Schnell,
Schneller, Tempodrom. Der galoppierende Schwachsinn gegenwärtiger
staatlicher
Kulturpolitik lässt sich im Umgang mit dem ehemaligen Berliner
Spielort einer
“frechen und alternativen” Kultur, so die Mär und von
Sozi-Spießern eifrig
kolportiert, in Zeitlupe setzen und wie unter einer Lupe begutachten.
1980
kaufte eine Krankenschwester mit einer ererbten halben Mille ein
Zirkuszelt,
stellte es am Potsdamer Platz, später am Tiergarten auf, und lud
Dylan, Nina
Hagen oder die Neubauten ein. Die Institutionalisierung der
alternativen Kultur
wurde, wie so oft, zum Vorzeige- und Standortfaktor. Als Berlin fette
Reichshauptstadt wurde, zahlten die Bonner den Besitzern drei Mio.
€
Umzugshilfe. Ein Stararchitekt entwarf einen Neubau, der auf 16
Mio. €
Baukosten geschätzt wurde, nach etwas genauerer Nachrechnung kam
man kurz vor
dem ersten Spatenstich auf 23 Mio. €. Doch es wurde noch teurer, denn
der Bau
verlangte diverse Spezialmassnahmen. Kurz nach Baubeginn im
Mai 2000 waren
die Besitzer und ihre Stiftung pleite, da sprang das Land ein, das,
obwohl es
ein privates Projekt war, schon einiges ins Tempodrom investiert
hatte. Die
Landesbank steuerte 13 Mio. € bei, für rund 10 Mio. € bürgte
die Stadt. Als die
Insolvenz drohte, beschloss der rot-grüne Senat Ende 2001
Zuschüsse in Höhe von
7 Mio. €. Insgesamt hat das Tempodrom mehr als 30 Mios € gekostet,
doppelt
soviel wie geplant, das meiste bezahlte der Pleite-Stadtstaat. Und
jetzt soll
die Halle für nur 2,5 Mio. € verkauft werden, wobei das Land erst
mal die
Schulden der Tempo-Stiftung abtragen muss. Echt knorke und keine Frage,
wie
viele wirklich alternative Kulturprojekte oder Migranten-Kulturvereine
mit
dieser Kohle jahrzehntelang hätten leben können. Dafür
feiert heute im
Tempodrom “Holiday on Ice” Premiere. Vorhang auf für etwas
Musik.
V.A.:
CHILDREN OF MU (Planet Mu)
Statt
den
Children of Schmu lieber die vom Planet Mu: Mr. Paradinas Klasselabel
serviert
zwei Scheiben à 26 Traxx mit Flöten-Töten,
Tröten-Hüten und
Hast-Du-nicht-gehört. Soviel Potenzial in elektronischer
Kaputtnik-Selbstverwirklichung bis zum sozialen Koitus war selten, also
bitte
hinhören!
KID
SPATULA: MEAST (Planet Mu)
Und
hier
isser gleich selbst. Wie hieß es mal so schön zu den
Katzenjammer-Kids: mit
diese Kids - Society is Nix! Die Society zu dieser Musik müsster
euch aber auch
erst mal bauen. Damen und Herren: Mike in Hochform via Archiv-Stuff von
94 bis
98, fett auf zwei Scheiben - man gönnt sich ja sonst nix.
PEKKA
AIRAKSINEN: MADAM I’M ADAM (Love Records)
Die
spinnen, die Finnen, das wissen mer, besser als wir, weirder als wir.
Pionier
Pekka mit seinem Mix aus Elektronik, Noise und Free Jazz bereits seit
satten 40
Jahren, ergo besichtigt CD 1 diesen obskuren Output von 68 bis 03,
während auf
der zweiten Scheibe diverse Abartiggeschmack-Remixer an die Regler
dürfen.
TAYLOR
DEUPREE: JANUARY (Spekk)
Ganz
feines
Scheibchen vom 12k-Label-Mastermind: ein nahezu intimer Soundscape, der
eindrucksvoll Impressionen einer Japan-Reise wie die Geburt seines
Sohnes zum
Subtext hat. Klar-kristalline MinimalElektronikPoesie, deren
erweiterte,
aufgeklärte und geloopt-improvisierte Romantik inmitten der
größten Hektik
beruhigende, ja meditative Elemente zu geben vermag.
MOTION:
EVERY ACTION (12k)
Hier
ein
Beispiel für den Labelsound. Der Engländer Chris Coode
unterzieht seinem
Material diverse Audio-Transformations-Reisen, hin und zurück,
noch mal
samplen, noch mal mappen, processen blablabla, schön, aber
ist doch egal,
oder? Was letztlich zählt, ist das Ergebnis, Konzepte
interessieren da nen
toten Sheriff. Der Sound ist fuzzyentspannt, weird und mitunter
faul. Lazy
Audio, der Titel bringt es auf den Punkt. Schlaue Gebrauchsmusik
für
Fortgeschrittene.
