TERZ 07/08.08 - STORE : books
Ulrich Sander schreibt über die Exzesse der Nazis zum Ende ihrer Herrschaft. In den letzten Wochen des Krieges wurden teilweise wahllos Leute hingemetzelt, doch größtenteils geschah dies zielgerichtet. So wurden insbesondere NazigegnerInnen Opfer der Exzesse. In den KZs erhöhten sich die Todesraten von Tag zu Tag. Bis kurz vor dem Eintreffen der Alliierten wurden immer mehr Insassen ermordet. Nach dem Versuch der Vernichtung der Gasöfen und anderer Beweise wurden die noch Lebenden auf die sogenannten Todesmärsche quer durch Deutschland getrieben. So starben kurz vor Ende des Nazireichs noch Zehntausende. Erst im Angesicht der alliierten Soldaten ließen die SS-Mannschaften von ihren Opfern ab. Währenddessen wurde Jagd gemacht auf Wehrmachtssoldaten, die immer öfters desertierten. Es wurde dabei nun nicht einmal mehr der Anschein von Rechtsstaatlichkeit gewahrt. Der jeweilige Kommandoführer entschied über Leben und Tod, was fast immer das Erschießen zur Folge hatte. Gezielt wurden auch noch Hunderte von AntifaschistInnen (meist KommunistInnen) hingerichtet. Die rechtliche Handhabe dazu gaben mehrere Erlasse vor allem aus dem Jahr 1945. Die Nazis planten schon für die Zeit nach ihrem Ende, weshalb vor allem die erbittersten Gegner, eben die Kommunisten, ausgemerzt werden sollten.
Ulrich Sander kommt der Verdienst zu, diese letzten Wochen zusammenzufassen und zumindest einen kleinen Eindruck zu vermitteln, was alles in den Städten und Dörfern passierte. Immer noch liegen viele Fakten und Umstände im Dunkeln. Viele Vorfälle sind lokal bekannt, bspw. steht im Ellerforst ein Denkmal für Else Gores, die erschossen wurde, weil sie zwei Deserteuren Unterkunft gewährte
(siehe auch TERZ 04/1995 und 04/2005).
Am Oberbilker Markt steht ein Gedenktafel für den "Halbjuden" Moritz Sommer, der abgetaucht war und zwei Tage vor dem Einmarsch der US-Armee von der "Heeresstreife Hauptmann Kaiser" aufgegriffen und aufgehängt wurde. Gerade über diese Heeresstreife ist noch wenig bekannt.
Sander beschreibt viele dieser Einzelfälle und stellt am Ende die Verbrechen zusammen, die in den letzten Wochen stattfanden. Doch es wird deutlich, dass es noch viele dunkle Flecken zu erforschen gibt. In einer Zusammenfassung versucht Sander das Geschehen insgesamt einzuordnen, doch es zeigt sich, dass der mangelnde Forschungsstand mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt. Ganz hervorragend ist der Kommentar des Historikers Reinhard Opitz, der darüber berichtet, wie sich die Nazis in den letzten Kriegsmonaten auf den nächsten Krieg vorbereiteten, nämlich auf den gegen die Sowjetunion.
Insgesamt ein interessantes Buch, das aber nur ein kleinen Einblick geben kann in die letzten Monate und die letzten Verbrechen der Nazis.
Ulrich Sander:
Mörderisches Finale - NS-Verbrechen bei Kriegsende
Papyrossa Verlag, 92 Seiten für 14,90 Euro