bookAldebaran
Leider ist der erst spät zum Schriftsteller avancierten Journalist Jean-Claude
Izzo viel zu früh verstorben. Neben der grandiosen Marseille Krimitriologie
hat Izzo wenig weitere Bücher geschrieben. Das vorliegende Buch spielt
natürlich wieder in Marseille. Im Hafen liegt das abgehalfterte Schiff
Aldebaran. Der Reeder hat pleite gemacht und so kommt das Schiff nicht weg.
Izzo beschreibt das Leben der drei an Bord verbliebenen. In einer spannend erzählten
Gecchichte verwebt Izzo die Geschichten, Hoffnungen und Träume der unterschiedlichen
Charaktere. Die sonst schweigsamen Männer finden zur Sprache zurück.
Die Inhalte sind die selben, die jeweiligen Auswirkungen andere. Es geht natürlich
um Frauen, um die Geliebten, um die Ehefrau und die Schwierigkeiten als Seemänner.
Dem libanesischen Kapitän Aziz droht die Frau zu verlassen, dem griechischen
Ersten Offizier Diamantis sucht seine ehemalige große Liebe in Marseille,
der türkische Funker Nedim sehnt sich nach seinem Heimatdorf und seine
dort wartende Versprochene. Die Probleme fangen an, als Nedim sein Geld für
die Rückfahrt von zwei Frauen abgenommen bekommt. Damit kommt eine verhängnisvolle
Dynamik in Gang bei der Geschichte, Gegenwart und Zukunft sich vermischen. Mittendrin
das vielfältige pulsierende Leben von Marseille mit seinen Spelunken, Bars
und dem famosen Essen. Erst spät, zu spät, erkennen die Protagonisten,
dass all ihre Geschichten, ihre Leben miteinander verbunden sind und sich in
Marseille verwickelt haben. Letztendlich muss es zum tödlichen Höhepunkt
kommen.
Izzos Buch ist ein Buch über die Liebe. "Nicht zu lieben ist ein Unglück"
wie Diamantis sagt. Es ist ein wehmütiges, leicht melancholisches Werk,
von dem man nicht so leicht los kommt. Es ist wehmütiger Blick auf das
veränderte Marseille, ein wehmütiger Blick auf die Liebe. "Das
Gewesene bestimmt das Sein" ist die Aussage. Alles hängt miteinander
zusammen. Vergangenheit und Zukunft. Es ist ein liebenswertes, großartiges
Buch. Schade dass Izzo nicht mehr lebt, es hätten noch viele schöne
Bücher sein können. Schade.
Aldebaran
Jean- Claude Izzo
Unionsverlag
284 Seiten für 19.80 Euro
bookWinifred Wagner oder Hitlers Bayreuth
Ich bin kein besonderer Kenner von klassischer Musik. Von Richard
Wagners Musik weiss ich nicht allzuviel. Aber das dieser Künstler einerseits
ein genialer Komponist und andererseits ein extremer Antisemit war ist mir bekannt.
Das Adolf Hitler ein begeisteter Wagnerianer war und die rassistischen Schriften
von Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain gelesen hat ist eine direkte
Verbindung. Es gibt sogar Theorien, nach denen das dritte Reich die politische
Umsetzung von Wagners Kunst gewesen sein soll, nachzulesen z.B. bei Joachim
Köhlers "Wagners Hitler", was ich nur bedingt empfehlen würde,
da es mir weit übertrieben erscheint. Aber Wagner wie Hitler waren Antisemiten
und mit dem Haus Wahnfried verband den Führer der Deutschen eine seiner
wenigen Freundschaften.
Über all diese Dinge kann man in einem überaus interessanten Wälzer
von Brigitte Hamann "Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth" nachlesen.
Es ist die Biographie von Richard Wagners Schwiegertochter, die in der Nazizeit
die Bayreuther Festspiele leitete. Ich wußte über den wagnerschen
Familienclan, über den ja bis heute gerne berichtet wird, nichts besonderes.
Aber über Winifred wußte ich, dass sie noch Jahrzehnte nach dem Weltkrieg
und dem Holocaust z.B. in einem Film von Syberberg sich als begeisterte Nazi
äußerte und über Freundschaft zu "Wolf" schwadronierte.
Darüber hinaus ist dieses Buch aber nicht nur eine Beschreibung darüber,
was in dieser Familie und den Festspielen wann alles wie gut oder schlecht funktionierte.
