Die Fußball-EM – nichts als Nationalismus
In der Frankfurter Rundschau vom
12.6. kommentiert Jürgen Roth die Fußball-Lektüre von
Klaus Theweleit: “Tor zur Welt – Fußball als
Realitätsmodell”. Man folge Theweleit gerne “in seiner profunden
Ablehnung der zählebigen Auffassung, der Fußball sei eine
Art Transformation oder Simulation des Krieges”, meint Roth, denn im
Fußball bezeuge sich die humane Fähigkeit, der Willkür
durch eine regelgebende soziale Konvention entgegenzutreten und die
Herrschaft zu desavouieren. Einschränkend müsse Theweleit
konstatieren: “ ... trotz eines Schiedsrichters mit nach wie vor
‚wilhelminischen’ oder ‚päpstlichen’ Ansprüchen und
Befugnissen.”
Ein Fußballspiel ist kein
Krieg, und ein Krieg ist auch kein Fußballspiel. Um diese banale
Weisheit kund zu tun, hätte Theweleit kein Buch über 208
Seiten schreiben müssen. Denn die Erklärung bleibt er
schuldig, weshalb die “schönste Nebensache der Welt” nicht ohne
kriegsverdächtige Töne auskommt und umgekehrt der realiter
stattfindende Krieg immer an den Idealen des sportlichen Wettkampfes
gemessen wird. Irgendwie ungerecht findet der im sportlichen Geist
geschulte Verstand doch die “asymmetrischen” Kriege der Gegenwart.
Krieg und Spiel
Normalerweise spielen sie nicht miteinander, die Nationen dieser Welt.
Vielmehr herrscht zwischen ihnen ökonomische Konkurrenz. Und wenn
die mit den üblichen erpresserischen Mitteln nicht zu Gunsten der
beteiligten Länder erledigt werden kann, gibt es bisweilen auch
mal einen handfesten Krieg. Dann schießen unsere Jungs
bekanntlich nicht mehr auf Tore, sondern auf Russen, Franzosen,
Afghanen und Serben.
Konkurrenz bedeutet aber nicht nur, den Konkurrenten auszuschalten,
sondern in friedlichen Zeiten gehörig auszunutzen. Scharf ist man
da auf seine billigen Rohstoffe und Arbeitskräfte, auf bevorzugte
Handelsbeziehungen und auf die Unterstützung durch den
auswärtigen Souverän, wenn es mal darum geht, einen Dritten
zu erledigen.
Wegen des praktischen Interesses an der geschäftsfördernden
Benutzung von Land und Leuten fremder Souveränität, und wegen
der damit unvermeidlichen handfesten Gegensätze, kultivieren die
politischen Herrschaften das komplementäre Ideal der
Völkerfreundschaft. Für die Zelebrierung dieser Heuchelei
haben sie eigens Spielwiesen eingerichtet, auf denen periodisch ein
garantiert friedlicher Wettkampf unbewaffneter Mannschaften simuliert
wird. Ein solches Großereignis, die Fußball-EM, findet
derzeit in Portugal statt.
Kriegsspiele
Bei der EM begegnen sich nicht Menschen, die sich zusammengefunden
haben, um Spiele miteinander auszutragen, sondern nationale
Charaktermasken, die nach dem Strammstehen bei der Nationalhymne ihrer
Pflicht nachkommen müssen, zur Ehre von Volk und Vaterland den
Ball im gegnerischen Tor zu versenken. Der Zuschauer darf sich als
“zwölfter Mann auf dem Platz” einbilden, auch auf seiner Leistung
und seinem Urteilsvermögen beruhe der Erfolg seiner Mannschaft.
Während im wirklichen Leben der gemeine Bürger nach Abgabe
seiner Stimme bei der Wahl jede Unannehmlichkeit, die ihm die Regierung
– demokratisch legitimiert – einbrockt, auszuhalten und zu akzeptieren
hat, darf er auf der Spielwiese des Sports mal als nationaler
Spielführer auftrumpfen. “Heute sind wir alle Rudi”, lautet die
Titelüberschrift des Express vom 15. Juni. Und von Bild mit 55
Argumenten ausgestattet, warum “Holländer die ewigen Verlierer
sind”, durfte die “EM-Schlacht” gegen den “Erzrivale(n)” im Westen
(Frankfurter Rundschau, 16.6.) beginnen. Und wer würde gewinnen?
Die Süddeutsche (15.6.) wusste es genau: “die geschicktesten
Ballistiker”.
