Wir leben trotzdem
Esther
Bejarano - vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin
für den Frieden.
Fast 80 Jahre
ist die Vorsitzende des Auschwitzkomitees, Esther Bejarano, jetzt. Als
18jährige wurde die Deutsche in das Vernichtungslager
Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie musste als Mitglied des
Mädchenorchesters von Auschwitz die Züge mit den ankommenden
Häftlingen “begrüßen” und durchlitt als Nummer 41948
die Schrecken des Todeslagers. “Ich weiß noch, dass ich gedacht
habe, nachdem ich die Nummer eintätowiert bekam: »41947
Menschen waren also schon vor mir hier. Wo sind die bloß
alle«”. Esther Bejarano wurde in das KZ Ravensbrück verlegt,
und ihr gelang 1945 zusammen mit sechs Frauen die Flucht von einem
Todesmarsch.
Im September
1945 wanderte Esther Bejarano nach Palästina aus. “Zwanzig Jahre
war ich nun, vor mir lag ein neues Leben...”. Sie lebte in einem
Kibbuz, aber auch alleine. Ihre Freunde waren Juden, Araber und
britische Soldaten. Wegen ihrer Freundschaften wurde sie von
jüdischen Rechtsradikalen angegriffen: “Ihre Antwort klingt mir
bis heute in den Ohren. Sie sagten: »Hitler hat vergessen, dich
zu vergasen«”:
Esther Bejarano
finanzierte ihr Gesangsstudium mit zahllosen Jobs. Als Mitglied des
jüdischen “Ron-Chor” reiste sie um die halbe Welt und wirkte bei
rund 360 Konzerten mit. Da der Chor jedoch als kommunistisch galt,
wurde sie nicht in die israelische Künstlervermittlungsagentur
aufgenommen. Esther Bejarano jobbte weiter, heiratete 1950 ihren Freund
Nissim und bekam ihre Kinder Edna und Joram. Nissim Bejarano, der sich
1942 als 16jähriger freiwillig als Soldat für den Kampf gegen
den Faschismus gemeldet hatte, wurde 1956 im Sinai-Krieg an die Front
geschickt: “Das war kein Verteidigungskrieg. Das war ein Krieg gegen
die arabische Bevölkerung. Das möchte ich nie wieder
mitmachen, ich werde nie wieder gegen die Araber kämpfen.” Nissim
Bejarano beschloss, aus politischen Gründen Israel zu verlassen -
und weil der völlig abgemagerten Esther das Klima nicht bekam.
Der Entschluss,
in die BRD auszuwandern, fiel Esther Bejarano nicht leicht. Dennoch
siedelte die Familie 1960 ins Land der Täter nach Hamburg um.
Esther Bejarano arbeitete in einer Wäscherei und Nissim Bejarano
baute eine Disco auf. Die Disco wurde jedoch Angriffsziel von Alt- und
Neonazis: “Ganze Nazitruppen kamen da rein und haben Schlägereien
angefangen. Naja, es dauerte natürlich nicht mehr lange, und die
anderen Gäste blieben weg”. Das Leben Esther Bejaranos wurde in
der Folgezeit von der Arbeit in der eigenen Boutique geprägt und
von den musikalischen Erfolgen der Tochter Edna und ihrer Band
“Rattles”. Das änderte sich erst 1978, als die NPD einen Stand vor
der Boutique machte. Esther Bejarano beschwerte sich bei der Polizei
über den Stand und das rüde Vorgehen der Polizei gegen
herbeigeilte antifaschistische Protestdemonstranten. Als die Polizei
drohte, Esther festzunehmen, wurde die Politikerin Esther Bejarano
geboren: “Damit machen Sie mir keine Angst. Ich war in Auschwitz, und
das war schlimmer”. Einen Tag später trat Esther Bejarano in die
VVN-BdA ein.
Esther Bejarano
ist bis heute aktiv. Sie engagiert sich in der Antinazibewegung, in der
Friedensbewegung, in der Band Coincidence und im von ihr
gegründetem Auschwitzkomitee. Am 31. Januar diesen Jahres trotzte
sie auf einer antifaschistischen Demonstration gegen einen
Naziaufmarsch dem Wasserwerfer-Beschuss der Hamburger Polizei. “Ich
frage mich, wie so etwas nach 55 Millionen Toten, die dem deutschen
Faschismus zum Opfer gefallen sind, wie das nach Auschwitz
überhaupt möglich ist. Dann denke ich: Wie wird sich das wohl
weiter entwickeln? Werden meine Kinder und Enkelkinder irgendwann
ähnliches durchmachen müssen wie ich?”
