bookFaschistische Ideologie
Es ist der Verdienst eines kleinen berliner Verlages, eine 26
Jahre alten Aufsatz zur faschistischen Ideologie wieder zugänglich gemacht
zu haben. Der Autor Zeev Sternhell, emeritierter Professor für Geschichte
an der Hebräischen Universität Jerusalem, deutet hierbei den Faschismus
als eine "antimaterialistische Revision des Marxismus", als eine antiintellektuelle
Reaktion auf die Verwerfungen der kapitalistischen Moderne, die Nationalismus
mit der revolutionären Attitüde der Gewalt verknüpft. Äußerst
zum Nachdenken anregend ist hierbei die Quellenanalyse der "rechten Leute
von links", die - wie George Sorel, Henri de Man, Benito Mussolini und
viele andere mit einem anarchosyndikalistischen Hintergrund zu Protagonisten
des Faschismus wurden. In Ablehnung der Kritik der politischen Ökonomie
des Marxismus galt der Sozialismus für sie als "heroische" und
nationale Rebellion gegen den verhassten Liberalismus und das dekadente Bürgertum.
Sternhell siedelt den historischen Ursprung faschistischer Ideologie in Frankreich
des späten 19. Jahrhunderts an. Leute wie Sorel, Maurras und Valois - Letzerer
Begründer der ersten faschistischen Bewegung in Frankreich, der Action
Francaise - waren treibende Kräfte in dem 1911 gegründeten Cercle
Proudhon, einer Vereinigung von Syndikalisten und Nationalisten, die "das
Gesetz des Goldes anstatt des Blutes" als Übel der Moderne beklagten.
Faschismus ist - so wird überzeugend dargelegt - daher mehr als bloße
"Herrschaft der reaktionärsten Kräfte des Finanzkapitals",
wie es von der KomIntern propagiert wurde, sondern als Massenbewegung ausgerichtet
und baut propagandistisch auf einem Erhebungsversprechen unter nationalistischen
Prämissen auf.
Allerdings schießt der Jungle World-Autor Anton Landgraf im Vorwort der
Neuveröffentlichung etwas übers Ziel hinaus, wenn er dort die Linke
dafür geißelt, den Faschismus als besonders reaktionäre Form
der Klassenherrschaft "zu denunzieren". Kritik an linken Verkürzungen
in allen Ehren, aber da findet sich in Sternhells Aufsatz selbst einiges an
Belegen dazu, dass Faschismus dieses auch ist. So in den Worten Primo de Riveras,
"weder rechts noch links" zu sein, "weil grundsätzlich die
Rechte für die Aufrechterhaltung der Wirtschaftordnung steht, selbst einer
ungerechten, während die Linke für den Versuch steht, diese Wirtschaftsstruktur
zu stürzen, selbst wenn diese Subversion die Zerstörung von vielen
Dingen einschließen würde, die erhaltenswert wären... Unsere
Bewegung wird um keinen Preis ihr Schicksal von den versteckten Interessen von
Gruppen abhängig machen, die der oberflächlichen Teilung in links
und rechts unterliegen." Die faschistische Ideologie impliziert beides:
Revolutionsversprechen unter nationalistischen Prämissen und Erhalt der
kapitalistischen Ordnung gegen die kommunistische Weltgesellschaft. "Faschismus
ist das System, durch das die Nation das Kapital für seine eigenen Zwecke
einsetzt", hieß es bei dem britischen Faschisten Oswald Mosley.
Sternhells Aufsatz ist heute immer noch aktuell und besonders für die Linke
erhellend - nicht nur für die Anhänger/innen des Anarchosyndikalismus
eine Pflichtlektüre!
AL C.
Zeev Sternhell: Faschistische Ideologie
Verbrecher-Verlag 2002, 127 S., 12,30 Euro
bookVom deutschen Herbst zum 11. September
Der erste Blick auf den Titel verwirrte. Kann man denn den 11. September mit
der RAF in Verbindung setzen, bzw. Vergleichen? Oliver Tolmein macht dies auf
wirklich interessante Weise. Er setzt sich inhaltlich mit der Politik der RAF
und den Deutungen zum 11. September aus linker Sicht auseinander und sieht dort
Verbindungen. Leider driftet er manchmal ins Moralische ab, wenn er bemerkt,
daß zuwenig von den Opfern die Rede ist. Da Dabei verkennt er, daß
am 11. September eben keine Einkaufszentren getroffen worden, sondern vor allem
Symbole der Herrschaft. Das fordert regelrecht zu Interpretationen auf, mangels
Bekennerschreiben auf. Er deckt den teilweise offenen Antiamerikanismus der
Erklärungen auf, wie sie auch in den Texten der RAF zu finden sind. Dabei
schießt er über das Ziel hinaus und verkennt meines Erachtens die
Bedeutung der einzigen militärischen und wirtschaftlichen Weltmacht, die
momentan die Weltpolitik beeinflußt. Er trifft jedoch genau die wunden
Punkte der Argumentation in der Linken.
