Sommer is'. Wir sitzen hier und schwitzen. Derweil werden US-Bürger
gerade immun. Können dann jedem die Fresse eintreten und am Gemüsestand
Äpfel klauen, passiert nix. Sind 1fach immun. Sagste was, gibt's Langstreckenraketen
in die Maske und Flächenbombardement auf die Hütte. Sind unangreifbar,
einfach Wesen aus einer anderen Welt mit eigenen Gesetzen. Das ist New-World-Order-Schrott,
altes Europa, keine Frage, aber vergiss nicht, dass DU und deine neuen Ordnungen
selbst vor ein paar Generationen das Symbol des Bösen waren. Und jeder
Mensch seine Haut retten musste, um aus diesen Grenzen zu kommen. Heute: der
Blick aus dem Fenster. Nationalismus: nach wie vor der Untergang. Da geht die
rote Sonne auf. Fäuste hoch...und erst mal strecken. Venceremos prusten
wir in unser Bier. Gibt viel zu tun. Denn Sommer is'.
Wir sitzen hier und schwitzen. Musik an. Gib schon Kraft...
THE MAGIC BAND: BACK TO THE FRONT (ATP/Zomba) Kein Problem: Captain Beefhearts
Original Band reunited und in Bestform. Drumbo French krächzt hochintensiv
wie der Cap, und der Rest brettert hochpräzis liebevoll kaputten Deltablues
zusammen. Matt Groening, Simpsons-Irrer und Kurator des "All tomorrows
parties"-Festivals, holte sie auf die Bühne, doch diese 17 Tracks
sind unglaubliche Live-Tape-Probeaufnahmen. Blast!
V.A.: All Tomorrow's Parties 3.0 by Autechre (ATP/Zomba)
Das letzte ATP-Festival klang übrigens so...wenn Autechre kuratieren, gibt's
auf zwei satten Scheiben HipHop und abstrakte Elektronik. Zwischen Jim O' Rourke
und Baby Ford ist alles drin...fast alles unreleased, Rest ziemlich selten.
ON/OFF (Intermedium) Diese Doppel-CD dokumentiert das letztjährige 2. Medienkunstfestival
Intermedium in Karlsruhe mit sechs langen und sehr unterschiedlichen Stücken.
Bestes Stück: "Konvent" von Meinecke/Melian und Move D. Ein Westberliner
Autorentreff von 1964 steht für eine Zeit, in der noch über die politische
Wirkung von Literatur durch Ästhetik diskutiert wurde. Hochinteressant
auch, wie das in eine elektronische Ästhetik überführt wird.
Kein Sinnfreies Semantik-Patchwork, sondern Inhalte und Flow in aktuell treibender
Korrespondenz.
GLENN BRANCA: THE ASCENSION (Acute/Hausmusik) Brancas Früh80iger Gitarrenensemble
ist Legende und beeinflusste via Sonic Youth - Moore und Ranaldo, hier auch
zu hören, spielten mit Branca - die Ästhetik unzähliger Indierockbands.
Den Grenzgang zwischen konzeptuellem Minimalismus und Rock'n Roll-Drive gab's
selten kompakter zu erleben.
EKKEHARD EHLERS: POLITIK BRAUCHT KEINEN FEIND (Staubgold) Sperrigste, traurigste,
verlorenste und sehnsuchtsvollste Musik zur Zeit. Ehlers bringt erneut Gefühligkeit
und Konzept auf abstrakte Weise zusammen, wobei der kammerneumusikalische Aspekt,
entgegen dem Pop-Cover, bestimmend ist.
GIARDINI DI MIRÒ: PUNK...NOT DIET! (2.nd rec) Das neue Album der Italiener
fängt die Fähigkeiten, fragiles Fingerspitzengefühl beim Spiel
zwischen Song und Experiment und Zurückhaltung im Gesang zu üben,
eindrucksvoll ein und erdet die schwebenden Songstrukturen sanft.
COLEEN: EVERYONE ALIVE WANTS ANSWERS (Leaf) Doch es geht noch zarter
und
so bestimmt, dass es dein Leben wie ein Traum verfolgt und mit sich selbst verwebt.
Die 26jährige Pariserin spinnt ein so simples wie effektives Klangnetz,
in dem sich wunderliche Details und Dinge verfangen.
CRESCENT: BY THE ROADS AND THE FIELDS (FatCat) Freunde: noch sanfter und langsamer
wird der Sommer. Inmitten flirrender Hitze dieser pastoral-kammermusikalische
Folk von Movietone und Flying-Saucer-Attack-Leuten, und ihr fühlt euch
wie in einer Scheune voller intensivst-dunklem Folk-Psychedelia-Jazz und wollt
nicht mehr weghören. Real weird.