PURE
DEKAM:
REQUOIL DISPLACED PEACEOFF (d0c)
DVD
mit
drei Traxx des NYer Digitalkünstlers auf dessen eigenem Label.
Xperimentalfilm
plus Xperimentalmusik geht oft in die Hose, hier aber macht das Spiel
irgendwann Sinn. Thema sind Maschinen und ihre Umgebung: der Klang wird
zunehmend intensiver und schließlich zum Monster, das Blut aus
der Erde oder aus
dem Kopf zieht. Sehr abstrakt stehen Chaos und Geometrie im Zeichen der
Bedrohung, und die Gewalttätigkeit der Industrie ist auf dem Punkt.
MAX
DE
WARDENER: WHERE I AM TODAY (Accidental)
Dani
Sicilianos Bassist mit einem genuin experimentellem Ansatz, der
Ausnahmelos
durch Musikalität und durchdachte Emotion bestimmt wird, bringt
große Momente
poetischer Wirrnis auf die Firnis elektronischen Lackeltums.
GIARDINI
DI
MIRÓ: HITS FOR BROKEN HEARTS AND ASSES (2nd Rec)
Die
italienischen Tortoise mit einer großartigen Sammlung
älteren Materials, die
ältesten vier Traxx von 1998 live in one go mit zwei Mikros im
Proberaum. Und
auch hier: der Sound superklar, das Spiel differenziert, und die Wellen
fangen
irgendwann an zu tragen. Exzellente Instrumentalmusik, unbedingt
reinhören!
Klassischer
FreeJazzDreier mit fliegenden Drums, wackelnd-standfestem Bass und
elegisch-nervösem Sax. Das Chicago-Trio (recorded live to tape no
edits no
overdubs) entwickelt Leichtpoesie und Tiefenschärfe ohne bratzen
zu müssen.
Wow
ya!
Minimal, fragil, flüchtig, klein und zwingend durch die Reduktion
– solche
ausgelatschten Vokabeln könnten hier ins Hirn kommen, wenn die
Französin in
Berlin ihre wunderbaren Kaspermärchenchansons aus der Spieldose
lässt. Und
selten klang das akustische Orff-Instrumentarium poppiger.
MONO:
WALKING CLOUD AND DEEP RED SKY...(Ryko)
Ein
Wunderwerk bietet der japanische Vierer, dessen symphonisch-aggressiver
Wall-Of-Sound bei allem barockem Bombast stets mit Klarheit und
beseelter
Präzision von innen heraus ins Dunkle leuchtet. Mindestens eine
Platte des Monats...oder
glaubt ihr mir nur, weil Steve Albini hier an den Reglern drehte?
V.A.:
PERVERTED BY MARK. E (ZickZack)
Lieben
wir
The Fall? Logen, sie waren mal SEHR wichtig für uns. Brauchen wir
The Fall
heute noch? Hört euch die letzten Platten an + sagt selbst was
dazu.
Tribute-Sampler: Angriff der Fanzine-Zombies und Indie-Monster. Da ist
kleines
Pathos, Lobpreising und Verklärung Pflicht. 2 CDs, 75% Bands +
Projekte, die
versuchen, wie The Fall zu klingen, als sie noch gut waren, und klar
auch gute
Leute dabei, aber die Masse bleibt überflüssig wie ein
Kropf...wer braucht das?
Reichen die Originale nicht, wenn die Clones den Tribute wagen?
Die
leidlich energievollen Indietronic-Schröggel-Blues-Chansons des
Duos sind
eigentlich nicht weiter störend, aber wenn der
psychocoolgefühlige Gesang und
die schlauistisch-banalen Texte ins Spiel kommen, wird’s dann richtig
ärgerlich. Wird nicht klar, was diese Band wirklich will. Wirklich
nicht
wirklich gut.
WARREN
SUICIDE: WARREN SUICIDE (Leiternfabrik Schallplatten)
Was
diese
Band will, ist klarer: Aufregend sein. Deshalb baut das Berliner Trio
auf
unterkühlten Indietronic-Elektroclash, verputzt ihr Mauerwerk aber
mit einer
grundsoliden Garage-Attitude. Ihre Art-Attitude wirkt nicht
hipnessverkopft,
sondern street indeed, und richtig gut wird’s bei den 5 Videos der
Bonus DVD.
ENIK:
WITHOUT
A BARK (Wonder)
Nicht
weglaufen bei dem grottigen Cover…gebt dem Grimassenzieher, der schon
für
Funkstörung croonte, eine Chance. Die 6 Tracks des Youngsters
überraschen durch
eine Stil-Vielfalt, die innovativ sein will, sich aber auch an Bowie,
Björk und
Gonzales ohne Lustig abreibt. Plus: Intensität, Performance,
Charakter. Minus:
Zuviel Pathos, Ernsthaftigkeit und Theatralik. Give it a try.
DEVENDRA
BANHART: REJOICING IN THE HANDS (XL Recordings)
Allemal
die
bessere Wahl: der neue Marc Bolan. Ebenso jung wie Enik gelingt dem
Songwriter
mit ungleich minimaleren Mitteln ein wahrer Intensitätsflash.