Genauestens seziert er die die politische Reaktion der USA und Deutschlands
nach dem 11. September. Tolmein findet keine Anhaltspunkte, daß nach diesem
Datum nichts mehr so sei, wie vorher. Weder seit diesem Tag, noch damals im
deutschen Herbst hat Staatsnotstand geherrscht. Der Staat war duch die Attentate
niemals bedroht. Er agierte wederer panisch noch unüberlegt, sondern nutzte
damals wie heute die Gunst der Stunde. Die schon in den Schubladen liegenden
repressiven Gesetzesverschärfungen wurden in kürzester Zeit durchgezogen.
Seine Beschreibung über den deutschen Herbst, der nun das 25 jährige
Jubiläum
vor sich hat, ist der lesenswerteste Teil. Hier stellt er dar, wie für
ein paar Wochen, die parlamentarische Demokratie ausgesetzt wurde. Ein Vorgehen,
wie es rechtlich nicht vorgesehen war. Der damalige SPD Kanzler setzte sich
über die Verfassung und bildete einen Krisenstab, der aus Regierung und
einigen Oppositionspolitikern bestand und der faktisch das Land leitete. In
diesem Krisenstab wurde auch ernsthaft über die Liquidierung gefangener
RAFlern diskutiert. Einige von ihnen kamen dann auch unter mysteriösen
und bis heute nicht aufgeklärten Umständen im Knast ums Leben.
Ausgewählte Texte der RAF bilden den Schluß des Buches. Sie geben
Einblick in die Ansichten der nun längst aufgelösten Gruppe. Dennoch
sind sie bis heute interessant geblieben.
Insgesamt ein gelungenes Buch, daß sich einerseits inhaltlich mit den
Erklärungen des 11. Septembers auseinandersetzt, andererseits längst
vergessene Geschehnisse wieder an das Licht zerrt und sie in Verbindung bringt.
Wärmstens zu empfehlen.
Oliver Tolmein:
Vom deutschen Herbst zum 11. September
Konkret Verlag, 256 Seiten für 17 Euro
bookIm Zeichen der Fledermaus
Als im Jahr 1989 die Mauer fiel, frohlockten auch die Exil Cubaner in Miami,
daß sich Fidel Castro nicht mehr lange halten würde. Sie begannen
nicht nur mit der Aufteilung der Insel, sondern gründeten eine Exil Regierung,
die dann die Amtsgeschäfte übernehmen sollte. "Wir schrecken
vor nichts und niemandem zurück. Wir wünschen es zwar nicht, aber
wenn Blut fliessen muss, so soll es fliessen." Geschrieben ist dieser Satz
auf dem Briefpapier einer der grüßten exilcubanischen Organisationen.
Im Vorstand sitzen fast lauter Angehörige von Bacardi.
Der kolumbianische Autor Hernando Calvo Ospina hat ein kurzweiliges Buch über
die Geschäfte und Machenschaften eines der größten Alkoholunternehmen
gemacht. Wer immer dachte, Bacardi sei nur ein Rum, der wird sich wundern. Ospina
legt dar, in was für schmutzige Geschäfte Bacardi verwickelt war und
ist. In den letzten Jahren verstärken sie ihren Kampf gegen Cuba. Bei allen
Gesetzen der USA gegen Cuba waren Leute aus der Bacardi Dynastie beteiligt.
Das in den USA auch Gesetze verabschiedet worden, die gegen das Freihandelsabkommen
der Welthandelsorganisation (WTO) verstoßen, kümmert die USA wenig.
Wobei gerade sie pedantisch darauf achten, daß alle anderen Länder
die Abkommen der WTO einhalten. Aber wenn es gegen Cuba geht, ist alles erlaubt.
So verstieß Bacardi auch gegen internationales Markenrecht, als es in
den USA die Marke in Markenpiraterie Havanna Club auf den Markt brachte, die
eigentlich im Besitz von Cuba ist.
