Vor zwei Jahren hat die Stadtverwaltung eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, inwieweit die ausländische Bevölkerung in Düsseldorf integriert ist. Die Ergebnisse liegen nun auf dem Tisch und sind für die Auftraggeber erschreckend. Große Bemühungen um Integration seien über Ansätze nicht hinausgekommen, fasst die Rheinische Post in ihrer Ausgabe vom 31. Mai zusammen. Beklagt werden sprachliche Defizite vor allem bei Türken, Jugoslawen und Marokkanern, hohe Gewaltbereitschaft, der Einfluss konservativer islamischer Glaubenseinrichtungen, die Ablehnung staatlicher Betreuungseinrichtungen aber auch die Distanz der deutschen Bevölkerung gegenüber Ausländern.
Vorzeichenwechsel in der lokalen Ausländerpolitik
Am 18. Januar 1999 erklärte der Düsseldorfer Stadtrat: "Düsseldorf
ist eine weltoffene Stadt. Das soll so bleiben. Voraussetzung ist, dass die
Unterschiede der Kulturen und Lebensweisen der lebenden Menschen anerkannt werden."
(RP, 31.5.)
Nun, zwei Jahre später, erkennt der Oberbürgermeister von der CDU
im Verein mit seinem Sozialdezernenten Göbel (SPD), dass die "Stadt
... für 'ethnische Inseln' aber viel zu klein" sei. (RP, 2.6.) Haben
sich die Stadtverordneten vor zwei Jahren so getäuscht oder liegt der letztgenannten
Feststellung nicht eher ein politischer Beschluss zugrunde, die Ausländerpolitik
zu korrigieren beziehungsweise an neuen politischen Maßstäben auszurichten?
Gemäß der Vorgabe aus Bayern vom dortigen Innenminister Beckstein,
dass "die Bundesrepublik ... weniger von denen (braucht), die uns ausnützen,
aber mehr von denen, die uns nützen", wollen nun auch die Verantwortlichen
in Düsseldorf für fremdländisches Arbeitsmaterial sinngemäß
die Ausländerschaft durchmustern. Und es wird - wie es auch nicht anders
zu erwarten war - festgestellt, dass da und dort erheblicher Korrekturbedarf
besteht. Und der sieht so aus: 1. Die Ausländer sollen, wenn sie schon
hier leben dürfen, sich den hiesigen Sitten und Bräuchen anpassen.
2. Finanzielle Mittel, die an Ausländer und entsprechende Organisationen
fließen, die dieser Vorgabe nicht entsprechen, sind überflüssig
und werden gestrichen: "Erwin tritt im Übrigen für eine Durchleuchtung
der Arbeit des Ausländerbeirates ein. Die Frage, ob 23 Ausländervereine
wirklich Integrationsarbeit leisten, ist bereits gestellt." (RP, 2.6.)
"Es gibt Vermutungen, dass über den Ausländerbeirat erhebliche
Fördergelder in Ausländervereine fließen, die nur vorgeben,
Integrationsarbeit zu leisten."
Der Oberbürgermeister stellt so nebenbei auch noch klar, welche Rolle der
Ausländerbeirat zu spielen hat. Nicht etwa ein Organ derjenigen, die ansonsten
in der Politik - weil Ausländer II. Klasse - nichts zu sagen haben, soll
es sein. Er ist ein Instrument der Stadt zur Einmischung in die "inneren
Angelegenheiten" der ausgegrenzten Landsmannschaften.
Der OB und die Sprache der Ausländer
Dass OB Erwin sich begierig auf die Studie stürzt und sie zugleich zur
Chefsache macht, verwundert nicht. Vorzüglich lassen sich daraus einige
publikumswirksame Spitzen gegen die ausländischen Mitbürger schlussfolgern
und somit bei der potentiellen Wählerschaft Punkte machen. So zitiert die
Rheinische Post am 2. Juni den Oberbürgermeister in fetten Lettern: "Nur
wer Deutsch lernt, kriegt volle Sozialhilfe". Das kommt gut an, weiß
Erwin, denn dass manche Ausländer überhaupt deutsche Sozialhilfe bekommen,
liegt dem rassistisch vorgebildeten Publikum ohnehin schwer im Magen. Sein Sozialdezernent
von der SPD formuliert das gleiche - nur eben echt sozialdemokratisch: Dieser
möchte "diejenigen mit dem vollen Satz an Sozialhilfe ... belohnen,
die sich zur Teilnahme an Sprachkursen verpflichten."
Der sozialdemokratische Bezugspunkt ist ebenfalls der vermeintlich naturwüchsige
Fremdenhass der Eingeborenen. So konstatiert Horst Vöge, stellvertretender
Fraktionsvorsitzender der SPD im Düsseldorfer Landtag, in diesem Zusammenhang:
"Dabei müssten aber auch die Sorgen und Ängste der Deutschen
ernst genommen werden, die sich in manchen Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil
wie Fremde im eigenen Land vorkämen." (RP-Online, 24.4.)
