Louis Aragon hat einmal gesagt: "Den Surrealismus kann man heute nur noch verstehen, wenn man ihn im größeren Zusammenhang seiner Zeit sieht."
Es wäre schön gewesen, hätten die MacherInnen der Mammutausstellung
"Surrealismus 1919-1944. Dalí, Max Ernst, Magritte, Miró,
Picasso..." diesen Ausspruch eines der Mitbegründer der surrealistischen
Bewegung in Frankreich beherzigt. In der Tat scheint es schwer vorstellbar,
den Surrealismus ohne seine historischen Begleitumstände verstehen zu wollen,
ohne Dada, ohne den Ersten Weltkrieg und ohne die Bezüge zu anderen Bewegungen,
wie z.B. den französischen Kommunisten. Wie so oft erscheinen die in der
Kunstsammlung gezeigten Arbeiten aus ihrem Zusammenhang gelöst und entfalten
daher nur die Hälfte ihrer Wirkung. Sehenswert sind sie trotzdem.
Über 500 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien und anderes
Material sind in der Ausstellung versammelt. Man sollte also Zeit und Ausdauer
mitbringen, damit sich der happige Eintritt von 5.50 € (ermäßigt!)
auch lohnt, und man nicht nach der Hälfte vollkommen erschlagen kapitulieren
muß. Die Arbeiten Max Ernsts sind ein wenig überrepräsentiert
vertreten, zwischenzeitlich hat man den Eindruck, man sei in einer Ernst-Retrospektive
gelandet, in den hinteren Räumen kommen allerdings auch René Magritte,
Dalí und Miró nicht zu kurz. Erfreulich ist, dass neben den üblichen
Verdächtigen auch Künstler gezeigt werden, die weniger bekannt sind,
wie beispielsweise Fotografien von Körper- und Tierkadaverteilen von Eli
Lotar oder Selbstportraits von Claude Cahun.
Da in der Kunstsammlung selten gekleckert, sondern meistens geklotzt wird, wurde
hier einiges an Highlights aufgefahren, so dass man all die tollen Dalís,
Mirós und Man Rays (leider nur sehr wenige Arbeiten), die man aus dem
Kunstdruck-Kalender kennt, endlich mal im Original bewundern kann. Dalís
"Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine
Sekunde vor dem Aufwachen" beispielsweise, das auch als Plakat- und Anzeigenmotiv
für die Ausstellung dient, ist weitaus kleiner, als man es sich wahrscheinlich
vorstellt, aber nichtsdestotrotz grandios. Auch andere bekannte Werke wie "Impression
d'Afrique" oder "Metamorphose de Narzisse", in denen sich die
dargestellten Landschaften vexierbildmäßig auf zwei Arten lesen lassen
und sich aus Felsen und Bäumen Figuren und Gesichter formen, sind auf jeden
Fall sehenswert.
Von Max Ernst gibt es, wie gesagt, einiges zu sehen. Am meisten angegeben wird
mit einer zweiteiligen Raumgestaltung, die Ernst für das Haus Paul Eluards,
einer der Dichter aus dem Kreis der Surrealisten, angefertigt hat. Eines der
beiden Bilder, die in einem aufwendigen Verfahren von den Wänden abgelöst
und auf Leinwand übertragen wurden (was für ein Unsinn, eigentlich!)
gehört zur ständigen Sammlung der Kunstsammlung NRW. Das andere wurde
eigens aus Teheran ausgeliehen, so dass sie nach dreißig Jahren zum ersten
Mal wieder zusammen gezeigt werden können. Das ist schon klasse, und man
muß sagen: Eluard hat ein sehr hübsches Schlafzimmer gehabt. Außerdem
gibt es eine Menge Collagen und Grattagen. Letztere sind durch ein Verfahren
entstanden, das alle, die als Kind schon mal ein Markstück mit einem Bleistift
durch ein Blatt Papier gerubbelt haben, bestens beherrschen dürften. Das
Ergebnis sieht bei Max Ernst allerdings beeindruckender aus: Die verschiedenen
durchgeriebenen Oberflächenstrukturen werden kombiniert, einzelne Partien
teilweise durch Übermalung hervorgehoben und Figuren, die sich in Holzmaserungen
und Baumrinden entdecken lassen, werden herausgearbeitet, so dass verstörende,
eben surreale Landschaften entstehen.