Das Buch gibt Einblick in das Geschäftsgebahren eines Konzerns, daß
man kaum glauben mag. Es zeigt, daß es nur selten nur um das Geld geht,
sondern daß es auch um Macht und Politik geht. Ein Buch, bei dem man aus
dem Staunen nicht mehr herauskommt. - Und außerdem schmeckt Havanna Club
eh viel besser als Bacardi.
Hernando Calvo Ospina:
Im Zeichen der Fledermaus
Papyrossa Verlag, 154 Seiten für 12 Euro
bookGeschichte der NSDAP
Der PapyRossa-Verlag hat aktuell die Neuauflage eines Standardwerks über
die NSDAP herausgebracht. Mit geringfügigen Ergänzungen wird damit
eine marxistische Analyse der Nazi-Partei wieder öffentlich zugänglich
gemacht, die erstmals Anfang der Achtziger im damaligen Pahl Rugenstein Verlag
erschien und so etwas wie ein klassissches Beispiel für Ost-Historiographie
darstellte. Die marxistischen Autoren waren beide bis Anfang der Neunziger Professoren
für deutsche Geschichte in Jena und gelten als die profiliertesten Kenner
des NS-Regimes aus der real-sozialistischen Denkschule. Die Neuauflage ist nicht
nur deshalb empfehlenswert, weil hier in flüssig und gut verständlichem
Stil eine wissenschaftlich fundierte und inhaltlich kenntnisreiche Analyse vom
Aufstieg und Fall der Nazis präsentiert wird.
Das Buch ist auch deshalb empfehlenswert, weil es eine komprimierte Gesamtdarstellung
der NSDAP-Geschichte unter Berücksichtigung der Rolle des Kapitals beim
Aufstieg der Nazi-Partei sowie am Weltkrieg bietet - ein Thema, das von der
heutigen Historikerzunft weitestgehend wieder ausgeklammert wird. In einer Zeit,
in der eine Fülle von NS-Biographien und Spezialthemen aus der Nazizeit
publiziert werden, bei der oft der "Blick aufs Ganze" ausbleibt, ist
es erfreulich, hiermit einen komprimierten und zugleich ideologie- und systemkritischen
Einblick bekommen zu können.
Schade, dass es weder Inhaltsverzeichnis noch beispielsweise Zeittafeln ermöglichen,
gezielt nach speziellen Themen und Zeitvorgängen nachzuschlagen. Doch das
tut der Anerkennung der Neuauflage als solidem Grundlagenwerk keinen Abbruch.
Gebunden, mit Fotos und Personenregister versehen und dann auch noch zu einem
solchen Preis - take it!
AL C.
Kurt Pätzold/Manfred Weißbecker: Geschichte der NSDAP
PapyRossa-Verlag 2002, 580 Seiten, 14,95 Euro
bookEdmund Stoiber - Der Kandidat
Bereits seit einigen Wochen ist davon zu lesen: Schröders SPD ganz unten,
Stoiber gewinnt dazu! Hochrechnungen prognostizieren beste Ergebnisse für
den Mann aus Bayern, malen das Schreckensbild eines bayerischen Kanzlers an
die Wand.
Inzwischen geht so was wie Hysterie um. Sogar aus linken Kreisen ist zu hören,
man müsse diesen erzkonservativen steifen Sack unbedingt verhindern; man
müsse nötigenfalls die Sozialdemokraten wählen. Fast eine Volksfrontbewegung
steht ins Haus. Doch was ist dran an diesem Mann?
Diesem nachgehend, haben wir uns ein Buch vom Econ Verlag aus München schicken
lassen:
Michel Stiller:
Edmund Stoiber - Der Kandidat.
Der sonst im Dienste der Süddeutschen Zeitung schreibende Stiller macht
sich an diesem protestantischsten aller bayerischen Katholiken zu schaffen,
indem er die Vorgeschichte der CSU unter Franz Josef Strauß akribisch
darstellt. Viele Seiten lang breitet der Autor die Skandalgeschichte der CSU
vor den Augen des/der geneigten Lesers/Leserin aus. Von der Spiegelaffäre
1962 über die zahlreichen Verbindungen der CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung
mit diversen, nicht nur bundesdeutschen Geheimdiensten, wird fast alles Erwähnenswerte
nachgezeichnet, was man den Christsozialen anhängen kann. Nur bleibt bei
dieser detailreichen Darstellung der CSU-Geschichte ein wenig die Person Stoiber
im Hintergrund.