DAVIDE BALULA: PELLICULE (Active Suspension)
Um es voll zu machen, ihr Sommer-Folkies...denn das hier ist erst recht der
Kracher. Balula infiziert seine melodischen Folkballaden mit elektronischen
Bakterien, und wir lauschen so hochverzückt wie -aufgeweckt den Vorgängen
in diesen ereignisreichen Mikrostrukturen, die nur noch vordergründig Songs
sind.
ANIMAL COLLECTIVE: HERE COMES THE INDIAN (Paw Tracks) So, nu der Stimmungswechsel.
Diese Tiere hier haben jetzt endlich ihr eigenes Label und können ergo
noch mehr toben. Stellt euch buntbemalte Psychedelic-Freak-Outs vor, die Hardcorepunk-gedöns,
Improv-Geschnetzeltes und Mantra-Gespinnste miteinander in die Koje schicken.
Wenn das die Indianer sind, müssen die weißen Herren von heute aber
bald mal stiften gehen. 999.999% Darling, mir ist das LSD in die Suppe gefallen,
1% Macht nix, is joot.
B.O.S.: 0-LAND (Angelika Köhlermann/Hausmusik)
Leben wir nicht alle in einem solchem Land? Dieser dreiste Dreier ist auch noch
stolz drauf (muss irgendwo in Ösiland sein) und versorgt die Welt zum Trotze
mit seinem cool-konzentriertem Slo-Motion-Kräuterrock. Wer kann, der Can
bzw.
Spacescherzkekse auf der Suche nach der ewigen sonischen Jugend.
KEVIN BLECHDOM: BITCHES WITHOUT BRITCHES (Chicks On Speed) Kristin zog von San
Francisco nach - na? - Berlin und macht nun per Banjo und Laptop schröggeligen
Entertainer-Lo-Fi-Punk-Pop. Schönes Cover (von ihr) und eine Coverversion
(von Tina Turner, Private Dancer) machen die Sache rund.
BROADCAST: HAHA SOUND (Warp) Das Trio aus Birmingham war mal eine ziemliche
Hoffnung in Sachen Pop-Psychedelia und hatte fantastische Songs am Start. Irgendwann
aber machten sie eine Kerze im Strafraum, wurden allzu nerdig und zu diesen
üblichen Geschmacksmonstern. Ihr neues Album plätschert nett vor sich
hin, und die Mischung aus Exotika, frühen Pink Floyd und 80er Elektropop
geht nicht auf.
CINEMATIC ORCHESTRA: MAN WITH THE MOVIE CAMERA (Ninja Tune) Jason Swinscoe ist
ein exzellenter Filmscoremusiker. Hier vertont er sehr jazzig Dziga Vertovs
gleichnamigen frühen sowjetischen Doku-Film von 1929. Die DVD zeigt den
kompletten Film plus Teile einer Live-Aufführung in Porto.
U-ZIQ: BILIOUS PATHS (Planet Mu) Kleiner Showdown für die ältere Generation:
Onkel Mike rechnet seine Beats immer noch mit dem Vektor aus, hat aber leider
ein Update seiner Soundkiste vergessen. Daher wuselt der Wizzard mit D&B-
und Ravesounds herum, deren Verfallsdatum nun wirklich überschritten ist.
Und dabei mögen wir ihn doch...und das Supercover erst...und Perlen gibt's
logisch eh zu heben...
AS ONE: SO FAR...SO GOOD (Ubiquity) Der zweite Veteran, hier mit einer Do-CD-Werkschau.
Die tief in Soul- und Jazzvibes getauchte Elektronik von Kirk Degiorgio, der
Seele des britischen Techno, klingt trotz Vintagesounds heute noch frisch und
klar.
LARRY HEARD: WHERE LIFE BEGINS (Track Mode)
Der dritte alte Meister lässt bei Housefreaks das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Heards spiritueller und politisch-bewusster Musikbegriff äußert sich
in warmen Tracks, die weniger Kante als Weltgeist haben.
DUBTRIBE SOUND SYSTEM: BAGGAGE(Defected)
Und so hört sich das heute an: feinster Duo-Deephouse aus San Francisco
mit massiven Latin- und Soulvibes. Klassische Sommerplatte, schwer empfohlen.
PLEJ: ELECTRONIC MUSIC... (Exeptional)
from the swedish leftcoast: blutjunger
Hosen-scheisserhouse von zwei Computerbrüdern, die früher lieber Punk
spielten als jazzig herumzuträumen.
Achtung! Das Schmuse-Soul- und Funksäckchen des Sommers empfiehlt nun:
WILLIE HUTCH: TRY IT YOU'LL LIKE IT (Expansion) Mitt70er Motown-Burner: Willie's
Best-Of pendelt zwischen sleazy-romantisch und Superfly-Aware-ness-Soul, dabei
himmlisch süß und teuflisch funky.
