Über Krieg und Frieden
Ohne daß Einspruch, Euer Ehren, bekannt geworden wäre, hat der Verfassungspatriot
Habermas die Grundgesetz-(Asyl)-änderungen der letzten Jahre hingenommen.
Vergleichbar hat die von ihm mitbestimmte Zivilgesellschaft die Militarisierung
der Außen- und Verteidigungspolitik akzeptiert.
Eher ist die allseits bekannte Streitkultur in ihrem affirmativen Konsens zusammengewachsen,
als daß sie sich, wie noch beim Golfkrieg, darüber zerstritten hätte.
Nach fünf Wochen "Vernunftbomben" (Ulrich Beck) auf Jugoslawien
hat Habermas der von ihm favorisierten rot-grünen Bundesregierung aus der
Legitimationskrise geholfen und in der "Zeit" "trotz aller Bedenken
seinen politischen Schülern für den Krieg der humanitären Intervention
die philosophische Absolution erteilt." (Antje Vollmer, FAZ 27.09.99)
Dafür hat der "Staatsdenker Habermas" (FR 08.06.01) den Friedenspreis
des deutschen Buchhandels verdient. Mehr noch: eine würdige Laudatio von
Friedensminister Rudolf Scharping.
"Die Zahl der Kriegsphilosophen an deutschen Universitäten (bis in
die Nachkriegszeit hinein) übersteigt bei weitem die der Friedensphilosophen.
Habermas gehört zu diesen. Er hat den Preis verdient. Glückwunsch."
(Oskar Negt, SZ 08.06.01 "Kampf um Anerkennung")
Mit seinem Glückwunsch übermittelt Oskar Negt eine irritierende Botschaft
aus der "Kassandra" von Christa Wolf: "Laßt Euch nicht
von den Eigenen täuschen!"
Hat sich Habermas etwa von den Eigenen täuschen lassen? Die FR berichtet
am 08.06.01, daß er sein "Votum (für die Bomben auf Jugoslawien)
später zurücknahm." Für die spätere Zurücknahme
von Statements ist Habermas bekannt.
Aber wird er diese Selbstkorrektur in seiner Friedenspreisrede auch öffentlich
begründen in Frankfurt auf der Buchmesse im Oktober 2001?
Der von Karl-Heinz Bohrer in der FR vom 16.06.01 wegen seines "naiven Universalismus"
gescholtene defizitäre "Moralismus" und "neurotische Eskapismus"
der gesellschaftskritischen Intelligenz hat unter Zuhilfenahme von Menschenrechten
und Minderheitenschutz mit Anrufung von Auschwitz "nichtsdestotrotz"
(K.-H. Bohrer) seine legitimatorische Besänftigungsfunktion erfüllt
und seine ideologische Schuldigkeit getan.
Wenn es nach Karl-Heinz Bohrer geht, ist jetzt allerhöchste Eisenbahn,
Habermas endlich auszurangieren: Mitsamt seinem Gesinnungsgenossen Karl Otto
Apel und Hans Mommsen / Hans-Ulrich Wehler inklusive ihrer "hochgradig
ideologischen Einfärbung, sprich Geschichtspädagogik."
Dem mittlerweile weltweit geplanten deutschen Transrapid bietetBohrer seine
politischen Trommel- und Flötentöne an - zwei Seiten stellt ihm dafür
die Frankfurter Rundschau in ihrer Wochenendausgabe vom 16.06.01 zur Verfügung.
("Erinnerungslosigkeit", Bohrers Eröffnungsvorlesung der "Gadamer-Stiftungsprofessur"
am 29.05.01 in Heidelberg)
Schluß endlich mit dem "Geist der Negation", "Selbstverachtung"
und deutscher "Schuldgeschichte" eines auf den Holocaust und "auf
die Verfassung reduzierten Patriotismus. Ein solch generalisierbares Recht produziert
keine affektive kollektive Besetzung, wie sie für den Begriff Patriotismus
nun einmal in Anspruch zu nehmen ist."
Für seine aufgeblasenen patriotischen Backen nimmt Bohrer zunächst
einmal "die Franzosen" in Anspruch, die bekanntlich genauso stolz
wie die Spanier sind, wenn es um ihre nationalen Interessen und Gefühle
geht.
Das "kämferisch-pragmatische Modell" für seine Lust am fernen
"fremden Eigenen" holt er sich anschließend bei Dewey/Rorty,
zwei Amerikanern, gegen deren globale Hegemonie der neue deutsche Patriotismus
bereits Flagge zeigt. Als Kritik an der "Amerikanisierung" und am
"Konsumismus" im Namen des Reinheitsgebots der deutschen Sprache und
Ernährung. Als Regional- oder Kiez-Patriotismus des neuen deutschen Heimatfilms.
Oder umstandslos und direkt als ökonomisches und strategisches deutsches
Standort-Interesse. Bohrer liefert "die dafür notwendige ruhige, weitschweifende
Reflexivität".
"Ohne historische Tiefendimension kann sich Patriotismus nicht entfalten."
Auf geht´s zurück in die Vergangenheit als Fern-Weh mit Tiefgang
und Bohrers schaumig schneidender hölzener Poesie samt anschließender
Trauermelodie.
Wenn plötzlich "Kontingenz" "eintritt" als "Fern-Beziehung",
worauf die Bundeswehr als weltweit flexibel einsetzbare Eingreiftruppe vorbereitet
wird: dann ist Bohrer in seinem Element. Endlich wieder Fleisch und Blut statt
der faden und farblosen, abstrakten und moralisierenden Aufklärung.
Angekündigt hat sich der Paradigmenwechsel von Habermas zu Bohrer auf SPD-Parteitagen
schon vor mehreren Jahren, als die dort gekürten Matadore mit dem patriotischen
Jetzt-Geht´s-Los-Gebrüll der Fußballfans aus den Stadien gefeiert
wurden.
DIETER BOTT
| www.terz.org - 04.07.2001 |