Man erfährt viel über die Rivalitäten der Naziämter und
Funktionäre, viel über die damalige "Kulturpolitik" und
- vielleicht am interessantesten - über die Geschichte einer ohne die Wagners
nahezu unbekannten und unbeachteten Provinzkleinstadt. Ein Kunstklüngel,
der sich arisch, germanisch und elitär wähnte und in dem das dritte
Reich schon lange vor dem Ende Weimars herbeigesehnt wurde. Und doch, trotz
allem muss man Winifred Wagner eines lassen: Im Gegensatz zu vielen Nazitätern,
die nach dem Krieg alle mit nichts etwas zu tun gehabt haben, hatte diese Frau
auf eine kaputte Art durchaus Charakter. Denn sie hat einerseits nach dem Krieg
immer ihre persönliche Freundschaft zu Hitler betont und sich nie von dieser
Zeit distanziert. Aber andererseits hat sie im Gegensatz zu den meisten anderen
tatsächlich vielen Verfolgten des Regimes versucht zu helfen. Denn die
frühe Parteigängerin war wohl doch nicht mit allem einverstanden was
da lief. Menschen sind halt oft unverständlich widersprüchlich.
Kritisch bleibt zu dem Buch zu sagen, dass obwohl es mit Unmengen Detaillwissen
versehen ist und auch gut geschrieben ist, manchmal etwas oberflächliche
kleine Fehler drin sind. So werden z.B. die beiden großen Schlachten an
der Westfront 1916, die bei Verdun und die an der Somme als deutsche Offensiven
bezeichnet, was aber nur für die erstere zutrifft. Kleine Fehler auf diesem
Niveau beinträchtigen sicher nicht die Gesamtdarstellung, aber ich finde
es immer schade wenn mir bei einem an sich gutem Buch so was auffällt.
Fehri
bookThe Villa, The Lake, The Meeting
Dies ist der fast schon poetische Originaltitel einer Studie des englischen
Historikers Marc Roseman, die nun unter dem Titel: "Die Wannsee Konferenz
- Wie die NS Bürokratie den Holocaust organisierte" in deutsch erschienen
ist. Roseman leistet dabei etwas meines Erachtens nach sehr wertvolles. Er gibt
in einem schmalen Band den derzeitigen Foschungsstand wieder und schreibt auf
hohem Niveau eine kurze Gechichte der Vernichtungspolitik der Nazis und zeigt
die bis heute strittigen Fragen auf. Dabei geht er insbesondere der Frage nach,
warum Reinhard Heydrich im Januar 1942 die berühmt berüchtigte Konferenz
einberief. Man kann das "vielleicht schändlichste Dokument der modernen
Geschichte", also das Sitzungsprotokoll der Konferenz, komplett nachlesen
und erfährt die biographischen und funktionellen Hintergründe der
beteiligten Personen. Auch die Frage nach dem "Warum" der Konferenz
wird kundig und ausführlich behandelt. Soviel steht fest: Die Frage ob
ein Völkermord begangen werden sollte, war bereits entschieden worden und
nicht Gegenstand der Konferenz. Aber welche Behörden bis zu welchem Punkt
involviert werden sollten und vor allem der Machtanspruch des Reichssicherheitshauptamts
und seines Chefs Heydrich waren Gegenstand einer Debatte in entspannter Atmosphäre
unter höchsten Beamten und SS Führern.
Auch die Geschichte des Protokolls ist höchst interessant. Es gab 30 Kopien,
die an Behörden, Ministerien u.ä. gingen. Eine einzige Kopie ist erhalten
geblieben. Das von Adolf Eichmann erstellte Protokoll ist eines der wichtigsten
Dokumente und Beweise für die Anordnung des Holocaust von höchsten
deutschen Stellen. Revisionistische Thesen, die absurderweise zum Teil so weit
gingen, das z.B. Hitler oder andere Würdenträger das alles gar nicht
so genau gewußt haben und die Exzesse untergeordneten Dienstellen anzuleisten
seien werden in diesem Band wirkungsvoll als Lüge entlarvt. Das sich niemand
der Anwesenden, die in der Mehrzahl gebildete und oft auch juristisch geschulte
Leute waren, für die Opfer einsetzte ist dabei leider nicht sonderlich
überraschend. 15 Männer trafen sich in einer schönen Villa und
planten millionenfachen Mord, da kann es einem schon bei gruseln. Roseman schreibt
gut und knapp und dadurch betrachte ich sein Buch als einen Beitrag zu mehr
Klarheit.