Esther Bejarano
und ihrer Mitautorin Birgit Gärtner ist mit “Wir leben trotzdem”
ein beeindruckendes Buch gelungen. Es vermittelt nicht nur Einblicke in
die Lebensgeschichte von Esther Bejarano und ihrer Familie, sondern
sorgt auch mit Hintergrundinformationen über den deutschen
Faschismus, das Leben der Juden in Deutschland, die faschistische
Vernichtungspolitik, die Entstehung Israels, die Friedensbewegung und
die Neonaziszene für ein besseres Verständnis der damaligen
und heutigen Zeit. Dass die Autorinnen darüber hinaus noch Platz
für Fotos, Liedtexte und Essensrezepte gefunden haben, ist
angesichts der 260 Seiten ein kleines Wunder.
Pahl-Rugenstein
19,90
Euro, 3-89144-353-6
Veranstaltung
mit Esther Bejarano:
Montag,
7, Juli, 20 Uhr
Linkes
Zentrum, Corneliusstr 108
Dienstag,
8. Juli, 19 Uhr
zakk, Fichtenstr. 40
booksHandel
der Gefühle
Es ist trocken
und heiß in Havanna im Frühjahr 1989. Es ist der Anfang
einer schwierigen wirtschaftlichen Periode, ausgelöst durch den
Zusammenbruch der “realsozialistischen Staaten”. Aber auf der sonnigen
Karibikinsel ist schon seit einiger Zeit nicht mehr alles so, wie es
scheint. Kriminalität, Prostitution und Korruption haben sich
eingeschlichen und reichen bis in die höchsten Ebenen von
Verwaltung und Politik. Wacker kämpft der Polizist Mario Conde
gegen die Auswüchse und eckt mit seinen nichts beschönigenden
Aussagen nicht nur bei den Vorgesetzten des öfteren an. Bei der
Untersuchung des Mordes an einer jungen Chemielehrerin seiner
ehemaligen Schule stößt er auch im Bildungswesen auf
Drogenhandel und Betrug. Immer tiefer steigt er in diesen Sumpf
hinunter. Dabei hat er eigentlich ganz andere Dinge im Kopf. Hals
über Kopf hat er sich in Lisette verliebt, die er bei einer
Autopanne kennen lernt. Während er bei seiner Untersuchung der
harte Macho ist, wird er bei Lisette zu einem verliebten Pubertierenden.
“Handel der
Gefühle” ist der zweite Krimi des “Havanna-Quartetts” von Leonardo
Padura. Er benutzt die Kriminalstory um die Veränderungen,
Gegensätze und Brüche der kubanischen Gesellschaft jenseits
von Rum, Strand und Sonne aufzuzeigen. Wie kaum ein anderer kubanischer
Schriftsteller zeigt er schonungslos die Schattenseiten des
“sozialistischen Paradieses” auf. Dennoch läßt er keinen
Zweifel an seiner Sympathie für das Land aufkommen. Er zeigt
Verständnis für die kleinen Gaunereien mit denen sich die
Leute in dieser schwierigen wirtschaftlichen Situation über Wasser
halten, prangert die kriminellen Machenschaften der Eliten jedoch an.
Diese führen zu Entillusionierung engagierter junger Leute, wie
der ermordeten Chemielehrerin, die das korrupte System hinter der
Fassade längst erkannt haben und aufgegeben haben.
Ein klasse
Krimi, der tiefe Einblicke in die Gesellschaft Kubas gibt.
