Auf dem Daten-Highway zurück ins Plusquamperfekt des Manchester-Kapitalismus.
Die Zukunftsbranchen Internet-Dienstleister und Call-Center pflegen recht rustikale
Umgangsformen mit ihren Belegschaften. Die TERZ bringt zwei Beispiele..
Das die mit so viel Trubel ins Rennen gegangene IT-Branche schon nach so wenigen
Jahren in die Krise käme, hat kaum jemand so vorausgesagt. Doch sorgen
die inzwischen täglichen Schlagzeilen von der Krise kaum noch für
besonderes Aufsehen - man hat sich daran gewöhnt. Das hingegen die Chefs
dieser Branche, die sich so ausdauernd wie vergeblich mit einem jugendlichen
Image versehen, sich auch wie die alten Industriekapitäne aus dem Frühkapitalismus
aufführen können, wollen immer noch viele nicht wahr haben; dummerweise
eben auch jene,die unmittelbar betroffen sind. Wenn es darauf ankommt, greifen
die Chefs, die ja eigentlich nie so richtig welche sein wollten, in die Mottenkiste
von vor hundert Jahren.
Einer der Protagonisten im europäischen Wettbewerb, ADCORE AB aus Schweden,
wandelt seit seinem Börsengang im Juli letzten Jahres auf ganz herkömmlichen
Pfaden. Die skandinavischen Internet-Agenturen Connecta und Data-Highway kauften
in ganz Europa kleinere Agenturen auf, um sie nach weniger als einem Jahr wieder
zu verkaufen. So etwas geht selbstverständlich nie ganz ohne Kollateralschäden,
wie es die neue Mitte formuliert hätte, über die Bühne. Hire-
und Fire-Methoden sind in dem Geschäft inzwischen keine Seltenheit mehr,
nur hat ADCORE AB Deutschland (vormals Berens/Partner) hier kürzlich eine
besondere Variante hinzugefügt.
Die üblichen Beschwichtigungen, als bekannt wurde, dass es bei Adcore Niederlassungen
in Italien, Frankreich u.a. zu Verkäufen und Entlassungen gekommen war,
dass der deutsche Markt für Adcore auch zukünftig sehr bedeutsam sei,
und folglich niemand Angst um seinen Job haben müßte, beruhigte die
Gemüter im Hause nur schwach. Gar nicht viel später unterbreitete
die Geschäftsleitung einigen KollegInnen merkwürdige Verträge:
hier wurde die sechsmonatige Probezeit verlängert, dort bot man nach Beendigung
derselben dreimonatige Arbeitsverträge an.
Zwischenzeitlich hatten einige KollegInnen über die Bildung eines Betriebsrats
nachgedacht und arrangierten mit Unterstützung der IG Medien die Einleitung
einer solchen. Die erste Information erreichte den Chef auch bald und unterbreitete
einige Termine für die Betriebsversammlung. Dieser ließ nichts von
sich hören und beorderte hingegen alle Adcore's zu einer Betriebsversammlung
in ein Neusser Hotel. Als dann nur knapp eine halbe Stunde später der komplette
Mail-Server im Hause, das Kommunikationsmittel der Branche, ausfiel, dämmerte
es dem einen oder der anderen KollegIn.
Amerikanische Methoden um eine deutsche Selektions-Variante ergänzt
Die Geschäftsleitung toppte dann doch alle Befürchtungen. Bei der
Ankunft im Dorint Hotel bekamen alle MitarbeiterInnen kleine Schildchen ans
Revers gepappt. Diese trugen wie üblich den jeweiligen Namen und sortierten
die KollegInnen verschiedenen Räumen zu. Auf Anfrage hieß es, es
gäbe unterschiedliche Workshops. Doch bei Eröffnung der Betriebsversammlung
kamen die Herren schnell auf den Haupttagesordnungspunkt. Sie hätten unangenehme
Maßnahmen, die laut Geschäftsleitung unumgänglich seien, durchzuführen.
Die Zahlen des laufenden Geschäftsjahres ließen der Geschäftsleitung
nun mal keine andere Wahl. Adcore müsse sich von 50 MitarbeiterInnen trennen
und zwar genau jenen, die auf ihren Labels die Raumbezeichnung Beethoven 4 hätten.
Die so heraus Selektierten sollten auch gleich den großen Saal verlassen,
um im Beethoven 4-Saal das formelle Entlassungsschreiben in Empfang zu nehmen
und die notwendigen Formalia zu erledigen. Im Anschluß durfte man sich
anschließend die einschlägigen Beteuerungen anhören: Ihnen täte
es für den Einzelnen ungeheuerlich leid und sie hätten sich auch alle
Mühe gegeben, nach sozialen Kriterien auszuwählen uns so weiter und
sofort... wie man es halt kennt.