Man erfährt zwar, dass Stoiber ein "Machtschattengewächs"
[wie sich Stiller in charmantem Witz versucht] vom berüchtigten FJS sei
und sich auch einig mit diesem und seinen Machenschaften zeigte, doch bleibt
das politische Denken des Kandidaten nur schwach beleuchtet.
Ein paar Schmankerl will ich aber doch noch anbringen:
Stoiber hat bei dem berüchtigten Professor Theodor Maunz Jura studiert,
dem furchtbaren Juristen, der noch nach seinem Tode als juristischer Berater
des DVU-Chefs Gerhard Frey ge-outet wurde.
Stoiber hat sich bei seiner Doktorarbeit einem ungewöhnlichen Thema angenommen,
was wohl auch dem Zeitgeist geschuldet war: Inwiefern sind die bei den sog.
68ern attraktiven und aus den USA importierten Protestformen des Sit-Ins, Go-Ins
o.ä. strafrechtlich relevant, also als Hausfriedensbruch zu ahnden? Nach
ausgiebiger Abwägung kam er zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass dem nicht
so sei.
Stoiber hat schon 1980, als Generalsekretär von Franz Josef Strauß,
ausgiebig Erfahrung mit Wahlniederlagen machen dürfen. Der Münchner
Merkur, wahrlich ein erzkonservatives Blatt und jeglicher Feindschaft zur CSU
unverdächtig, nannte den Kandidaten im Zusammenhang mit der misslungenen
Kanzlerwahl Straußens 1980 und dem Strauß'schen Diktum von kritischen
Journalisten als "Ratten und Schmeißfliegen", Edmund Stoiber
als "GröGaZ", den "Größten Generalsekretär
aller Zeiten".
Insgesamt ist das Buch von Michael Stiller keine wirklich erhellende Lektüre
über den Kandidaten Stoiber. Nichts desto trotz fasst es, wenn auch manchmal
etwas detailverliebt, die Parteigeschichte der CSU interessant zusammen. Kann
man lesen, muss man aber nicht!
Gideon
BE AN INTERNATIONALIST!
Die Geschichte des Internationalismus ist eine Geschichte der Zerstrittenheit.
Wenn diese Geschichte jedoch keine Streitkultur zur Folge hat, sondern einen
bisweilen nahezu schon pathologisch wirkenden innerlinken Abgrenzungswahn, wird
es gefährlich für die realgesellschaftliche Durchsetzungskraft emanzipatorischer
Politik und Inhalte. Eine Ideengeschichte des Internationalismus ist auch immer
eine Geschichte von Irrtümern, Neubewertungen und Transformationen. Sie
zu schreiben ist eine ziemliche Aufgabe, und es ist unglaublich, dass es hier
auf nur knapp 170 Seiten, von Vietnam bis Genua, derart kompakt, konzentriert
und zugleich mit den nötigen Impulsen für Gegenwart und Zukunft gelungen
ist. Was also letztendlich herausgekommen ist, ist nichts weniger als eine,
und das muss in dieser dicken Deutlichkeit eben genau so gesagt werden, Pflichtlektüre
für alle InternationalistInnen. Joe Hierlmeier, geboren 1959, ist seit
vielen Jahren im Lateinamerikakomitee Nürnberg und im "BUKO (Bundeskoordination
Internationalismus) Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft" und zusätzlich
als Journalist aktiv. Und er hat nicht nur von Theorien, Ideen und Konzepten,
sondern eben auch von Ökonomie und Geschichte Ahnung und kann das auch
noch präzise und angenehm unabgehoben rüberbringen. "Die offene
und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit halte ich für
wichtig. Wenn es stimmt, dass die Linke in all ihren Strömungen gescheitert
ist, dann müssen die Ursachen für ihr Scheitern deutlich werden. Gerade
wenn man auf eine neue emanzipatorische Bewegung hofft. Das heißt nicht,
dass man die ganze Vergangenheit verwerfen muss. Das Wichtigste an "68"
und vorher an der russischen Revolution war, dass es Menschen gab, die sich
mit den herrschenden Verhältnissen nicht abgefunden haben, sondern auf
einen Neuanfang gesetzt haben", so heisst es im Vorspann. Und Hierlmeier
lässt nichts aus an notwendiger Kritik an unaufgearbeiteten linken Mythen
und Praxen, die in Sackgassen, ins Abseits oder ins Nichts geführt haben.
