by
HONKER
MADE MY DAY
Sind
wir denn Pandas oder
was? Die Putzibären haben jetzt erst recht ein Problem: In
mehreren chinesischen
Provinzen blüht derzeit der Bambus. Das passiert zwar nur alle 60
Jahre, aber
dann richtig, denn er stirbt dann sofort ab und wird für die
Bärlis ungenießbar.
Und es dauert 8 bis 10 Jahre, bis er wieder nachgewachsen ist. Das
wirkliche
Problem ist: Die Pandas essen strictly nur Bambus. Und sonst nichts.
Vor 25
Jahren fand man schlagartig die Skelette von ca. 200 Pandas, als die
Blüte
losging. Allerdings haben nur wilde Pandas dieses Problem, die in
Gefangenschaft aufgewachsenen fressen auch Äpfel und Karotten. Wir
können jetzt
natürlich sagen: „Geschieht euch recht, ihr blöden
Evolutionsverlierer!
Vielleicht mal was anderes essen, nicht so zickig sein ... andere Tiere
waren
da ja nicht so heikel. Hier wird halt gegessen was auf den Tisch kommt
... könnt
ja aussterben!“ Vielleicht aber auch: Diese Konsequenz und
Kompromisslosigkeit
ist im wahrsten Sinne des Wortes markerschütternd! Entweder wir
kriegen, was
wir wollen und brauchen, oder wir krepieren halt. Keine
Anbiederei. Vielleicht
sollen wir nur noch Cheeseburger fressen, ja? Ein Sommer braucht gute
Musik,
das war schon immer so und wird auch hier so sein ... denn mal nen
guten!
DJ KOZE
aka ADOLF NOISE:
WO DIE RAMMELWOLLE FLIEGT
(Buback) Ihr
habt ja soviel
Zeit, sonst würdet ihr ja nicht diesen Kram hier lesen ... haben
wir uns
endlich mal wieder satt gelacht beim Musikhören! Lütter
fitter Meisterstreich
vom guun olln Koze, der uns die Ego-Tränen aus der sozialen Fresse
lockt.
Absurdoambient und Weirdoscapes, für die sich das alte
schöne Wort beknackt
wieder lohnt. Wunderbar zum Sommerabhängen. Soviel Zeit.
KONONO NO.1:
LUBUAKU
Totale
Energiespritze: Die
seit 25 Jahren existierende Band aus Kinshasa/Kongo mit ihrer sehr
rauhen und
treibenden Musik, die auf der Tradition der Bazombe, einem Stamm,
der an der
Grenze von Angola und Kongo lebt, basiert. Selbstgebaute Instrumente,
drei
Daumenpianos, zwei Drummer, zwei Shouter, drei Tänzerinnen, Texte
über die
miese soziale Situation – best African Power.
THE HEADCASE
LADZ: GET A
LIFE
(Zebra Traffic)
Die Cheech
und Chong des HipHop mit ihrem dreckig-durchgeknallten Brit-Hop:
zerkratzen
alle Platten, husten in jedes Gesicht, und stolpern voll ins Drumkit.
Unterhält
bestens. Sind ja nicht eure. Dürfte live ZIEMLICH abgehen.
ONE SELF:
CHILDREN OF POSSIBILITY
(Ninja Tune)
Sehr gut
fortgeschrittenes
Projekt von MC BluRum13 aus NY, Yarah Bravo aus Schweden und DJ Vadim
aus den
Tiefen des HipHop-Knowledge. Immer noch baut er Beats wie kein Zweiter,
und
Konzept und Spirit fangen an zu rollen.
THE TAPE VS.
RQM: AUTOREVERSE
(Kitty Yo) Auf
ähnlichem
Level: avancierter internationaler HipHop ohne nervige Selbstreferenz,
mit
ElektroDub-Fusion, klar und warm. RQM rappt rigoros und ohne Pathos
„HipHop is
dead“. If it ain’t conscious, fuck it – like
that.
AGENTS XI:
ALTARIMA (Génie
ou Rien) Der Zweitling der Pariser verbindet Rap mit Klangkonzepten der
Minimalisten und originären Banlieu-Lyrics, die
prähistorischen
Verhaltensweisen in zeitgemäßen sozialen Strukturen
nachspüren. Sehr reduziert
und gelungen.
TRIO EXKLUSIV:
INTERNATIONAL
STANDARDS (Klein) Der seit 1999 umhergehende handmade Disco-Soul des
Wiener
Trios aktuell sehr smart von Pulsinger produziert. Guestvocals von
Terry
Callier und Louie Austen runden die Sache ab: gemütlich
glamouröser Schmutz.
LEROY HANGHOFER:
WHITE TRASH
(Gomma) Das Munich-Duo punktet zunächst mit Underground-Club-Dirt
ohne Promo.
Dann wurde aufgenommen: nachts, nach Parties, befreundete Mädchen
sangen
spontan ein, so die Sage ... egal, es klingt tuffer und geiler als
viele
Elektro-Dance-Scheiben der letzten Zeit. Den Spaß, den das
machte, hört man.