Die Betroffenen ergaben sich meistenteils diesem Überfallkommando und nahmen
mit Murren die Entlassungsschreiben entgegen, um dann schlecht gelaunt nach
Hause zu fahren, allerdings nicht ohne zuvor einen Termin für ein Zusammentreffen
zu vereinbaren, bei dem es um ein gemeinsames Vorgehen gegen die Massenentlassung
gehen sollte und um die Betriebsratwahl, die doch noch an den Start zu bringen
sei.
Zwischenzeitlich haderten zwar die verbliebenen KollegInnen, ob es noch sinnvoll
sei, jenes Vorhaben zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Spätestens
als dann aber aus Schweden die Nachricht ins Haus kam, daß die internationalen
Niederlassungen von Adcore allesamt verkauft und sich Adcore nur noch auf das
Geschäft in Schweden konzentrieren würde, war einiges klar. Die Geschäftsleitung
erklärte folglich, daß weitere Sanierungen, also auch Entlassungen,
zukünftig nicht auszuschließen seien.
Betriebsversammlung
Die Betriebsversammlung wurde nun erst recht in aller gebotenen Eile einberufen.
Hier erschienen immerhin über 100 MitarbeiterInnen (von knapp über
200 in Düsseldorf und Neuss) und brachten das Procedere der Wahl mit der
Berufung eines Wahlvorstandes nun offiziell in Gang. Einigen KollegInnen war
auch hier nichts zu peinlich, um ihre grenzenlose Loyalität gegenüber
den anwesenden Chefs zum Ausdruck zu bringen. Sie drängten sich eifrigst
mit Nachfragen auf, was denn das alles koste angesichts der Misere, oder was
man denn noch anstellen müße, um einen Betriebsrat zu verhindern.
Die eigentliche Betriebsratwahl wurde zwischenzeitlich für den 15. August
angesetzt und zum Zeitpunkt des Redaktionsschluss ist die genaue Zahl derjenigen,
die eine Klage vor Gericht eingereicht haben, nicht bekannt. Sicher ist aber,
dass einge KollegInnen, mit durchaus nicht geringen Erfolgsausssichten, ihre
ehemaligen Chefs vor Gericht wiedersehen werden. Derweil ließ die Geschäftsleitung
durchschimmern, dass sie auch zu deutlich besseren Abfindungen u.ä. bereit
wäre, wenn nur die Verfahren zurückgenommen würden. Offenbar
ist ihnen unangenehm, dass ihr unglaubliches Vorgehen bei Gericht aktenkundig
wird und sogar die Öffentlichkeit davon Wind bekommt. ³
GIDEON
Wie eine Bewältigung der Krise in der "New Economy" nach den Regeln der "Old Economy" - nämlich durch "Rationalisierung" und "Kostensenkung" - aussehen könnte, lässt sich aktuell auch an den Arbeitsverhältnissen in der Call-Center Branche verfolgen. Hier sind Methoden, die von Drückerkolonnen schon lange bekannt sind, gang und gäbe. Immer wieder versuchen Menschen, die in dieser Branche tätig sind, ihre Situation zu kommunizieren und sich gegen Ausbeutung und miserabele Arbeitsbedingungen zu organisieren.
Die Gruppe hotlines zum Beispiel hatte auf ihrer website bei dem kommerzfreien Provider FREE! (der auch die TERZ-Webseiten hostet) ein Flugblatt zur Situation bei der Firma "ISI Marketing", die sich mit dem telefonischen Vertrieb von Zeitungsabos befasst, veröffentlicht. Hier heisst es:
"Festlohn sind 12 DM brutto, Rest sind ungarantierte Prämien. * Die erste Woche ist "kostenfreies Arbeiten" angesagt: sprich 12 Std. Training und 28 Std. Arbeit (Verkauf am Telefon) werden nicht bezahlt. * Die erste Zeit arbeitest du ohne Vertrag: den gibt es erst, wenn du genug Kohle für's Unternehmen reintelefoniert hast. Schafft mensch in den 28 Stunden nicht zwei Drittel des Verkaufsdurchschnitts, dann gibt es keinen Vertrag: Umsonst geschuftet! * Nacharbeiten der Krankheitstage oder Lohnkürzung: wenn du trotz Krankheit zur Arbeit kommst, gibt es die sogenannte Schnupfenprämie Kannst du dich nicht zur Arbeit schleppen, wird dir zur schnelleren Genesung angeboten, deine Krankheitstage nachzuarbeiten oder dir werden Prämien gestrichen. * Arbeiten vor Arbeitsbeginn: Vorbereitungen für deine Arbeit mußt du vor dem offziellen Arbeitsbeginn erledigen, wenn du "in die Pause" reintelefonieren mußt, wird das von der Pausenzeit abgezogen."