MEIKEL
F
Handel
der Gefühle - Leonardo Padura; Unionsverlag; HC, 255 S., EUR 18,90
bookDie
Kinder von Guernica
Der Spanische
Bürgerkrieg ist lange her und dennoch als eine Tragödie in
der Linken präsent. Zigtausende Menschen aus der ganzen Welt
strömten 1936 nach Spanien um dort gegen die Putschisten zu
kämpfen. Dort wurde am Vorabend des 2. Weltkrieges nicht nur die
Republik verteidigt, der Kampf gegen den Faschismus insgesamt trieb die
Leute nach Spanien. Darunter viele Deutsche, oftmals Schriftsteller,
die von den Nazis ins Exil getrieben wurden und nun ihre Aufgabe
fanden, die einen mit dem Gewehr, die anderen mit dem Stift. Neben
einigen, die später fast nur in der DDR verlegt wurden, waren
darunter aber auch so bekannte Personen wie Anna Seghers, Thomas und
Heinrich Mann, Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler, Augustin Souchy und
nicht zuletzt der spätere Bundeskanzler Willy Brandt. Hier zeigt
sich schon die Spannbreite der unterschiedlichen politischen
Anschauungen, die im Buch vertreten sind. Unterschiedlich sind auch die
schriftstellerischen Stile, die von glorifizierendem Heldenepos,
über gefühlvolle Anteilsnahme bis zu nüchternden
Betrachtungen reichen. Was sie eint, ist ihr Einsatz gegen die
Faschisten. Der Herausgeber Wilfried Schoeller hat versucht, durch
entsprechende Ausschnitte aus den Büchern der AutorInnen der
Chronologie des Krieges zu folgen. Es entstehen ganz unterschiedliche
Eindrücke des Geschehens. Manche Passagen sind so
eindringlich geschrieben, das man mehr in den meist nur noch im
Antiquariat zu erhaltenen Büchern lesen möchte.
MEIKEL F
Die
Kinder von Guernica - Wilfried Schoeller; Aufbau, 304 Seiten für
EUR 8,95
book“Uns treibt
nicht Eroberungslust,
uns beseelt der
unbeugsame Wille,
den Platz zu
bewahren, auf den Gott uns gestellt.”
(Kaiser Wilhelm
am 04.08.1914)
Es ist Mode
geworden vom Ersten Weltkrieg als der “Urkatastrophe des 20.
Jahrhunderts” zu sprechen, ein Spiegel Sonderheft zum Thema ist sogar
so betitelt. Sicherlich ist richtig, dass es ohne diesen Krieg weder in
dieser Form die russische Revolution von 1917 noch die Entstehung von
faschistischen Massenbewegungen bis hin zur NSDAP gegeben hätte.
Es ist also von äußerster Wichtigkeit sich mit diesem Krieg
zu beschäftigen, wenn man den Anspruch hat auch nur ein wenig zu
verstehen, warum die Welt heute so ist, wie sie ist. Zum 90. Jahrestag
des Kriegsaubruchs sind einige neue Bücher zum Thema erschienen.
Ich möchte zusätzlich einige ältere Titel vorstellen,
die ich für besser und wichtiger halte als den Durchschnitt.
Die durch ihre
Arbeiten unter anderem zur Geschichte der frühen Rechtsextremen in
Österreich bekannte Historikerin Brigitte Hamann hat einen
großen Bildband über diesen Krieg veröffentlicht. Die
Texte sind persönlich gehalten, viel wird aus
Kriegstagebüchern zitiert. Wer nichts über den Krieg
weiß und sich informieren will ist hier nur bedingt gut
aufgehoben. So sehr ich Hamanns Arbeiten sonst schätze, erscheint
mir das Buch ein wenig als Schnellschuß zum “Jubiläum”,
welches die Buchhandelsumsätze sicher belebt. Aber in einer
Hinsicht ist es doch sehr empfehlenswert. Der Band ist mit 425 Bildern,
vor allem Unmengen von Propagandamaterial wie Feldpostkarten u.ä.
ausgestattet, die mir vorher weitgehend unbekannt waren. Der Betrug an
der jeweiligen Bevölkerung in einer Zeit, in der man noch nicht so
weit war offiziellen Verlautbarungen aus Prinzip nicht zu glauben wird
immer wieder deutlich gemacht. Die propagandistische Verblendung der
Menschen fand auf allen Seiten statt, die westlichen Alliierten waren
in dieser Disziplin allerdings den Deutschen weit überlegen.
Schön zum Anschauen und zum schnellen Überblick.
Hew Strachan,
ein britischer Historiker, legt eine “neue illustrierte Geschichte des
Ersten Weltkrieges” vor. Wer mehr über die politischen,
ökonomischen und militärischen Hintergründe wissen will
ist hier schon besser aufgehoben. Wirklich neu ist allerdings so viel
nun auch wieder nicht, was verständlich ist, da es zum Beispiel zu
Ereignissen wie der Schlacht bei Verdun 1916 sicher nicht mehr viel
neues zu erforschen gibt. Allerdings gefällt mir an seinem Buch
ein Blickwinkel sehr gut. Dieser Krieg war ein Weltkrieg, weil er auch
in den Kolonien tobte und weil vor allem die Entente sehr viele
Menschen aus an sich unterdrückten Ländern einsetzte. Was
dieser Krieg für Australien, Neuseeland, Kanada und vor allem
Indien bedeutete und wie und warum z.B. Hundertausende Inder gegen die
Deutschen kämpften sind Aspekte, die in älteren Darstellungen
wegen der früheren Eurozentriertheit oft unterschätzt wurden.