Eine ebenfalls auf Kindergeburtstagen sehr beliebte Technik, die des "cadavre
exquis", hat ein paar Gemeinschaftswerke hervorgebracht. Hier sind einige
aus der nicht-malenden Fraktion der Surrealisten von Breton, Eluard, Valentin
Hugo, Tristan Tzara u.a. zu sehen: Nacheinander malen alle Beteiligten einen
Teil des Bildes, wobei die bereits entstandenen Teile so weit umgeklappt werden,
dass nur noch die Ränder übrig bleiben und der Nächste die Zeichnung
davon ausgehend fortsetzen muß.
Unglücklicherweise mangelt es an näheren Erläuterungen zum tieferen
Sinn solcher Techniken, ebenso wie zu der der "ecriture automatique",
also des automatischen Schreibens - ging es doch den Surrealisten bei ihren
Experimenten um sehr viel mehr als nur ein Spiel, sondern darum, sich von logischen
Denkstrukturen zu lösen, das Unbewusste sichtbar zu machen, die Realität
des Traums und des Unterbewusstseins als gleichberechtigte neben der von allen
als real akzeptierten Realität zu etablieren. Das revolutionäre Potenzial
surrealistischer Arbeiten erschließt sich somit überhaupt nicht.
Die Auseinandersetzung mit theoretischen Konzepten wird zugunsten des rein ästhetischen
Genusses sträflich vernachlässigt, was bei einer Bewegung, die zu
einem nicht unwesentlichen Teil aus Dichtern und Schriftstellern bestand, ausgesprochen
schade ist. Viele der mit Schock oder Ekel operierenden Arbeiten können
so nur als kurzweiliger Thrill verstanden werden, der die Ausstellung um ein
kleines bisschen Horrorschau bereichern soll, beispielsweise Magrittes "le
Plaisir", das ein Mädchen im Spitzenkragen zeigt, wie es mit entrücktem
Blick einem Singvogel in die Brust beißt. Oder die in Endlosschleife laufende
erste Szene aus Luis Bunuels Film "Un chien andalou" (ein andalusischer
Hund), in welchem Bunuel Gala (Ehefrau von Paul Eluard und spätere Lebensgefährtin
von Salvador Dalí, die gern als Muse der Surrealisten gehandelt wird)
mit einem Rasiermesser das linke Auge zerschneidet. Glücklicherweise wird
"Un chien andalou" im Erdgeschoss in voller Länge gezeigt, und
allein dafür lohnt sich der Besuch der Ausstellung bereits.
Was den Mangel an theoretischem Background anbelangt, ist der Verweis auf den
Katalog für 39,- € wahrscheinlich ein schwacher Trost. Aber wer mehr
von dieser Ausstellung will als ästhetischen Genuß, dem sei Maurice
Nadeaus "Geschichte des Surrealismus" ans Herz gelegt. Das kostet
als Taschenbuch 9,90 € und bietet einen brauchbaren Überblick. Nadeau
wiederum betrachtet die surrealistische Bewegung zwar von einem marxistischen
Standpunkt aus, den hier versammelten Arbeiten wird das aber weitaus mehr gerecht
als die Isolation im Kunstkontext. Noch besser, aber teurer: "Als die Surrealisten
noch recht hatten. Texte und Dokumente" , herausgegeben von Günter
Metken. (By the way: Support your local buchladen! Go to BIBABUZE.)
Außerdem bietet die Kunstsammlung ab dem 16.9. freitags von 16 bis 17.30
kostenlose Führungen durch die Ausstellung an, die jeweils unter einem
anderem Schwerpunkt stehen. Darüber hinaus gibt es in Zusammenarbeit mit
der Black Box im Oktober ein surrealistisches Filmprogramm und ab September
bis in den November hinein eine Vortragsreihe. Die Termine mit den jeweiligen
Themen liegen im Foyer der Kunstsammlung aus.
Ein Ausflug in die "Surréalité" des Traums, des Unterbewussten
und der Irrationalität lohnt sich also, denn um Dostojewskij zu bemühen:
"Ich gebe zu, dass Zwei-mal-zwei-ist-vier etwas Großartiges ist.
Aber wenn wir schon einmal am Rühmen sind, dann muß ich doch sagen,
dass Zwei-mal-zwei-ist fünf sich auch nicht übel ausnimmt."
"Surrealismus 1919-1944. Dali´, Max Ernst, Magritte, Miró,
Picasso..."
Kunstsammlung NRW / K20, Grabbeplatz
7,50 € bzw.
5,50 € ermäßigt
Die Ausstellung läuft noch bis zum 24. November 2002
KRÜMEL
www.terz.org - 26.8.2002