Wer das liest, mag denken "Scheissjob" oder "Das grenzt doch an Erpressung!", doch Obacht! Wer das auch niederschreibt und gar öffentlich macht, findet sich schnell vor den Kadi gezerrt. "ISI Marketing" versucht - wohl nicht zuletzt aufgrund des angestrebten Börsengangs - die Veröffentlichung des Flugblattes gerichtlich zu verhindern. Sicherlich auch als ersten Schritt zur Unterbindung von organisiertem Widerstand gegen solche Verhältnisse. Allerdings geht "ISI Marketing" in diesem Fall einen ganz besonderen Weg: mit einstweiligen Verfügungen wird gegen den Provider FREE! geschossen, auf dessen Servern das Flugblatt veröffentlicht wurde. Nachdem einige inkriminierte Stellen vom Netz genommen worden waren, hat das Landgericht Bochum am 12. Juni einen erneuten Antrag auf einstweilige Verfügung gegen FREE! - wegen des Wortes "Erpressung" im hotlines Flugblatt - abgelehnt. Ein erster Erfolg für FREE! und darüber hinaus, da das Wettbewerbsrecht (UWG), bei dem "Schnellverfahren" und hohe Streitwerte üblich sind, vom Richter als nicht anwendbar angesehen wurde (FREE! bzw. der Trägerverein Wissenschaftsladen Dortmund ist nichtkommerziell). Allerdings hat "ISI Marketing" Berufung angekündigt, was für den Verein aufgrund der 5stelligen Beträge, die dabei anfallen, zur existentiellen Bedrohung werden kann. Und inhaltlich wurde in dieser Verhandlung weder entschieden, ob im Rahmen der freien Meinungsäusserung von "Erpressung" durch den Arbeitgeber die Rede sein darf, noch ob ein Vernetzungsprojekt wie FREE! für die Inhalte aller auf seinem Server abgelegten Webpages verantwortlich ist.
Einige Gruppen und Organisationen haben sich solidarisiert, ausser Labournet (www.labournet.de) und der FAU (www.fau.org) auch die Dormunder IG Medien. Diese konnten in einer Erklärung aber "nur" eine Gefahr für die freie Meinungsäusserung feststellen: "wir können jedem versichern, wenn solch ein Beispiel Schule machen würde, würde es nicht nur um die Freiheit des Internet schlecht bestellt sein: Wenn für negative Meinungen zum jeweiligen Arbeitgeber faktisch Bußgelder zu bezahlen wären, so wäre ein guter Teil bundesdeutscher Haushalte überschuldet." Zuversicht in die nicht-Zensierbarkeit des Internets und der ArbeiterInnen drückt auch die FAU in ihrer Resolution zum Fall aus: "Wie wir ausgebeutet werden und wie wir uns gemeinsam dagegen wehren, wird auch weiterhin veröffentlicht und verbreitet werden. Egal ob das den Bossen und ihren Gerichten passt oder nicht." Die Gruppe hotlines geht da noch ein Stückchen weiter: "Für uns geht es nicht einfach darum, "sagen" zu dürfen, dass ein Job ein "Scheissjob" ist. Es geht um den Kampf gegen die gesellschaftlichen Bedingungen, die uns zwingen, unser Leben der Arbeit zu opfern. Kein Gericht der Welt wird uns dazu das "Recht" geben: Ausbeutung ist legal!". ³
Weitere Infos
http://www.free.de
http://www.ainfos.ca/01/may/ainfos00353.html
http://www.ainfos.ca/01/may/ainfos00569.html
Zu Konflikten und Kämpfen in Call Centern findet ihr u.a. Sachen bei:
http://www.callcenteroffensive.de
http://www.free.de/prol-position/
http://www.labournet.de/branchen/dienstleistung/cc/
http://www.hackwork.org (Englisch)
Kontakt zu ISI:
http://www.isi.ag, isi@isi.ag
Wasserstr. 219, D-44799 Bochum
in Düsseldorf:
Berliner Allee 48, D-40212 Düsseldorf
| www.terz.org - 04.07.2001 |