Für Donnerstag, den 3. Juli rufen Antifa-Gruppen aus Düsseldorf
im Rahmen der landesweiten antifaschistischen Kampagne "Kein Raum der Nazi-Musik!"
zu einer Demonstration nach Düsseldorf-Eller und -Lierenfeld auf. Anlass
hierfür ist der Umstand, dass von dort aus diverse RechtsRock-Projekte
bislang ungestört agieren können. Mitglieder einer dieser Bands, "Reichswehr",
griffen sogar vor genau drei Jahren, am 3. Juli 2000, auf dem S-Bahnhof Düsseldorf-Derendorf
zwei Migranten an, traten einen der beiden auf die Schienen und verletzten ihn
schwer. Fünf Täter, darunter auch die drei heutigen "Reichswehr"-Mitglieder,
wurden im März 2001 zu 18monatigen Haftstrafen auf Bewährung verurteilt
(vgl. TERZ 4/2001, S. 5).
Nur noch einmal war nach der Verurteilung von dieser Band in den Medien zu
lesen: Anfang Mai 2001 beteiligte sich einer der Täter, Dennis Volk aus
Leverkusen, an einem Angriff auf einen Schwarzen in Köln. Dieses mal aber
wendete sich das Blatt. Zur Hilfe herbei geeilte Migranten jagten die panisch
flüchtenden Angreifer durch den Stadtteil, so dass Volk und Konsorten letztendlich
noch froh sein durften, von der Polizei eingesammelt zu werden (vgl. TERZ 6/2001).
Nach 2001 verfestigte sich der Eindruck, "Reichswehr" hätte sich
aufgelöst. Die Sache geriet in Vergessenheit. Die Band aber setzte ihr
Treiben fort, veröffentlichte sogar im Herbst letzten Jahres bei "Ohrwurm-Records"
ihre erste CD mit dem Titel "Kaiserreichstreue". "Denn wir räumen
dieses Land jetzt auf. Erinnert Euch, an unsere Ahnen. Es wehen stolz, die Schwarz-Weiß-Roten
Fahnen" und "wir sind deutsch und rein" weiß die Gruppe,
die sowohl im Inland, als auch im europäischen Ausland auf Neonazi-Konzerten
auftritt, ihrem Publikum musikalisch mitzuteilen. Eine zweite CD ist gerade
in Arbeit. Im Nachhinein ist es allerdings schwer festzustellen, auf welchen
Konzerten die Band vor 2002 aufgetreten ist, was darin begründet ist, dass
es eine gleichnamige Combo "Reichswehr" aus dem Spektrum von "Blood
& Honour Westfalen" im ostwestfälischen Minden gab, die aber seit
2002 nichts mehr von sich hören lässt.
Zwei der drei derzeitigen "Reichswehr"-Mitglieder leben in Eller und
Lierenfeld: Der Kopf, Sänger und Gitarrist der Band, Dennis Wichrowski,
der von seiner Wohnung in der Konradstraße auch die "Heimatseite"
der Gruppe betreibt, sowie sein Bruder Thomas Wichrowski, der 2. Gitarrist.
Beide hatten zuvor zusammen auf der Elleraner Krippstr. gelebt, was auch erklärt,
dass Anwohner/innen schon vor Jahren von kleineren Neonazigruppen berichteten,
die dort "Hier marschiert der Nationale Widerstand" gröhlend
vorbeizogen. Das dritte "Reichswehr"-Mitglied, der Schlagzeuger Dennis
Heinrich Jörißen, lebt in Mönchengladbach.
Es ist damit zu rechnen, dass die Band in nächster Zeit immer größere
Bedeutung erlangt. Insbesondere Dennis Wichrowski verfügt über gute
bundesweite und auch internationale Szene-Kontakte und lässt sich auch
schon mal auf neonazistischen Demonstrationen blicken, wie zuletzt am 14. Juni
im westfälischen Hamm.
Aber "Reichswehr" ist nicht die einzige neonazistische Band im Stadtbezirk.
