Die verlorenen Väter
Kunstkino: “Vater und Sohn” von
Alexander Sokurov
Alexander Sokurov ist ein Melancholiker im freudianischen Sinn. Er
verweigert sich der Trauerarbeit und bleibt emotional
unverbrüchlich an das Verlorengegangene gebunden. Als Elegien
bezeichnet der Regisseur seine Filme deshalb. Mit “Russian Arc” stimmte
er ein Klagelied über den dahingeschwundenen Glanz früherer
Epochen an. In seiner neuesten Produktion stemmt sich ein Mann
präventiv gegen einen solchen Verlust und will seinen Sohn mit
aller Macht im Haus halten.
Die Anfangssequenz zeigt Vater und Sohn in inniger Umarmung.
Später folgen unentwegt zärtliche Berührungen, kleine
Rangeleien, sportliche Betätigungen und Kindheitsreminiszenen wie
das Auf-den-Schultern-Tragen. In dieser intensiven Körperlichkeit
- nicht gerade die allgemein übliche Sprache der Vaterliebe -
sahen einige Kritiker auch homoerotische Züge, was Sokurov
allerdings barsch als rein westliche Erfindung kranker Hirne
zurückwies.
Der Vater klammert, um die unvermeidliche Trennung von seinem Sohn
hinauszuzögern. “Ein Sohn weiß immer, wohin er gehen soll”,
wehklagt er einmal, während ihm nach dem Abschied Einsamkeit drohe
- ein vaterloser Vater. Statt von verlorenen Söhnen sollte man
seiner Meinung nach von verlorenen Vätern sprechen. Der Vater des
Freundes vom Sohn ist in dem Film buchstäblich verloren gegangen.
Auch der Nachbarsjunge hat keine familiären Bindungen mehr,
weshalb er bei den beiden um Aufnahme bittet. Damit weitet sich “Vater
und Sohn” zu dem Panorama einer vaterlosen Gesellschaft, die keinen
Halt mehr bietet. Aus dieser Perspektive erscheint dann die momentane
Popularität des Neopatriarchen Putin nur allzu verständlich.
Neben “Koktebel” widmete sich jüngst im russischen Kino auch “The
Return” dem Thema “Vater”. Während dort die Beziehung des
Familien-Oberhauptes zu seinen Kindern jedoch über die Welt
vermittelt war und Vaterliebe hieß, die Sprößlinge mit
brutalen Mitteln realitätstauglich zu machen, schirmt Sokurov
seine Protagonisten von allem Draußen ab und zeichnet ein fast
symbiotisches Verhältnis. Eine Geschichte kann sich daraus kaum
entwickeln. Das Werk ist eine poetische Meditation von fast
aufreizender Langsamkeit, in fahlen Gelb- Grün- und
Brauntönen gehalten und von an- und wieder abschwellender, aber
stets präsenter klassischer Musik umwoben.
In bewusster Abgrenzung zu Eisensteins analytischer Montage mit ihren
Brüchen, Schocks, Thesen und Antithesen nennt der Regisseur sein
homogenisierendes Verfahren, das bei “Russian Arc” zu einem in einer
einzigen Einstellung gedrehten Film führte, “synthetische
Montage”. Dabei handelt es sich allerdings um eine Einheit 2. Ordnung.
Der Ton ist künstlich und asynchron, die Stadtlandschaft aus St.
Petersburg und Lissabon als einer von der Globalisierung noch
weitgehend verschonten Metropole zusammengesetzt. So entwirft Sokurov
ein geschlossen reaktionäres Universum, das glücklicherweise
eher einer hilflosen Beschwörung als einem politischen Programm
gleicht und einem unglücklicherweise aufgrund seiner
künstlerischen Radikalität einigen Respekt
abverlangt.
Muxmäuschenstill
Schon in seiner letzten Rolle hatte der Schauspieler Jan Henrik
Stahlberg einen Heidenspaß daran, andere Menschen
vorzuführen. Während “Science Fiction” ihn aber noch
dramaturgisch zur Räson brachte, kann er sich nun als
Drehbuch-Autor und Hauptdarsteller von “Muxmäuschenstill” voll
ausleben.
Unter der Regie von Marcus Mittermeier spielt Stahlberg den
Ordnungsfanatiker Mux, der die Welt im Chaos versinken sieht und es auf
eigene Faust wieder richten will. Er stellt Schwarzfahrer, Raser,
Päderasten und Graffiti-Sprayer, redet sie anschließend in
Grund und Boden oder erteilt ihnen anderwärtig eine Lektion. Eine
Ladendiebin beispielsweise zwingt er dazu, sich in der Umkleidekabine
eines Kaufhauses vor ihm auszuziehen.
Seinem Assistenten schwärmt Mux daraufhin etwas von der Erotik der
Erniedrigung vor und lässt damit gleich auch die eigentlichen
Beweggründe für seinen Kreuzzug durchscheinen. Der Film
sublimiert diesen sadistischen Trieb aber und präsentiert seinen
Protagonisten als etwas irregeleiteten Kulturkritiker. Die Idee zu
einer solchen Figur hatte Jan Henrik Stahlberg in der U-Bahn, wo ihn
plötzlich die Lust überkam, einen vermeintlich
langzeit-arbeitslosen Bildzeitungsleser als Schwarzfahrer hopszunehmen.
“Natürlich hätte so ein Verhalten etwas Faschistoides - aber
es wäre eine Situation mit einer starken Dramaturgie”, dachte sich
der Schauspieler und begann mit dem Schreiben. Ein bißchen
Faschismus und ein bißchen “Kampf für mehr Solidarität
und Verantwortungsbewußtsein” und fertig war der ambivalente
Charakter. So etwas knallt natürlich mehr als ein Gutmensch, der
moralische Anstalten macht - und geht obendrein auch noch als
Kritik durch. Diese gibt allerdings nur das Alibi dafür ab, mal so
ganz unbeschwert ein Arschloch sein zu dürfen. So hangelt sich
Stahlberg dann auf seinem Ego-Trip von Nummer zu Nummer. Wo das alles
enden sollte, wußte er ebensowenig wie sein Regisseur, weil der
Mux für sie nur eine Folie für Aktionstheater darstellte, und
so entsorgen sie ihn zu guter Letzt auf die denkbar einfachste Weise.
Einige Kritiker sahen in dem Ganzen dann allen Ernstes eine “provokante
Diagnose” über ein in “geistiger Starre” und “emotionalem Phlegma”
verharrendes Land, wo ein ungetrübter Blick überhaupt kein
Land sehen konnte, sondern nur ein wenig Boulevard-Empirie und ganz
viel Jan Henrik Stahlberg, passend-unpassend in der Anti-Ästhetik
der digitalen Video-Technik auf die Leinwand gebracht.
Regie: Marcus Mittermeier; mit Jan
Henrik Stahlberg, Fritz Roth und Wanda Perdelwitz; Bundesrepublik 2003
(X-Verleih); 90 Minuten
ab 8. Juli im Kino
www.terz.org - 30.6.2004