Das grüne Fraktionsmitglied Jochen Hülsmann ist unter dubiosen
Verfahrensweisen aus seinem Amt gedrängt worden. Ein Gespräch über
Politik und Konflikte bei den Grünen in Düsseldorf.
TERZ: Du hast die lokale Politik der Grünen lange Zeit mitbestimmt.
Wie lange warst du eigentlich Mitglied?
Jochen Hülsmann: Parteimitglied seit ca. Mitte 1994 bis zum grünen
Kosovokrieg im November 2001. Fraktionsmitglied von ca. Herbst 1996 bis Juni
2003.
TERZ: Was waren deine politischen Schwerpunkte bei den Grünen?
J.H.: Schwerpunkte? In der Partei: Pazifismus, Privatisierungen und Abfallpolitik.
In der Fraktion: Planung, Verkehr, Grünflächen, Müll und Privatisierungen.
In der BV: Direkte Einbindung von zahlreichen Initiativen in politische Entscheidungen
und alles was anfiel - BV-Arbeit ist sehr breit gestreut...
TERZ: Bist du nun eigentlich aus der Ratsfraktion rausgeschmissen worden
oder habt ihr euch in gegenseitigem Einverständnis getrennt? Schildere
doch einmal den Ablauf und die Hintergründe der Konflikte.
J.H.: Kurze Frage - lange Antwort. Zum Ablauf: Zum 1. Mai initiierten Patrik
Rinke (Olympiabürgerbegehren), Roland Bellinghausen (PDS) und meine Wenigkeit
das Bürgerbegehren "Keinen Cent mehr für die Arena". Die
Vorbereitungen dazu kündigte ich am 28. April offiziell in der Fraktion
an. Daraufhin gab es weder Widerspruch noch Diskussionsbedarf, sondern nur partielle
Zustimmung bzgl. meiner Teilnahme. Auch die anwesenden Parteivorstandsmenschen
hatten keine Probleme damit, dass auch ein Vertreter der PDS an diesem Bürgerbegehren
aktiv teilnehmen würde. Am 29. April luden wir als Initiative zu einem
Pressegespräch für den 30. April, was nur in der Rheinischen Post
entsprechend "gewürdigt" wurde. In seiner souverän tendenziösen
Art kaprizierte sich L.S. wie immer nicht auf die Sache, sondern stellte die
Zusammenarbeit von PDS und Grünen in den Vordergrund. Dem daraus resultierendem
"Druck" wollte die Fraktionsführung offenbar nicht standhalten
und ließ en passant - und ohne entsprechenden absichernden Fraktionsbeschluss
- über die gesamte Presse verlautbaren, mich zur Belohnung "aus meinen
Ausschüssen zu kegeln". Damit wurde das Abstimmungsverhalten der Fraktion
hierzu geschickt vorweggenommen, da die presseöffentlichen Mitteilungen
diesen Konflikt auf eine Machtfrage zwischen der Fraktionsführung und mir
reduzierten. Zwangsläufig forderte mich die Fraktion am 5. Mai - mit einer
Stimme Mehrheit - zum Rücktritt auf und stützte damit ihre Führung.
Im Diskussionsverlauf, der u.a. bewies, dass in einem trainierten Körper
kein gesunder Geist stecken muss, hagelte es persönliche Angriffe gegen
mich, die von dubiosen Trotzkismusvorwürfen bis zum Vorwurf der politischen
Schizophrenie reichten. Anschließend erklärte ich, dass ich mich
zu dieser Aufforderung auf der BV-Sitzung am 27. Mai äußern würde.
Zwischen dem 6. Mai und dem 26. Mai gab es dann fast täglich telefonische
Apelle von FunktionsträgerInnen aus Partei- und Fraktionsvorstand an mich,
"diese goldene Brücke" des Rücktritts zu nutzen und - vor
allem ohne Provokation weiterer öffentlicher Reaktionen - selbst zurückzutreten.
Im Gegenzug wurde mir als Belohnung dafür von den gleichen Leuten ein sicherer
Listenplatz auf "grünem Ticket" für die BV 2 für die
Kommunalwahl 2004 angeboten. Diesem Geschiebe konnte und wollte ich nicht folgen,
und so stellte ich mich einer zweiten Abstimmung am 26. Mai. Zwischenzeitlich
hatte der Fraktionsvorstand die Gangart verschärft, setzte mir Fristen
und wies darauf hin, dass meine Abwahl ja kein Ausschluss aus der Fraktion wäre,
denn dieser Ausschluss hätte eine Zweidrittelmehrheit erfordert, die allerdings
für meine GegnerInnen nicht erreichbar gewesen wäre. Resultat des
26. Mai war meine - fast diskussionslose - Abwahl aus den beiden Ausschüssen,
wobei die üblichen Verfahrenstricks (Schließung der Rednerliste,
Entziehung meines Antragsrechtes unter Ausblendung der Geschäftsordnung
usw.) ausgeschöpft wurden. Trotzdem sollte ich ausdrücklich - in Anerkennug
meiner sehr guten Arbeit in den Ausschüssen und in der BV 2 - weiter für
Grüne in der BV2 arbeiten und Zuträgerdienste leisten. Sofort nach
diesem Beschluss legte mein Mitstreiter Armin Dudzinski seine Stellvertretung
im Schulausschuss nieder, und wir verließen mit einigen anderen Leuten
demonstrativ die Sitzung. Einen Tag später erklärten Armin und ich
die Auflösung der grünen Fraktion in der BV 2 und gründeten die
Fraktion "ökologische Linke Düsseltal/Flingern". Noch eine
wahre und bezeichnende Begebenheit am Rande dieses Konfliktes: Während
der BV-Sitzung am 27. Mai erdreistete sich ein Mitglied der grünen Ratsfraktion
so weit, dass er in einer Sitzungspause meine Unterlagen durchwühlte...
