TERZ: Ihr Buch über den legendären Anarchisten Buenaventura Durruti
und den spanischen Bürgerkrieg haben Sie 1977 im französischen Exil
fertig gestellt. Was hat Sie dazu verleitet?
Abel Paz: Ich bin kein Schriftsteller oder Journalist gewesen, sondern habe
mein ganzes Leben in sozialen Kämpfen verbracht und dabei höchstens
mal für die eine oder andere Zeitschrift etwas verfasst. In den sechziger
Jahren wurde ich infolge meiner 12-jährigen Knastzeit in Spanien lungenkrank
und hatte Zeit zum Nachdenken. Mir fiel auf, dass eigentlich nur die kommunistische
Sichtweise auf den spanischen Bürgerkrieg das öffentliche Bild bestimmte.
Mein Anliegen war es daher, die wirkliche Rolle und Bedeutung der Anarchisten
im Bürgerkrieg zu beschreiben. Material über Durruti zu beschaffen,
war sehr schwierig, da er nichts Schriftliches über sich hinterlassen hat.
Viele Weggefährten von Durruti waren zudem äußerst misstrauisch
gegenüber Rundfunk und Presse. Ich hatte hier als Anarchist und Zeitzeuge
natürlich den Vorteil, dass mir Vertrauen entgegengebracht wurde. Zunächst
sollte das Buch den Titel "Durruti und seine Zeit" tragen. Die französischen
Verleger rieten mir jedoch zu dem angeblich verkaufsfördernden Titel "Das
bewaffnete Volk". Ich hatte mit dem Titel Probleme, da der französische
nicht mit dem spanischen Begriff von Volk identisch ist. Daher erschien das
Buch 1977 letztlich mit dem Titel "Das bewaffnete Proletariat". 1971
bekam übrigens Hans Magnus Enzensberger von einem deutschen Fernsehsender
den Auftrag zu einem Film über Durruti. Nachdem er im Amsterdamer "Institut
zur Geschichte der Arbeiterbewegung" relativ erfolglos in der Materialrecherche
gewesen ist, bekam er dort den Rat, sich an mich zu wenden, da dort bekannt
war, dass ich das umfangreichste Material über Durruti hatte. Also kam
er, und ich unterstützte ihn mit Material und Fotos sowie Vorschlägen
für Interviews. Dies nutzte er auch ausgiebig, gab mir jedoch das Versprechen,
nichts darüber zu publizieren, da mein Buch zu jenem Zeitpunkt schon fertig
war. Bekanntlich hat er sich nicht daran gehalten.
TERZ: Sie selbst waren 16 Jahre alt, als Durruti erschossen wurde. Was für
eine Bedeutung hatte Durruti für Sie persönlich?
A.P.: Wenn ich an uns junge Anarchisten damals denke, war für uns bis zum
Krieg nicht so sehr Durruti das Vorbild, sondern Juan Garcia Oliver (Mitkämpfer
und Freund Durrutis). Er konnte ausgezeichnet schreiben, und er übernahm
auch eher die politische Positionierung. Erst im Laufe des Bürgerkrieges
bekamen Positionierungen von Durruti mehr politisches Gewicht. Ich will damit
Durruti nicht kleiner machen als er war, sondern vielmehr die persönlichen
Unterschiede zwischen beiden Anarchisten verdeutlichen. Oliver war der politische
Denker, während Durruti eher der Romantiker war - in Bezug auf Ideologien
und Gedanken. Uns junge Menschen faszinierte, dass hier eine Revolution - trotz
ihrer scheinbaren Unmöglichkeit - vorstellbar schien. Für uns junge
Anarchisten hatte Durruti eine ganz besondere Bedeutung, weil wir diese unmögliche
Revolution ohne Wenn und Aber wollten. Und Durruti verkörperte dies: Er
starb, ohne nachzugeben. Er war beseelt von tiefem Humanismus und kompromisslos
in seiner Ablehnung von Herrschaft und Militarismus. In der Kolonne Durruti
hatte er 12.000 Menschen, die er nie traktiert oder autoritär behandelt
hat. Er hat es geschafft, durch Reden zu überzeugen und ist im Bürgerkrieg
selber immer nach vorne gegangen. Das hat uns fasziniert. Kennst du den Film
"Spartacus"? Das dort gezeigte Verhalten des Sklaven-Führers
spiegelt in gewisser Weise unser früheres Bild von Durruti wider. Oder
ich denke an Menschen wie Zapata oder Che Guevara. Dieser Anstand im Kampf für
das scheinbar Unmögliche: Nein zu sagen, obwohl dies unmöglich erscheint.
