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Überraschend
zeigen sich Vertreter aller Parteien besorgt: Sie warnen vor dem "Rechtsextremismus".
Dagegen sind die vielen Überfälle der letzten Jahre gegen Menschen,
die "anders" aussehen oder leben, bisher von politischer Seite
kaum registriet worden.
Als Ignaz Bubis noch kurz vor seinem Tod vor Antisemitismus und wachsender
Frem-denfeind-lichkeit warnte und deshalb nicht in Deutschland beerdigt
werden wollte, stieß er auf Unverständnis.
Was hat sich geändert? Inzwischen wird befürchtet, dass die
deutsche Wirtschaft Schaden nimmt, der "Standort Deutschland"
im "global business" ist gefährdet.
Fremdenfeindlichkeit in Deutsch-land, - dies erinnert an den Nationalsozialismus.
Solche Rückschau aber wird in Deutschland nur geduldet, wenn sie
zeitgleich einen Schlußstrich vollzieht: Die Vergangenheit war schrecklich,
wir aber haben damit nichts zu schaffen.
Die vielfältigen "Schlußstriche" nach 1945 können
hier nicht aufgezählt werden. Sie reichen aktuell von einer "Entschädigung"
für die überlebenden Zwangsarbeiter mit nicht einmal 10% der
Summe, die eine unabhängige Forscherkommission nur für den ausstehenden
Lohn errechnet hat, bis zur weiterhin legalen Sperrung von Akten aus der
NS-Zeit, wenn sich daraus finanzielle Ansprüche ergeben könnten.
Mit Geld ist eben nicht zu spaßen. Bevor die Geschäfte gestört
werden, muß jetzt gehandelt werden. Denn die Neonazis agieren so
undifferenziert, dass sie zwischen einem indonesischen Computerspezialisten
und einen indonesischen Asylarbeiter nicht zu unterscheiden wissen. Wenn
ein Obdachloser in Ahlbeck/Usedom von Rechten zu Tode gequält wird,
so ist dies kaum eine Meldung wert, wenn dagegen ausländische Wissenschaftler
aus Angst vor fremdenfeindlichen Übergriffen in Frankfurt/Oder nicht
mehr arbeiten wollen, dann berichten die Medien.
Hier sehen die Politiker nun den Aufklärungsbedarf. Präzise
soll, so die Forderung, nach den Kriterien ökonomischer Notwendigkeit
zwischen den Menschen unterschieden werden, die erwünscht sind und
dem "Rest", der abgeschoben wird.
Aussonderung wird zur Bedingung des ökonomischen Erfolgs. Straßen
werden gesäubert von Men-schen, deren Anblick nicht verkaufsfördernd
sein soll, Sozialhilfeempfänger werden zunehmend kontrolliert, und
vor allem wird verlangt, Lebensläufe nach den Profitkriterien der
Unternehmen zu gestalten.
Gegen diese Unsicherheit hilft scheinbar die Identifikation mit einem
fiktiven, größeren Ganzen, mit einer Vergangenheit, in der
die Einzelnen, wenn sie sich opferten, auch wenn sie den Massenmord praktizierten,
als Helden galten. In Deutschland ist dies der Nationalsozialismus. Das
Volkskollektiv funktionierte bis zum letzten Kriegstag. Die "Aufarbeitung"
wurde von den "Siegermächten" verlangt, bis zur Gegenwart
orientieren sich Politik und Wirtschaft in der weiteren Bewältigung
am Ausland. Die Deutschen haben aus sich heraus diese Vergangenheit verdrängt.
Bis heute "weiß niemand etwas davon", dass größte
Teile der Bevölkerung sich am Eigentum der zur Ermordung Freigegebenen
bereichert haben --vom Kaufhauskonzern bis zum Sack Zwiebeln. Die Furcht
vor dieser Erinnerung richtet sich gegen die Opfer und ihre Erben, - das
Potential eines neuen Antisemitismus.
Deshalb kann das "Volkskollektiv" erneut zum Mythos all derer
werden, die sich vor der Ökonomisierung des Alltags fürchten,
gerade dann, wenn sie überaus leistungsbereit sind. Ein solcher Mythos
muß sich nicht gleich mit Hakenkreuzen schmücken. Er tritt
in politischen Verkleidungen auf: "Solidargemeinschaft", "Standort
Deutschland" oder "Friedensordnung", und er muß an
den "Zivilisationsgrenzen" nach Innen und Außen verteidigt
werden.
Gegen ihre Furcht suchen die Menschen sich gerade die "Schuldigen",
die auch von der Politik ausgesondert werden: Alle, von denen sie auch
nur annehmen, dass sie den Zwängen, die sie sich selber antun, nicht
ebenso folgen. Eine solche Vergesellschaftung der Furcht ist politisch
aber nicht mehr zu kontrollieren: deshalb das neue Unbehagen. Als Gegenmittel
werden genau die Mechanismen empfohlen, die wiederum die Leistungskontrolle
verstärken: Verschärfung der Gesetze, allgegenwärtige Video-
und Datenüberwachung, Intensivierung pädagogischer Maßnahmen
in Jugendhilfe und Schule.
Doch hiermit ist eine liberale Gesellschaft nicht zu erreichen. Statt
dessen wird der Teufelskreis zwischen Furcht und Identifikation gegen
die Schwächeren erneut vorangetrieben.
Eine Gesellschaft, die ökonomischen Erfolg zum Kriterium des richtigen
Handelns macht, ist in Deutschland nicht zu haben ohne Fremdenfeindlichkeit.
Dieser Irrweg muß verlassen werden.
Prof. Dr. Wolfgang Dreßen
(Arbeitsstelle Neonazismus an der FH Düsseldorf)
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Das
"bessere" Deutschland? Presseerklärung
der Arbeitsstelle Neonazismus / Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus
und Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf zu den Reaktionen auf den
Anschlag am 27. Juli 2000 in Düsseldorf
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