In Lierenfeld lebt Ingo Wolff, Sänger und zentrale Figur der bundesweit
bekannten Gruppe "Barking Dogs", die schon vier CDs veröffentlicht
hat, gerade an ihrer fünften arbeitet und über deren Homepage man
sich auch mal gerne auf dem Elleraner Gertrudisplatz verabredet. Betrieben wird
diese Homepage von Wolffs Wohnung im Lierenfelder Heimgarten aus. Der aus Willich
stammende "Barking Dogs"-Frontmann ist bereits seit vielen Jahren
im RechstRock-Geschäft. Anfang/Mitte der neunziger Jahre gehörte er
bereits zur Stammbesetzung der inzwischen aufgelösten neonazistischen Düsseldorfer
Band "08/15" um den heute vermutlich nicht mehr aktiven Vennhausener
Rainer Sebrecht und bearbeitet seit Jahren bei Liveauftritten der britischen
RechtsRock-Kultband "Brutal Attack" das Schlagzeug. Parallel führte
er zeitweilig mit der Band "Arbeiterklasse" ein eigenes Projekt.
Die 1995 in Krefeld gegründete und bezüglich ihrer Erstbesetzung mittlerweile
bis auf eine Person umbesetzte Band betont bei jeder sich bietenden Gelegenheit,
dass sie eigentlich "unpolitisch" sei. Erst recht möchte man
nicht als "Parteiband" begriffen werden, weswegen auch nach der zweiten
CD (die erste war bei Torsten Lemmer veröffentlicht worden) das Label des
NPD-Bundesvorstandsmitglied Jens Pühse ("Pühses Liste")
nicht mehr genutzt wurde. Die letzte CD, eine Split-CD mit der Band "Selbststeller"
aus Riesa, wurde bei dem Szene-Label "Backstreetnoise Music" veröffentlicht.
Die Band betont den "Skinhead-way of life" und das auf eine Art Lebensbundprinzip
basierende Zusammengehörigkeitsgefühl von Band und befreundetem Fan-Umfeld
("Road Crew"). Die auch als Security eingesetzte "Road Crew"
posiert auch schon mal gerne in Fußballmannschaft-Stärke vor dem
kriegsverherrlichenden "39er"-Denkmal am Reeser Platz. Man kultiviert
den "einsamen und ehrenvollen Kampf für Ehre, Stolz und Wahrheit":
"We fight for honour, the pride and the truth [...] we fight for Deutschland".
Dabei werden auch die im Kampf gefallenen Helden' gewürdigt, so z.B.
der 1993 tödlich verunglückte "Blood & Honour"-Gründer
Ian Stuart Donaldson ("Ian Stuart war der Name eines weißen Barden,
dessen Lieder soviel Kräfte gaben. So sang er seine Lieder von Europa in
Not ...").
Barking Dogs ist bereits auf einer Vielzahl von Konzerten aufgetreten, zumeist
zusammen mit eindeutig neonazistischen Bands. Gleichzeitig versucht man es immer
mal wieder, auch auf vermeintlich "unpolitischen" OI/Punk-Konzerten
aufzutreten. Einen derartigen Versuch gab es zum Beispiel am 13. April 2002
im "Ratinger Hof" in der Altstadt. Hauptact sollte die Dinslakener
Band "Verlorene Jungs" sein, der von Seiten antifaschistischer Gruppen
schon häufig und zurecht eine fehlende Distanz zu RechtsRock-Bands vorgeworfen
worden war. Diesmal aber wurde den "Jungs" die Sache zu heiß,
nachdem das Konzert öffentlich skandalisiert worden war: "Es ging
um Musik, Spaß - Parole Spaß eben - und kein Mensch hatte dabei
auch nur einen Moment an Politik gedacht", war damals auf ihrer Homepage
zu lesen.
"Aber dann brach hier mit einem mal der Sturm los. (...) Und irgendwann
ging es nur noch um Politik. (...) Rechts und links - es kotzt mich an."
Und da der Faktor Spaß nicht mehr ausreichend gegeben war, sagten die
"Verlorenen Jungs" zum großen Ärger der "Barking Dogs"
ihren Auftritt und damit das komplette Konzert kurzerhand ab (vgl. TERZ 5/2002).
Unweit des Wolffschen Domizils, im Proberaumbunker Gatherweg, probte bis Februar
diesen Jahres eine dritte neonazistische Band, nämlich "Eskil"
um Dennis Seegers, bevor sie auf Initiative antifaschistischer Gruppen vom Vermieter
die Kündigung erhielt (vgl. TERZ 3/2003). "Eskil", die in einem
ihrer Lieder ihr Publikum fragt: "Hast Du jemals bereut, ein Nazi'
zu sein?" um dieses dann mit den Worten "Wenn Du uns vertraust ...
können wir es schaffen" auf die "nationale Sache" einzuschwören
(vgl. TERZ 12/2002), betreibt zudem ein Kontakt-Postfach im Postamt auf der
Gumbertstraße.
