Vom Aufbruch und vom
Untergang
Die Wahl in NRW hat gezeigt, dass dem
deutschen Wahlvolk
Politik wieder als spannend verkauft werden kann – als
Inszenierung und
Endzeit-Spektakel. Alles verändert sich, damit alles bleibt, wie
es ist…
Mit
den
rot/grünen Wahlkampf-Kampagnen war es in letzter
Zeit wie bei den taz-Abo-Kampagnen: Untergangs-Drohungen, um das
Bestehende zu
sichern. Doch was bei der taz wohl immer noch funktioniert, hat nun in
NRW bei
rot/grün nicht mehr geklappt. Der
“Kinder-statt-Inder”-Rüttgers war dem
frustrierten Wähler kein Schreckgespenst mehr und der
Steinbrück war halt doch
was anderes als noch der Bruder Johannes. Da half auch nicht mehr, dass
der
technokratische Sozi im Wahlkampf die völkischen
“Heuschrecken”-Parolen seines
Parteivorsitzenden nachgeplappert hat. Der NPD hat die
nationalsozialistische
Kapitalismuskritik gegen das “raffende Kapital” trotz
Beifallsbekundungen
keinen Erfolg gebracht. Sie dümpelte zusammen mit den REPs unter
der
Ein-Prozent-Marke. Ebenso die PDS, die sogar noch kräftig Stimmen
verlor,
welche der WASG zugute kamen, die aus dem Stand zwei Prozent
ergatterte.
Gewonnen hat eindeutig die CDU mit fast einer Million Wähler/innen
mehr und das
mit einem solchen Spitzenkandidaten. Das zeigt, wie frustriert die
Wählerschaft
des einst “roten” Stammlandes NRW ist. Schröders und
Münteferings “Coup”
vorzeitiger Neuwahlen ist die Folge dieses Debakels und der freiwillige
Rückgang in die Opposition. Rot/Grün “hat
fertig”: Die Sozis stemmen sich gegen
ein Auseinanderbrechen der Partei und die vorausschauenden grünen
Funktionäre
strecken nun offen ihre Fühler nach der CDU aus – ein
Schauspiel, das nicht einer
gewissen Komik entbehrt.
Links
Was ist links?
Diese Frage stellte der Chefredakteur der Rheinischen Post, Ulrich
Reitz,
seiner Leserschaft zwei Tage nach der NRW-Wahl und beantwortet sie auch
zugleich: “Ein Leben führen in wohligem Einklang mit sich
selbst und seiner
Wunschwelt.” Nun hat der Mann als Lohnschreiber der
größten rechten Tageszeitung
aus der Landeshauptstadt Erfahrung darin, kapitalkonforme Politik den
Leuten
schmackhaft zu machen, und deshalb lobt Reitz die rot/grünen
“Reformen” wie Steuersenkungen
für Unternehmen und Hartz IV und fordert: “Deutschland
braucht eine starke
Linke, ebenso wie eine starke Formation rechts von der Mitte.” Im
argumentativen Gleichklang mit der christlichen Abendland-Zeitung
heißt es in
der linksliberalen ZEIT: “Eine starke SPD wäre auch für
das Land und die
Stabilität des Parteiensystems von großer Bedeutung. Wenn es
dazu käme, hätten
Schröder und Müntefering eine patriotische Entscheidung
getroffen. Und könnten
mit einigem Stolz auf sieben Regierungsjahre zurückblicken.”
Wenn das Wohl der
Nation auf dem Prüfstand steht, dann steht auch die deutsche
Journaille Gewehr
bei Fuß.
Rechts
“Was ist
rechts?” das fragt der Leiter des Ressorts Innenpolitik der
Rheinischen Post,
Reinhold Michels, und erklärt den “bürgerlichen
Konservatismus” mit der
“Ortsbestimmung Mitte rechts” hierzu: “Der
Bürgerlich-Konservative, der sich
staatliche Institutionen – Gerichte, Polizei, Schulen –
stark wünscht, erwartet
ein größtmögliches Selbstbestimmungsrecht und einen
sich zurücknehmenden
Staat.” Dies verspricht sich der Lohnschreiber der christlichen
Abendlandzeitung von der “rechten” CDU. Doch es stellt sich
die Frage, was die
anders macht als die “linke” SPD. Klar ist dem Herrn
Michels lediglich, dass
der aufgeklärte Rechte mehr Tacheles redet: “Er ist der
Gegentyp des
Sozial-Junkies, der an der bürokratischen Nadel hängt.”
Der mühsam unterdrückte
Drang des autoritären Charakters nach tabula rasa gegen alles, was
anders und
unter ihm ist, findet in solchen Kommentaren sein Ventil. Doch auch ein
Herr
Michels weiß um die Gefahr, “sich als Rechten zu
outen” und verweist deshalb
auf die “Mitte rechts” als politische Spielwiese.
