.
Im Sommer
2003 hatte es in Lukanien (alter Name der Basilikata) große
Mobilisierungen
gegen Atommülldeponien gegeben, viele Menschen hatten sich an
Straßenblockaden
beteiligt. Das war natürlich eine klassenübergreifende
Volksbewegung, aber sie
zeigte, dass man mit direkten Aktionen gesellschaftlich etwas
durchsetzen kann.
Bereits im Winter 2002/2003 waren in den Auseinandersetzungen um die
Kurzarbeit
bei Fiat Straßenblockaden zum Massenphänomen geworden. Auch
wenn dieser Kampf
mit einer klaren Niederlage zu Ende ging, hinterließ er ein
eindeutiges Zeichen
in der gesellschaftlichen Wahrnehmung. Die wilden Streiks der Busfahrer
und des
Flughafenpersonals im Winter 2003/2004 stellten dann einen
Qualitätssprung dar,
weil sie von Blockaden von außen zu Aktionen im
Produktionsprozess selbst
übergingen.
Nun fand in
Melfi (Basilikata) der erste große Kampf von
IndustriearbeiterInnen in Italien
seit zehn Jahren statt, der nicht nur auf Entlassungen oder den
allgemeinen
Sozialabbau reagierte. Bei seiner Einweihung vor zehn Jahren war Sata
(so heißt
das Fiat-Werk in Melfi) als postfordistische Modellfabrik vorgestellt
worden.
Noch vor der Einstellung der ersten ArbeiterInnen wurde ein
Tarifvertrag “auf
der grünen Wiese” abgeschlossen, von einer Gewerkschaft, die
sozialpartnerschaftlich zu nennen, eine Beschönigung wäre. Es
gab massive
staatliche Subventionen (“Arbeitsplätze im Süden”, so
ähnlich wie bei uns “im
Osten”, dafür ist jede Subvention recht), eine “toyotistische”
Arbeitsorganisation, die Hälfte der Beschäftigten arbeitet in
21 Zulieferbetrieben
in unmittelbarer Nachbarschaft usw. Melfi sollte Druck auf Löhne
und
Arbeitsbedingungen in den anderen Fiat-Werken in Italien ausüben.
Melfi
startete von Anfang an mit einer sehr hohen Fluktuation. Die Disziplin
wurde
mit drakonischen Strafen durchgesetzt. Die ArbeiterInnen (darunter auch
zehn
Prozent Frauen, eine absolute Neuheit im Fiat-Konzern) verdienten
weniger als
in anderen Fiat-Werken und hatten deutlich brutalere Schichten, um das
Werk
sechs mal 24 Stunden am Laufen zu halten. Mitte April 2004 traten die
ArbeiterInnen in Streik gegen diese Bedingungen. Nach zehn Tagen Streik
hatte
Fiat Produktionseinbußen von 16.300 Fahrzeugen (allein in Melfi
werden am Tag
bis zu 1200 Fiat Punto und Lancia Y montiert und Bleche für andere
Fiat-Werke
hergestellt), und 95 % der italienischen Autoproduktion stand still. Am
26.
April griffen die Bullen sehr hart die Streikposten an. Es gab mehrere
Schwerverletzte. Daraufhin rief die FIOM zu einem landesweiten
Generalstreik am
28. April auf.
Kämpfe, die
von zugespitzten Punkten des gesellschaftlichen Widerspruchs ausgehen,
bekommen
meist eine rasante Dynamik. So auch in Melfi: Die ArbeiterInnen haben
außerordentlich hart und entschlossen gekämpft und praktisch
jede/n gezwungen,
sich auf die eine oder andere Seite zu stellen. Sie haben nicht nur die
Gewerkschaft und den Betriebsrat in Frage gestellt, sondern auch die
Anfälligkeit
der Just-in-Time-Arbeitsorganisation für sich ausgenutzt. Da die
“integrierte
Fabrik” keine Puffer hat, muss der Produktionszyklus, an dem
verschiedene Werke
und Unternehmen beteiligt sind, wie am Schnürchen funktionieren.
Die
ArbeiterInnen haben den Zersetzungsprozess der alten fordistischen
Fabrik, mit
dem ihre Verhandlungsmacht geschwächt werden sollte, gegen die
Unternehmer
gewendet und klargemacht, dass auch in der postfordistischen Fabrik
gekämpft
werden kann.
