Wahlkampfzeiten waren früher Zeiten, in denen die beteiligten Parteien
ihre jeweiligen Programme vorstellten und ihre KandidatInnen und ihre üblichen
Wahlversprechen groß in Szene setzten. Hach, wie schön war doch die
Zeit, als die CDU mit Parolen wie "Freiheit statt Sozialismus", oder
"Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau" für Schmunzeln
sorgte.
Heute hingegen scheint dieses immer absurder zu werden. Die Parteien verzichten
- gewollt oder ungewollt - auf jede konkrete politische Aussage, auf jedes Versprechen.
Politisch-ideologische Streits, wenn auch nur bei konkreten Politikfeldern,
gehören augenscheinlich der Vergangenheit an. Den großen Entwurf
traut sich niemand mehr zu.
In unserem schönen Deutschland hat es das Wahlvolk sogar zu einer ganz
besonderen Spitzenleistung gebracht. 1998 haben die Bundesdeutschen zum ersten
Mal in ihrer Geschichte die amtierende Regierung ganz von selbst abgewählt.
Bis auf eine Ausnahme, nämlich 1920, als die sozialdemokratische Regierung
unter Stresemann, die sich beim Kapp-Putsch als für die Arbeitermassen
unwählbar erwiesen hat, abgewählt wurde.
Ansonsten sind in der deutschen Parlamentsgeschichte seit 1918 alle Regierungswechsel
von oben vollzogen worden.
Aber was hat denn, wenn die Frage gestattet ist, das berüchtigte rot-grüne
Projekt gebracht?
Fassen wir mal zusammen:
Atomausstieg in 30 Jahren? War ja wohl nix!
Staatsbürgerrecht? Na ja, auf halber Strecke steckengeblieben!
Sozialpolitik? Mindestens genauso verheerend wie CDU/FDP!
Außenpolitik? Davon möcht' ich gar nicht erst anfangen
Deswegen
nur dies: Hier hat Rot-Grün eine ähnliche Funktion übernommen,
wie seinerzeit die SPD mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten vor dem 1.Weltkrieg,
die nötig war, um die Massen in den nationalen Taumel zu schicken, die
dies ohne Frage von ganzem Herzen mitmachten. Diesen Job übernehmen die
Grünen nun in bester Tradition und höchster Planerfüllung, und,
anders als der Kaiser bzw. der Führer, haben sie diesen Krieg auch noch
gewonnen.
Nun, könnte man ja was anderes, was irgendwie links daher kommt, wählen?
Doch was haben wir da außer der PDS, DKP oder sogar der MLPD? Die beiden
Letztgenannten haben ohne Frage einen gewissen absurden Charme; erstere gelten
in mancherlei Augen als Links und haben auch noch ein paar kluge Köpfe
in ihren Reihen, die gelegentlich sogar brauchbare Arbeit im Bundestag leisten.
Das war es dann aber auch schon! Auf der anderen Seite zeigen sich auch eine
ganze Menge schäbige Gestalten in und bei der PDS. Die ganzen Ostalgiker
und Realpolitiker à la Brie und Konsorten.
Doch vielleicht wäre es nicht das Falscheste, sich zuvordererst Gedanken
zu machen, wohin die Reise gehen soll, und sich nicht nur stets auf die Bewahrung
des kleineren Übels zu fixieren. In diesem Sinne: Ihr habt eh' keine Wahl!
Zum Abschluss werde ich hier keine Empfehlung abgeben. Durchgeschimmert dürfte
allerdings sein, dass m.E. vieles dafür spricht, an einem der möglicherweise
letzten milden Sonntage alles besser sein könnte, als sich an diesem erbärmlichen
Spiel zu beteiligen: Lange schlafen, genüsslich frühstücken,
sich die Süße oder den Süßen schnappen und einen schönen
Tag verbringen, dürfte allemal mehr Freude bereiten.
Abends aber geht's ins Linke Zentrum [Hinterhof] auf der Corneliusstrasse 108,
um sich das Trauerspiel dann mit anderen ebenso entspannten Menschen bei einem
kühlen Bierchen oder zwei im Fernsehen anzuschauen.
Gideon
www.terz.org - 26.8.2002