Mitte
In der
Parteipolitik gehört es zur einhelligen propagandistischen
Maßgabe, sich als
“Partei der Mitte” zu profilieren. Das ist nichts Neues,
sondern vielmehr das
ewig wiederkehrende Spiel der “Volksparteien” und deren
wendiger Anhängsel. So
reklamierte z.B. im Jahr 2002 der “Kanzler der Bosse” in
“BILD” die Mitte für
die SPD: “In Deutschland ist die Mitte rot”, so
Schröder und kündigte für den
Fall seiner Wiederwahl zugleich die Fortsetzung seiner
“Reformpolitik” an. Der
ehemalige CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble hingegen erklärte
ein Jahr zuvor
die in Italien regierende Koalition aus neoliberal orientierten
Rechtspopulisten (Forza Italia), Neofaschisten (Alleanza Nazionale) und
Separatisten (Lega Nord) zur “Mitte”. Schäuble zog
dabei eine Parallele zu dem
Regierungsbündnis von FPÖ und ÖVP: “Eine
ähnliche Entwicklung kann man auch in
Österreich beobachten, seit Wolfgang Schüssel Bundeskanzler
ist – was im
Übrigen denen Recht gibt, die sagen: ,Aufgabe großer
Volksparteien ist es, zur
Mitte hin zu integrieren.‘”
Der “rote
Oskar” hingegen griff nun letzten Monat das
Beispiel Italiens wieder auf und forderte ein linkes Bündnis nach
Vorbild des
“Olivenbaums” in Italien zur Eroberung einer
“neuen” Mitte. Der neue NRW-Chef
Rüttgers wiederum beharrte nach der erfolgreichen Wahl auf der
Feststellung,
nun der Führer der “stärksten Arbeiterpartei” im
Lande zu sein. Ob die Mitte
nun links oder rechts ist, erscheint hierbei austauschbar, da sich die
jeweiligen Richtungen inhaltlich immer mehr überschneiden.
Schicksalswahl?
Die Medien
verkaufen nun das parteipolitische Geschehen wieder als dramatische
Zeitenwende. Das gehört zum Geschäft, um den nationalen Laden
zusammenzuhalten.
Das Wahlvolk hat nun die jetzige Regierung mehrheitlich für deren
sozialpolitisches Drangsalierungsprogramm und fehlende
Lohnarbeitsplätze
bestraft und wählt nun die Truppe, die die Zügel noch
straffer anziehen und
ansonsten das Gleiche weitermachen wird. Damit dieser offensichtliche
Unsinn
nicht allzu deutlich zutage tritt, wird er als nationale Schicksalswahl
inszeniert. Die wirkliche Möglichkeit zur Veränderung
hingegen – das zeigen die
Kommentare in den Medien – soll unter allen Umständen
verhindert werden: Eine
Neuformierung einer antikapitalistischen Linken. Einen schnellen Erfolg
einer
möglichen neuen Linkspartei aus PDS, WASG, Gewerkschaften und
abtrünnigen Sozis
hat der Neuwahl-Coup erst einmal verhindert. Doch mit Lafontaine, Gysi
und noch
einigen anderen Promis als Zugpferden könnte eine solche Partei
durchaus
Chancen zur Umkrempelung der bestehenden Parteienlandschaft haben. Ein
an sich
sympathischer Gedanke, wenn damit nicht die Vorstellung verbunden wird,
dies
hätte etwas mit links im Sinne von Antikapitalismus oder gar
Kommunismus zu
tun. Denn was von einem solchen Spektrum zu erwarten ist,
erschöpft sich in
Nostalgien keynesianistischer Nachfragepolitik. Wenn dann noch in
Erinnerung
gerufen wird, dass der rote Oskar der erste war, der lauthals als
zeitweiliger
Polit-Rentner den Vorschlag von Innenminister Schily
begrüßte, Flüchtlinge in
heimatnahe Internierungslager zu stecken um Zuwanderung nach
Deutschland zu
unterbinden, erhält der Lafontainesche Linkspopulismus einen in
diesem Lande
altbekannten Beigeschmack. Doch warum immer nur meckern, wenn es auch
schöne
Aussichten gibt: Es macht sich eine Stimmung breit, dass nicht alles
einfach
weiter so gehen kann. Müntefering hat mit seiner wahltaktisch
motivierten
Kapitalismus-Kritik ein Thema losgetreten, das inhaltlich gefüllt
werden
sollte. Nun ist eine Linke gefordert, Fragen nach anderen
Gesellschaftsentwürfen in die öffentliche Debatte zu
bringen.
www.terz.org - 31.05.2005