Wie die Mehrheit meiner anti-autoritären Frankfurter SDS-GenossInnen teilte
ich sämtliche Vorbehalte gegen Adorno. weil er unsere politischen Manifeste
nicht unterschrieb und unsere Aktionen nicht unterstützte, galt er als
elitär-bürgerlich und resignativ.
Er war ein antiautoritärer Marxist und orthodoxer Freudianer: "Freud
hatte recht, wo er unrecht hatte." Adorno war gegen alles, gegen jede Form
von Herrschaft, soweit sie nach dem Stand der Produktivkräfte nicht mehr
notwendig ist. Niemand braucht weltweit mehr zu hungern oder zu frieren, wenn
das Interesse an Profit und Verwaltung, Leistung und Warenfetisch nicht länger
mehr dominiert. Bei sinnvoller Organisation der Gesellschaft läßt
sich die notwendige Arbeit ohne Einbuße des guten Lebens auf die Hälfte
reduzieren. Mit Herbert Marcuse ist er sich einig, daß dagegen mächtige
Kapitalinteressen stehen, aber auch die eingespielten Bedürfnisse der von
diesen Abhängigen. Ihren Verblendungszusammenhang aufzulösen, darauf
zielen Adornos Hauptwerke: "Negative Dialektik", "minima moralia",
"Dialektik der Aufklärung".
Adorno ist weder schwer noch unverständlich, wenn man seine zahlreichen
Reden und Aufsätze zur Kenntnis nimmt, seine Polemiken und "Kritik.
kleine Schriften zur Gesellschaft", "Eingriffe", "Stichworte",
diese Taschenbücher sind preiswert in der Edition Suhrkamp erschienen.
Wegen seiner Erfahrungen im fortgeschrittenen Kapitalismus, im us-amerikanischen
Exil, sind seine Analysen verblüffend aktuell - oder anregend und anstößig:
"Prismen", "Noten zur Literatur" (siehe das wunderschöne
Schaufenster von BiBaBuZe - Aachenstr. 1).
Daß sie praktisch relevant sind, zeigen auch meine eigenen Versuche zur
Sportifizierung der Gesellschaft, die DEN FAN (egal von was) als den erwünschten
Staatsbürger von heute bestimmen: und DIE ARENA als Symbol der Gegenwart.
Mit-laufen, mit-fiebern, mit-jubeln, mit-gestalten, mit-regieren. dabei-sein-ist-alles.
Möglichst geschlossen und vereint hinter dem Führungspersonal und
ihren Leitwölfen. "corporate identity" auf dem Platz und auf
den Rängen, im Betrieb und auf dem Parteitag. im Konkurrenzkampf um Standort
und Tabellenplatz liefert der Sport die passenden Modelle, Bilder und Stichworte.
Ohne Adornos kritische Theorie hätte ich diese Sätze nicht formulieren
können.
Am Donnerstag, 11. September 03 wäre Adorno 100 Jahre alt geworden. Franz
Beckenbauer wird am gleichen Tag 58. Wem das nicht ausreicht zu einem Besuch
in meiner Wohnung, der sei auf die twin-towers und den Putsch in Chile verwiesen,
der sich dann zum 30. Mal jährt. Seine letzten sechs Jahre bis 1969 habe
ich Adorno in Vorlesungen und Seminaren erlebt. Davon möchte ich berichten.
ab 19 uhr 30. Telefonische Anmeldung genügt:
0211 / 6803706
www.terz.org - 26.8.2003