2. Sozialstaat
Bislang genoss der bundesdeutsche Sozialstaat bei fast allen Untertanen höchste
Wertschätzung. Ihm wurde es angerechnet, dass er diejenigen, die sich nicht
mehr selbst versorgen konnten, nicht einfach verhungern ließ oder eine
Existenz auf der Straße zuwies. Dabei stellt sich kaum jemand die Frage,
weshalb in unserer Gesellschaft dauernd massenhaft Elendsgestalten anfallen,
die dann staatlicherseits im "sozialen Netz aufgefangen" werden müssen.
Auch kritische Bemerkungen zum Mittel der Subsistenz, der Lohnarbeit, gibt es
selten. Wer auf Arbeit als Mittel zum Überleben angewiesen ist, muss jederzeit
damit rechnen, durch "Freisetzung" von derselben in die Katastrophe
hineinzurutschen, die dann vom Staat "abgefedert" wird. Kritik an
den Produktionsverhältnissen, die ständig Notfälle produzieren,
wird als realitätsfern oder linkes Geschwätz abgeschmettert. Schließlich
habe die Globalisierung uns alle fest im Griff und freiheitsraubende sozialistische
Verhältnisse wolle auch niemand.
3. Die Notwendigkeit der Umgestaltung des Sozialstaates
Das Einkommen der LohnarbeiterInnen ist in der Regel zu niedrig, um für
alle existenziellen Notfälle des proletarischen Daseins vorzusorgen. Deshalb
hat der Staat für die BezieherInnen niedriger Einkommen die Zwangsversicherungen
gegen Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter eingeführt: Von der nationalen
Lohnsumme wird, bevor die ArbeitnehmerInnen je einen Cent davon zu Gesicht bekommen
haben, ein Teil abgezogen und den Versicherungen zugeführt. So haftet die
Gesamtheit der LohnarbeiterInnen für die Notlagen eines Teils ihrer Mannschaft,
die ihr von der Gegenseite, den UnternehmerInnen, eingebrockt werden. Der Hinweis,
dass auch die ArbeitgeberInnen einen Teil der Versicherungsbeiträge übernehmen,
ist hier fehl am Platze. Das Kapital behandelt diese Kosten als Teil seiner
Ausgaben für die Arbeitskraft und nennt sie treffend "Lohnnebenkosten",
die entsprechend des ausgezahlten Lohns natürlich auch immer zu hoch sind.
Nun hat sich in den letzten Jahrzehnten die Produktivität der Unternehmen
beständig erhöht. Mit immer weniger Arbeitskräften wird immer
mehr Profit erwirtschaftet. Für den einen Teil der LohnarbeiterInnen bedeutet
dies, dass die Arbeitsintensität immer höher wurde. Für den anderen
Teil war Arbeitslosigkeit die Konsequenz. Die Folgen sind bekannt: Immer weniger
in Lohn und Brot stehende Arbeitskräfte müssen nach sozialstaatlichem
Prinzip immer mehr Menschen versorgen, die von den ArbeitgeberInnen überflüssig
gemacht wurden.
Das zwingt dem Sozialstaat Handlungsbedarf auf. Die bisherige Tour, scheibchenweise
Leistungen zu streichen und die Prozentsätze der Versicherungsbeiträge
zu erhöhen, ist nach Ansicht des Staates so nicht weiter zu fahren. Einerseits
belasten die erhöhten Beiträge nicht nur die ArbeitnehmerInnen, sondern
auch die ArbeitgeberInnen. Das darf nicht sein. Deutschlands Wirtschaft muss,
um weltweit konkurrenzfähig zu sein, billig produzieren - und da passen
erhöhte Lohnkosten einfach nicht ins Konzept. Andererseits entsteht der
Verdacht, durch Sozialleistungen würde Nichtarbeit alimentiert.
Ein radikaler Umbau des Sozialstaates ist also vonnöten.
4. Der Umbau des Sozialstaates
So wie bisher geht es nicht weiter. Regierung und Opposition sind sich da einig.
Und zunächst wird der Sozialstaat anders definiert. Der Begriff "sozial"
erhält eine neue Deutung. Wurde bislang darunter verstanden, jedem Menschen,
auch in größter Not, werde ein - wenn auch bescheidenes - Auskommen
verschafft, so heißt es heute, dass man seinen Pflichten gegenüber
der Gesellschaft nachzukommen habe. Der Spieß wird umgedreht. Arbeitslose,
Kranke und Alte sind nicht mehr die zu "pflegenden" Sozialfälle
der Gesellschaft, sondern haben sich als "Belastung" zu verstehen.