Ob er "im Auftrag handelte" oder in verbissener Eigeninitiative, vermag
ich nicht zu beurteilen.
Zum Hintergrund: 1. Seit geraumer Zeit stellen sich die Grünen für
die Kommunalwahl 2004 neu auf. D.h., kritische Köpfe müssen für
alle denkbaren Mehrheitskonstellationen als potentieller Störfaktor eliminiert
werden. Nicht zu Unrecht machen sich die Grünen in Düsseldorf Hoffnung,
dass sie mit etwa 12 Personen in den zukünftigen Rat einziehen werden.
Hinzu kommt, dass die Grünen die rein ergebnisorientierte und diffuse Parole,
"so stark zu werden, dass ohne sie nichts mehr geht", propagiert haben
- demnach also auch eine schwarzgrüne Mehrheit für sie denkbar ist.
Bereits jetzt praktizieren Gilbert Yimbou (BV 10 Garath) und Norbert Czerwinski
(BV 3 Bilk) diese Variante "grünen Machtstrebens" exemplarisch.
2. Der grüne OB-Kandidat und Parteivorstand Wolfgang Scheffler musste unbedingt
einen öffenlichkeitswirksamen Ausschuss bekommen, in dem er pressewirksam
agieren kann; dies ist nun einmal der Ausschuss für Öffentliche Einrichtungen
(AÖE), der aufgrund der Vielfalt der Themen (Müll, Grünflächen,
Feuerwehr usw.) diesbzgl. ein erhebliches Potenzial aufweist. 3. Meine kritischen
Positionen bzgl. des Themenkreises Privatisierungen und die dabei erzielten
Mehrheiten waren für die Parteiführung nicht mehr tragbar, da sie
nicht in das Bild einer neoliberalen Partei und Fraktion passten. Fokussiert
auf die kommunale Entsorgungpolitik und die AWISTA, haben die Grünen bereits
1994 den Einstieg zur Teilprivatisierung der AWISTA beschlossen und wollen die
Vollprivatisierung - ohne Rücksicht auf die ArbeiterInnen - durchziehen.
TERZ: Welche Gründe bewegen einen humanistisch, pazifistisch oder links
denkenden Menschen, bei den Grünen mitzumachen?
J.H.: Die Möglichkeit, sich Nietzsches "Willen zur Macht" hinzugeben...
- Nein im Ernst, keine Ahnung, da fehlt mir der Sinn für Machiavellis Moralbegriff
und jegliche psychologische Kompetenz.
TERZ: Gibt es überhaupt noch Linke bei den Grünen?
J.H.: Im Promillebereich, etwa 3; Fraktion: auch ca. 3 - aber nicht schnittmengenidentisch
mit der Partei. Diejenigen, die heute die Abdeckung der Partei nach Links übernehmen
wollen, sind überwiegend einem alten Realoflügel zuzurechnen, der
maßgeblich die Säuberungsaktionen gegen die Düsseldorfer Parteilinke
durchgezogen hat.
TERZ: Die Bundesgrünen haben nun dem neoliberalen Schröder-Kurs
in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zugestimmt. Wie stellt sich der Kurs
der Grünen vor Ort dar?
J.H.: Deckungsgleich, zwar mit den üblichen "Bauchschmerzen",
aber trotzdem mehrheitsfähig. Ist ja auch ein schöner, fast "sakraler"
Ansatz: Für ein unüberprüfbares "jenseitiges Ziel"
(Nachhaltigkeit), skrupellos gegen (heidnische) "Sozialschmarotzer"
ins Felde ziehen zu dürfen.
TERZ: Als über deinen Fraktionsausschluss verhandelt wurde, zog draußen
vor dem Grünen-Büro eine linksradikale 1. Mai-Demo vorbei und sendete
den Grünen ein paar antimilitaristische Grüße in Form einer
Rauchbombe. Wie kam das denn drinnen an?
J.H.: Soviel ich gehört habe, mit einer Mischung aus Betroffenheit, Angst
und anschließender Wut. Jedenfalls nicht mit dem Versuch einer nüchternen
Analyse, warum gerade Grüne immer wieder Ziel solcher - diskussionswürdigen
- Aktionen sind.
TERZ: Wie hat denn die Basis auf deinen Fraktionsausschluss reagiert?
J.H.: Generell mit großer Freude und Erleichterung; partiell mit solidarischen
- aber natürlich subjektiv "ohnmächtigen" - Kondulenzen
im Vorfeld meiner inquisitorischen Verurteilung. Bewusst polemisch und pointiert
formuliert: Es war schon interesseant, welche Ratten sich plötzlich aus
welchen Löchern trauten.
TERZ: Liebäugelst du mit der PDS?
J.K.: No - niente - njet: Wir, Armin und ich, haben erst einmal die Schnauze
voll. Deshalb haben wir bewusst die "ökologische Linke Düsseltal/Flingern"
gegründet. Hinzu kommt, dass die PDS besonders in den Ländern keine
Identifikationsmöglichkeiten bietet, denen ich folgen könnte. In Düsseldorf
halte ich die PDS allerdings für die einzige echte und spürbare Oppositionskraft
zu Erwin.
TERZ: Wie geht's weiter?
J.H.: Auf BV-Ebene bleiben wir als "ökologische Linke" politischer
Ansprechpartner für viele Initiativen. Für die Wahlen im nächsten
Jahr bleiben uns viele Optionen, die von einer unabhängigen Kandidatur
über eine eigene BV-Liste bis hin zu einem stadtweiten "Linken Bündnis"
reichen. Wir werden sehen!
www.terz.org - 30.6.2003