Mit einer solchen Entscheidung wird das Unmögliche möglich.
TERZ: Haben Sie Durruti persönlich erlebt?
A.P.: Ich habe ihn persönlich erlebt, wobei ich nicht sagen möchte,
ihn wirklich gekannt zu haben. Ich besuchte eine Schule des Rationalismus, die
zwei Kollegen der Industriearbeitergewerkschaft vor dem Krieg aufgebaut hatten.
Dort wurden Schulungen auch mit anderen Gewerkschaften zusammen durchgeführt,
und da war Durruti mehrmals bei uns. Selbstverständlich war ich auf seiner
Beerdigung. Es war mit einer Million Menschen die größte Beerdigung,
die es dort bis dato überhaupt gegeben hat. Es war unbeschreiblich. Sie
fand zu einer Zeit statt, zu der in Spanien der Stalinismus hochkam und die
Probleme zwischen Anarchisten und Stalinisten begannen. Ich selber schließe
mich der Theorie an, dass es der russische Geheimdienst war, der Durruti ermorden
ließ. Es gibt z.B. diesen sehr auffälligen Brief Durrutis vom 6.10.
an die russischen Arbeiter, wo er sie erinnerte, dass die Linke aus dem Westen
ihnen bei der Revolution geholfen hatte und sie nun Spanien helfen müssten.
Dieser Brief war so unverfroren gegenüber den Stalinisten, da er Stalin
nicht einmal erwähnte. Während international bekannte Schriftsteller
Lobeshymnen auf Stalin verfassten, besaß dieser kleine mickrige Durruti
die Unverfrorenheit, sich an die russischen Arbeiter direkt zu wenden und dabei
den großen Stalin zu ignorieren. Durruti verkörperte auch für
die Stalinisten den libertären Geist der Revolution, den sie bekämpften.
Durruti starb zu einer Zeit, in der er am unbequemsten für die Stalinisten
wurde. Es war im Stalinismus zu der Zeit nichts Ungewöhnliches, dass man
sich ein politisch unbequemes Opfer ausguckte und umbrachte.
TERZ: Was waren Ihre Beweggründe, als 15-Jähriger in die CNT /
FAI einzutreten und aktiv am Bürgerkrieg teilzunehmen?
A.P.: Was ich gemacht habe, war eigentlich nichts besonderes. Dass ich Anarchist
geworden bin, ist mir quasi in die Wiege gelegt worden. Meine Eltern waren Anarchisten,
sie waren Bauern, und ich bin in diesem Milieu aufgewachsen. Es gab daher keine
besonderen Erlebnisse, warum ich Anarchist geworden bin. Es war eine spezifische
Zeit, die mit der heutigen nicht zu vergleichen ist. Wir mussten schon mit 12
Jahren arbeiten und waren voll dabei in den sozialen Kämpfen. Ich sage
immer: Wir wurden Erwachsene, ohne Kinder gewesen zu sein. Als der Krieg begann,
war ich gerade 15 Jahre alt geworden. Ich habe meine Kindheit nicht vollendet,
als ich erwachsen war, und es gab Hunderttausende, die aufgrund ihrer Biographie
dastanden wie ich. Das einzig besondere ist, dass ich trotz Knast überlebt
habe, während viele meiner Weggefährten umgebracht wurden oder an
den Folgen der Haft gestorben sind. Als wir so 15, 16 Jahre alt waren, gründeten
wir eine Gruppe mit dem Namen "Die Anarchisten mit Don Quichottes Idealen",
also eine Figur, wo alle etwas darunter verstanden und was unser Denken als
Jugendliche widerspiegelt.
