Christian Happ - Pressesprecher des AStA der Heinrich Heine Universität und Mitglied im Vorstand des ZAKK e.V. - war eines der drei Opfer des Nazi-Überfalls in Bilk.
TERZ: Wie ist das überhaupt abgelaufen bei dem Überfall?
Christian Happ:
Das ging alles unheimlich schnell: Wir wurden von hinten unvermittelt von sechs
Personen angegriffen. Die haben einfach wild draufgeschlagen. Ich sah im Rumdrehen,
wie einer der Faschos meinem Bekannten in den Rücken stach, als er versuchte,
einen weiteren Angreifer abzuwehren. Ich selbst wurde ebenfalls von zwei Personen
attackiert, wovon einer mich gegen einen Bauzaun drückte. Dieser gab nach,
und ich fiel auf den Rücken. Der Angreifer saß auf meiner Brust und
versuchte mir ins Gesicht zu schlagen. Der Fascho mit dem Messer näherte
sich von links und führte einen Stich in Richtung meiner linken Schulter
aus. Ich sah den Stich erst zu spät kommen, fühlte den Einstich und
konnte meinen Arm nicht mehr richtig bewegen. Ich versuchte jetzt beide Angreifer
abzuwehren, konzentrierte mich dabei aber auf den Messerstecher. Der andere
schlug mir zweimal mit der Faust ins Gesicht. Der andere stach noch mindestens
viermal auf mich ein, wovon mich zwei Stiche am linken Oberarm trafen. Anschließend
haute der Messerstecher ab. Es tauchte noch ein weiterer Angreifer auf, der
einen Pflasterstein hochnahm und diesen nach seiner Aussage auf meinen Kopf
hauen wollte. Der Typ, der mir auf der Brust saß, hielt ihn jedoch davon
ab, indem er aufstand und sich zwischen mich und den anderen Typen stellte.
Anschließend hauten auch die beiden ab - wohl weil sich mittlerweile eine
Polizeistreife näherte.
TERZ: Was passierte direkt nach dem Überfall?
Christian Happ:
Mir wurde aufgeholfen - wohl von Leuten aus dem Tigges -, und diese brachten
mich in die Kneipe. Der Eingangsbereich des Tigges sah aus wie ein Schlachthof.
Alles war blutbesudelt. Direkt vorne lag ein Verletzter. Der Rücken war
freigelegt, und ich sah die Stichwunde im Rücken, aus der immer noch mehr
Blut floß. Wie man mir später mitteilte, war das der Gast, der helfen
wollte und dabei fast das Leben lassen mußte. Es führte noch eine
Blutspur zur Toilette des Tigges. Auch hier erfuhr ich erst später, daß
mein Begleiter dorthin gebracht worden war, um verarztet zu werden.
Mir wurde dabei geholfen, meine Lederjacke und meinen Pullover auszuziehen.
Das T-Shirt darunter war blutgetränkt. Mir selbst wurde schwindelig, und
man brachte mich zu einer Bank, wo ich mich hinlegen konnte. Ich konnte in diesem
Moment den Rest des Tigges einsehen.
Das Szenario war absolut surreal. Vorne im Eingangsbereich Schwerverletzte,
die Thekenleute, die versuchten, diese zu verarzten und andererseits im hinteren
Bereich die Gäste, die vollkommen ungerührt ihr Bier weitertranken
und allenfalls das Thema ihrer Unterhaltungen änderten. Ich war in diesem
Moment entsetzt.
Die Rettungssanitäter brachten uns dann ins Krankenhaus. Dort wurden wir
im wahrsten Sinne des Wortes zusammengeflickt.
TERZ: Wie waren die Verletzungen bei dir und den anderen?
Christian Happ:
Acht Zentimeter war die Stichwunde des Gastes tief, erzählte mir nachher
im Krankenhaus der Arzt und er meinte weiter, daß dieser Helfer echt Glück
gehabt hat. Der Stich des Faschos hat nämliche eine Rippe getroffen, ist
von dieser abgeprallt und hat deswegen keine lebenswichtigen Organe verletzt.
Der Stich hat noch die Wirbelsäule getroffen.
Mein Begleiter hat zwei Stichwunden von hinten in den Schulterbereich erhalten.
Bei ihm waren die Wunden mindestens fünf Zentimeter tief. Auch er kann
von Glück sagen, daß er noch lebt.
Der Stich in meine Schulter ist sechs Zentimeter tief. Er ging durch bis auf
den Knochen und hat die Gelenkkapsel verletzt. Mein Arzt meinte, dieser Stich
könnte zur Versteifung des Schultergelenks führen. Der eine Stich
in den Oberarm ist 5 1/2 Zentimeter tief und ging ebenfalls bis auf den Knochen
durch. Der andere ist 1 1/2 Zentimeter tief. Ich kann auch seit dem Übergriff
nicht mehr ruhig schlafen und wache stündlich auf.
TERZ: Die Staatsanwaltschaft verbreitete ja per Presse, die Opfer wären
als Zeugen nicht kooperativ. Was sagst du dazu?
Christian Happ:
Absoluter Quatsch. Ich habe an dem Abend des Angriffs der werten Staatsgewalt
gegenüber schon eine genaue Aussage gemacht. Ich habe ihnen den Tathergang
geschildert und ihnen die Täter beschrieben. Ich habe ihnen anschließend
auch noch meine Handynummer für Rückfragen gegeben. Bei mir haben
sie sich allerdings erst nach fünf Tagen - am Montag nach der Tat - wieder
gemeldet. Mittwochs war ich dann 5 1/2 Stunden bei der Staatsanwaltschaft, um
meine Aussage zu wiederholen und zu konkretisieren. Eine Woche später war
ich wieder da, diesmal für 3 Stunden.