Nichts als Nationalismus
Der Sport bezieht seinen Maßstab aus dem Bedürfnis des
Nationalismus, sich in ihm unwiderstehlich darzustellen. Er ist
für alle Beteiligten zu einer Frage der nationalen Ehre geworden,
und jeder hat die Pflicht, sich mit allen Kräften diesem Zweck
unterzuordnen. Mannschaft, Presse und das Publikum bilden eine
verschworene Gemeinschaft, die sich dem nationalen Erfolg verschrieben
hat.
Das olympische Motto “Dabei sein ist alles” hat seine
Daseinsberechtigung verloren. Nicht der Einsatz, nur der Sieg
zählt. Schließlich will kein vernünftiger Nationalist
fruchtlose Anstrengungen, sondern nationale Erfolge genießen. Die
eigene Mannschaft wird auf den Sieg verpflichtet. Und wenn der mal
nicht zustande kommt, müssen Fehler gemacht worden sein. Die
schlauen Fußballkommentatoren wissen diese genau zu benennen und
erzählen nicht nur dem Publikum, wie diese zu beheben sind, so
dass die bundesdeutsche Mannschaft in Zukunft unschlagbar ist.
Aber nicht nur auf dem grünen Rasen wird der Kampf ausgefochten.
Wenn die gegnerischen Parteien des Fußvolks inner- oder
außerhalb des Stadions aufeinander treffen, kann es nicht
ausbleiben, dass die aufgehetzte Meute auch mal handgreiflich wird und
sich gegenseitig den Schädel einschlägt. Schließlich
bestehen die Fans auf ihr Recht auf den Erfolg!
Das habe mit dem Fußball-Sport nichts zu tun, hört man, denn
im Sport gelten ja die Regeln der Fairness. Diese Ideologie gilt schon
nicht in der Kreisliga, auf intenationaler Ebene erst recht nicht. Das
wissen die professionellen Betrachter der Szene ganz genau. Zum
unentschiedenen Ausgang des Spiels Niederlande gegen Deutschland
schreibt der Express am Tag danach: “Ein optimales Ergebnis eigentlich
für einen ruhigen Ausklang ohne Krawall, ohne Schlägereien.”
Nachspiel I
Schützenhilfe aus dem Feindesland Holland bekommt pünktlich
zum großen Spiel die deutsche Fußballseele. Da haben die
Käsköppe doch ungestraft 30 Jahre lang behaupten können,
die Deutschen hätten nur durch einen miesen Trick, einer Schwalbe
von Hölzenbein, die WM 1974 gegen ihre genialen Kicker gewinnen
können. Aber Auke Kok, Journalist und Historiker, stellt klar: “Im
holländischen Team wurde getrunken und geraucht, es gab Partys bis
in die Nacht, Mädchen.” (zitiert nach FR vom 12.6.)
Was die Bild-Zeitung damals schon wusste, hat der Erzrivale nun
zugegeben: Die deutsche Mannschaft hat verdient gewonnen.
Holländischer Schlendrian kann eben nicht gegen die bewährten
deutschen Tugenden “Wille und Einsatz, Team- und Kampfgeist” (FR,
16.6.) bestehen.
Nachspiel II
Nun sind sie draußen, “die Deutschen”, und Günter Netzer,
der vor dem Spiel die Taktik der Tschechen, nur mit Ersatzspielern
aufzulaufen, als Frechheit bezeichnete, war nach dem Spiel ein wenig
kleinlaut. Aber der geniale Stratege und sein kongenialer
Gesprächspartner, Gerhard Delling, wussten den entscheidenden
Knackpunkt zu benennen: Es war die Einwechslung des Abwehrspielers
Ernst im ersten Spiel gegen Holland. Also mussten wir das 1:1
hinnehmen, also waren wir im Spiel gegen Lettland total verklemmt, also
konnten wir den Druck gegen die Tschechen nicht aushalten …
Hätte also Völler nicht Ernst eingewechselt, hätten wir
gegen die Holländer gewonnen, hätten wir den Letten mal
gezeigt, was eine deutsche Harke ist, die Tschechen hätten uns
nicht so hinterrücks wie damals auch den Heydrich erledigen
können. Als ausgesprochene Turniermannschaft hätten wir uns
natürlich unaufhörlich gesteigert, das Viertel-, das
Halbfinale gewonnen und im Endspiel den Endsieg eingefahren.
Nachspiel III
Nach dem Spiel gegen die Tschechen randalierten in Hamburg rund 150
Fußballfans. Sie haben ihre Lektion begriffen: Wir Deutsche haben
ein Recht auf den Sieg! Und wenn wir den weder auf dem Feld der Ehre
noch auf dem Fußballfeld geboten bekommen, dann werden wir halt
selbst aktiv! Das sind die unerwünschten Früchtchen der
Fußballhetze, wobei doch alles – so die offizielle Auskunft – nur
ein Spiel war.
HENRICI