Falls ihr es aus den Augäpfeln verloren haben solltet: bei der Herstellung
von CDs fallen, wie bei jedem Industrieprodukt, jede Menge Schadstoffe an. Damit
die hochgiftigen Karbondioxide jetzt per Mutti Natur besser neutralisiert werden
können, übernahmen diverse Bands Patenschaften für neue Wälder
(www.futureforests.com). Initiator dieses Projekts war übrigens Joe "Uns-Rebel-Rocker"
Strummer, und angesichts dieser Meldung dachte ich sofort nur, dass jetzt vor
allem endlich mal Schluss sein muss mit dieser ganzen musikalischen Umweltverschmutzung!
Also, Bands und Projekte dieser Welt, hört die Signale der rauschenden
Wälder, stoppt sofort eure grottige Musik und übernehmt Patenschaften
für Knallerbsensträuche oder mein Büdchen an der Ecke. Im Folgenden
einige Tönchen, die gut genug sind, ohne Ohrschutzmaske gehört zu
werden - oft unter Lebensgefahr und mit Lebensgefährten selbst getestet...
9LAZY9: SWEET JONES (Ninja Tune)
So lässt sich wieder an Italien glauben. Abseits von Berlusconi, Lega Nord
und diversen anderen Volksempfängern kommt diese jazzfressende Entspannungscombo,
seit über 10 Jahren in Rom aktiv, um deine begrenzte Ecke und wickelt dich
mit Rotwein-Rare-Grooves ein wie Pasta um die Gabel.
V.A.: THE ECLECTIC SOUND OF VIENNA 3 (Klein)
In Austria sieht's politisch nicht unbedingt besser aus, daher mummelt man sich
in Wiener Kaffäähauslounges gerne mal in Dopenebel ein und gibt sich
Sacher-Masoch-mässig tiefergelegten Schlägen hin. Die von Klein-Records
erstellten Maßnahmen jedoch geben auch Energiestöße über
die braune Nacht hinaus ab.
JAGA JAZZIST: THE STIX (Ninja Tune)
Wie steht's in Norwegen? Noch mehr flirrend-fliessende Jazz-Vibes, einzigartig
orchestriert und mit superintelligenter Seele programmiert. Grosses Programm,
das sich nie in Technikspielereien verliert. Und Humor, Leute, das macht Spass!
V.A.: THE SOUL OF DISCO (Ministry of Sound)
Alles, was damals viel zu funky, groovy und vor allem zu lang für die Saturday-Night-Fever-Pimpfe
war: 13 Perlen der 70er und frühen 80er, Linernotes von Hans "The
Don" Nieswandt...yes, hier stimmt eigentlich so ziemlich alles.
PREFUSE 73: EXTINGUISHED: OUTTAKES (Warp)
Und Rummstata
Leute: hört endlich Scott Herren zu...die dichtesten
und abstraktesten Betabeats der Welt, denen ihr Konzept selbst scheißegal
sind...stehen 1fach auf und rennen weg...sieh dich um...stehen hinter dir...aber
dieser lebendige HipHop ist nicht genmutiert, sondern eine neue Klasse für
sich.
REQ: CAR PAINT SCHEME (Warp)
Req aus Brighton, auch so ein Frankenstein-Beatbastler, zieht seinen HipHop-Mönsterchen
dagegen komische Kleider an oder ihnen gar das Fleisch von den Knochen. Um die
klappernden Gerüste lässt sich dann staunend Hirnschaukeln.
POLE: POLE (Mute)
Auch hier wird gerne HipHop gegessen: Herr Betke aus Berlin baut Fat Jon maßgeblich
in sein Dub-versessenes Beatbewusstsein ein, so wird das Ganze treibender, präziser
und straigher...und doch knisterts in der Maschine. Gutgut.
AESOP ROCK: BAZOOKA TOOTH (DefJux)
Die originale volle Ladung dann hier: der scharfzüngiste und kompromissloseste
HipHop schraubt sich via NY wie ein fliegendes Auge durch die Strassen, zieht
die Details ein und bringt die Dinge umgehend auf den Punkt. HipHop tritt derzeit
dermaßen auf der Stelle, aber hier geht das nun definitiv mal weiter.