Fehri
book"Diese Rechte ist immer noch Bestandteil unserer Welt"
Dieses Zitat - entnommen aus einem Beitrag des Faschismusforschers
Zeev Sternhell und bezogen auf die ideologischen Kernideologeme der faschistischen
Rechten - bildet die inhaltliche Klammer des Sammelbandes des Duisburger Instituts
für Sprach- und Sozialforschung (DISS), das die Auseinandersetzung mit
völkisch-nationalistischen und neu-konservativen Tendenzen zum Gegenstand
hat.
Der inhaltliche Bogen wird hierbei äußerst breit gespannt: Unter
den vier Themenschwerpunkten "Kontinuitäten und Perspektiven",
"Protonormalistische Restauration und Globalisierung", "Kultur
und politische Moral" sowie "Neue Kriege, Terror und die Chancen zur
Deeskalation" werden derart unterschiedliche Aspekte behandelt, dass die
inhaltliche Klammer des Sammelbandes zu verschwimmen droht: Arbeitslosigkeit,
Krieg, der 11. September, Antisemitismus, Imperialismus, Medien, Globalisierung,
Bildung, Talkshows und noch diverse weitere Themen - alles Neo-Konservatismus?
Irgendwie schon, aber vielleicht hätte eine Reduktion der Themenvielfalt
und ein Versuch, die einzelnen Themen miteinander in Beziehung zu setzen, der
Herausarbeitung politischer Eckpfeiler einer angeblich neuen Konservativen Revolution
geholfen, denn jene bleibt trotz der vielen interessanten Beiträge definitorisch
reichlich nebulös.
Dieses konzeptionelle Manko des Sammelbandes schmälert allerdings keineswegs
die Qualität der einzelnen Beiträge. Allein schon der Erstabdruck
des von Zeev Sternhell letztes Jahr in Berlin gehaltenen Vortrages rechtfertigt
die Neuerscheinung. Sternhells in linken Theoriezirkeln viel beachtete Auseinandersetzung
mit der Entstehung faschistischer Ideologie als "antimaterialistische Revision
des Marxismus" erfährt in dem Beitrag eine interessante Erweiterung
auf intellektuelle Kreise im prä-nationalsozialistischen Deutschland.
Auch diverse weitere Beiträge zeichnen sich durch hellsichtige und provokative
Denkansätze aus, wie z.B. Thomas Müllers Verknüpfung vom neurechten
Schlagwort der "selbstbewussten Nation" mit deutschen Hegemoniebestrebungen
im europäischen Rahmen. Müller nimmt hierbei die deutsche Außenpolitik
kritisch unter die Lupe und erkennt hierbei Analogien zum "germanozentrischen
Europabild" der Konservativen Revolution, dem NS sowie der ethnozentristischen
Geopolitik der sog. Neuen Rechten. Laut Müller führt die Europäisierung
nationalstaatlicher Politik nicht zu einem Abbau von Nationalismus, sondern
zu dessen Rekonstruktion auf die europäische Agenda unter deutschen Vorzeichen.
Jobst Paul hingegen widmet sich dem aktuellen Antisemitismus mit einer in der
öffentlichen Diskussion unterbelichteten Auseinandersetzung: dem Verhältnis
von Christentum zum Judentum am Beispiel aktueller Äußerungen der
evangelischen und der katholischen Kirche.
Alex Demirovic stellt den um sich greifenden Rassismus und Nationalismus in
den Kontext der sog. Globalisierung. Er sieht hierin nationale Selbstbehauptungsstrategien
im Prozess der Reorganisation der Weltwirtschaft unter neoliberalen und gesellschaftszersetzenden
Prämissen.
Viele "Aspekte" einer Konservativen Revolution im neuen Jahrtausend
also, die eine Lektüre dieser Neuerscheinung lohnenswert machen!
AL C.
