Der "Patriotische Freundeskreis Eller/Lierenfeld"
Diejenigen, die hinter dem "Freundeskreis" stecken, dürften keine
Unbekannten sein, sondern aus dem Kreis der "Kameradschaft Düsseldorf"
und der Bands "Eskil" und "Reichswehr" stammen. Das auf
dem Flugblatt angegebene Postfach im Postamt an der Flingeraner Lindenstraße
ist seit Jahren als Postfachadresse des neonazistischen "Nationalen Infotelefon
Rheinland" (NIT Rheinland) bekannt. Dieses ist ein Projekt der "Kameradschaft
Düsseldorf", das via Anrufbeantworter seit 1994 über Szene-News
informiert, in den letzten Jahren aber wegen der Verbreitung des Internets immer
mehr an Bedeutung verloren hat und zur Zeit gar nicht mehr aktualisiert wird.
Zwei der damaligen Betreiber, Sven Skoda und Jörg Wagner, lebten früher
einige Steinwürfe vom Postamt Lindenstraße entfernt an der Birken-
bzw. Dorotheenstraße. Der letzte bekannte Betreiber des "NIT Rheinlands"
ist der neonazistische Aktivist Marco Schirmer, der eigenen Angaben vor Gericht
zufolge zwischenzeitlich nicht mehr für den NIT-Betrieb zuständig
sein will. Und eben dieser Schirmer ist vor zirka zwei Jahren von Düsseldorf-Derendorf
nach Lierenfeld gezogen, pflegt gute Kontakte zu Dennis Ansgar Seegers von "Eskil"
und ist auch mit den "Barking Dogs"- und "Reichswehr"-Frontmännern
bekannt. Schirmer und Seegers sind in den letzten Jahren immer mal wieder zusammen
bei neonazistischen Demonstrationen gesichtet worden. Offensichtlich wurde das
Postfach des NIT als geeigneter angesehen als das von von "Eskil"
im Postamt an der Elleraner Gumbertsraße. Schirmer war ebenso wie Seegers
und Reichswehr-Frontmann Dennis Wichrowski auch persönlich zugegen, als
sich am 3. Juli eine ca. 15- bis 20-köpfige Neonazi-Gruppe unmittelbar
an der Route der antifaschistischen Demonstration in einer Kneipe am Gatherweg/Ecke
Reisholzerstraße verschanzt hatte. Wie auch immer ihr größenwahnsinniger
Plan ausgesehen haben mag, er ging nicht auf: Noch bevor AntifaschistInnen einschreiten
mussten, wurde die aus der Kneipe drängende Gruppe von Polizeikräften
mit Schlagstockeinsatz zurückgetrieben, als die Demonstration vorbeizog.
"Schwätzer" und "Politkomposthaufen"
Die "Barking Dogs"-Crew hingegen hielt sich von Anfang an von diesem
Teil der Truppe fern und mobilisierte aus ihren eigenen "Road crew"-Reihen
und ihrem befreundeten Umfeld eigenständig einen martialischen Schutz der
Wohnung ihres Frontmannes Ingo Wolff, der 200 Meter von der Kneipe entfernt
wohnt. Was nicht überall auf Verständnis stieß: "Schon
'nen Tisch im Paulaner' reserviert? Na an der Front sieht man Schwätzer
wie Dich ja nie!" pöbelte "Kameradschaftsmitglied" Udo Birr,
NIT-Rheinland-Betreiber von 1994 bis 1997, nächtens im Gästebuch (GB)
der "Barking Dogs"-Homepage. Um zehn Stunden später sein schändliches
Tun wieder zu bereuen: "Der vorangegangene Eintrag von mir ist ein 2 Promille
Ergebnis, da kocht bei mir immer ein wenig das Blut! [...] Habe zwischenzeitlich
nochmals Mailverkehr mit Ingo gehabt, und bitte nun hiermit alle GB-Besucher
auf Einträge zu dem leidlichen Thema Demo' zu verzichten!!!"
Einige Tage zuvor hatte bereits ein unter "braune musik fraktion eller
aus eller mitte" auftretender "Kamerad" angemerkt: "hoffentlich
versucht die band nicht weiterhin das label unpolitisch' zu nutzen.. wenn
man so von den ****** angegriffen wird muss man zurueck schlagen ..alles andere
waere feige." Die Antwort von Ingo Wolff kam prompt: Er lasse sich "nicht
von irgendwelchen Wixern vor einen Karren spannen, [...] Ich gebe einen Dreck
auf eure Möchtegern Politik, denn wie es in Deutschland aussieht, das weiss
ich selber und muss es mir nicht immer wieder von Neuem von irgendwelchen superschlauen'
Politkomposthaufen auf mein Butterbrot schmieren lassen. [...] Unsere Musik
trifft ganz klare Aussagen."