RICHARD DAVIS:
DETAILS
(Kitty Yo) Dem seit Ende der 90er in Berlin lebenden Briten hingegen
gelingt in
seinem Schritt von Track zu Track mehr in Richtung Song eine
prägnante
melancholische Klarheit. SchonWunderSchön. Sowas habter lange
nicht gesehn.
House, ohne nervigen Indie-Gestus, dafür mit lieben Details, und
mehr 80er, als
man meint.
V.A.:
BRAZILUTION (Ministry
of Sound) Kein geringerer als Housemeister Ian Pooley stellte diesmal
die
beiden CDs der Reihe zusammen und kratzte wirkliche Schmucksteine aus
dem Sand:
Auf der gefühlvollen Sol-Side grandios kompilierte Originale von
z.B. Emilio
Santiago, Jog da Vida oder Jorge Ben, auf der tanzbaren Luna-Side
Bossa-Klassiker sowie nachempfundene Vibes aktueller Produzenten,
u.a. Pooley
oder Doctor Rockit.
MATTHEW HERBERT:
PLAT DU
JOUR (Accidental) Wo wir schon bei Herbert sind: Seine
originäre Art,
politisches Bewusstsein mit Humor und Radikalität zu verbinden,
findet in der
Aufarbeitung des universellen Komplexes „Essen“ hier eine
wahnwitzige
Konkretion. Wie klingen Legebatterien, hidden sugars oder
Einschleimmenues für
George Bush? Unter www.platdujour. co.uk sind alle unglaublichen
Details
nachlesbar!
JÉROME
MINIÈRE: CHEZ HERRI
KOPTER (le pop musik) Noch eine ambitioniert-unterhaltsame
Kapitalismuskritik:
Das Konzeptalbum des in Kanada lebenden Franzosen zeigt explizit eine
Welt, die
komplett von Markt und Marketing durchdrungen ist und stilisiert sich
selbst im
Stil von Werbung und Branding als Unternehmen mit Produkt. Mit
Kundenhandbuch,
dass die eigene Marktperson des Kunden zum absurden Gott macht, lauscht
man zu
sehr textlastigem Elektropop, der intelligenten Spaß
bereitet.
MONOLAKE:
POLYGON_CITIES
(Imbalance) Das
10jährige
feiert dieses immer noch rein technoide Ausnahmeprojekt
naturgemäß jenseits
aller Klischees und Automatismen. Monolake entwarf, wie auch hier,
stets eigene
Standards und Welten. Traumwandlerisch sichere Grenzgänge
zwischen Klangdesign
und logischem Impressionismus, die mitunter nur mehr als magisch zu
bezeichnen
sind. Eine Klasse für sich.
AS ONE: ELEGANT
SYSTEMS
(Versatile)
Kirk Degiorgio
ist auch so ein Fall: Fast alles, was er je machte, war von
außerordentlicher
Qualität. Das neue Album überzeugt schlagartig durch die
gefühlte Deepness, die
kein anderer in zeitgemäßer instrumentaler elektronischer
Musik derart lebendig
hinbekommt. Soul, absolut großartig!
KRAFTWERK:
MINIMUM-MAXIMUM
(EMI) Noch mehr auffliegende Respektkisten ... sind Kraftwerk noch
toppbar?
Klaro: 2 CDs voller Greatest Hits Live around the world. Sind sie jetzt
doch
die Stooges? 23 glasklare, mitunter ziemlich aufregende und sehr
überzeugende
Versionen der schönsten Strom-Schunkler. Sogar richtig conscious,
wenn sie
Radioaktivität mit den Namen der größten nuklearen
Katastrophen der Neuzeit
einleiten ...
BRIAN ENO:
ANOTHER DAY ON
EARTH (Hannibal)
Heuer regnets
verdiente
Legenden: Enos Neue überzeugt durch 11 selbstgesungene Songs und
die Fähigkeit,
durch fragile Skizzen Stimmungen auf den Punkt zu bringen. Ein
unspektakuläres
und schönes Album, dessen einfache Tiefe sich mit der Zeit
entfaltet wie die
Blüten von Wüstenkakteen.
ELECTRONIC MUSIC
COMPOSER:
ABANDON MUSIC (Planet Mu)
Auf Planet Mu
geht’s ja
manchmal so zu: quietsch nur fein mit der Acidkiste, und du bekommst
den
Plattendeal. Hier gibt’s allerdings noch schönste
Cut-Up-Chaos-Beats, richtig
geile DancehallVibes und eine kompromisslose Haltung.
JASON FORREST:
LADY FANTASY
EP (Sonig) Erst Sauerkraut-Drone mit David Grubbs, dann lupenreiner
Prog-Breakcore,
catchy LoFiFolkHouse mit Margareth Kammerer am Mikro und am Ende ein
sentimelancholischnormalirrsinniges
Digital-Opus – Forrest hat viel Zeit in Plattenkisten verbracht
und diverse
Keller voll Ideen. Bis zum Herbst also!