Linker Antisemitismus ist dabei genauso dran wie Revoluzzer-Machismen und völlig
unangemessene Projektionen (3. Welt-Theorien) oder Messianismen. Wie sagte Mechthild
Schönen doch so schön angesichts ihrer negativen Erfahrungen in den
legendären Nicaragua-Komitees: "Das ist wieder eine Sache, die ich
einfach nicht verstehe: weshalb die deutsche Solidaritätsbewegung so unkritisch
und so undialektisch auf der Suche nach der absoluten Identifikation ist und
nicht damit klarkommt, sich auf Widersprüche einzulassen." 1000 Identitätsdiskurse
und diverse Crashs von Realsozialismen später gibt es leider immer noch
genug selbstgefällige linksradikale Esoterik und totale Bündnisunfähigkeit
und ?wille (man möchte ja immer recht haben, klar) zu beklagen. Abgrenzung
und Distinktionsgewinn is the name of the game of what's left, während
dessen sich die Rechte, wie immer, sauber sammelt. Die rassistische Formierung
des "Herrenvolks von Untertanen", die in den 90ern endgültig
wieder Konjunktur hatte, festigt sich angesichts der aktuellen Ökonomielage
mehr denn je. Zeit für konkret arbeitende ideengeschichtliche Orientierungshilfen,
die angesichts realpolitischer Tatsachen tradiert-lethargisches Wunschdenken
dekonstruieren und Perspektiven aufzeigen, die zur Erneuerung emanzipatorischer
Praxis beitragen. Hierlmeiers Ideengeschichte ist in ihrer kompakten und äußerst
fixen Rückschau bestens geeignet, die heutigen Positionen anders zu bewerten
und die Realien für einen Neuanfang neu zu beurteilen. Konsequenz, aber
auch Humor, Toleranz und Klartext tun not, immer und immer wieder, und das bedeutet
logisch nicht, linke Positionen zu verbiegen. Sicher das. Und ob das hilft?
Muss doch mal weitergehn hier!
HONKER
Josef (Joe) Hierlmeier: Internationalismus. Eine Einführung
in die Ideengeschichte des Internationalismus - von Vietnam bis Genua.
Reihe "theorie.org". Stuttgart 2002, Schmetterling Verlag. 180 S.,
10 Euro, ISBN 3-89657-581-3
bookDie unbequeme Vergangenheit
Die Walserisierung der Republik macht auch nicht Halt vor den Universitäten.
Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Befragung von über 2000
Studierenden an der Universität Essen. Ihnen wurde ein Fragebogen vorgelegt,
der zu bedenkenswerten Resultaten führte: So stimmten z.B. 17% "voll
zu", dass ein Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit gezogen werden sollte,
19% ebenso, dass die Deutschen endlich wieder ein gesundes Nationalbewusstsein
entwickeln sollten. Dieser Ansicht stimmten gar 41% "eher zu". Besonders
verärgert sind die Studierenden, dass Deutschen heute noch Verbrechen der
Nazis vorgeworfen werden: 38% der Befragten stimmten dieser Verärgerung
"eher zu" und 32% "voll". 15,2% hingegen stimmen "eher
zu", dass Juden es ganz gut verstehen, das schlechte Gewissen der Deutschen
auszunutzen, und 4,5% stimmen dem "voll zu".
48% der Befragten haben schon einmal ein ehemaliges Konzentrationslager - meist
in der Schulzeit - besucht, und eine Mehrzahl davon betrachtet einen solchen
Besuch als bedeutsam.
So ist sie wohl, die neue Generation der gebildeten "selbstbewussten Deutschen"
...
Die Neuerscheinung gibt mittels detaillierter Aufschlüsselung und Bewertung
der Befragung einen äußerst deprimierenden Einblick in den hegemonialen
Geisteszustand dieses Landes.
Sie räumt mit dem verharmlosenden Vorurteil auf, antisemitische und geschichtsrevisionistische
Einstellungen seien auf die Masse der Ungebildeten beschränkt. So heißt
es in der Bewertung der Autoren: "Diese Schlussstrich-Mentalität geht
- das ist einer unserer auffallenden Befunde - bei vielen Studierenden mit einer
Weltsicht einher, die deutlich materialistisch-hedonistische Züge trägt,
der Solidarität eher fremd und die Last der Vergangenheit einfach zu unbequem
ist."
AL C.
Klaus Ahlheim / Bardo Heger:
Die unbequeme Vergangenheit. NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeiten
des Erinnerns
Wochenschau Verlag 2002, 158 S., 14,80 Euro
www.terz.org - 26.8.2002