Die Resultate des kapitalistischen Wirtschaftens werden ideologisch und praktisch
gegen ihre Opfer in Stellung gebracht.
Wer sich in seinem Betrieb krank meldet, unterliegt grundsätzlich dem Verdacht,
er mache sich auf Kosten des Arbeitgebers einen schönen Tag. Der Nachweis
erfolgt umgehend. So niedrig wie bisher sei der Krankenstand in den Betrieben
noch nie gewesen. Dass ArbeitnehmerInnen ihre Gesundheit zusätzlich ruinieren,
wenn sie sich unter dem Eindruck einer drohenden Kündigung krank zur Arbeit
schleppen, wird nicht ignoriert. Es gehört halt zum Arbeiterdasein, dass
Knochen und Weichteile zu nichts anderem da zu sein haben, als funktional zur
Profitproduktion verwendet zu werden.
Die alten Menschen weisen einen doppelten Mangel auf. Sie leben auf Kosten der
arbeitsfähigen Bevölkerung und haben zusätzlich die Stirn, ihr
schmarotzerhaftes Dasein immer weiter zu verlängern. Ein junger Wilder
aus den Reihen der CDU hat das vor kurzem deutlich benannt. Der Christdemokrat
wurde sofort von den Parteioberen zur Ordnung gerufen. Schließlich hat
man als demokratische PolitikerInnen die Opfer der eigenen Politik würdevoll
zu behandeln, will man deren Zustimmung zu den einschneidenden Maßnahmen
einholen.
Arbeitslosigkeit verträgt sich schon gar nicht mit der Daseinsbestimmung
des Proleten. Geld fürs Nichtstun kassieren ist ein Verbrechen an der Gesellschaft
und an der eigenen Person. Olaf Scholz (SPD) drückt das in seinen "13
Thesen für die Umgestaltung des Sozialstaates und die Zukunft sozialdemokratischer
Politik" so aus (dokumentiert in der FR vom 7.8.03): "Weder unter
ökonomischen noch unter gerechtigkeitspolitischen Gesichtspunkten können
wir es zukünftig noch hinnehmen, dass Einzelne, Familien oder ganze soziale
Gruppen systematisch in die Lage geraten (und in der Lage verharren), ihre Potenziale
nicht ausschöpfen zu können." Was Scholz unter "Potenziale
ausschöpfen" versteht, erklärt er im Folgenden: "Natürlich
ist jedem Menschen zu wünschen, dass er eine Arbeit ausüben kann,
die seiner Qualifikation entspricht. Zugleich aber muss als Gebot der Gerechtigkeit
gelten, dass Arbeitslose, die Leistungen aus Steuermitteln in Anspruch nehmen,
prinzipiell zur Aufnahme jeder Erwerbstätigkeit bereit sein müssen,
die ihnen für andere Bürger und Bürgerinnen zumutbar erscheint.
Aus einem spezifischen individuellen Qualifikationsniveau lässt sich kein
Recht auf eine bestimmte Arbeit ableiten." (ebd.)
Dass Arbeit in irgendeiner Weise seinen Mann oder seine Frau vernünftig
ernähren soll, erfährt man bei Scholz nicht.
Scholz ist ein ehrlicher Mann. Ihm missfällt die Diskrepanz zwischen den
ideologischen Sonntagsreden der Partei und der praktischen Politik. Das hat
ihm einigen Ärger innerhalb und außerhalb der Partei eingebracht.
5. Die Opposition der Gewerkschaft
Das ökonomisch erfolgreiche Handeln des Kapitals führt also notwendig
- sozialstaatlich betreut - zur Verarmung der Gesamtheit der LohnarbeiterInnenmannschaft.
Als einziges Mittel, sich dagegen zu wehren, steht den ArbeitnehmerInnen die
Arbeitsverweigerung zur Verfügung, um gegen die Anforderungen des Kapitals
und der Politik, dem Klassenkampf von oben, eine Gegenerpressung auszuüben.
Nur so sind sie in der Lage, kurzfristig die staatlich verordneten Einbußen
wieder wett zu machen. Organisiertes, kollektives Handeln der LohnarbeiterInnen,
das ausdrücklich gegen das Unternehmerinteresse ausgerichtet ist und zwangsläufig
die Zustimmung von Politik und Öffentlichkeit vermissen lässt, ist
Klassenkampf von unten.