FREIBAND / BOCA
RATON: PRODUCT
(Crónica) Hochorigineller Titel und verschenktes Coverartwork,
guten Tag,
kommen sie rein. Musikalisch jedoch hochspannend: Frans de Waard mit 11
luzid
konzentriert-fordernden elektronischen Miniaturen, Martijn Tellinga
umkreist 8
elektroakustische Hörstudien zwischen Narration und Abstraktion.
Quadrophon-
und Klangachsenexperimente vom Earational 2004 –
Kopfhörer anempfohlen!
V.A.:
„-40“ (C0C0S0L1DC1T1)
Ein
großartiges Projekt
zeitgemäßer AudioVideokunst: Die Dokufilm-Instanz des
National Film Board Of
Canada öffnete ihre Archive und ließ frühe 40er Jahre
Propagandafilme durch 10
Audio- und 10 Videokünstler bearbeiten, u.a. Akufen, Deadbeat oder
Venetian
Snares (großartig!). CD, DVD mit 20 Filmen plus superbem Booklet
machen dies zu
einem hochfaszinierenden Erlebnis und zeigen, wie historische
Ästhetik mit
aktuellen Mitteln interpretierbar ist.
THE PEPPERMINTS:
JESÜS
CHRYST
(Paw Tracks)
Schöne Scheiße
auf dem Animal-Collective-Label: der Fuzz-Trash-Rock-Vierer mit hohem
Frauenanteil aus San Diego. Es rumpelt und kracht wie in der
Kinderwiege. John
Peel liebt sie bestimmt, woher auch immer.
STEAMBOAT
SWITZERLAND:
WERTMÜLLER (Grob) Das Schweizer Trio erfindet sich abermals im
Darkroom des
scharlachroten Königs zwischen kopulierender Freiheit und Ordnung
neu und
verteilt dabei im stoischen Schweinsgalopp dialektische
Punktmassagen ohne
Wenn und Aber. Die Kompositionen des Landmannes Wertmüller und die
von Daniel
Lieder rezitierten Gedichte von M. Lentz glänzen durch Komplexion
und Subtilität.
BARRY GUY NEW
ORCHESTRA:
OORT-ENTROPY (Intakt) Die Reduktion von Guys Ensemble auf 10 Köpfe
zeigt immer
größere Wirkung: vor allem die gesponnenen feinen Linien,
die sich aus den
Tutti-Knäuel wieder herauswinden, wirken herrlich in ihrer Dynamik
und Transparenz.
Auch mittels Re-Interpretationen von Guys Trio-Kompositionen webt
dieses
großartige Orchester unglaublich faszinierende Strukturen, in
denen
Künstlichkeit und Natürlichkeit ein Material wird. Ungemein
sanft wie stark.
CHRISTOPH
SPENDEL TRIO:
SHANGHAI
CITY LIGHTS (Blue
Flame)
Der Pianist
Spendel ist
einer der konstantesten hiesigen traditionellen Akustik-Jazzer, urlange
weltweit unterwegs und anerkannt. Diese Trioplatte besticht durch
akzentuiertes
wie seelenvolles Spiel, präsentiert in 11 konzentrierten und
entspannten
Stücken, die nichts Neues erfinden, aber das Alte gut sein lassen.
V.A.:
CALYPSO@DIRTY JIM’S
(Virgin) Bevor die Urgesteine des Calypso wie Mighty Sparrow, Mighty
Terror,
Bomber oder Lord Superior von uns gingen, nahm man sie noch mal in
Port-Au-
Spains schönstem Studio auf, wo die Kulisse des längst
verfallenen legendären
Dirty Jim Club, wo einst alles begann, nachgebaut wurde, anbei zu sehen
auf der
Teaser-DVD für die Musikdoku von Pascale Obole.
PINA: GUESS YOU
GOT IT
(Virgin)
Die Songwriterin
aus Wien,
die schon seit Jahren in Irland lebt, begann von dort aus immer mehr
Musikhörer
zu Fans zu machen. Mit beseelt-rauchigem, charismatischem Gesang,
kraftvoller
Stimmung und opulenten Arrangements gewinnen ihre Blues-, Gospel- und
Soul-beeinflussten
Songs zwischen Optimismus und Melancholie schnell an Fahrt und
hinterlassen
Eindruck.
DAMIEN DEMPSEY:
SHOTS (irl)
Das zweite Album
des
irischen Songschreibers setzt die Klasse seines Debuts eindrucksvoll
fort:
offene Augen, klare Songs über Leute neben dir, Stories über
Kolonisationen,
Umarmungen, Geduld und Parties – cursed with a brain, so Dempsey,
ist diese
Welt nicht einfacher zu ertragen, aber wenigstens erzählbar, so
dass einem der
letzte Pint Optimismus nicht auch noch flöten geht.
Macht’s gut,
ihr Pandas da
draußen … lesen wir uns im Herbst oder seid ihr dann schon
ausgestorben?
www.terz.org - 30.06.2005