Alle drei Bands pflegen mehr oder weniger gute Kontakte zu Mitgliedern der "Kameradschaft
Düsseldorf", beispielsweise zu dem ebenfalls in Lierenfeld lebenden
Marco Schirmer.
Bei einer derartigen Anballung verwundert es nicht, dass im Stadtteilbild immer
häufiger rechte Jugendliche zu sehen sind, die sehr selbstbewusst ihre
Gesinnung zur Schau stellen. Rechts zu sein ist auch hier wieder normal',
sogar in' geworden. In den letzten Jahren konnten sich häufig größere
rechte Skinheadgruppen auf dem Gertrudisplatz treffen und aufhalten. Hakenkreuzschmierereien,
einschlägige Aufkleber und Plakate sind keine Seltenheit mehr. Grund genug
für antifaschistische Gruppen, in Zukunft mehr Präsenz in Eller und
Lierenfeld zu zeigen.
Di, 01.07.2003, 19:00
Infoveranstaltung:
Neonazismus auf dem Vormarsch?!
in der fiftyfifty-Galerie, Jägerstr. 15, Düsseldorf-Eller
Veranstalter: Bündnis "Aus der Geschichte lernen - für die Zukunft
handeln"
Do, 03.07.2003, 18:30
Antifaschistische Gruppen rufen auf zur Demonstration:
Kein Raum der Nazi-Musik - auch nicht in Eller und Lierenfeld!
Start: Gertrudisplatz, Düsseldorf-Eller
(S-/U-Bahn bis Eller-Mitte)
Aufruf unter www.antifakok.de
Hintergrundinfos zu RechtsRock und zur antifaschistischen Kampagne unter www.antifa-nrw.de
und in der Zeitschrift LOTTA. Die aktuellen LOTTA-Ausgaben Nr. 11 und 12 behandeln
RechtsRock als Schwerpunkt. Erhältlich für jeweils 2 Euro im Buchladen
BiBaBuZe, Aachenerstr. 1, im Linken Zentrum, Corneliusstr. 108 und im Abo:
www.free.de/lotta.
Ein feuchtes und trostloses Ende wählte der ehemalige Düsseldorfer
"Republikaner"-Funktionär Wolfgang Rau, der von 1989 bis 1994
dem Düsseldorfer Stadtrat angehörte. Am 3. Juni wurde der 58-Jährige
bei Monheim aus dem Rhein gefischt: Selbstmord. Zuvor hatte der Möchtegern-Saubermann
seine beiden völlig zugemüllten Wohnungen und einen angemieteten Keller
angezündet - zumindest deutet alles darauf hin, dass er hier persönlich
Hand anlegte. Schon 1992 hatte es um Rau einen Skandal gegeben: Nach einem Wasserrohrbruch
fand die Feuerwehr in seiner Wohnung eine Müllhalde vor, das Gesundheitsamt
sprach von Seuchengefahr.
Rau gehörte vor seiner REP-Zeit der JN und der NPD an. Bereits 1972 trat
er als NPD-Bundestagskandidat in Erscheinung, Mitte der siebziger Jahre stieg
er zum stellvertretenden JN-Bundesvorsitzenden auf, bevor er 1985 die Leitung
des frisch gegründeten REP-Kreisverbandes Düsseldorf übernahm,
die er bis zu seinem durch den Müllskandal bedingten Rauswurf aus der Partei
1992 für sich beanspruchte. Auf REP-Landesebene hatte er es bis dahin bis
ins Landespräsidium geschafft. Ein Sonderling sei er immer schon gewesen,
zudem mit homosexueller Neigung, sonderten damals die REPs ab. In der Zeitschrift
des Kölner Neofaschisten Manfred Rouhs, "Europa vorn" (heute
"Signal") wurde Mitte Oktober 1992 sogar darüber spekuliert,
ob nicht vielleicht der "Verfassungsschutz' den Republikanern - und
mit ihnen der gesamten rechten Szene, die von dieser unglaublichen Blamage betroffen
ist - ein faules Ei ins Nest gelegt hat". Und nun ist er plötzlich'
tot. Ob da vielleicht der VS oder der britische Geheimdienst oder gar der Mossad
... Wie auch immer: Als Märtyrer Marke Rudolf Heß dürfte Rau
keine Chancen haben. "Wolfgang Rau - Märtyrer für Deutschland!":
Es wird ihm nicht vergönnt sein. Tragisch ...
www.terz.org - 30.6.2003