Das Boulevard-Blatt EXPRESS gilt allgemein als SPD-orientierte Version der
BILD - was nicht bedeutet, dass nicht auch hier Rassismus zum Programm gehört.
Bis in welche journalistischen wie ethischen Niederungen dies in diesem Titten-Blättchen
abgleiten kann, demonstrierte letzten Monat beispielhaft EXPRESS-Redakteurin
Barbara Kirchner unter dem Titel "Aids-Angst: Polizistin im Einsatz gebissen".
Es geht um den Fall einer Abschiebung am Düsseldorfer Flughafen. "Rangelei
am Airport. Afrikanerin versetzt Beamtin in Todesangst" Wieso gerade die
Beamtin? Eigentlich - so könnte angesichts bekannter Folter-Methoden des
BGS-Personals, die schon wiederholt bis zum Tod des Asylsuchenden geführt
haben (z.B. durch Erstickung infolge des Überstülpens eines Motorradhelmes)
- müsste doch die drangsalierte Asylsuchende eher Anlass zu Todesangst
haben. EXPRESS-Kirchner weiß es besser: "Ein Routine-Auftrag endete
für die 33-jährige Polizeibeamtin Sabine S. (Name geändert) tragisch.
Den spektakulären Zwischenfall am Flughafen bei der Begleitung einer abgeschobenen
Afrikanerin zu deren Maschine wird die BGS-Beamtin wohl nie vergessen. Denn
seitdem leidet sie unter der schrecklichen Ungewissheit, ob sie sich mit der
tödlichen Immunschwächekrankheit Aids angesteckt hat."
EXPRESS-geschulte LeserInnen könnten spätestens jetzt hektisch werden:
War Sex im Spiel? Was und wie wurde es dort getrieben? Frau Kirchner weiß
den Spannungsbogen in einer zeitungstypischen Weise aufzubauen:
"Die Vorführung der jungen Afrikanerin verlief zunächst unproblematisch.
Als illegale Einwanderin sollte sie in ihre Heimat Kongo abgeschoben werden.
Sabine S. begleitete sie. Plötzlich, auf dem Gate, riss sich die Frau los,
zog sich blitzschnell aus."
Empörend, so etwas: sich einfach losreißen, wenn deutsche Polizeibeamtinnen
einen an die Hand nehmen - und dann noch Striptease machen! Doch auch die routinierte
EXPRESS-Leserschaft weiß aus der Lektüre ihres Fensters zur Welt,
dass es im Kongo "Kindersoldaten" gibt, die manchmal sogar "Menschenherzen"
verfrühstücken. So toll scheint es also mit der Heimat der Abzuschiebenden
nicht bestellt zu sein, wenn dorthin sogar unsere Jungs in Uniform als Menschenrechtspolizei
entsendet werden müssen. Aber Gesetz ist halt Gesetz, und deshalb geht
die Heldentat der BGS-Beamtin laut Kirchner wie folgt weiter:
"Reaktionsschnell versuchte die Beamtin, die Afrikanerin zu packen. Doch
da musste sie feststellen: Die Frau hatte sich mit Öl eingeschmiert. Ihr
glitschiger Körper war nicht zu fassen. Sie flüchtete nackt quer übers
Rollfeld."
Eine abzuschiebende schwarze Asylsuchende, die nackt und ölbeschmiert über
den Düsseldorfer Flughafen rennt und verfolgt wird von zwei engagierten
deutschen Bulletten - das ist der Stoff, mit dem Barbara Kirchner ihrer Leserschaft
die Tücken des deutschen Asylrechts nahe zu bringen versucht. Zum Sex gehört
Crime, und so kommt es in der EXPRESS-Geschichte nun zum Fight:
"Sabine S. und ihre Kollegen hasteten ihr hinterher und stellten sie schließlich
nach kurzer Verfolgungsjagd. Doch die Afrikanerin wehrte sich heftig und biss
Sabine S. im Laufe der Rangelei kräftig in die Hand."
Na ja, Beißen is unfair, könnte der durchschnittliche EXPRESS-Leser
denken. Aber immer noch besser, als den armen BGS-Beamtinnen Motoradhelme überzustülpen
und sie anschließend durch Würgen zu ersticken. An sich schon, weiß
Barbara Kirchner - wenn es sich hierbei nicht um eine schwarze Delinquentin
gehandelt hätte:
"Zurück blieb eine blutende Wunde. Für die BGS-Beamtin ein Schock:
Schließlich ist im Kongo Aids weit verbreitet. Während die Mediziner
die junge Polizeibeamtin versorgten, ihr sogar erste Medikamente gegen eine
mögliche Infektion verabreichten, erklärte sich die Afrikanerin zunächst
zur Blutabnahme bereit. Jörg Bittner, Sprecher des Bundesgrenzschutzes,
erklärt: Wir können gegen den Willen eines Gefangenen kein Blut abnehmen.
Und: Auch für eine Aids-Untersuchung brauchen wir das Einverständnis
des Betroffenen. Doch eine derartige Untersuchung will die Afrikanerin nicht
durchführen lassen."
Wieso eigentlich keinen Zwangstest für die renitente Negerin? Hier scheint
das deutsche Recht für unsere EXPRESS-Redakteurin plötzlich zum Problem
zu werden:
"Jetzt muss der Staatsanwalt entscheiden, ob das Blut der Frau auf Aids-Viren
untersucht werden kann. Jörg Bittner: Die Kollegin ist natürlich in
größter Sorge. Sie kann nachts kaum noch schlafen. Wir stehen zu
ihr, versuchen ihr so gut wie möglich zu helfen. Aber diese quälende
Ungewissheit zerrt natürlich an den Nerven, so etwas macht einen fertig."
Eine willige Helferin legalisierter und institutionalisierter rassistischer
Grausamkeit als Fall für die Düsseldorfer Frauenberatungsstelle? Das
Mitleid der EXPRESS-Redakteurin scheint seine Grenzen bei der Hautfarbe zu haben:
"Jetzt bleibt nur noch die Hoffnung, dass sich der Staatsanwalt auch gegen
den Willen der Gefangenen für einen Aids-Test entscheidet."
Es gehört zur Struktur der autoritären Persönlichkeiten, nach
dem Strick für denjenigen zu rufen, der am Rande steht oder am Boden liegt,
was im Fall der Barbara Kirchner und des EXPRESS kulminiert in einer rassistischen
Sex & Crime-Story, deren Urheberin sich ihrer sich selbst entlarvenden Widerwärtigkeiten
wohl nicht einmal bewusst ist. Solche Leute braucht eine solche Zeitung!
www.terz.org - 30.6.2003