fehriTalesDarwin für Arme
Ein Teil des menschlichen Erfolges in der Evolutionsgeschichte basiert auf
unserer Eigenschaft einerseits mehr Intelligenz als z.B. ein Ochsenfrosch oder
ein Buschkänguruh oder ein Quastenflosser zu entwickeln, dabei aber gleichzeitig
alle unangenehmen Dinge, die das Leben so mit sich bringt, konsequent zu verdrängen.
Vor allem aber zeichnet sich der Mensch dabei noch dadurch aus, dass er sich
mit sicherem Blick auf das Wesentliche konzentriert. Daraus ergibt sich eine
schnelllebige und intensive Zeit, in der das, was heute eine Schlagzeile ist,
schon heute abend niemand mehr interessiert. Was ist wichtig? Millionen Tote
in Zaire? Nein, ganz entschieden Nein! Oder dass "Modern Talkings"
letztes Konzert skandalöserweise ohne eine Zugabe beendet wurde? Schon
eher. Ist der spektakuläre Abgang von Jürgen W. Möllemann nicht
sehr zu Guido "ich bin immer lustig und prinzipienlos" Westerwelles
Glück bereits vergessen und verdrängt? Im buchstäblichen Sinn
beerdigt! Im Irak ist die Lage eigentlich genauso wie vor der offiziellen Beendigung
des Krieges! Egal. Wird Bärbel Schäfer den Friedmann, den Schlimmen
verlassen? Wenn Friedmann kein Jude wäre, dann würden deutsche Stammtische
wohl meinen, dass eine Frau so ein bißchen Koks und ein paar Huren verpacken
sollte, aber so? Was nimmt man dem Mann übel? Koks? Huren? JetSet? CDU?
Oder vielleicht etwas anderes? Ich will es gar nicht wissen.
Ein Deutscher, der Friedmanns Vergehen nicht begangen hat, war Josef Blösche.
Allerdings war er einer brutalsten SS-Männer, die im Warschauer Ghetto
wüteten. Er tötete Frauen wie Männer, Greise und Kinder. Es war
halt eine harte Zeit damals im Krieg! Die Bolschewisten im Osten haben das nicht
so locker gesehen wie unsere Demokraten hier und haben den Mann zum Tode verurteilt
und 1969 exekutiert. Die Frau, die Josef Blösche nach dem Krieg heiratete
und mit der er Kinder hatte, dachte allerdings weniger an die etwa 2000 Opfer
ihres Mannes, sondern versuchte bis zuletzt "den lieben Vati" vor
dem Genickschuss zu retten. Schließlich hat Vati ja nur seine Pflicht
getan. Die Karriere des Blösche ist schlimm, aber die Briefe seiner Frau
haben selbst in mir, der ich mittlerweile recht hartgesotten bin, ganz befremdliche
und kaum zu schildernde Gefühle ausgelöst. Wie kann man nur so sein?
Dies alles kann man nachlesen in "Der SS-Mann - Josef Blösche - Leben
und Sterben eines Mörders" von Heribert Schwan und Helgard Heindrichs.
Musikalisch war ich doch etwas überrascht, als ich von den White Stripes
das Album "Elephant" hörte. Das eine solche CD in den deutschen
Charts ist, hätte ich nicht für möglich gehalten. In Amerika
gab und gibt es viele solche Bands, die irgendwo zwischen Blues, Rock und Trash
liegen und dabei ganz originell sind. White Stripes gehören nicht zu den
allerbesten in dieser Richtung, aber auch nicht zum schnöden Mittelmaß,
sie sind gut. Die neue Eels namens "Shootenanny" gefällt mir
nicht so gut wie die letzte, aber es sind trotzdem schöne Stücke drauf.
Wie immer sehr abwechslungsreich, nur nie fröhlich! Aber auch nicht depressiv,
sondern etwas für Leute, die Melancholie mögen.
Zum Abschluss möchte ich eine Umfrage starten. Falls es einen Leser gibt
(und nicht, nur weil man nicht genug Geld hat, das zählt nicht), der weder
Macht, Drogen, Geld, Jet Set, Politik usw. mag, soll er oder sie sich mal melden.
Der mit 200 Zloty aus meiner Privatschatulle prämierte Vlad Tepes Preis
ist immer noch nicht vom aufrechten irakischen Informationsminister abgeholt
worden und könnte so gesehen einen neuen Preisträger bekommen. Es
wird aber kritisch geprüft. Also kein armer Student, der sich mit Amphetaminbrocken
in der Nase meldet und jammert, dass Koks zu teuer ist.
Banzai!
Fehri
www.terz.org - 30.6.2003