Fazit
Letztendlich zeigen Plakate, Flugblätter, Gästebucheinträge und
der eventuell geplante Angriffsversuch während der Demo zwar, dass die
alles andere als homogene Szene einen gewissen Aktivitätsgrad in Eller
und Lierenfeld an den Tag legt, eben das war aber neben ihrem RechtsRock-Treiben
schon vorher bekannt, sonst hätten antifaschistische Gruppen keine Demonstration
im Stadtbezirk durchzuführen brauchen. Nichts Neues also in Eller-City
und erst recht kein Anlass zu Betroffenheit und Aufregung, schon gar nicht wegen
eines nicht einmal sonderlich kreativen Flugblattes. Es gilt in Eller und Lierenfeld,
nach der erfolgreichen Demonstration und Öffentlichkeitsarbeit am Ball
zu bleiben und den neonazistischen AkteurInnen im Stadtbezirk weiterhin kontinuierlich
etwas entgegenzusetzen.
Ihren diesjährigen Landeskongress führte die Jugendorganisation der nordrhein-westfälischen NPD, die "Jungen Nationaldemokraten NRW" (JN-NRW), am 2. August in einer Gaststätte in Oberhausen-Sterkrade durch. Anschließend sollte sich hieran ein "Großer Kameradschaftsabend" mit dem Partei-Liedermacher Frank Körner und der Band "Aaskereia" anschließen, für den die JN schon Monate zuvor auf ihrer Homepage geworben hatte und mit dem sie ihr politisches und kulturelles Umfeld ansprechen wollte. Aber daraus wurde nichts.
Als Organisatoren beider Veranstaltungen traten der JN-Landesvorsitzende Nico Wedding aus Duisburg, der JN-Bundes- und Landessprecher Oliver Westerwinter aus Bottrop sowie der Velberter Thorsten Bagehorn in Erscheinung. Alle drei gehören einem kleinen Kreis nordrhein-westfälischer "Junger Nationaldemokraten" an, die versuchen, den maroden Landesverband wieder aufzubauen. Dieser hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung verloren - wegen interner Streitigkeiten, die 1999 mit dem Austritt wichtiger Funktionsträger und diverser Mitglieder endeten, und wegen der Inhaftierung des damaligen Landesvorsitzenden Thorsten Crämer aus Schwelm und seines Stellvertreters und Landesorganisationsleiters Nico Wedding im Sommer 2000. Nach Weddings Rückkehr und der folgenden Entthronung des Bochumers Claus Cremer, der sich zwischenzeitlich an die Spitze des Landesverbandes gesetzt hatte, verblieben nach Angaben des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes Anfang 2003 gerade einmal 30 Mitglieder. Seit zirka einem Jahr versucht dieser Kreis wieder, Aktivitäten zu entfalten. Schwerpunkt ist das westliche Ruhrgebiet, insbesondere Duisburg, Bottrop und Gladbeck, wo es Stützpunkte bzw. Ortsgruppen gibt. Hier versucht man sich seit einiger Zeit an Flugbatt-Verteilaktionen, Pressemitteilungen, Veranstaltungen und öffentlichen Infoständen. Ihre wichtigste Ortsgruppe dürfte die in Duisburg sein, wo sich nach dem Zusammenbruch der ehemaligen JN Duisburg (siehe TERZ 5/2001) eine neue Gruppe gebildet hat, die nicht nur eng auf NPD-Kurs ist, sondern auch mit den "Freien Kameradschaften" kooperiert. Einzelne Aktivitäten sind auch in Velbert festzustellen, wo im Stadtteil Birth mit dem 30-jährigen Thorsten Bagehorn einer der beiden Stellvertreter Weddings lebt. Erst vor wenigen Monaten fand in einer Velberter Gaststätte ein Liederabend mit "Aaskereia" statt, bei der die Band vor angeblich gut besuchtem Hause Balladen und Gedichte vortragen durfte. Kopf von "Aaskereia" ist übrigens der andere Stellvertreter Weddings, Oliver Westerwinter.
