Annähernd 10.000 Abschiebungen jährlich finden am Frankfurter Flughafen statt. 1994 und 1998 kamen durch die tatkräftige Unterstützung von BGS-Beamten zwei Abschiebehäftlinge ums Leben. Eine Frau wurde nach achtmonatiger Haft im Sammellager am Flughafen in den Tod getrieben. Diese Lager, von denen es auch eines in Düsseldorf gibt, gelten als exterritoriales Gebiet. Die dort Inhaftierten gelten rechtlich als nicht nach Deutschland eingereist. Es gibt also viele Gründe das jetzige Grenzcamp an einem Flughafen aufzuschlagen. Wir dokumentieren im folgenden einen Aufruf der Kampagne "Kein Mensch ist illegal".
Vom 27. Juli bis zum 5. August 2001 wird in Frankfurt am Main das 4. antirassistische
Grenzcamp unter dem Motto "kein mensch ist illegal" stattfinden. Wie
die Jahre zuvor richtet sich auch das diesjährige Camp gegen das Grenzregime
Deutschlands und Europas und stellt sich in den Zusammenhang und die Kontinuität
der vielfältigen Kämpfe dagegen. Ohne falsche Bescheidenheit attackiert
es das feinmaschige Netz, das von Grenzzaun, BGS-Patroullien und Internierungslager
über rechtliche Diskriminierungen, bürokratische Gängelung, populistische
Reden, denunzierende Bürger bis zur Jagd auf Illegalisierte und tägliche
Abschiebungen reicht. Das Camp mischt sich mit allen erdenklichen Mitteln ein-
von der öffentlichen Veranstaltung, über solidarische Unterstützung
bis zur möglichst störenden Aktion - gegen die Rassismen in diesem
Land und fordert die Herrschaft des Passes mit dem goldenen Adler heraus.
Nach drei Campjahren in Orten direkt an der Grenze zu Polen und Tschechien wurde
als Ort für diesen Sommer das Rhein-Main-Gebiet und der Frankfurter Flughafen
gewählt. Fokussiert werden damit die "inneren Grenzen" des nationalen
Grenzregimes. Der Schwerpunkt der anvisierten Aktionen liegt von daher auf dem
Flughafenverfahren und dem Internierungslager am Rhein-Main-Airport. Mit einer
überregionalen Abschlussdemonstration sollen am Samstag, dem 4. August
2001 den Forderungen nach der sofortigen Auflösung des Internierungslagers
und dem Stop aller Abschiebungen nochmals Nachdruck verliehen werden.
Gegenstand des diesjährigen Camps sind auch die Grenzen, die legalen wie
illegalen MigrantInnen das Leben in den städtischen Zentren der Region
schwer machen, - angefangen von innerstädtischen Personenkontrollen bis
zu Diskriminierungen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Eine besondere Bedeutung
hat in diesem Zusammenhang die Kampagne der Organisation afrikanischer Flüchtlinge
"The Voice" gegen die Residenzpflicht, d.h. dagegen, dass Flüchtlingen
im Asylverfahren untersagt wird, den ihnen behördlich zugewiesenen Bezirk
zu verlassen. Die Mitglieder von "The Voice" verstoßen bereits
mit ihrer Teilnahme am Camp gegen die Residenzpflicht. Die Legalisierung aller
in Deutschland lebenden "Illegalen" ist eine zentrale Forderung des
Camp-Zusammenhangs.
In der wirtschaftlich mächtigen und sich so weltoffen gebenden Muli-Kulti-Region
Rhein-Main liegt die Herausforderung des Camps 2001 darin, deutlich zu machen,
dass es radikalen linken Widerstand auch gegen den flexibilisierten Rassismus
eines sich modernisierenden Migrationsregimes gibt. Gegen eine Politik, die
Menschen in Kategorien "nützlich", "hinreichend angepasst"
und "kulturell bereichernd" sortiert und lenkt, sollen all die Initiativen
und Praktiken unterstützt werden, die diese Ordnung durcheinanderbringen
und sich ihr entziehen. Die politische Perspektive des Camps macht nicht halt
bei Erleichterungen, Quotierungen, Green Cards oder "humanitären Verbesserungen",
sondern streitet für das Recht und die Möglichkeiten, dass jeder Mensch
dorthin gehen und leben kann, wohin und wie er und sie will. Ohne wenn und aber.
Neben den antifaschistischen und antirassistischen Aktionen und Wirkungen "nach
außen" liegt eine zentrale Bedeutung des "kein mensch ist illegal"-Camps
auch in der "Binnen-Auseinandersetzung". Das Camp, bei dem in den
letzten drei Jahren jeweils 500 bis 1000 Menschen teilnahmen, ist zu einem wichtigen
Ort des Erfahrungsaustauschs unterschiedlicher antirassistischer Szenen und
Spektren geworden. Hierbei hat sich gezeigt, dass das Camp sowohl für den
Anspruch wie auch für die Schwierigkeiten gemeinsamen politischen Handelns
steht. Gerade weil das Camp sich (jeweils neu) aus einer Vielzahl durchaus heterogener
Perspektiven und vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebensrealitäten
zusammensetzt, fordert es dazu heraus, sich über diese Divergenzen und
dennoch mögliche gemeinsame Ansätze, Positionen und Aktionen auseinanderzusetzen.
Als wichtige Diskussionsfelder stehen hierbei Thematiken wie das Verhältnis
zwischen "deutschem" Antirassismus und migrantischer Selbstorganisation,
zwischen Rassismus/Sexismus und Antirassismus/Antifaschismus, die letztjährige
Staatsantifa-Debatte sowie Verschiebungen in der herrschenden Einwanderungspolitik
ganz oben auf der Liste des Grenzcamps 2001.
Wir fordern hiermit alle Interessierten auf, sich am Grenzcamp 2001 zu beteiligen
bzw. einzubringen. Informiert Euch und andere, macht den Termin bekannt, streitet
mit, mobilisiert, bereitet eigene Aktionen vor undundund. "kein mensch
ist illegal" - Camp!
| www.terz.org - 04.07.2001 |