Siegfried Jäger/Jobst Paul (Hg.): "Diese Rechte ist immer noch Bestandteil unserer Welt". Aspekte einer neuen konservativen Revolution. DISS-Verlag, Duisburg 2001, 354 S. 19,90 Euro
bookDie "Unabhängigen Nachrichten" (UN)
Bei den "UN" handelt es sich um eine monatlich erstellte zwölfseitige
Postille mit einer geschätzten Auflage von 10.000 Exemplaren aus dem Umfeld
der NPD, die schwerpunktmäßig von NRW aus vertrieben sowie im Internet
präsentiert wird. Von anderen neonazistischen und rassistischen Hetzblättern
unterscheiden sich die UN weder im Niveau, noch in der Aufmachung - eine scheinbar
durchschnittliche rechtsextreme Postille, so könnte man meinen - und als
eine solche werden die UN auch alljährlich im NRW-Verfassungsschutzbericht
skizziert.
Für Furore jedoch sorgte eine bundesweit angelegte UN-Verschickungsaktion
an Schüler/innen-Zeitungen Anfang letzten Jahres, mit der die UN versuchte,
ihre rechtsextreme Propaganda an Jugendliche zu verbreiten - eine Aktion, die
zu öffentlichen Protesten seitens Schüler/innen und Medien führte.
Zwar wurden die UN öffentlich als rechtsextreme Propaganda erkannt; über
Struktur, Entwicklung und Strategie dieses Blattes und seiner Macher ist allerdings
bisher nichts Genaues zu erfahren gewesen. Die vom Duisburger Institut für
Sprach- und Sozialforschung (DISS) erstellte Neuerscheinung schließt diese
Lücke mit einer detaillierten Analyse der UN.
So wird anhand zahlreicher Dokumente und Materialien nachgewiesen, dass es sich
bei dem Herausgeber- und Unterstützerkreis der UN um einen partei- und
szeneübergreifenden sowie weitesgehend informellen Zusammenschluss (seit
1998 existiert ein sog. Freundeskreis UN als "Herausgeber und Schriftleitung"
der UN als eingetragener Verein mit Sitz in Oberhausen) von Rechtsextremen handelt,
die schon seit über dreißig Jahren das Projekt UN betreiben. Seit
der UN-Gründung 1969 ist dieser Kreis in hoher personeller Kontinuität
für die Verbreitung der UN aktiv und bewegt sich dabei wiederkehrend -
pikantes Fragezeichen für den Gehalt des staatlichen "Antifaschismus"
- rassistischer Hetze auf dem Level eindeutig justiziabler Volksverhetzung,
wie anhand von Dokumenten in der Neuerscheinung nachgewiesen. Auch jene "Schülerzeitungs-Aktion"
- so ist zu erfahren - ist keine einmalige Aktion der UN gewesen, sondern schon
in den Siebzigern juristisch folgenlos vollzogen worden. Von daher ist die exzellent
recherchierte Analyse der UN in vielerlei Hinsicht von größtem Nutzen:
Erstmalig werden hier die Hintergründe und die Struktur der UN detailliert
beschrieben.
Zweitens wird verdeutlicht, dass das Umfeld der UN sich im Dunstkreis von NPD,
neonazistischen "Kameradschaften" und diversen weiteren rechtsextremen
Strömungen bewegt und die UN strömungsübergreifend via Internet
von sämtlichen rechtsextremen Gruppierungen angepriesen und genutzt werden.
Auch hierbei weisen die Autoren auf ein pikantes Detail hin: Neben offen neonazistischen
Gruppierungen präsentiert zugleich das CDU-nahe "Studienzentrum Weikersheim"
UN-Artikel auf seiner Homepage.
Drittens wird detailliert beschrieben, wie sich die UN über ihren zeitweiligen
Mitarbeiter Josef Klump - zugleich zeitweiliges Mitglied der Dark Wave-Band
"Weissglut" - der rechtsextremen Beeinflussung von jugendlichen Musikszenen
widmet.
Viertens werden die Propagandaaktivitäten der UN an Schulen detailliert
beschrieben und es werden ausgearbeitete Unterrichtsmaterialien für die
kritische Auseinandersetzung mit den UN zur praktischen Benutzung zur Verfügung
gestellt - ein Angebot, das sich Lehrer/innen sowie Schüler/innen zunutze
machen sollten.
Wer sich kritisch mit den UN sowie mit rechtsextremen Einflussnahmen in Schulen
und auf Jugendliche beschäftigen will, kommt an dieser Neuerscheinung nicht
vorbei.
D.D.
Martin Dietsch/Helmut Kellershohn/Alfred Schobert: Jugend im Visier. Geschichte, Umfeld und Ausstrahlung der "Unabhängigen Nachrichten" - DISS 2002, 178 S., 12 Euro
www.terz.org - 24.6.2002