Mit ihrem Streik um die 35-Stunden-Woche im Osten der Republik hat die IG-Metall
versucht, ihre Rolle als Vertreterin der Arbeitnehmerschaft ins Gespräch
zu bringen. Dabei hat sie sich als Streik-Thema nicht etwa eine saftige Lohnerhöhung,
sondern eine fast unangreifbare Forderung nach Angleichung der Arbeitsverhältnisse
in Ost und West ausgesucht. Ein nationales Anliegen, das, so glaubten die GewerkschafterInnen,
wohl kaum jemand ablehnen könne, zumal selbst die Arbeitgeber vor knapp
einem Jahr angedeutet hatten, dass sie diesen Überlegungen nicht abgeneigt
gegenüberstünden.
Und nun kam alles anders als gedacht. Die Arbeitgeber stellten sich stur und
ließen sich selbst zu Verhandlungen nicht überreden. Vielmehr meinten
sie, eine Verlängerung der Arbeitszeit passe doch eher in die neue Zeit.
Das ließ sich die Gewerkschaft zunächst nicht gefallen und rief Streiks
aus. Und - entgegen aller Erwartungen - erzielte der Streik auch Wirkungen:
Das eine oder andere Rad stand still und selbst in den westlichen Bundesländern
mussten einige Betriebe ihre Produktion einschränken, weil die Zulieferung
aus dem Osten ausblieb.
Sofort hatte die Gewerkschaft die öffentliche Meinung, die Politik und
die Betriebsräte aus den betroffenen Betrieben gegen sich. Erschrocken
von der Wirkung ihres Tuns wurde der Streik beendet, und innerhalb der Gewerkschaft
begann ein Selbstklärungsprozess. Der ostdeutsche IG-Metall-Bezirksleiter
Hasso Düvel als Hauptverantwortlicher für den Streik wird zurücktreten,
und der DGB-Vorsitzende Sommer übte Selbstkritik: "Richtig ist: Wir
haben Fehler gemacht. Bei vielen Menschen galten die Gewerkschafter bisher als
Blockierer" (FR. 11.8.03) und kündigte an, "wieder zu einem differenzierten
Politikstil zurückzukehren." (ebd.)
Der DGB begreift sich nicht als klassenkämpferische Vertretung der Interessen
der Arbeiterklasse, sondern als anerkannter Sozialpartner, der mit Staat und
Unternehmerschaft Kompromisse im Sinne der Arbeitnehmerschaft aushandelt. Anerkannt
sind die Gewerkschaften nicht auf Grund ihrer potenziellen Kampfkraft, sondern
wegen ihres Nutzens für das Kapitalwachstum in Deutschland. Stefan Reker
lobt am 5. 8.03 in der Rheinischen Post die Gewerkschaften: "Diese Konsens-Orientierung
hat dazu geführt, dass Deutschland auf den hinteren Plätzen liegt,
wenn es um die Belastung durch Streiks geht ..." Für Deutschland hat
sich die Gewerkschaft also historische Verdienste erworben. Aber wie soll es
weitergehen? Frau Dr. Anke Hassel aus dem Bundesministerium für Wirtschaft
und Arbeit weiß Rat: "Je länger sich die Gewerkschaften dem
Dialog über Reformen in der Sozialpolitik verweigern, desto mehr setzen
sie mittlerweile auch ihre Reputation als tragende Säule des deutschen
Sozialmodells aufs Spiel." (FR, 7.8.03)
Die IG-Bau hat die Zeichen der Zeit begriffen. Selbst für die Süddeutsche
Zeitung vom 9.8.03 überraschend, stimmte sie einer massiven Kürzung
des Jahreslohns ihrer Klientel zu. Das Weihnachtsgeld wird um knapp 30 % vermindert,
über die Hälfte des Rests geht in den Aufbau einer privaten Altersvorsorge,
und der Restbetrag wird in den nächsten zwei Jahren nur zur Hälfte
ausgezahlt.
So haben sich die Gewerkschafter das Recht erkauft, im nächsten Jahr wieder
mit den Bauunternehmern verhandeln zu dürfen.
Die Gewerkschaften dürfen also auch in Zukunft mitmischen, wenn sie versprechen,
jeder Schweinerei zuzustimmen. Dabei können sie sich erlauben, dazu auch
mal ein paar kritische Bemerkungen zu verlautbaren, solange sie nicht das Kapitalwachstum
in irgendeiner Weise stören.
HENRICI
www.terz.org - 26.8.2003