Als ich erfuhr, daß weder Polizei noch Staatsanwaltschaft die Tatwaffe
ermitteln konnten, habe ich ihnen auch meine Lederjacke angeboten, die ich an
dem Tatabend anhatte und durch die die Stiche gegangen sind. Anhand dieser hätte
man doch feststellen können, welche Waffe verwendet wurde. Aber erst bei
meiner letzten Vernehmung wollten sie diese dann haben.
Mein Begleiter hat inzwischen auch mehr als sechs Stunden lang Aussagen gemacht.
TERZ: Und was hältst Du selbst von diesen Verlautbarungen von Staatsanwalt
Mocken?
Christian Happ:
Man stelle es sich einfach vor, ich sitze in der Notaufnahme vom Krankenhaus,
die Schulter notdürftig verbunden und auf meine Behandlung wartend. Es
kommen zwei Polizeibeamte um die Ecke, und man schildert ihnen über eine
viertel Stunde, was vor dem Tigges passiert ist. Man informiert sie über
die "Sieg Heil"-Schreie. Man beschreibt die Täter. Anschließend
gibt man ihnen noch die private Telefonnummer.
In der Presse kann man dann lesen, daß wir nicht gesprächsbereit
wären. Ich fühle mich, gelinde gesagt, ziemlich verarscht. Staatsanwalt
Mocken sollte doch gelegentlich mal darüber reflektieren, was er so sagt.
Lesen kann auch kein Fehler sein, zumal wenn es bereits Zeugenvernehmungen gibt.
Aber Mocken war ja auch derjenige, der keine Neonazi-Szene in Düsseldorf
erkennen konnte. Damals hätte ihm ja schon ein Blick in den Verfassungsschutz-Bericht
helfen können.
TERZ:Wie lief denn deine Vernehmung bei der Staatsanwaltschaft ab?
Christian Happ:
Ich habe mir nach den Äußerungen der Staatsanwaltschaft, von wegen
wir wären nicht kooperativ und es habe ein Hochschaukeln von rechts und
links gegeben, erst mal einen Rechtsanwalt genommen. Erstens, weil ich Anzeige
erstatten wollte und zweitens, weil ich keine Lust hatte, zu dieser Staatsanwaltschaft
ohne Begleitung zu gehen. Ich bin dann informiert worden, daß die Nazis
uns beschuldigt hätten, sie angegriffen zu haben. Damit wäre ich jetzt
ein Beschuldigter. Anschließend wurde ich, wie schon gesagt, 5 1/2 Stunden
vernommen.
TERZ:In der Presse war zu lesen, daß es noch einen weiteren Zeugen
geben würde. Angeblich weigerst Du Dich, dessen Namen zu nennen. Warum?
Christian Happ:
Ganz einfach: Es gibt in der Tat noch einen weiteren Zeugen, ein Bekannter
von mir. Diese Person hat schlicht und einfach Angst, ist aber bereit auszusagen,
wenn sie nur der Staatsanwaltschaft gegenübertreten muß und ansonsten
anonym bleibt. Dies wurde der Staatsanwaltschaft von der Rechtsanwältin
meines Bekannten auch bereits versichert. Die Staatsanwaltschaft weigerte sich
im Gespräch allerdings, dieser Person Schutz zuzusichern.
Ich weigere mich, unter solchen Bedingungen den Namen meines Bekannten preiszugeben.
Schließlich haben mich die Neonazis auf ihren Internet-Seiten samt Photo
bereits als ihren linken Feind präsentiert. Ich habe keine Lust, daß
irgendjemandem aus meinem Bekanntenkreis Ähnliches widerfährt. Wenn
dies die Staatsanwaltschaft nicht verstehen kann, soll sie sich doch einfach
mal die Wunden der Opfer anschauen. Das Motiv, was der Haupttäter wohl
angab, war Rache. Übrigens laut eigenen Aussagen "Rache" dafür,
daß er vor einigen Monaten wegen "SA-" und "SS"-Gegröle
aus dem Tigges geworfen wurde - ein Verfahren hierzu wurde übrigens eingestellt.
Soll ich eine weitere Person im wahrsten Sinne des Wortes ans Messer liefern?
Nicht mit mir.
TERZ:Die Staatsanwaltschaft droht Dir jetzt Ordnungsgeld und Beugehaft an,
wenn Du den Namen nicht preisgibst.
Christian Happ:
Ein solches Verhalten macht Opfer zu Tätern. Ein couragierter Gast aus
dem Tigges, der einfach nur helfen wollte, ist fast umgebracht worden. Die vielbeschworene
Zivilcourage in dieser Stadt hat dieser Gast gezeigt - und mußte dafür
fast mit dem Leben bezahlen. Wenn Nazi-Aktivitäten in dieser Stadt verharmlost
oder gar geleugnet werden, dann will ich nicht unnötig mit meinen Aussagen
weitere Menschen gefährden. Wenn die Staatsanwaltschaft der Auffassung
ist, mich hinter Gittern stecken zu wollen, weil ich weiteren Menschen ein solches
Schicksal ersparen will, so soll sie dies tun. Ich werde den Namen erst dann
nennen, wenn meinem Bekannten Anonymität zugesichert wird. Ich will mir
nicht für den Rest meines Lebens Vorwürfe machen müssen.
| www.terz.org - 04.07.2001 |