Ebenso wird deutlich warum das Osmanische Reich auf Seiten der
Mittelmächte agierte und wie damals schon die Grundlagen für
den heutigen Nahostkonflikt gelegt wurden.
So viel zu neuen
Kriegsdarstellungen. Wer die dichtesten Informationen sucht muss wohl
auf Militärhistoriker wie John Keegan zurückgreifen, wer
lieber eine anrührende Geschichte lesen will, dem sei hier noch
einmal Michael Jürgs “Der kleine Frieden im Großen Krieg”
über die erste Kriegsweihnacht empfohlen. Wer aber
außergewöhnliches über diese Zeit wissen will, dem
seien hier zwei Bücher besonders ans Herz gelegt. Das erste ist
“Tanz über den Gräben” von Modris Eksteins. Hier geht es um
den Krieg und die Geburt der Moderne. Viel kann man lernen über
die Auswirkungen des gigantischen Verbrechens auf Kunst und Literatur,
Eksteins bietet einen ganz außergewöhnlichen und
hyperinteressanten Blick auf diese Zeit.
Ebenfalls
unverzichtbar ist die “Sittengeschichte des ersten Weltkrieges”,
herausgegeben vom berühmten Magnus Hirschfeld zusammen mit Andreas
Gaspar. Dieses Buch ist 1929 erschienen und im Reprint erhältlich.
Hier hat man sich im weitesten Sinne mit der veränderten Moral des
Kriegers und Eroberers beschäftigt. Unmengen von sonst nicht zu
sehenden Dokumenten zur Sexualmoral und Verrohung im Krieg sind hier zu
sehen, das Buch wäre eine ausführliche Reszension an sich
wert. Zusammenfassend sei hier gesagt, dass hier immer wieder zu
spüren ist was der Krieg, und zwar nicht nur der hier behandelte,
sondern generell, aus den Menschen macht. Schrecklich zu sehen, aber
wichtig zu wissen. Das Buch ist meines Erachtens nach eines der
tiefgründigsten was es überhaupt über das Phänomen
Krieg gibt. Hirschfelds Werk wurde ebenso wie die berühmte Arbeit
des Pazifisten Ernst Friedrich der das bis heute schockierende Buch
“Krieg dem Kriege” mit unfassbarem Photomaterial veröffentlichte
und in Berlin ein Antikriegsmuseum führte, von den Nazis verboten.
Autoren, die
Romane über diese Zeit verfasst haben gibt es natürlich
ebenfalls in großer Zahl, die berühmtesten wie Remarque,
Jünger, Renn, Arnold Zweig u.a. kann ich hier nur erwähnen.
Aber es gibt ein Buch, dass im deutschen Sprachraum wenig bekannt ist,
aber das Grauen des Krieges eindringlich beschreibt. Henri Barbusse hat
mit “Das Feuer” vielleicht den besten Roman über den Ersten
Weltkrieg geschrieben. Es ist die Geschichte einer Gruppe von
französischen Soldaten, über ihr Leben, Elend und Sterben an
der Westfront. Aber es hat im Gegensatz zu vielen anderen Büchern
einen optimistischen Ausblick. Barbusse selbst ging diesen Weg. Er zog
1914 in den Krieg um sich schon 1916 als Kommunist und Inernationalist
dagegen zu engagieren. So hinterläst “Das Feuer” den Leser nicht
mit dem Gefühl der völligen Hoffnungslosigkeit.
Wenn diese
ganzen Geschichten irgend einen Sinn abgeben, dann den, die Menschen
dahin zu bringen sich von nichts und niemand mehr in einer solchen Form
gegeneinander aufhetzen zu lassen. Die Lehre kann nur sein Militarismus
und Gewaltverherrlichung, Uniformfetischisten und falsche Friedensengel
überall anzugreifen!
FEHRI
Brigitte
Hamann:
Der
Erste Weltkrieg – Wahrheit und Lüge in Bildern und Texten
München
2004
Hew
Strachan: Der erste Weltkrieg –
Eine
neue illustrierte Geschichte
München
2004
bookIch hab
ein Herz zu verschenken
Bewegender Roman
um Giselas langen Weg ins Glück.