Abschluss?
Nach 20
Tagen Kampf und etwa 35.000 nicht produzierten Autos (mehr als 1,5 %
der
Fiat-Jahresproduktion) haben FIM, FIOM, UILM, FISMIC und UGL eine
Einigung mit
Fiat erreicht, und der Streik wurde zunächst beendet. In Rom
wurden die
Verhandlungen in der Schlussphase von den nationalen Vorständen
der drei
Gewerkschaften geführt, die plötzlich wieder gemeinsam
aufgetreten sind,
nachdem das Tischtuch doch endgültig zerschnitten schien.
Der
Abschluss lässt sich ungefähr so zusammenfassen:
1. Ab Juli
wird der sogenannte Doppelklopper, d.h. zwei Wochen Nachtschicht in
Folge,
abgeschafft. Es wird eine 6-Tage-Woche und eine 4-Tage-Woche mit zwei
aufeinander folgenden Ruhetagen geben. Gleichzeitig wird die
Arbeitszeit von
7:15 Stunden auf 7:30 Stunden verlängert, was 7 zusätzliche
arbeitsfreie Tage
ergibt. Die Nachtschichtzulage wird bis Juli 2006 von 45 auf 60,5
Prozent (wie
in den anderen Werken) erhöht.
Die
ArbeiterInnen haben viel erreicht, aber Samstags- und Sonntagsarbeit -
und die
nur 30-minütige Mittagspause - bleiben.
2.
Die Löhne
in Melfi werden erst nach und nach an die der anderen
Fiat-Beschäftigten
angeglichen (die Hälfte der Angleichung kommt ab Juli 2004, ein
weiteres
Viertel im Juli 2005 und der Rest ab Juli 2006). Das hätte sofort
geschehen
müssen.
3. Ein
weiterer Auslöser des Streiks war das harte Fabrikregime: Im Laufe
von zehn
Jahren hatte es 7.000 Disziplinarmaßnahmen (Suspendierungen und
Lohnabzüge)
gegeben. Nun wird eine “Versöhnungs- und Vorsorgekommission”
eingerichtet, die
die in den letzten zwölf Monaten verhängten Sanktionen
untersuchen soll.
Das ist
heikel. Im Streik gab es extrem harte Auseinandersetzungen, und die
Untersuchung der Disziplinarstrafen einer gemischten Kommission aus
Unternehmern und Gewerkschaften zu überlassen, die zum
großen Teil gegen den Kampf
waren, ist letztlich selbstmörderisch.
Wo stehen
wir?
*
Der Kampf
von Melfi zeigt, dass eine starke und entschlossene Mobilisierung
nötig ist, um
etwas zu erreichen - und dass die ArbeiterInnen das vollkommen
verstanden
haben.
*
Gerade
die entschiedensten Feinde der Bewegung im Gewerkschaftslager haben den
wesentlichen Punkt begriffen: die Fabrikdisziplin wurde ernsthaft
angegriffen,
das bequeme Leben für die Abteilungsleiter und die
Gewerkschaftsbürokraten ist
zumindest vorläufig vorbei.
*
Die ArbeiterInnen
von Melfi haben alle wichtigen politischen und gesellschaftlichen
Kräfte
gezwungen, für oder gegen den Kampf Stellung zu nehmen. Sie haben
im höchsten
und wahrsten Sinne des Wortes “Politik gemacht”, nämlich die
Fragen, die uns
alle angehen, in den Mittelpunkt gestellt.
*
“Naja, es
hätte noch mehr herauskommen können, aber Fiat musste
nachgeben, und das ist
schon ein außerordentliches Ergebnis” - wer den Abschluß so
kommentiert, hat
das Wesentliche nicht verstanden: Für Millionen von
ArbeiterInnen war dieser
Kampf ein ganz klares Zeichen, das mehr wert ist als tausend Reden,
nämlich die
Tatsache, dass man sich nur mit Stärke durchsetzt.
*
Last but
not least haben die ArbeiterInnen in Melfi gezeigt, dass sie den ganzen
Produktionszyklus mobilisieren, Fiat und Zulieferfirmen jenseits von
Eigentums-
und Beschäftigungsverhältnissen vereinheitlichen und durch
das Lahmlegen der
Produktion an den strategischen Punkten die Flaschenhälse des
Zyklus selbst
gegen die Unternehmer wenden können.