BEGINNER: Blast Action Heroes (Buback)
Deutschsprachiger HipHop stinkt schon länger: Sozialstaatsverdrängungs-Battle-Raps
für pubertäre Fürze und eine Haltung, die sich mehr an "D-Land
sucht den Underground-Superstar" klammert als an Bewusstsein. Die neue
Beginner zeigt dagegen, wie sich's haarscharf zwischen korrekter Awareness und
semipopulistischer Klischeemühle aushalten lässt, ohne jedoch wirklich
Arschzutreten. Trotzdem: um einige Kids auf den linken Weg zu bringen, könnte
es reichen, und wer macht sonst was auf dieser Höhe wenn nicht die?
EMO: THIS IS MY HOME (Stereo de Luxe)
Schön, wie die Vibes von Sly & Robbie, King Tubby, Sly Stone oder Al
Green durch einen zeitgemäßen Soul-Dub-Lounge-Kontext kommen, ohne
dass die Sache zu sehr abschmiert. Und das von nem Dänen...der doch bestimmt
nie lügt.
CHRIS CLARK: EMPTY THE BONES OF YOU (Warp)
Klassische elektronische Texturen, deren Tiefe und Kraft unaufdringlich, aber
nachdrücklich ist. Musik mit Dringlichkeit, ohne jegliche elektronische
Beliebigkeit. Laut Clark die letzten melodischen Stücke, die er je machen
wird.
LEAFCUTTER JOHN: THE HOUSEBOUND SPIRIT (Planet Mu)
Spiritistische Mathematik und herzzerreißende Elektroakustik von John
Burton, dazwischen Folk-Einsprengsel. In ihrer Intensität wegweisend, in
ihrer lakonischen Weirdness erst recht. Ziemlich große Entdeckungen sind
möglich.
LITHOPS: SCRYPT (Sonig)
Jan Werners Soloprojekt auf hochenergetischer Gratwanderung zwischen Speedmetal
und FreeJazz, übersetzt in die Multiphrenie einer Ungleichung gegeneinander
antretender Vektoren, deren Gesamtmasse eine Umsatzbeteiligung am Fensterputzen
der Klarheitsscheibe des Wahnsinns hat.
SO: s/t (Thrill Jockey)
Markus Popp, der alte Rocker (habt ihr ihn damals im K21 gesehen, wie er die
buttons fakete und herumsprang?)! Nun möchte er sich von Oval's Entwicklung
zu einer Software-Machine abwenden und im Projekt mit der japanischen Sängerin
Eri einen radikalen Bruch zu Retro-HiFi vollziehen, mit speziell entworfener
LoFi-PA, ua alte Kinospeaker, Kartons und Flaschen. SEHR eigen.
KAZUMASA HASHIMOTO: YUPI (Plop)
Wow! Der studierte Komponist aus Tokyo ist Toningenieur und Pianist, und sein
Debut verbindet Kammer- mit Kindermusik und Computer mit Instrumenten. Das Rasseln
der Einzelteile lässt dabei eine imaginäre organische Welt entstehen,
deren berauschende Schönheit Konzentration mit Eskapismus verbindet. Klarheit
als Droge. Und auf dem Weg zu Sakamoto. Ganz groß!
BELGIUM: NACHTFAHRT (Klangbilder)
Belgien, hellerleuchtete Autobahnen, Dauerregen an der Küste, Tristesse
und Melancholie: das Projekt des Mönchengladbacher Musikers Georg Sehrbrock
ist Programm. 9 instrumentale, leicht jazzig intonierte Texturen erzählen
davon.
AUTOFORM: DUALSYSTEM (Fliesskoma)
Nicht beeinflussen lassen vom wenig ansprechenden Cover oder den Titeln: dieser
Stuttgarter hat was von elektronischer Musik verstanden. Unspektakulärer
Auftritt, unspektakulärer Abgang, und dazwischen liegt Qualität.
AMBULANCE: THE CURSE OF VALE DO LOBO
(Planet Mu)
Dass das Dubliner Duo seine beatbetonte atmo-psychedelische Elektronik live
improvisiert kommt auf der spannenden CD nicht wirklich durch, überzeugt
aber durch kraftvolle Tracks und einen gewissen Humor. Sehr empfohlen!
FUJIYA & MIYAGI: REMIXES (Massive Advance)
Normalerweise gehen Remix-Alben am Hintern weg, aber das letztjährige Electro
Karaoke verträgt diverse Ass-Grab-Festhalte-Sessions von Cristian Vogel,
Wevie Stonder, Neotropic oder Two Lone Swordsmen mehr als gut.
ANDEREGG: ANOMIA (apestaartje)
Ein Klassiker: junger Mensch zieht von hier nach da (Portland nach NY), sitzt
in Bettwohnzimmer und vermischt Elektronik, Instrumente und field recordings.