“Jung wie das
Leben, ist die Liebe…” behauptet dies vorzügliche Geschichtchen
und lädt zu Kurzweil ein. Hier wird die wahre Lovestory real
existierender Zeitgenossen in einen Groschenroman auf 60 Seiten
gebannt, unglaublich!
Die Hauptrolle
übernimmt eine Gisela Roth, 21 Jahre alt und trotz Abitur in ihrem
hessischen Heimatdorf Ronshausen verblieben. Sie macht eine Ausbildung
zur Zahnarzthelferin.
Dieter, der
engagierte Soziologiestudent, trifft in der Tanzschule eines guten
Freundes auf die junge Arzthelferin, die dort erste Tanzstunde nimmt.
Und Gisela hatte zuvor mit dem wehrten Cousin um eine Flasche Prosecco
gewettet, dort sicher kein unbekanntes attraktives Gesicht zu treffen,
das ihr Interesse wecken könnte. Doch der junge Soziologiestudent
mit “der tiefen Stimme” verschafft es gleich bei der ersten Begegnung,
der sonst so zurückhaltenden Gisela “das Blut wie eine heiße
Welle ins Gesicht schwappen zu lassen”. Sie kann den Blick nicht mehr
von ihm lassen. “Bisher hatte Gisela nie gedacht, dass sie einen
bestimmten Männertyp hatte. Jetzt wusste sie Bescheid. Ihr Typ
etwas älter als sie, groß und sportlich, mit kurzen blonden
Haaren, blauen Augen und einem offenen Lächeln. Außerdem
hatte ihr Typ einen winzigen Leberfleck unter dem linken
äußeren Augenwinkel.”
Wie solche
Geschichten, nicht nur in schlechten Filmen, sich eben begeben, kommt
es zu einer dramatischen, sogar tragischen Wendung: Dieter erheischt
einen Praktikumplatz beim Ministerium für Entwicklungshilfe in
Burkina Faso und muss von einen Tag auf den anderen abreisen,
allerdings nicht ohne der Herzdame zu versprechen, so oft wie
möglich zu schreiben. Aus den vier Monaten sind dann binnen
weniger Seiten fünf Jahre geworden.
Gisela hat
unterdessen, den Vorstellungen der Mutter entsprechend, einen jungen
Herrn Adrian von und zu Leyen geheiratet. Mit diesem ambitionierten und
erfolgreichen Architekten zieht es sie nach Düsseldorf. Doch
richtig froh wird die sozial aufgestiegene Arzthelferin aus
bescheidenen Verhältnissen mit dem intelligenten,
rücksichtsvollen, strebsamen sowie selbstsicheren Schleimer, der
ihr zuvor mehrmals sündhafte teure Blumen geschickt hatte, nun
doch wieder nicht. Ihr Herzchen ruht und sie langweilt sich. Denn seit
der Geehelichte bis zum Geschäftsführer aufgestiegen ist,
nehmen die gesellschaftlichen Verpflichtung zu. Die Gattin konzentriert
sich mehr und mehr auf die ihr zugedachte Wohltätigkeitsarbeit.
Gleichwohl hatte
sie den Dieter aus der Tanzschule nach fünf Jahren nicht
vergessen! Und wie das Schicksal es will, lebt der engagierte
Soziologiestudent und Entwicklungshelfer inzwischen in Düsseldorf
und findet sich sogar im hiesigen Telefonbuch wieder. Als Gisela
dann, inzwischen von ihrem erfolgreichen Adelsherren getrennt, von
Dieters Vortragsengagement zu Theodor Wiesengrund Adornos 100.
Geburtstag, Notiz nimmt, geht die Geschichte ihren romantischen Gang…
na ja und wenn sie nicht gestorben sind … dann leben sie heut noch!
Problem ist nur,
liebe Terz-Gemeinde, dies hier besprochene Heftchen werdet ihr nur noch
schwerlich im Handel bekommen. Es soll inzwischen vergriffen sein. Doch
wenn ihr Dieter Bott, um den es ihr tatsächlich geht, höflich
bittet, werdet ihr es, selbstverständlich ideologiekritisch
kommentiert, auf seinen häufig extrem chaotisch zusammenkopierten
Handzetteln alsbald nachlesen können ...
MATTES, DER
SOGAR BEI DIETER STUDIERT HAT!
Silvia
Jubiläums-Ausgabe Bastei Band 466 (1,35 Euro)
www.terz.org - 30.6.2004