TERZ: Der Kampf war für Sie 1939 ja nicht vorbei. 1942 sind Sie aus
dem französischen Exil in das faschistische Spanien zurückgekehrt
und haben bis zu Ihrer Inhaftierung am Guerillakampf teilgenommen. Was waren
die Beweggründe dafür?
A.P.: Das ist ganz einfach: Wir waren jung, 20 Jahre alt. Das ist das schönste
Alter, da überlegt man nicht lange. Man ist der Auffassung, dass es richtig
ist und dann geht man dahin. Ich bin nun 83 Jahre alt und fühle mich wie
20. Ich glaube, das kommt daher, dass ich in meinem ganzen Leben so viele Gegenschläge
erfahren habe, die ich ertragen habe ohne gebrochen zu werden. Sie haben es
nicht geschafft, mich zum Reformisten zu machen.
TERZ: Zu jener Zeit war Frankreich schon von den Nazis besetzt. Warum haben
Sie sich nicht der Resistance angeschlossen?
A.P.: Meine Haltung war hier eindeutig. Die Resistance war Widerstand gegen
die Nazis, es war keine offensive Guerilla; sie kämpfte lediglich gegen
die Invasion. Das hat mich berührt, die spanische Guerilla jedoch versuchte,
die Revolution fortzusetzen. Hier ging es nicht lediglich um Widerstand, sondern
um das Eintreten für die Revolution. Deshalb bestand für mich kein
Zweifel darüber, dass ich mich der spanischen Guerilla anschließen
muss. Die Frage nach der Bedeutung der spanischen Guerilla nach Francos Machtübernahme
ist schwer zu beantworten. Je nach Standpunkt kann dies als mehr oder weniger
bedeutungsvoll gewertet werden. In Spanien ist der Faschismus durch brutale
Gewalt mit Unterstützung der Nazis an die Macht gekommen. Bei vielen "Besiegten"
bewirkte dies eine Demütigung in der Niederlage. Bei einer halben Million
Menschen im Exil, bis zu einer Million Menschen in den Knästen und einer
viertel Million Erschossener bestand die übrig gebliebene Guerilla zumeist
aus Bauern, die in die Berge geflüchtet waren. Dies quantitativ einzuschätzen,
ist sehr schwierig. Dort ging es neben dem Kampf um Ideale auch schier um das
nackte Überleben.
TERZ: Das Scheitern der spanischen Revolution gilt heute vielen Menschen
als das Scheitern des Anarchismus. Welche Bedeutung hat der Anarchismus für
Sie heute?
A.P.: Jene, die meinen, der Anarchismus hätte in der spanischen Revolution
bloß eine Niederlage erlitten, haben keine Ahnung davon. Die spanische
Revolution hat gezeigt, welche Möglichkeiten vorhanden sind, eine Gesellschaft
in Selbstverwaltung von Gleichen unter Gleichen im offenen Dialog zu entwickeln.
Die Anarchisten haben eben nicht ein totalitäres Regime aufgebaut, weil
es dem Geist des Anarchismus widerspricht. Wer redet heute noch von den Erfolgen
der russischen oder der chinesischen Revolution? Heute ist nicht mehr die Frage
der gelungenen Machtübernahme dieser Revolutionen das entscheidende Kriterium
zu deren Beurteilung, sondern ihre inhaltliche Ausrichtung. Anarchistisch sind
die menschlichen Gedanken, und in Richtung Anarchismus wird die Geschichte gehen.
Gustav Landauer hat geschrieben, dass der Anarchismus ein historischer Prozess
ist. Die Betonung liegt hierbei auf Prozess mit zwei Maximen: Das Leben für
den Kampf und der Kampf für das Leben. Das beschreibt den Sinn des Anarchismus.
Da ist nichts Statisches und Theoretisches, es geht um den wiederkehrenden Kampf
um Veränderung und die Entfaltung menschlicher Bedürfnisse. Anarchismus
ist ein Bestandteil menschlichen Lebens.
www.terz.org - 30.6.2003