Auf der Suche sein, Klarwerden darüber. Ruhige, intime und sehr intensive
Tracks, die genau gearbeitet sind und sich erst im Winter entfalten werden.
FABIO VISCOGLIOSI: SPAZIO (microbe)
Der Grafiker, Comiczeichner und Kinderbuchautor, der mit Yann Tiersen und Married
Monk arbeitete, debütiert als Multiinstrumentalist mit bittersüßen
wie klaren Elektrochansons ohne Kitsch und Üppigkeit. So klein wie groß.
Der italienische Gesang malt dazu ganz eigene Bilder... normal... exzentrisch...
schön.
TOWN AND COUNTRY: 5 (Thrill Jockey)
Rein akustische Kammermusik, vollständig live und fast ohne Overdubs eingespielt.
Zehrende Drones, subtile Harmoniearrangements und energetische Steigerungen.
Ambitionierte Musik ohne prätentiöses Gehabe: spannendes akustisches
Abenteuer voller Klang- und Strukturreichtum mit lässigem Gestus
SCANNER: WARHOL'S SURFACES (Intermedium)
Robin Rimbaud zerstückelt frühe Warhol-Interviews, montiert Sprechgestus
und -inhalte, legt sie in ein elektronisches Bett und lässt uns an seltsamen
Kunst-Alpträumen teilhaben. Gutes Konzept, nicht immer überzeugend
umgesetzt.
LAIBACH: WAT (Mute)
Elektroaltfurz 1: Was von Tagen der Provokation des Kollektivs übrigblieb.
Konzept und Ausrichtung bleiben leidlich unklar (Ende der Welt?), dafür
gibt's Theater-EBM mit grunzig-deutsch-martialischem Gesang. Anthrozentrischer
Hegel-Elektro, wenn man so will (und ich will)...Mr. Zizék, übernehmen
sie...
KRAFTWERK: TOUR DE FRANCE SOUNDTRACKS (EMI)
Elektroaltfurz 2 : Geht doch. Ruhig und gelassen plätscherts dahin, einer
Tapete gleich oder einem kleinem Luftballon. Ja und? Geölte Muskeln als
Rock'n Roll-Ersatz. Die sind auch nur verklemmte Bio-Mechaniker und sublimieren
das...
LIZ PHAIR: LIZ PHAIR (Capitol)
Jump off to Rock: die hier wird auch schlechter gemacht als sie ist. Dabei will
die frühere Underground-Madonna eben nicht mehr das Indie-Klischee, Lo-Fi
rumzuschrammeln, bedienen und gönnt sich eine üppige Produktion, die
frisch ist, durchaus kickt und sich niemals jemals anbiedert oder einschleimt.
Wort!
JOSH ROUSE: 1972 (Ryko)
Benannt nach seinem Geburtsjahr und beeinflusst von klassischen Platten dieser
Zeit, umreißt der Songschreiber aus Nashville mit seiner Band ein stimmiges
Panorama von 1972 in 10 Songs. Und obwohl die Scheibe klar als Retro-Album konzipiert
ist, steht sie komplett klar im Hier und Jetzt.
THÄRICHENS TENTETT: THE THIN EDGE (minor music)
Bisschen Jazz noch. Der Zehner von Mastermind und Pianist Nicolai Thärichen
interpretiert im klassischen BigBand-Gestus Gedichte von Frank Heibert, Dorothy
Parker und Antipsychiater R.D. Laing. Sophisticated und gut ausgewogen bemüht
man sich auch mal um Schrägheiten, bleibt dabei jedoch meist sauber. Lieder
aus Kunst und Honig, wie wir früher dazu sagten.
GLOBE UNITY ORCHESTRA 2002 (Intakt)
Sozusagen die Antipode dazu stellt das Globe Unity dar: Januar 2002 traf sich
der legendäre Basis-Neuner unter der Leitung von Alex von Schlippenbach,
um in Aachen nach mehr als 15 Jahren die typisch europäische Variante des
Free Jazz noch einmal zu zelebrieren. Die reine Improvisation über 70 Minuten
bietet Inseln aus Solo- und Zusammenspiel und zeigt die energetische und soziale
Kraft der improvisierenden Musik wie in einem Brennglas. Eigentlich nur live
erlebbar, aber hier fast so gut wie. Also bitte laut hören...am besten
im Wald...
www.terz.org - 26.8.2003