Deutschkurse statt Zwangsarbeit?
Die Ideenschmiede der CDU, immer sehr phantasievoll, wenn es um die Drangsalierung von Sozialhilfeempfängern geht, glänzte vor kurzem mit einem genialen Vorschlag: Man könne den Sozialhilfeempfängern statt Zwangsarbeit doch "Sprach- und Integrationskurse" (RP, 28.6.) anbieten. Die Grünen äußerten sich begeistert ob diesen Vorschlages. Die Alternativen kennen sich mittlerweile im Einsatz der Staatsgewalt zur Erziehung der Untertanen ziemlich gut aus! Aber einschränkend gibt der sozialdemokratische Sozialdezernent zu Bedenken, dass "nur jeder zehnte Ausländer Sozialhilfe, bei den Türken sind es nur acht Prozent" (ebd.), bezieht. Ziemlich verräterisch ist das kleine Wörtchen "nur". Wird im Normalfall jede müde Mark für diese Nichtsnutze beklagt, erkennt man hier den Nutzen der Abhängigkeit von staatlichen Finanzen: Durch die Drohung, den Geldhahn bei Zuwiderhandlung zuzudrehen, erhält man eine menschliche Manövriermasse.
Der OB und die fremdländische Religion
Wird das Engagement Jugendlicher in hiesigen sozialen und kirchlichen Organisationen
gerne gesehen und gefördert, um so bedenklicher erscheint es den Vertretern
der Stadt, wenn sich ausländische Jugendliche in entsprechenden ausländischen
Vereinen wiederfinden. Die "Zunahme an nationalistischen und fundamentalistischen
Einstellungen sowie ein wachsender Einfluss von bedenklichen türkischen
Organisationen wie Milli Görüs, Graue Wölfe und der PKK (sind)
zu beobachten." (RP, 1.6.) Was hier in einen Pott geworfen wird ist erstaunlich.
Aber diese politischen, religiösen und auch zueinander feindlichen Gruppierungen
haben laut Dezernent Göbel ein gemeinsames Merkmal: "Meine Mitarbeiter
erreichen diese Gruppen nicht mehr." (ebd.). Ein Vorschlag zur Lösung
des Problems kommt vom Oberbürgermeister höchst persönlich. In
Schulen solle "islamischer Religionsunterricht" eingeführt werden.
Aber - und das ist der geniale Schachzug vom OB - "wir müssen allerdings
die Inhalte bestimmen." (RP, 2.6.) Soll man sich das etwa so vorstellen,
dass die islamischen Richtlinien vom Erzbischof von Köln erstellt und von
Frau Ministerin Behler sanktioniert werden - oder wie denkt sich das Herr Erwin?
Was dem Autoren ansonsten noch am Herzen liegt
Natürlich ist es vernünftig, dass man sich mit der Sprache einigermaßen
vertraut macht, wenn man in einen anderen Sprachraum wechselt. Das ist aber
nicht das Anliegen der Stadt, wenn sie die mangelnden Deutschkenntnisse der
Zuwanderer beklagt. Sie macht sich vielmehr Sorgen um die Funktionalität
dieser Bevölkerungsgruppe für den Standort Düsseldorf/Deutschland
und um die mögliche Gefährdung des "sozialen Friedens",
der für einen erstklassigen Produktionsstandort Voraussetzung ist
Dem ständigen Herumgehacke von offizieller Seite auf den fundamentalistischen
Organisationen mögen einige "Linke" noch etwas Sympathisches
abgewinnen können. Schließlich sind Vereine wie Milli Görüs
und die Grauen Wölfe verdammt reaktionär und zeigen ziemlich menschenfeindliche
Züge. Doch mit einer inhaltlichen Kritik hat das Vorgehen der Politik nichts
zu tun. Es geht ihr lediglich um die Durchsetzung des hoheitlichen Anspruchs,
der bis in die letzten Gewissensfragen geht.
Damit ist schon alles gesagt, was mit der Forderung nach Integration gemeint
ist. Die Stadtverwaltung und die Politiker sichten ihre Klientel und müssen
bisweilen feststellen, dass die politischen, sozialen und moralischen Kontrollorgane
nicht überall den Führungsanspruch durchsetzen können. Hier besteht
dann entsprechender Handlungsbedarf.
So nebenbei lassen die Politiker viel Verständnis für den volkstümlichen
Nationalismus heraushängen, wenn sie die Forderung nach Integration der
Ausländer stellen. Ihnen ist es sonnenklar, dass man dem deutschen Normalbürger
nicht die Nachbarschaft von Menschen zumuten darf, die mit fremder Zunge sprechen
und die falschen Götzen anbeten. Das kann nur Zoff geben, meinen sie.
| www.terz.org - 04.07.2001 |