Banhart ging mit
57 Songs in ein altes Holzhaus in Georgia und nahm dort mit
Vintage-Equipment
diese streng selektierten Folk-Perlen auf. Und die Spirits von Donovan,
Drake
und Buckley nicken in den Schatten des Lagerfeuers dazu.
So,
und
jetzt macht mal Halblang mit euerem Pop-Shop, Leute. Otis ist fast 60,
sieht
aus wie ein Trucker-Yogi-Bär, trägt blöder-genialere
Kappen als Kurt Wagner und
macht einen der besten Bluesstile der Jetztzeit. Seine Geschichte ist
voll von
Legenden, die hier nicht interessieren, denn hier zählt nur die
gnadenlos gute
Musik, der unglaubliche Soul-Blues-Gesang und die politisch
äußerst fitten und
bewussten Lyrix. Fazit: den Mann muss man sehn - Ende Juni auf Tour.
YAKOU
TRIBE: RED AND BLUE DAYS (Traumton)
Der
ausgezeichnete Instrumentaljazz dieses Berliner Vierers beginnt mit
einer
sanft-lyrischen Version von Nine Inch Nails “Hurt”, und auch sonst
bleiben die
14 Stücke eher im entspannten Bereich. Trotzdem voller Kraft und
Seele, lässt
sich die Musik herrlich in einem Go durchhören und wächst zu
einem unspektakulären
Juwel wirklich inspirierter Cracks.
ILLUMINATION:
THIS IS CHILLUMINATI (Jazzland)
Musik
wie
ein Aquarium…Leuchtfische bringen buntglühende Cocktails, und
irgendwo hinten
wabert die Musik...so klingt es, wenn das norwegische DJ-Duo aktuelle
PopJazzNummern und sogar Tuxedomoon und Julie London remixt.
RAZOOF:
SOUL AQUARIUM (nesta)
Wo
wir
schon mal im Aquarium sind... das Dubhousepanorama des
Ex-Lost-in-Mekka-Trommlers aus Kölle klingt zunächst etwas zu
wässrig-gepflegt,
entwickelt dann aber soulful-inspirierende Kräfte, wozu vor allem
diverse MCs
und der vitale Afro-Latin-Club-Vibe beitragen... bittersüße
Momente
inbegriffen.
Sorgenfrei-softer
Downbeat-Soul-House, klasse produziert und supersauber. Die diversen
Vokals
ohne jede Kante, da brennt nix an, da bleibt nichts dreckig, denn jeder
Ansatz
von Schmutz wird sofort weggewischt. Willste das wirklich?
Das
Klischee geht so: der Sommer kommt, und Brazil ist die Musik dazu. Tja,
und
dann kommt die Musik und ist erst mal wirklich gut. Zumindest, was den
Transform von Brazil in Club-Vibes angeht. Da gibt’s derzeit wohl nix
besseres.
Da
braucht’s klar eine Gegenbewegung: wir wollen Nebel, wir wollen Regen,
wir
wollen mehr Moos! Der Tenorsaxofonist Karl Seglem ist wohl einer der
bemerkenswertesten Musiker Norwegens. Sein eigenes Label NorCD ist
Ausdruck für
die Suche nach den Verbindungslinien und Grenzüberschreitungen
zwischen
traditioneller Folklore und improvisierter Musik. “Ich mag es nicht,
wenn Musik
zu clean ist. Gerade schöne Stücke brauchen etwas Schmutz, um
sich nicht zu
weit vom wirklichen Leben zu entfernen.” Bei dieser filigranen
Feldforschung
helfen u.a. Nils Petter Molvaer oder Hardangerfiedler Högemo.
LARRY
OCHS/JOAN
JEANRENAUD/MIYA MASAOKA: FLYFLYFLY (Intakt)
Hier
lässt
sich nahtlos anschließen: Saxmeister Ochs verbindet seine sehr
bewusste Suche
nach Klangpolen zwischen Emotion und Improvisation mit Jeanrenauds
Cello und
Masaokas Kotospiel und gelangt in vier Stücken zu einer
filigran gespielten
folklore imaginaire. Durch den ebenso bewussten Verzicht auf
dramatische
Expression wie auf das sklavische Konzept-Hinterherschnüffeln
gelingt der
Improvisation des Trios eine genuine Struktur aus Kopf und Gefühl,
die sich im
Zusammenspiel sowohl erneuert als auch erweitert.
PIERRE
FAVRE: SAXOPHONES (Intakt)
Was
Schlagwerker und Percussionist Favre hier mit dem Sax-Arte-Quartett und
Tubisten Michel Godard betreibt, ist sinnlichste Klangalchemie. Hier
zeigt
sich: wer soviel Selbstbewusstsein und innere Kraft hat, der muss nicht
groß
das Maul aufreißen, da tut’s das Machen. Und woher dann manchmal
die Linien
kommen, das scheint schier unglaublich zu sein. Probiert’s selbst aus,
wir
werden Wunder sein.
www.terz.org - 24.5.2004