Klassenkampf
is back
Wenn wir
Klasse nicht als statisches Aggregat, sondern als
Schicksalsgemeinschaft (Max
Weber), das heißt als Gruppe von Menschen fassen, die nicht
ideologisch,
sondern unmittelbar eine gemeinsame Zugehörigkeit empfinden, dann
folgt daraus,
dass das Selbstverständnis als Klasse ein Prozess und etwas
Erkämpftes ist,
dass es die Schaffung von sozialen Codices ist, was eben diese
Gemeinschaft
charakterisiert. Und dafür sind Kämpfe wesentlich, weil die
Leute dabei ihre
Autonomie erproben und sich selbst als Subjekte und nicht nur als
Rädchen der
gesellschaftlichen Maschine wahrnehmen.
Es hat sich
wieder herumgesprochen, daß diese Gesellschaft auf dem Konflikt
basiert und
dass man kämpfen muss, um Verschlechterungen abzuwehren, oder –
wie im Fall von
Melfi – um etwas Besseres zu bekommen.
Aus dem
Institutionenzoo:
FIOM:
Metallarbeitergewerkschaft der CGIL
FIM:
Metallarbeitergewerkschaft der CISL
UILM:
Metallarbeitergewerkschaft der UIL
CGIL:
linker, d.h. Rifondazione und DS nahestehender
Gewerkschaftsverband
CISL:
katholischer Gewerkschaftsverband
UIL:
rechtssozialdemokratischer
Gewerkschaftsverband
FISMIC: klassische
“gelbe”
Betriebsgewerkschaft bei Fiat
UGL:
den Postfaschisten (Alleanza Nazionale)
nahestehender Gewerkschaftsverband
Stark
gekürzter Vorabdruck aus der Wildcat 70, die zu Sommerbeginn
erscheint (siehe
auch http://www.wildcat-www.de)
Chronologie:
18.
April. Der
Streik beginnt in einigen Zulieferbetrieben
und greift dann auf sämtliche Autobetriebe in Melfi über, wo
sich Fiats
wichtigstes Werk in Italien befindet. Es geht um Lohnerhöhungen,
weniger
schwere Arbeitsorganisation, Abschaffung des Strafsystems. Vor allem
die FIOM,
aber auch Slai Cobas, UGL und Cisal unterstützen den Streik. Die
Mehrheitsgewerkschaften (UILM, FIM und FISMIC) sind dagegen. Sie
schlagen sehr
bald zusammen mit Fiat harte Töne gegen die Streikposten an, sie
würden
Arbeitswillige am Betreten des Betriebs hindern.
24.
April. Kundgebung
vor der Fiat Sata in Melfi.
Die ArbeiterInnen vergewissern sich, dass die Streikposten stehen.
26.
April. Die
Polizei greift die Streikposten an.
Mehrere ArbeiterInnen werden verletzt. Regierungsvertreter sprechen der
Polizei
ihre Unterstützung aus. Zum ersten Mal seit etlichen Jahren gibt
es direkte
Knüppeleien zwischen ArbeiterInnen und Bullen. CISL, UIL und
FISMIC kritisieren
die Polizei wegen “Exzessen”, vor allem aber die Streikenden.
28.
April. Italienweiter
vierstündiger Streik (in
der Basilikata acht Stunden) der MetallarbeiterInnen
gegen die
Polizeiübergriffe. Riesige Demo in Melfi.
29.
April. Die
FIOM reagiert auf den Druck und sagt
zu, die Streikposten abzuziehen und sie in eine ständige
Streikversammlung
umzuwandeln. Das ist aber nur ein formelles Zugeständnis an FIM,
UILM und
FISMIC, denn die ArbeiterInnen versperren den
Streikbrecherbussen, die im
übrigen halb leer sind, weiter den Weg.
4.
Mai.
Demo in Rom. Aufgerufen hat der
Betriebsrat mit Unterstützung der FIOM. Drei Strukturen bestehen
nebeneinander:
der Betriebsrat, der überhaupt keine Rolle spielt, die Delegierten
der
Kampfkoordination, die zwar den Streik führt, aber organisatorisch
schwach ist,
die FIOM, die der Bewegung freie Bahn lässt, aber Verhandlungen
und
Organisation in der Hand behält.
9.
Mai.
Der Abschluß wird von den
provisorisch wiedervereinigten drei offiziellen Gewerkschaften
unterschrieben.