Kongress mit lediglich
15-20 Anwesenden
An dem Landeskongress in Oberhausen nahmen letztendlich AugenzeugInnen zufolge
nicht mehr als 15 bis 20 Personen teil. Schon mitgezählt sind dabei Mitglieder
des NPD-Landesvorstands wie der Privatdetektiv Manfred Gutsche aus dem ostwestfälischen
Minden und ebenso die von fern angereiste Partei-Prominenz wie das rheinland-pfälzische
NPD-Bundesvorstandsmitglied Martin Laus und der JN-Bundesvorsitzende Stefan
Rochow. Rechnet man die Landesvorstandsmitglieder der JN-NRW, Wedding, Westerwinter,
Bagehorn und die Landesvorstandsbeisitzer Riccardo Fais aus Duisburg und Andrè
Schossow aus Wickede sowie den Bottroper Ortsgruppenführer Timo Witt ebenfalls
ab, so dürften nicht mehr als fünf bis zehn einfache Mitglieder und
MitgliedsanwärterInnen vor Ort gewesen sein. Die Gruppe um Claus Cremer
ließ sich erst gar nicht blicken, soll die JN zwischenzeitlich sogar verlassen
haben. Beim vorletzten JN-Landeskongress am 22. Juni 2002 in Duisburg waren
Cremer und sein damaliger Landesschatzmeister Sascha Kiy aus Bochum wegen "schwebender
Finanzfragen" bei der Verabschiedung des alten Landesvorstandes nicht einmal
entlastet worden. Cremer ist aber nach wie vor Mitglied des NPD-Landesvorstandes
und fehlt auf kaum einer neonazistischen Demonstration in NRW als Redner.
"Kameradschaftsabend"
fiel ins Wasser
Als es dann zum "Großen Kameradschaftsabend" voller werden sollte,
kamen zwar 120 Personen, zum Leidwesen der JN trugen diese aber die falschen
Fahnen. AntifaschistInnen waren am frühen Abend und noch vor dem eigentlichen
Beginn des Events spontan zu der Gaststätte gezogen. Sie wurden zwar von
starken Polizeikräften in Rufweite vor ihrem Ziel gestoppt, der "Große
Kameradschaftsabend" fand aber dennoch nicht statt. Ein Großteil
der bis dahin anwesenden 30 Gäste verließ den Ort des Geschehens
fluchtartig. Am Wirt der Gaststätte "van Heeck", die auch als
Wahllokal der Stadt Oberhausen geführt wird, wird dieser Abbruch wohl kaum
gelegen haben. Wie die antifaschistische Zeitung "LOTTA" in ihrer
aktuellen Ausgabe berichtet, war sich dieser durchaus über den Charakter
der Veranstaltung bewusst: "Ich habe zu tun, hier findet gerade ein Kameradschaftsabend
statt", soll er VertreterInnen der Presse mitgeteilt haben. Jedenfalls
war er besser informiert als die Polizei. Man habe "Erkenntnisse gehabt,
das sich in der Kneipe Anhänger der rechten Szene' privat getroffen
haben", schreibt die NRZ Oberhausen zwei Tage später nach einer Presseanfrage
bei Polizeihauptkommissar Ingo Walter.
In der JN-NRW-Pressemitteilung vom 3. August sparte Oliver Westerwinter die
abendliche Schmach komplett aus, zeitgleich verschwand ungewöhnlich flott
die Ankündigung des Events von der "Heimatseite", ebenfalls das
mit Hilfe eines "akrobatischen Lesers" (gemeint ist das Programm "Acobate
Reader") les- und ausdruckbare Anmeldeformular.
Wahrnehmungsstörungen
und Ausblick
Der Landeskongress jedoch wird von der JN-NRW erwartungsgemäß abgefeiert:
Es habe sich gezeigt, dass "sich die JN-NRW im politischen Aufschwung befindet".
"Nachhaltigkeit und politischer Kompetenzzuwachs haben unbedingten Vorrang
vor einem Hau-Ruck-Aufbau", so Wedding. Als "politischen Höhepunkt"
habe man "ein bildungspolitisches Manifest" verabschiedet. Ob ein
solches "Manifest" den nordrhein-westfälischem Ableger der "national-revolutionären
Speerspitze der Nationaldemokratischen Partei", so Rochow, "in einer
revolutionären Zeit" weiterbringen wird, erscheint sehr fraglich.
Ob es der JN-NRW gelingt, in Zukunft wieder mehr Mitglieder und AktivistInnen
zu gewinnen, bleibt abzuwarten. Oder auch nicht: Dafür zu sorgen, dass
sie in NRW nicht wieder auf die Beine kommt, sollte in nächster Zeit wieder
verstärkt auf antifaschistischen Tagesordnungen stehen. Ein erster Schritt
in diese Richtung ist am 2. August bereits getan worden.
www.terz.org - 26.8.2003