TIMELESS LEGEND: SYNCHRONIZED (Escrow) Soul an der Schwelle zu Disco: der Vierer
aus Columbus/Ohio mit klassischen Vocalharmonien im Four Tops-Stil, rare Originalplatte
mit Bonustracks.
THE SOUL-BROTHER SELECTION (Soul Brother) Nuggetsack mit supergesuchten Klassikern
der 70er bis früh80er-Phase. Rare Grooves, Philly, Souljazz: üppig
produziert, Vocals und Strings verschmelzen.
CRYSTAL WINDS: FIRST FLIGHT (Escrow) Der 1982er Mellow-Funk-Klassiker des Duos
aus Chicago mit bittersüßen Soul-Wahrheiten erweist sich heute als
bedeutsamer R'nB-Blueprint.
V.A.: WAXIN' LYRICAL 2 (Obsessive) Ob Edwin Starrs "War", Gang Starr,
James Brown, Kurtis Blow oder Bootsy Collins: Greg Edwards forscht nochmal den
lyrischen Rap-Roots nach. Ergo Klassiker, keine Seltenheiten oder Obskuritäten,
aber eine runde Compilation.
V.A.: ARABESQUETLATA 3 (React) Nach wie vor der beste Querschnitt durch zeitgenössische
arabische Popmusik, die auf den orientalischen Wurzeln basiert. Und schnell
wirst Du mitgerissen.
THE IPANEMAS: AFRO BOSSA (Far Out) Zwei brasilianische Bossa-Urgesteine, an
die 70, jahrzehntelange Studiocracks, die für alle Legenden spielten, mittlerweile
weiss-grau geworden, spielen 40 Jahre nach ihren Hochzeiten ein nahezu original
klingendes Bossa-Album ein.
JOYCE & BANDA MALUCA: JUST A LITTLE BIT CRAZY (Far Out) Mit derselben intensiven
Leichtigkeit: Joyce, eine der besten und bekanntesten brasilianischen Songwriterinnen,
ist schon seit den 60ern aktiv, versorgte während der Juntazeit der 70er
das Land per Exilaufnahmen mit Liedern, die auf dem Index standen, und kann
heute dementsprechend locker aufspielen.
OH SUSANNA (Hot Records/Zomba) Hintergründig-subversiver Country der Kanadierin
Suzie Ungerleider. Alltagsmoritaten, wahnsinnsschöne Murder-Ballads und
Kuschel-wahnsinn.
THE NEW PORNOGRAPHERS: ELECTRIC VERSION (Matador) Nochmal Kanada: Vancouvers
Indieherzchen mit brandeiligem 60s Powerpsychpop. So würden die seligen
Pretty Things heute klingen.
BAD BRAINS: BANNED IN DC (Virgin) Jawolle, und auch die größten Hardcore-Säcke
kriegen ihre Best-Of. 22 historische Kracher und die immergrüne Frage "How
low can a Punk get"?
SCRATCH PERVERTS: BADMEANINGGOOD (Ultimate Dilemma) Noch Bock auf HipHop? Dann
mal los: die perversen Kratzer zeigen schon per Banksy-Cover, wo der Hammer
hängt: drei Krähen zerren an den Kabeln einer Innenstadt-Überwachungskamera.
Drinnen ein fetter Awareness-Mix aus Rap und Freestylebeats, der die Labour-Party
rocken sollte.
ACEYALONE: LOVE & HATE (Deconstruction) Freestyle-Fellowship-Master-MC mit
fähigsten Produzenten und Gästen wie Anti-Pop-Consortium, Casual und
Abstract Rude. Wiegt und rockt die Seele, bis sie wieder fliegt.
DUDLEY PERKINS: A LIL LIGHT (Stones Throw) Wenn Dudley von der Westküste,
früher als Declaime unterwegs, rappt und croont, lässt er das Licht
inmitten einer kranken Umgebung aus sich heraus strahlen. Wie ein Kind, das
nie wieder richtig gesund wird, sich aber mit Wahnsinnsvertrauen bewegt. Monstertracks
mit irrer Atmo, reinhören!
DANGER MOUSE & JEMINI: GHETTO POP LIFE (Lex) Zwei durchgeknallte Rapster
aus Athens und New York, die weder ihre Wurzeln, noch ihre Awareness an der
Garderobe abgegeben haben. Irrwitzige Jump-Ups, fette Gäste und mit "Bush
Boys" ein satter Anti-US-Politik-Rap.
KING GEEDORAH: TAKE ME TO YOUR LEADER (Big Dada) Yes
MF Doom, tiefer Denker,
fetter Reimer und smarte Underground-Ikone, schickt sein Spacemonster Geedorah
über den Planeten, um unsere Führer zu holen...genau, nimmse doch
alle mit und schick se zum Teufel...oder wart mal...das machen wir selber...nur
dieses eine Bier hier noch...
www.terz.org - 30.6.2003