Zahlst du noch, oder
fährst du schon?!
Tasche leer, Schnauze voll ist eine
der beliebten Parolen, die zur Zeit auf Flugblättern gegen
Sozialraub zu lesen ist – und sie kommt der Alltagsrealität vieler
Leute in diesem Land wahrscheinlich am nächsten.
Doch wie die Tasche wieder
aufgefüllt werden kann – da ist guter Rat teuer. Anfang des Jahres
bestand noch der Eindruck, die Massen hätten den Protest für
sich entdeckt, wenn auch zum größten Teil unter der Flagge
des DGB. Trotzdem schien sich die Bevölkerung nicht jeden Agenda
2010- und Hartz IV-Mist gefallen zu lassen. Schade ist nur, dass
bereits bei den 1.Mai-Protesten das Sommerloch begann und die Antwort
auf die gegenwärtige Politik anscheinend doch eher “CDU
wählen” heißt.
Dennoch haben sich in vielen
Städten Menschen aus verschiedenen Initiativen und Gruppen
(Sozialforen, Attac, Antifa u.a.) zusammengesetzt und überlegt, wo
lokale Ansatzpunkte sind, um Proteste gegen den zunehmenden Sozialraub
zu entwickeln. Neben der Gesundheitsreform, prekären
Arbeitsverhältnissen und Hartz IV wurde auch die zunehmende
Einschränkung der Mobilität in der Stadt thematisiert.
Einschränkung deshalb, weil für bestimmte Personengruppen das
Bahn- und Busfahren schlichtweg zu teuer geworden ist.
Daraus entstanden die
“Umsonst”-Kampagnen, mit einem Schwerpunkt auf gemeinsame
Schwarzfahraktionen. Natürlich sind Schwarzfahraktionen und
Kampagnen gegen Fahrpreiserhöhung keine Neuheit, aber niemand will
in diesen Sozialprotesten das Rad neu erfinden. Klar können Leute
individuell schwarzfahren oder auch klauen gehen. Bei gemeinsamen
Aktionen geht es jedoch um mehr, nämlich um die kollektive
Aneignung bestimmter materieller Güter und um eine gemeinsame
Praxis, in der Solidarität erfahrbar wird.
Düsseldorf für lau
Auch in Düsseldorf trifft sich seit ein paar Wochen eine neu
gegründete Initiative mit dem Namen “Tasche leer, Schnauze voll”
und sucht nach Wegen, an die Sozialproteste des Frühjahrs
anzuknüpfen. Für Anfang Juli ist die erste Schwarzfahraktion
in Düsseldorf geplant. Die Rheinbahn hat angekündigt, die
Fahrpreise um 5% anzuheben. Bereits jetzt kostet ein Einzelticket in
Düsseldorf zwischen 1,85 Euro und 3,50 Euro und eine Tageskarte
zwischen 6,70 Euro und 9,80 Euro. Das Geld muss mensch erst mal haben,
um sich in öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B bewegen zu
können. Mittlerweile gehen deshalb auch zahlreiche
SozialhilfeempfängerInnen wegen
“Beförderungsmittelerschleichung” in den Knast – weil sie sich
keine Fahrkarten leisten und natürlich auch nicht die
Strafgebühren bezahlen können. Viele von materieller Armut
betroffene Menschen sind mittlerweile eingeschüchtert von dem
rücksichtslosen Auftreten der Rheinbahnkontrolleure. Sie haben
aber kein Geld für die teuren Rheinbahntickets und suchen deshalb
ihre Ärzte, die Hilfeeinrichtungen oder die Drogenhilfe nicht mehr
auf. Dabei ist Düsseldorf eine reiche Stadt.
Laut Armutsbericht ist Düsseldorf die Stadt in Deutschland, in der
die Unterschiede zwischen Arm und Reich am weitesten auseinander gehen.
Und Geld ist genug da: Geld für Kontrolle und Überwachung (4
Millionen Euro für 40 neue OSD-Mitarbeiter), Geld für eine
völlig unsinnige Videoüberwachung von öffentlichen
Plätzen, Geld für die über hundert neu eingestellten
KontrolleurInnen, die in den Bahnen und Bussen die Fahrgäste
schikanieren sollen.
Für uns wird alles immer teurer, während wir immer
größere Probleme haben, unser Geld zusammen zu kriegen. Und
die Antwort der Regierenden ist das Kaputtmachen der Sozialsysteme und
der Ausbau der “Sicherheits”dienste. “Ihre Sicherheit ist nicht unsere
Sicherheit!” heißt es in dem Aufruf der Initiative. Spannend
wird, ob sich ähnliche Aktionen auch an anderen Orten wiederholen
lassen. Gelegenheit wird sich in Düsseldorf auf jeden Fall bieten,
z.B. beim Anbringen der neuen Videoüberwachung oder wenn
Düsseldorf zur Modellstadt für Hartz IV werden sollte.
Vielleicht wird der Sommer doch noch heiß?
In diesem Sinne:
Zahlst du noch, oder fährst du schon?! –
Schwarzfahraktion am Samstag, den 3. Juli 2004 um 11 Uhr, Oberbilker
Markt. Ein paar Tipps zum Bahnfahren: Niemand hilft uns, wenn wir uns
nicht selber helfen: Wenn ihr euren Fahrschein nicht mehr braucht, gebt
ihn weiter oder legt ihn auf den Fahrkartenautomaten. Wenn ihr Tickets
habt, auf denen ihr Menschen mitnehmen könnt, bietet das anderen
an. Lasst euch Zeit beim Vorzeigen des Fahrscheins. Wenn die
KontrolleurInnen mehr Zeit bei einem Menschen mit gültigem
Fahrschein verbringen, haben sie keine Zeit für Menschen, die sich
keinen Fahrschein leisten können. Und das kann jede/n
treffen! Wenn ihr euch traut und ein Ticket habt, auf dem ihr
noch jemanden mitnehmen könnt, dann “begrüßt” doch
einfach einen Menschen, der kein Ticket hat und gerade kontrolliert
wird: “Ah, da bist du ja ... Ich hab das Ticket für uns beide.”
INITIATIVE “TASCHE LEER, SCHNAUZE VOLL”
www.terz.org -
30.6.2004
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